Schmerz

Eisen liegt nun auf den Wegen
mehr nicht
keine Schafe grasen
auch am Himmel kein Bewegen
Frieren verfÀllt ohne Datum

Eisen breitet sich aus oder wÀchst
der gewohnte Gang atemlos geschnĂŒrt
mit Erzschuhen und -hĂŒten
eingepasst in Eisenfelder
tÀgliche SchnelldurchgÀnge
mit klackendem Handschlag
nun ohne Himmelswolken

Genre: RealitÀtsschatten

Featuring : Alexander Blok : Wegscheide

Und wieder Unmögliches getrÀumt
Fet

Noch sind bleichende Fetzen am Himmel,
In der Ferne krÀht sacht ein Hahn.
Auf des Felds KornÀhrengewimmel
Geht plötzlich ein Lichtpunkt an.

Dann dunkelt der Erlenzweige Schar,
Hinterm Fluss flackert Rauch, dass Feuer werde.
Und durch den Nebel wunderbar
Sprengt eine unsichtbare Herde.

Ich fahre durch ewig gleiche Felder,
Den ewig gleichen Singsang im Sinn.
Und TrĂ€ume, TrĂ€ume hinterm RĂŒcken
Verschwinden, wo ich nicht mehr bin.

Und was nie war, werden Silben und KlÀnge -
Der Gedanke, geflĂŒstert, wird mein.
Es schaukeln die grauen Äste,
Das sind HÀnde von SchÀdelgebein.

17. November 1902

Genre: Wortmysterien

Wolken.Heim

Das traute : klassisch
Humanistische HĂ€uschen
Darin richten wir uns ein

Und schwingen uns
Über die schnöde Welt
Der anderen : um Àngstlich

Blickscheu : am Nachbarn
Vorbei zu huschen
Zu schleichen : zu lauschen

Es gibt eine Verbindung
Connection zwischen Hölderlin
Hegel : Fichte und Marx

Der Staatsterror von 365
Deutschen LokalfĂŒrsten
Das ist es : was sie deutsche

Freiheit nennen : die von innen
Her kommt : verkommt
Die Freiheit der Folter

Die Freiheit der Flucht
Geht in die WĂ€lder und sucht
Sie zwischen den Sporen

Eure Helden und Horen

FĂŒr Elfriede

Genre: Rezensionen

Die Essenz des FrĂŒhlings

alles

fĂ€llt …

aus
ein

an
der

Genre: RealitÀtsschatten

Clarissa

„Du wolltest mir etwas zu den Bildern erzĂ€hlen. Das rechte stammt aus dem achtzehnten, das daneben aus dem frĂŒhen neunzehnten Jahrhundert. Wie soll ich das begrĂŒnden?“ Clarissa, die Freundin neben ihm, mit dem Schal aus roher Seide, lenkte ihn ab in seiner Konzentration mit Fragen, wĂ€hrend er vor seinem geistigen Auge alles auf Tapete brachte, seinen Film drehte, in dessen Zentrum nun ein obskurer Hintern thronte. In Gedanken feilte er an seiner Arbeit, blieb heute Clarissa manche ErklĂ€rung schuldig – wegen eines Hinterns, der ihn anfangs langweilte, was nicht ganz gefahrlos war. Clarissa brachte es immer noch nicht fertig, jenseits der ausgetretenen Pfade etwas zu entdecken, das sie als ungewöhnlich in die Diskussion einbringen konnte.

Der Hintern stand still und bewegte sich nicht. Der Mensch, dem er gehörte, war hoch aufgeschossen und sah, wie er jetzt feststellen musste, nicht nur etwas altmodisch gekleidet aus, sondern er schien sich geradezu auszuleben in dieser Pose der Vergangenheit, die durch seine Haltung, ja durch seinen ganzen Habitus, schon wieder etwas Futuristisches bekam. Eine Art An-, eine Vorausdeutung in eine Welt, die tatsĂ€chlich etwas weiter zurĂŒck lag in der Zeit, aber niemals, niemals so weit zurĂŒck, dass er sie nicht mit den HĂ€nden hĂ€tte greifen können, kein weiter entferntes GegenĂŒber als das der Landschaftsbilder, ĂŒber die er mit Clarissa soeben debattiert hatte, kein GegenĂŒber wie eine Tapete, sondern ein Mittendrin, ein Hypnograph in der Hypnobar, ein Fingerzeig.

„Kennst du den?“ neigte er sich zu Clarissa herĂŒber. Sie nickte. „Ich glaube, der gehört zur Akademie. Ist einer von  Prof. Ziegenbarth.“ „Von Ziegenbarth? Zu dem kommen doch nur die Guten.“ „Ja. Die Guten. Die ganz Guten.“ Ihr Schal aus Rohseide warf sich in Falten um ihren Hals und auf den schwarzen Glastisch, und er hatte, wie ihm eben auffiel, ein Muster im Jugendstil, so etwas fast Obszönes in seinen Windungen, wie die Zeichnungen von dem Beardsley.

Genre: Trauersymmetrie

Abwedeln nicht vergessen

Nebel ĂŒberzieht die Landschaft mit Zucker
Mein und dein : bĂŒrgerliche Kategorien
In den Mistelzweigen nisten die Vögel
Damit wir uns kĂŒssen und vögeln können

Vogelfrei : gehören wir niemandem
Ein paar SchnappschĂŒsse vom Abenteuer entfernt
In deinen analogen Welten dauert die Entwicklung
Eines Bildes eine Stunde : abwedeln nicht vergessen

Verstecken wir uns im Schilf : schwanken im Wind
KrÀuseln die Lippen wie Wellen : die Landschaft
Ist kein Zuckerschlecken : ihre Bitterkeit
Ruft die Endlichkeit in Erinnerung : mit der wir

Vergeblich dem Unendlichen entgegenwinken
Glitschig entgleitet sie uns : gleißend verglĂŒhen wir

Genre: Erinnerungsbrösel

Sieben

mit Blok und Brecht

Den Krieg haben wir verloren, doch nicht den Krieg!
Zeit haben wir gewonnen: ganz ohne Sieg.

Die Jahre kamen und gingen. Wir wollten mehr,
Als nur feiern und singen. Nun sind wir leer

Wie Buddhas atmende Seele, wie das Gesetz,
Dem alle Körper gehorchen zu guter Letzt


Den Krieg haben wir nicht vergessen. Kinder waren wir.
Und die ihn gefĂŒhrt hatten, sind nicht mehr hier.

Was Frieden ist, lernten wir bei der Armee:
Einatmen – zielen und – treffen, weiß wie Schnee.

Wenn die Kinder heute lernen, wie man schreibt und liest,
Kann es sein, dass sie auch lernen, wie man schnell vergisst.

Zeit haben wir gewonnen auf dem Weg zum Sieg.
Und unseren Enkeln sagen wir: Nie wieder Krieg!

Genre: Rezensionen

Drei Verse

*

Die Freundlichkeit kommt mit dem FrĂŒhling,
nicht frĂŒher

* *

Barocke Turnhalle, umstÀndliches
Geziere

* * *

MagnolienblÀtter verdecken die Scham

Genre: Wortmysterien

credo

ich war ein toter
und werde wieder ein toter sein
dazwischen schreibe ich gedichte
und liebe

Genre: GemĂŒtstiefe

guinea pig

I was your guinea pig
with wich you tried to save yourself
out of despair

when the rose colored glasses
slipped off
you realised that I don’t perform

so I was exposed
and now you try alone
all the best

Genre: RealitÀtsschatten

Vom Tod erwachen

GemĂŒtlich : warm : eingerollt
Auf dem Boden : vom Stuhl gestĂŒrzt
Nach zwei Tagen Fieber : Fasten
Ein SĂŒppchen gab mir

Den Rest : den Schuß : ErnĂŒchterung
Als ich aufblicke : eine Traube
Menschen : um mich geschart
Eben noch sah ich sie an ihren Tischen

Sitzen und löffeln : fröhlich : nun
Ziehen sie besorgte Gesichter
Bestellen ein Wasser fĂŒr mich
Rufen den Krankenwagen : wenigstens

Der Puls soll gemessen werden : ob ich
Epileptiker sei : ich trÀume : eingerollt
Auf dem Boden : Vater fÀhrt nackt
Auf dem Hometrainer : eine Kamera

RĂŒckwĂ€rtsgewandt auf dem Schutzblech
filmt : wie er schwitzt
Am Geschlecht : davon wußte Mutter
Nichts : zumindest sprach sie nie

Davon : ich erhebe und schĂŒttle mich
Leere das Glas und radle davon
Bevor mich die tönende Blaue Blume
vom Krankenwagen kĂŒĂŸt

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, Trauersymmetrie

MĂ€rzdĂŒrre

MĂ€rzsonne brennt : Wiesen trocknen
Aus : DĂŒrre verbreitet sich : im Sommer
Beginnen wir zu zerrieseln : Saharasand
In der Börde : zerstreuselte UrstromtÀler

Noch sitzen wir im Zug : im Flugzeug
Und diskutieren ĂŒber Rosa : Radikale
Noch glauben wir an die Sprengkraft
Der Sprache : MĂ€rchenhelden sind wir

Maulwurf : gleich untergraben : worauf wir grĂŒnden
WĂ€hrend wir uns vogel : frei ĂŒber allem wĂ€hnen
Welche Furcht vor dem Wort „ich“ : welche Angst
Vor „ich beginne“ : verstecken wir uns solidarisch

Genre: RealitÀtsschatten

(Dreizehn)

Die toten Seelen der Mopeds in Sachsen-Anhalt

Genre: Rezensionen

Re: Reflexionen aus dem beschÀdigten Leben (Flucht und Wiederkehr XXIX)

Archie tĂ€nzelt, hĂ€lt das Spielzeuggewehr erst vor die Brust, dann ĂŒber die Schulter, als schieße er eine Bazooka ab, schließlich hĂ€lt er es sich vor das Geschlecht, “Phew, phew, phew”, seine Stimme klingt hoch, es wirkt absurd.
Um ihn herum lacht die Menge, wirft MĂŒnzen. Archie, dessen Sonnenbrille schief ĂŒber seinem fehldenden Auge sitzt, simuliert noch einen Kopfschuss und tritt einer imaginĂ€ren Leiche gegen den Kopf, steht dann urplötzlich stramm und grĂŒĂŸt, Hand an der Stirn.

Archie trĂ€gt auch heute wieder eine saubere Flecktarnuniform, er wohnt mit seiner Mutter, erzĂ€hlt er nach der Straßenvorstellung, sein Vater sei vor seinen Augen getötet worden, als er neun Jahre alt war.
Auf die Frage hin, ob er davon trÀume etwas anderes zu machen, beginnt er zu weinen.

Sein Dilemma: das Trauma ist zugleich Einkommen. Über den rauchenden TrĂŒmmern seiner Kindheit spukt die ewige Wiederkehr. Archie Toulee, einst Soldat im Dienste verrohter MĂ€nner, die rituelle Kleinkindtötungen zur StĂ€rkung der Kampfmoral der Sippen vollzogen und das Fleisch ihrer Feinde aßen, um Macht zu demonstrieren, die auf den Straßen Monrovias hungrigen, zehnjĂ€hrigen KlebstoffschnĂŒfflern Kalashnikovs an die HĂ€nde banden, dieser Archie Toulee tanzt alle Tage den Special Forces-Tanz.

Der Filmemacher entschuldigt sich bei ihm. Die Sequenz endet, indem wiederholt erst Archies Tanzschritte und anschließend Archivbilder von KĂ€mpfen und Hinrichtungsszenen gezeigt werden. Identisch das TĂ€nzeln, Treten, Zielen, die Salven, die Bazooka, das Schiessen von unten. Kinder, die den Schwerpunkt des Gewehres verlagern mussten, weil sie so jung waren. Kein Lachen, nur Sprachlosigkeit ob der Sinnlosigkeit, der fehlenden Gerechtigkeit eines kalten Universums.

Korn das keimt, aber der weitere Regen bleibt aus, eine Gazelle, die Sekunden zu spÀt geboren wird und noch nicht zu rennen vermag, das ausgesetzte Kind, dessen Mutter vor Hunger keine Milch mehr geben konnte. Und Archie, Mahnmal einer Generation, die im Sog der Katastrophe wie ein kalter Wind um die aufreizend unsichtbaren Kleider des moralischen Menschen stob.

Denjenigen, die erwidern, es gĂ€be ja auch Gutes, es gĂ€be inmitten des Scheiterns auch trotzendes GlĂŒck, ĂŒbersehen, dass kein getrĂ€nkter Halm, kein trabendes Kitz, kein sabbernder Wonneproppen und kein glĂŒcklicher Archiebald jemals darĂŒber hinwegtĂ€uschen könnten, dass die einzige Ebene, auf der gerechter Friede zu herrschen vermag der Gedanke eben daran ist – geprĂ€gt in einer Welt des Leids, deren Gesetze Ambitionen dessen abbilden, was sie gebar. Der freie Wille ist tot, lang lebe der freie Wille.

 

Rio Reiser – Menschenfresser Menschen

Archie Toulee (in: Larry Charles Dangerous World Of Comedy E1+2)
Archie Toulee

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten, Rezensionen, Trauersymmetrie

BruchstĂŒcke

du suchst Spuren
in den Sand verweht
vielleicht steht das LĂ€cheln

vor der Wand

zwischen Wellen gehst du
auf fließendem Grund
dein Singen gehört schon dem Wind

auf meiner Haut

Genre: RealitÀtsschatten, Trauersymmetrie