Mythen

die FlĂŒgel ausgebreitet
nistet ein Vogel im Schlaf
singt von jeder Faser des Dunkels
in schwarzer Schattierung Gewebtes

TrÀume pulsen im Körper
Lichtwerk hinter geschlossenen Lidern
die Flut rast mit Geröll
in der Weite des Flussbetts

NĂ€chte fliegen in den Tag
jeder Schritt ein Wagnis
Worte klemmen in alten TĂŒren
graues Licht doppelte Schatten

zwischen flackernden FelswÀnden
die TĂ€nze ums Feuer
in Geschichten versöhnte NÀchte und Tage
ich höre die eigenen TrÀume

Genre: RealitÀtsschatten

Ein Text wie

wenn ein Raumschiff startet. Erst ist da ein Feuerkreis, tanzende Kontur, in deren blaudunklem Rot sich undeutlich schwarze Schlieren abzeichnen. Tausende von Dingen, alle gleich, alle anders, in einem Strudel permanenten Nachdunkelns eingeschlossen. Dieser Text erzeugt ein GerĂ€usch wie ein Fieber, das einem heiß aus den Ohren tritt. Inmitten dieser andauernden Explosion sind die Familien der Dinge erkennbar, aus denen wir gemacht sind, die uns immer wieder fĂŒllen, bis sie uns einmal ganz ausgefĂŒllt haben werden. Dieser zukĂŒnftige Zustand bleibt irreal, ist nur als Verheißung erkennbar. Da wird nichts sein, kein Blatt, kein Stein, kein StĂŒckchen Erde, das nicht von der dinglichen FĂŒlle ĂŒberquellen wĂŒrde, das nicht ein Gedanke, ein Schatten wĂ€re in sich. Das Dunkel all dieser Dinge aber sehnt sich nach Licht. Undeutlich sind die Konturen erkennbar, hier eine und dort eine, wie sie sich schemenhaft geometrisch aus einem schwarzweißen Hintergrund herausheben, wie sie versuchen zur Ruhe zu kommen, um einen klar erfassbaren Gegenstand zu bilden und wie sie immer wieder vom Fieber erfasst werden, das den Strudel der Dinge in einem einzigen WĂŒnschen zu entbergen vermag. Plötzlich fĂ€llt dieser strudelnde Trichter von Text in sich zusammen, in der einst dampfenden Badewanne steht noch weiß seine spektrale Gestalt von Licht und WĂ€rme, alles Wasser hat die Arena verlassen, nur Schaum, Reste von Schaum bedecken den glatten Boden.

Wie im Nebel heben sich aus dem schÀumenden Grund satzartige Gebilde heraus,

Gesichter verhaltener Worte und Worte verhaltener WĂŒnsche,

Ereignisse einer großen Bewegung -

seelisches Kondensat.

Genre: Rezensionen

bauhaus

fallen in die straßen kinder
blaue augen braune
kohlenstaub
wachsen aus den gÀrten
glas beton un vent
les vents reviennent aux soleils
svetlana

[warten auf den winter deine hÀnde]

Genre: Erinnerungsbrösel, Rezensionen

In alte Wunden

taucht die Morgensonne,
so rot steht sie am Horizont.
Aus Fenstern kriecht das Schweigen.

Wenn du sprichst,
rollen sich die Worte zu Steinen,
die sich mittags erhitzen
und glĂŒhend in die Sonne schreien.
Doch jetzt liegen sie kalt
zu meinen FĂŒĂŸen,
hinterlassen AbdrĂŒcke
vernarbter TrÀume.

Auf der RĂŒckseite
spĂŒre ich noch Jahre spĂ€ter
die Kerben von einst.

Genre: RealitÀtsschatten

Funzeln (FAZ, 12.6.19)

Birne

 

Genre: RealitÀtsschatten

Aus deinem Mund

fÀllt Schnee.
Deine Stimme ein fremder Wald
ohne Rehe.
Immer den Schneisen nach
gehst du
zum Ausweg,
auf dem das Mondlicht liegt
und manchmal ein See
am Ende der Böschung.
Nach Harz riecht der Atem des Dunkels.
BĂ€ume zittern Schatten
unter die Haut,
und ihre Nadeln
weisen nach Norden
wie du.

Genre: RealitÀtsschatten

wie leicht es ist

an falterworte zu glauben
wenn die stimme
bis in die wunde
deiner seele trifft

und wie leicht ist es
beflĂŒgelt zu sein
von den lippen
die sie formen

Genre: RealitÀtsschatten

natĂŒrlich

könnte ich dir
aus liebe
ein gedicht schreiben
und dich und mich
in einen vers pressen
und sagen
das wĂ€re unser glĂŒck
so gemeinsam auf einem blatt
verewigt
natĂŒrlich sagst du
könntest du das

Genre: RealitÀtsschatten

Parque De Las Memorias

fĂŒr Bernardo Serrano Velarde, 1949-2016

ich kam nicht bis Cochabamba
noch nie ĂŒber das meer
an seine andere seite
nicht ĂŒber den Ă€quator zu anderen sternbildern
inti heißt dort die sonne
irgendwo im dschungel in einem dorf
haben sie den Che erschossen
vielleicht hörtet ihr denselben wind
dieselben stimmen aus der rinde des quebrachobaumes
die euch warnten weiter zu gehen
du erzÀhltest mir einmal von der reise der schwÀne
sicher sind es singschwÀne
ich höre die melodie auf einer knochenflöte
den pullover aus alpakawolle gibt es nicht mehr
irgendwann trug ihn noch meine frau
vientos y rosas nanntest du deine poeme
ich hatte sogar angefangen spanisch zu lernen
einmal im leben wollte ich nach Cochabamba
nach La Paz vielleicht ein stĂŒck weit auf den illimani
und um den see
mit einem schilfboot ĂŒbersetzen in das andere land
aus dem panzer eines gĂŒrteltiers weht ein lied herĂŒber
bis in den friedwald nach Cochabamba
du liebtest lieder auf guitarren und trompeten
solche von der mexikanischen art
morgen gleich in der frĂŒh
werde ich winde und rosen lesen
die zeit ist die antwort

Genre: Erinnerungsbrösel, Rezensionen, Trauersymmetrie

hulyet hulyet, kinderlekh

Dieses Buch ist ein Lebenswerk ĂŒber ein Lebenswerk und ein Leben. Uwe von Seltmann, dessen Vater noch in Krakau geboren wurde, der jetzt wieder in Krakau lebt, schreibt eine Biographie des Tate (Vaters) des jiddischen Liedes, Mordechai Gebirtig (1877-1942). Ich fange von hinten an: die Danksagungen fĂŒllen zwei Seiten, wie der Abspann eines großen Spielfilms. Gebentsht zoln zayn (Gedankt soll sein) dem Forscher Natan Gross, auf dessen Werk dieses Buch aufbaut, Irina Klepfisz, Samuel Mandelbaum und Michael Goldmann-Gilead, Überlebenden des Holocaust, die als Zeitzeugen Fragen aus eigenem Erleben beantworten konnten, neben Stiftungen und Geldgebern, Crowdhörnchen, auch Dichterinnen wie Bozena Keff, die den Antisemitismus in Polen auf die BĂŒhne gebracht hat (“StĂŒck ĂŒber Mutter und Vaterland”). Um nur einige wenige zu nennen, die an diesem Buch mitgewirkt haben.

Gebirtig war bereits zu Lebzeiten ein Star, den keiner kannte. Seine Lieder wurden nicht nur in Polen, sondern auch in RumĂ€nien, Litauen, Weißrußland und in Amerika gesungen, sie galten als Volkslieder, die auf der Straße, beim Frisör und auf den Feldern gesungen wurden, doch niemand wußte, wer ihr Schöpfer war.

Am Ende des Buches findet sich auch ein Lebenslauf von Mordechai Gebirtig – bemerkenswert, dass er nicht mit dem Tod des Lieddichters 1942 endet, sondern bis 2018 fortgefĂŒhrt wird: er enthĂ€lt auch die postumen Veröffentlichungen und die Entdeckung verschollener Lieder, ganz selbstverstĂ€ndlich als Teil des Lebens von Mordechai Gebirtig – eine kluge Entscheidung. Denn was ist das Leben eines Dichters ohne sein Werk, ohne die BĂŒcher, die sich nicht etwa verselbstĂ€ndigen, sondern das Leben ihres Schöpfers weiterleben und verlĂ€ngern, ĂŒber den Tod hinaus, und im Falle von Mordechai Gebirtig kann man sagen: seinen Peinigern und Mördern zum Trotz! Dies ist die vornehmste Aufgabe des Buches, es ĂŒberwindet das Martyrium und ĂŒberlistet die Zeit.

Wer war Mordechai Gebirtig? Ein Tischler aus Krakau, Vater von fĂŒnf Töchtern, der sich als Laienschauspieler in Arbeiterbildungsvereinen und als sotsyal-demokrat engagierte. Mit 28 Jahren trug er zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ein eigenes Gedicht vor und begann zu veröffentlichen. Infolge einer Krankheit war er gezwungen, seine Möbelwerkstatt aufzugeben, zum GlĂŒck nahm ihn sein Bruder als Hilfsarbeiter in sein GeschĂ€ft auf. Es folgte der Große Krieg, die Einberufung in die Armee der Habsburger – der Krieg, der ihn zu zahlreichen Antikriegsliedern, Schlaf- und Wiegenliedern bewegte. In den 1920ern landete Gebirtig seine Welthits: kinder-yorn und hulyet hulyet, kinderlekh, die auf Liederabenden und in Operetten aufgefĂŒhrt werden, sich bis nach Lemberg, Czernowitz, Warschau und Lodz, Tel Aviv und New York verbreiten, rezensiert und als Schallplatten aufgenommen werden.

Das Ende begann 1939. Innerhalb von sechs Tagen erreichte die Wehrmacht Krakau. Gebirtig wurde ausgewiesen, zog sich mit Frau und Töchtern in ein Dorf vor der Stadt zurĂŒck, wo er weiterhin Lieder schrieb, wurde im MĂ€rz ins Krakauer Ghetto verschleppt und drei Monate spĂ€ter auf dem Transport ins Vernichtungslager Belzec erschossen. Seine Schreibhefte wurden von seinen Töchtern gerettet: sie ĂŒbergaben sie Freundinnen, die mit gefĂ€lschten Papieren außerhalb des Ghettos ĂŒberlebten.

Uwe von Seltmann: Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes
homunculus verlag, Erlangen, 2019

Genre: Rezensionen

Kanalgas-
dĂŒfte durchwandern
das Fenster

die Putzkraft
öffnet die Flure
weit

der Kleiber geht
uns an die WĂ€sche:

Oh du schöne Maienzeit

Genre: Rezensionen

Auf den Grund

Heute tritt Anna nicht vor die TĂŒr. Stattdessen geht sie ihren Gedanken auf den Grund, streift umher und setzt sich auf den lehmigen Boden. Dort hĂ€ngen WeidenĂ€ste tief herab, und im Laub raschelt es von Zeit zu Zeit.
Eine Stunde sitzt sie manchmal so da; dann steht sie auf und sucht das Wasser. Sie mag das GerĂ€usch hineinfallender Steine, die Wirbel, die sich im Kreis um den Punkt des Aufpralls bilden. Nur selten hĂŒpft etwas an der OberflĂ€che. Die Tannenspitzen wachsen so tief in den Teich, dass Anna am liebsten hinterherspringen wĂŒrde. Ganz unten schlĂ€ft der Himmel, seine geschlossenen Augen hinter BĂ€umen verborgen.

Sie hat schon immer gern RĂ€tsel gelöst, aber jetzt scheint sie selbst Teil des RĂ€tsels zu sein, wie sie so herumwandert und mit den FĂŒĂŸen AbdrĂŒcke hinterlĂ€sst. Manchmal gefĂ€llt ihr das. Dann kann sie stundenlang Spuren schreiben, am Grund ihrer Gedanken, Äste von hier nach dort tragen oder Grashalme aus der Erde zupfen. Sie weiß nicht, was sie davon hat, diese Landschaft zu verĂ€ndern, aber es fĂŒhlt sich gut an, mitzugestalten, ein Teil zu sein, lebendig und doch: Sie ist nicht da. Das sagen jedenfalls die andern. Aber die andern erzĂ€hlen immer merkwĂŒrdige Sachen. Zum Beispiel, dass Nudeln nicht auf Brötchen passen oder dass Puppen keine GefĂŒhle haben.

Heute will Anna hinausklettern. Oben, da fehlt etwas. Unten, da fehlt auch etwas. Sie greift nach einem Stamm und zieht sich ein StĂŒck den Hang empor. Langsam gleitet sie zurĂŒck. Schlammig liegt ihr die Kleidung am Leib. Wenn sich oben zwei Schuhe bewegen, fĂ€rbt sich alles grĂŒn. Nicht so, dass Menschen es sehen. Anna spĂŒrt es nur; eine Farbe, die sich so anfĂŒhlt wie eine FrĂŒhlingswiese oder: wie er. Nur wenn sie das GrĂŒn wahrnimmt, will sie hinauf. Jedenfalls meistens. Aber sie weiß, dass das GrĂŒn nie lange bleibt, auch dann nicht, wenn es sich mit der Sonne unter glitzernden Wellen bewegt. Das GrĂŒn geht nur selten ihren Gedanken auf den Grund.

Genre: GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten

Maximilian Woloschin : Die Maschine (Anfang)

1.
Wie es keinen Erfinder gibt, der
Eine Maschine zeichnend, nicht davon trÀumte,
Den Menschen zu bereichern/ zu verbessern,
So gibt’s keine Maschine, die nicht der Welt gebracht hĂ€tte
DrĂŒckendste Armut und
Ganz neue Form der Knechtschaft.

2.
Solang’ die Hand gedrĂŒckt hielt einen Hebel,
Und Wasser
Das MĂŒhlrad drehte, waren
Ihre KrÀfte
Im alten, uralten Gleichgewicht.
Jedoch der Mensch
Ergriff den SchlĂŒssel zum ewigen Geheimnis
Und setzte die gefang’nen Riesen
frei (den Golem, die verborgenen Kolosse.)

3.
Der Geist, im Innern Raum ergreifend, errichtet einen Körper:
Dampf, Funkenenergie und Pulver
Beherrschend
Denken und GefĂŒhl des Menschen
Bauten fĂŒr sich
Eiserne Körper
In Übereinstimmung mit
Ihrer Natur: Öfen und Kessel,
TurbinenrÀume,
Antriebe und Schmelzen.

Genre: Erinnerungsbrösel

Querulanten der Evolution2

Sehverhalten von Fischen

Skalare verfolgen bis zu ungefĂ€hr 30 Zentimeter Abstand den Finger. Bei grĂ¶ĂŸerer Entfernung sind sie nicht mehr interessiert. Skalare interessieren sich besonders, wenn Staub gesaugt wird. Vermutlich hĂ€ngt das mit Vibrationen zusammen.

Genre: RealitÀtsschatten

Vincent

Er suchte Licht : das Licht
Der Ägypter : gleißendes
Gelb : Paul empfahl ihm
Den SĂŒden : die langen
Tage der Provence : das Gold

Der Ähren : das dreckige
Gelb der Schafe : welke
Sonnenblumen : zum VerrĂŒckt-
Werden : er trug den tanzenden
Stern in sich : die TĂ€nzer

In den CaféhÀusern verstanden
Ihn nicht : nichts verstanden
Sie : trampelten : schimpften
WĂŒteten : schlugen & schossen
Er rechnete lÀngst nicht mehr

Mit VerstÀndnis : wenn er
Bis dahin noch nicht verrĂŒckt war
Jetzt wurde er es : sie sahen das Licht
Das sie völlig umsonst umgab
Von morgens bis abends

Weil es kostenlos war : hatte es
Keinen Wert fĂŒr sie : sie suchten
Nicht nach ihm : es umgab
Und umhĂŒllte sie tĂ€glich
Er suchte nach dem Ewigen

Einem Schimmer gab er
Die Chance zu verweilen

Genre: RealitÀtsschatten