Zur politischen Strategie der AFD

Aus einem Wahlkampfpapier der AFD: “Je nervöser und unfairer die Altparteien auf die Provokationen reagieren, desto besser.”

1. machen Sie auf sich aufmerksam, indem Sie die Farbe auf hell umstellen.
2. lassen Sie Ihr Opfer glauben, es könnte Sie leicht mit dem Finger zerdrücken, aber bleiben Sie starr.
3. hoffen Sie nun, dass es sich um ein naturwissenschaftlich-intellektuelles Opfer handelt, das Sie untersuchen will. Hoffen Sie außerdem, dass es an starker Kurzsichtigkeit leidet und seine Brille abnimmt, um Sie aus unmittelbarer Nähe beobachten zu können.
4. Haben alle 3 Punkte gut funktioniert und Sie sind noch am Leben, gehen Sie zum Angriff über. Springen Sie dem Opfer unmittelbar ins Auge, bohren Sie sich ein und beginnen Sie mit der Eiablage. Sie sind jetzt zweifellos auf der Gewinnerseite im evolutionären Wettkampf. Herzlichen Glückwunsch!

 

Genre: GemĂĽtstiefe

Reden wir doch mal ĂĽber…

…die Rede des Björn Höcke.

Denn hierzu gibt es BedĂĽrfnisse, gesehen in den Kommentaren zum Beitrag “Straight rechts”. BedĂĽrfnissen sollte man nachgeben, alles andere wäre eine UnterdrĂĽckung seiner selbst und fĂĽhrt im schlimmsten Fall zu Verstopfungen. Und dann wäre die braune SoĂźe in einem selbst. Das ist nicht schön, also raus damit.

Der Björn Höcke, der ĂĽbrigens ein beurlaubter Sport- und Geschichtslehrer ist (ja! Geschichte. FĂĽrs Gymnasium.), also der Björn Höcke wollte keine Verstopfung riskieren. Er suchte sich eine kleine Kloake in Dresden (der Osten, wieder mal der Osten) aus, um sich zu entleeren. Oder besser noch: Um seinen Kopf- und Darminhalt (das ist bei Leuten seiner Gesinnung eins) ĂĽber und in die Köpfe der Anwesenden zu schĂĽtten. Und die fanden das klassse, applaudierten, johlten und gröllten. Deutschland, Deutschland. Wir sind das Volk. Und: Höcke, Höcke. Da gab es zwei-drei Claqueure und schon stand das Völklein auf und freute sich! Als der Höcke sagte, dass hier in Deutschland ganz viele kluge Köpfe lebten, die geniale Ideen hatten, da konnte er sie nicht alle aufzählen. Ich auch nicht. Es sind zu viele. Wir hatten ja nicht nur den ollen Goethe. Da war noch der Heine, der Morgenstern und der Karl Marx, die Else Lasker-SchĂĽler, der Adorno und die Arendt. Der Born und der Einstein. Liebermann, Feuchtwanger, Fromm. Tucholsky! Remarque! Mein Gott, so viele…

Und der Höcke meinte, unsere Kinder sollten in der Schule nicht immer so was grausiges über die deutsche Geschichte hören. Die würden ja schon ganz rammdösig werden vor lauter mea culpa. Das wäre jetzt endlich mal gut mit dem Gejammere über das ach so böse Deutsche Reich. Freuen sollten wir uns alle! Das es uns gut geht, das wir stark waren und wieder sind. Und vor allem waren. Also, das wir waren. Das ist überhaupt die zentrale Botschaft des ehemaligen Gymnasiallehrers Björn Höcke: Wir waren mal wer! Und nun werden wir mehr. Und das Mehr kommt übers Meer. Und das will Höcke nicht mehr.

So. Was machen wir nun mit der Rede? Anschauen. Anhören. Rhetorisch ĂĽbrigens ganz gut gestaltete Rede. Ist eben vom Fach, der Depp. Also der Höcke, der Björn. Ich sag euch: Macht euch darĂĽber Gedanken! Was wollt ihr dem entgegnen? Das sind nicht fĂĽnf oder zwanzig Leute. Und die sind leider Gottes auch nicht alle dumm im Hirn. Die sind unter uns. Im Kindergartenbeirat, im Schulverein, auf der Arbeit, in der Hochschule, StraĂźenbahn, Bus. Im Theater, im Kino. Im Supermarkt, Altenheim… ĂśBERALL! Eine schleichende Invasion. Wie ScheiĂźhausfliegen. So. Damit bin ich wieder bei der braunen SoĂźe und der Verstopfung. Alles muss raus. Höckes Dummheit. Meine Antwort.

Genre: Rezensionen

Streicherlatein

Am Frosch sitzt die
Musik, sage ich dir,
hier hockt die Wirk-
lichkeit, der ganze

Saustall (schon
Mozart hatte so
seine helle Freude).
Da säuseln keine hoch-

gespielten Theoreme:
dicke Luft, Mutter-
sprache, Naturgewalt.
Bärenbändiger, Feuer-

schlucker, einer wie
Oistrach musst du
sein, voll
gegen die Wand. Alles

andere bleibt Finger-
food, Haute Cuisine
ohne Fettgehalt, Sex
aus dem Lexikon,

so’n CyberscheiĂź.
Das Trockenfutter,
Ĺ evcĂ­k, Schradieck,
diese lebenslange

Folter des Geistes,
die so viele von uns
zum Wahnsinn treibt,
umsonst aufgefiedelt

wenn der Wumms aus-
bleibt: Wer nie den
Bogen ĂĽberspannt, der
spielt am Leben vorbei.

Genre: Realitätsschatten

Garantiert eine Hinterlassenschaft von Nachbars Köter

Jean Baudrillard tat sich mit der Erkenntnis hervor, dass niemand mehr “die existenzialistischen Hinterlassenschaften” benötige (Zeit online, Genug dekonstruiert! Es geht wieder um das Leben, wie es ist: Sarah Bakewell fĂĽhrt eloquent durch “Das CafĂ© der Existenzialisten”, von Iris Radisch)

Hinterlassenschaften – Abfallprodukte? Der Vergleich mit Nachbars Köter und der Hinweis auf die Unlust beim Gebrauch der PlastetĂĽte hinkt so sehr, wie er richtig ist. Das, was uns stinkt, weist in die richtige Richtung. Dort mĂĽssen wir nachhaken, neu lesen. Sonst bleibt es beim alten Haufen und alles neue ist nurmehr Beliebigkeit – eine stinkende MilchtĂĽte, unbeachtet in Nachbars Garten.

Genre: Rezensionen

Das Testament der Gräfin Ulrike – Kapitel 8

Das Testament der Gräfin Ulrike, Kapitel 8

Die Gräfin war nicht zufrieden mit ihrer neuen Nichte. Die machte sich nicht nützlich, lag den ganzen Tag in ihrem Zimmer herum, rauchte die kostbaren alten Tapeten voll, und abends zog sie über Marietta und Joshua her oder langweilte mit Gesprächen über irgendwelche Fernsehstars.Nach ihrem Vater, dem Grafen Eduard, kam sie jedenfalls nicht.

Mitunter kamen der Gräfin Zweifel, ob diese Daniela wirklich ihre Nichte war und nicht etwa eine Schwindlerin. Doch die Papiere, die Daniela ihr vorgelegt hatte, waren echt. Sie war in der Tat die Tochter des verstorbenen Grafen Eduard. Dennoch, erst als sie sich überzeugt hatte, dass Daniela Namen aus der weitentfernten Bekanntschaft der Rheinsteins nannte, die der Gräfin schon lange entfallen waren, gab sie ihr Misstrauen auf.

Da musste sie also noch einmal in die Stadt fahren, zu Dr. Wettlinger. Der Gute beschwerte sich nicht, aber ihr entging nicht, dass sein Unverständnis von Mal zu Mal gewachsen war. Das verbarg er hinter einem verbindlichen Lächeln. Aber beschweren konnte sie sich nicht über ihn. Bisher hatte er alle ihre Änderungswünsche prompt und korrekt erledigt.

***

Daniela streifte gelangweilt durch den Schlosspark. Schon von fern sah sie: Der Gärtner Joshua, die stattliche Erscheinung, war mit einem Rhododendronbusch beschäftigt. Sie schlich sich in seinem Rücken heran und hielt ihm die Augen zu. „Wer bin ich?“, fragte sie übermütig.

Joshua versuchte sich Danielas zu erwehren. „Aber Gräfin!“ Er schüttelte den Kopf. Die Nichte der Gräfin benahm sich nicht so, wie sie sollte. Er hatte sich, so gut es ging, immer vom Schloss ferngehalten, niemals hätte er sich jemandem dort aufgedrängt. Aber nun kam die Nichte der Gräfin hierher und versuchte mit ihm anzubändeln.

„Was hast du denn, Joshua?“ Daniela lachte. „Nur nicht so prüde! Wir sind doch alle Menschen! Auch wenn ich eine Gräfin bin! Und du bist schließlich das einzige männliche Wesen hier in dieser Einöde, da kommt eine Frau schon mal auf Gedanken, die …“
Sie sprach ihren Satz nicht zu Ende, sie war wohl zu weit gegangen.

Joshua verbarg seine Gedanken. Er wandte sich brüsk wieder dem Rhododendronbusch zu und ließ Daniela stehen. Die drehte sich auf dem Absatz herum. Dieser Tölpel! Das sollte er büßen! Sie so zu beschämen! Dieser Lakai! Dankbar sollte er ihr sein, dass sie sich überhaupt für ihn interessierte!

***

Baronin Lichterfeld fuhr wieder mal in ihrem Cabrio vor. Wie immer hatte sie es eilig. Marietta war nicht verwundert, als sie sah, dass die nicht mehr junge Frau die Freitreppe hinaufstĂĽrmte.

„Ulrike, Liebste!“ Baronin Lichterfeld warf sich der Freundin in die Arme. „Erstaunliches geschieht! Du ahnst es nicht!“

Gräfin Ulrike lächelte, sie kannte das hitzige Temperament der Freundin zu gut. „Wenn du die Güte hättest, meine Liebe, mir anzudeuten, worum es sich handelt?“

„Eine Hochzeit, Ulrike. In meinem Hause! Mein Ältester will sich endlich unter das Joch beugen. Du kommst doch? Ich lass dich abholen. In zwei Wochen! Ach, Ulrike“, die Baronin seufzte. „Eine Sorge bin ich los. Nun muss ich noch die beiden anderen standesgemäß verheiraten. Sei froh, dass du damit nichts zu tun hast! Die Aufregung, nirgends ein Fleckchen, an dem man allein sein kann, überall Pakete und herumliegende Papiere. Und die Leute – schrecklich! Diese vielen Leute! Ich kann dir sagen, alle hoffen, für sie fällt auch etwas ab. Und, Ulrike, bring deine Nichte mit. Sie wird sich freuen, auch mal unter Menschen zu kommen. Ist doch wohl ein bisschen einsam hier für sie, nicht wahr?“

„Einsam? Für Daniela? Daran habe ich noch gar nicht gedacht. – Und du meinst, sie langweilt sich hier? Ich habe sie doch gefragt, ob es ihr hier gefällt, und sie war ganz begeistert. Du meinst, sie hat mir etwas vorgespielt?“

„Das meine ich nicht nur. Es liegt doch auf der Hand: eine attraktive junge Frau der besten Gesellschaft und dieses Monsterschloss! Die einzige Unterhaltung: dich. Eine alte Frau. Und der Gärtner und die Köchin. Glasklar, dass sie sich hier zu Tode langweilt, da muss ich nicht hellsehen können!“

Gräfin Ulrike sah der Freundin sehr nachdenklich ins Gesicht.

„Und mich vergisst du! Jeden Abend sitzt sie bei mir am Tisch. Ich würde gern mal einen Abend allein sein, aber nein – sie kommt und liegt mir in den Ohren. Mal war Marietta zu unfreundlich, mal der Joshua. Und ich glaube sogar, sie will Joshua hinausekeln. Aber eines sage ich dir: Eher trenne ich mich von meiner Nicht als von meinem Gärtner. Joshua, ein Mensch mit goldenen Händen …“

„Siehst du. Du sagst es selbst. Sie legt sich sogar mit deinem Personal an. Ach, Ulrike. Als wir so jung waren, saßen wir doch auch nicht brav wie Pastorentöchter am Ofen. Wir sind zu Bällen gefahren und nachts erst heimgekehrt. Junge Menschen brauchen eben ein bisschen Unterhaltung.“

„Ja, du sagst es. – Ich werde sehen, was sich tun lässt. Vielleicht schicke ich sie heute nachmittag mit Joshua in die Stadt. Er will einen neuen Rasenmäher kaufen, der alte hat endgültig den Geist aufgegeben.“

„Einen neuen Rasenmäher! Was brauchst du einen neuen Rasenmäher? Was sage ich dir seit Jahren, Ulrike? Gib das Schloss auf und zieh in eine kleine Villa in der Stadt. Ist übrigens auch entschieden billiger, falls du mich fragst.“

„Ach, Liebste, liebe gute Freundin. Ich kann mich nun mal nicht trennen von diesem alten Gemäuer, so gern ich es auch täte. Hier habe ich mein ganzes Leben verbracht. Auf meine alten Tage umziehen? In die Stadt? Nein, verlang das nicht.“ Sie schüttelte energisch den Kopf. „Mute mir das nicht zu. Hier habe ich gelebt, hier will ich auch sterben.“

„Dir ist einfach nicht zu raten.“

„Fürs Raten habe ich Dr. Wettlinger.“ Gräfin Ulrike lachte. „Und seine Ratschläge bereiten mir mehr als Kopfzerbrechen. Stell dir vor: Er meint, ich sollte das Schloss nicht dem Kunstverein vermachen, sondern Daniela damit abfinden. Neben einer gehörigen Summe. Natürlich. Sie sei bei ihm gewesen und habe angedeutet, dass sie mit dem Schloss rechne.“

„Dann gibst du ihr eben den alten Kasten! Soll sie damit glücklich werden. Schert es dich, wenn du in der Familiengruft liegst?“

„Aber ich habe das Schloss doch schon dem Kunstverein versprochen. Die Stadt rechnet damit! Wie stehe ich denn da, wenn ich jetzt sage, April, April, ihr könnte eure Ausstellungen weiter in den kleinen Räumen am Markt veranstalten?“

„Du musst wissen, was du tust.“

„Leider. Wir Alten müssen alles wissen und alles richten, und die Jungen machen sich einen schönen Tag. Auf Kosten meiner Nerven.“

Baronin Lichterfeld seufzte. „Wie recht du hast. Wenn ich nur an die Hochzeit denke. Alles ruht auf meinen Schultern. Mein Sohn – vergiss ihn! Der lässt sich bis zur Hochzeit nicht mehr zu Hause blicken. – Aber ich habe es eilig, Liebste. Ich wollte dir nur die kleine Überraschung aus dem Hause Lichterfeld mitteilen.“

Die beiden Freundinnen umarmten sich innig. „Ach, Liebste“, sagte Gräfin Ulrike, „wenn ich doch bloß schon die Augen schließen könnte …“

„Denk nicht daran! Du mit deiner Konstitution wirst hundert Jahre alt. Und deine Daniela wird sich umsehen, wie lange sie auf das Erbe warten darf. Ist dir das keine Genugtuung?“

Genre: Realitätsschatten

Hornberg 2017

Obwohl das Jahr erst angelaufen war, verspürte Andreas Hornberg einen Drang zum Rückwärtsessen.

Genre: Rezensionen

“society is a hole”

(hier: o.O. – o.J. – und (zunächst) KonTextFrei)

Sonnige Jugend

Genre: Erinnerungsbrösel

Selbsthilfe zuerst

Ein alter Mann.
Wie’s aussieht, gutsituiert,
keiner von ganz unten. Liegt auf der
StraĂźe. Mitten auf dem Weg.

Peinlich das.
Besser nicht hinsehen.
Was denkt der Alte sich eigentlich?
Hier herumzuliegen?

Ein kurzer Gedanke:
GestĂĽrzt vielleicht. Man mĂĽsste
ihm aufhelfen. Ach was, saublöde Idee!
Wozu sind Zuständige da?

Und du tust,
was alle hier tun: Steigst ĂĽber ihn hinweg.
Du bist nicht gern die Ausnahme.
Wäre doch peinlich.

Genre: Realitätsschatten

Straight Rechts

In B. wolltest du eigentlich feiern

also musstest du nach H.

bereits vor dem Tag eiern.

Die Hinfahrt wurde bereits etwas schwierig

Die StraĂźen waren leider sehr schmierig

Bei Sturm und bei Kälte kamst du hier an

die Vielfalt der GroĂźstadt zog dich in ihren Bann.

Den Weg zu finden fiel dir sehr schwer

du fuhrst geradeaus und wir sah’n dich nicht mehr.

 

***

Bei Horten.

Wir mĂĽssen Dir eine neue Hose kaufen.

Im ersten Stock bei Horten gibt’s Hosen für jedermann.

keine MaĂźanzĂĽge, keine

Anmassung:

die passen auch Dir.

Königsberg ist meine Heimat

Von der Stange:

Zieh’ das mal an.

Siehst Du, das passt. zieh’ den Bauch etwas ein

hast Du die Spritze dabei.

Die Beleuchtung macht

Zweidimensional

Ihr habe alle kein NationalgefĂĽhl

los zieh das an.

Käsebleich

Mutters Hand auf braunem kort.

Da kriste eine jeklatscht, wennde das nicht machst.

Kabine rein, Hose hoch.

Zuhauseneuehose.

 

Quelle: Diese Texte stammen aus den frĂĽhen 80er Jahren, als in der Bundesrepublik sog. “rechtes Denken” unter Jugendlichen wieder in Mode kam – als Gegenbewegung zur alternativen Linken. Der Autor, der in gutem Sinne “Agitprop” genannt werden kann, zieht es vor, anonym zu bleiben. Er hatte sich damals in sogenannnte “Burschenschaftstreffen” eingeklinkt und die Szene dort beobachtet, in seinen eigenen Worten festgehalten. Er zog sich später aus Feigheit zurĂĽck und veröffentlichte nie etwas davon. Es ist ihm leider nicht gut bekommen. Er hat nun ein Leberleiden auf der rechten Seite.

Genre: Realitätsschatten

https://deref-web-02.de/mail/client/AFRayIKsgvI/dereferrer/?redirectUrl=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DviMrSmY78gg

am Dienstag, den 17. Januar 2017, 20 Uhr im Landhaus Dresden (Stadtmuseum, Städtische Galerie), Wilsdruffer Str. 2,
in der Reihe Lesungen im Landhaus // LITERARISCHE ALPHABETE.

Sie liest u. a. aus ihrem Gedichtband “ab und zu neigungen”.

:)

Genre: Rezensionen

Self-help First

Der alte Mann liegt mitten auf dem Weg.
Wie’s aussieht, gut rasiert und situiert.
Was ist dem armen Kerl denn bloĂź passiert?
Und hat der denn dafĂĽr ein Privileg?

Wie peinlich, geht es dir durchs Hinterhirn.
Das tut man einfach nicht. Was denkt der sich?
O Gott, das ist ja fast schon unmenschlich!
Liegt hier herum in seinem feinen Zwirn.

Wenn man schon mal die Erste Hilfe braucht!
Vom Rettungswagen weithin nichts zu sehn.
Wär wohl das Beste jetzt, man würde gehn,
man fĂĽhlt sich von dem Anblick bloĂź geschlaucht.

Blickst noch mal hin und ĂĽberlegst dann kurz:
Kein Blut. Ein Unfall kommt nicht in Betracht.
Der liegt in tiefem Schlaf! Bis der erwacht!
Entscheidest dich: Tangiert dich keinen Furz.

Ein kurzes Weilchen stehst du noch herum
und tust dann das, was hier noch jeder macht.
Was soll’s, wen kümmert denn die Niedertracht:
Steigst drĂĽberweg und siehst dich nicht mal um.

Genre: Realitätsschatten

Replik zum Nutzen der Kunst

Hallo Rapunzel, was stellen Sie uns denn hier ein? Das Geschwafel, eines bürgerlichen Bildungsprotzes, das noch nicht mal zu einem Prozent wirklich etwas zum Nutzen oder Nichtnutzen der Kunst auf wissenschaftliche Weise sagt. Die Stoßrichtung, obwohl etwas versteckt, ist klar: gegen die DDR. Eine Anhäufung von Gefühlchen, Vermutungen und Diskreditierungen. Die Wissenschaft von der Kunst sieht eben anders aus, als sie sich dieser Olbertz vorstellt. Was er schreibt, entspricht etwa dem Bildungsgrad des Abiturienten mit Auszeichnung eines bundesdeutschen Gymnasiums. Leider nicht mehr. Von einem Herrn, der sich anmaßt, den Titel Professor zu tragen, wird in informierten Kreisen eben etwas mehr als nur dieses kleinbürgerliche Geseire erwartet.

Ich selbst bin der Ansicht, obwohl keine Professorin, dass jede Kunst den Atem der Zeit ausdrĂĽckt.
Und wenn die politische Welt nach rechts rĂĽckt, rĂĽckt auch die Kunst nach rechts. Bekannt ist das Wort Lessings: “Die Kunst geht nach Brot.”, womit ausgedrĂĽckt wurde von ihm, dass die Kunst keinen monetären Profit bringt, den sie aber selbst nötig hat, um ĂĽberhaupt als Kunst existieren zu können.
Wirkliche Kunst dient dem Menschen, sie stärkt das noch in jedem Kind vorhandene humanistische Potential und kann es zur Reife bringen. Nutzlose Kunst ist die, die den gesellschaftlichen Fortschritt in Richtung Humanismus behindert oder gar verhindert. Wenn also der Herr Professor indigniert anmerkt, in der Humboldt-Universität seien noch Reste des sozialistischen Realismus vorhanden, entpuppt er sich als reaktionärer Konservativer, dem es am liebsten wäre, es gäbe nur den reaktionären Konservatismus auf der und sonst nichts. Ăśber die “Erkenntnisse” solcher Herrschaften zu reden ist ĂĽberflĂĽssig. Man geht zur Tagesordnung ĂĽber und macht Kunst, die die Menschen menschlicher macht.

Genre: Realitätsschatten

Wie nĂĽtzlich ist Kunst?

(…) Wenn Kunst nĂĽtzlich sein soll oder kann, mĂĽssen wir dafĂĽr zunächst ĂĽberlegen, welchen Nutzen sie haben könnte und wem sie nĂĽtzt. In der Wissenschaft sprechen wir von Neugier und Nutzen – curiositas und utilitas. In der Wissenschaftsgeschichte kann man ĂĽbrigens sehr schön verfolgen, wie das Erkenntnisstreben zunächst mit etwas ganz Elementarem – das Wort „Wissenstrieb“ klingt sehr elementar – zu tun hatte, nämlich menschliche Neugier zu befriedigen. Alsbald kam die Idee dazu, die Welt nicht nur zu verstehen, sondern sie auch zu verändern, also einen Nutzen aus erworbenem Wissen zu schlagen. Curiositas und utilitas sind die Universalien einer jeden wissenschaftlichen Weltbetrachtung. Wie verhält es sich aber mit der Kunst?

Wäre Kunst von Nutzen, dann könnte sie auch von Schaden sein. Kann denn Kunst tatsächlich schädlich sein? Das erinnert mich an meine Kinder, die mich immer gefragt haben, als sie zur Schule gingen, wieso es Nützlinge und Schädlinge gibt, Schädlinge seien doch eigentlich nur für Menschen schädlich. Bei der Gelegenheit habe ich gelernt, dass es eine ganz eigene, kindliche Ethik gibt, die die Welt erstaunlich unverstellt bewertet.

Wem könnte Kunst schaden? Besteht der Schaden vielleicht schon darin, dass sie allenfalls nutzlos oder überflüssig sein kann? Vielleicht ist es ja gerade ihr Nutzen, überflüssig zu sein. Aber bleiben wir noch einen Moment beim Schaden. Es gibt ja tatsächlich Kunst, die verführt, die verletzt, die beleidigt, die aufwiegelt – ja, es gibt sogar Kunst, die verblödet. Aber muss das dann immer auch schlechte Kunst sein? Oder handelt es sich in diesem Fall überhaupt um Kunst? Was also wäre schädliche Kunst? Denken wir z. B. einmal sehr ernsthaft an die kunstvollen Filmdokumentationen Leni Riefenstahls zur Berliner Olympiade 1936. Das ist großartige Ästhetik und zugleich höchst ambivalente Kunst, Kunst der Verführung. Dasselbe gilt für die Architektur Albert Speers.

Kunst gilt manchen Machthabern wiederum als gefährlich – als Gefahr für ihren Machterhalt. Kunst kann durchaus „aufwiegeln“; dann wird sie verboten, verfemt, als „entartet“ gebrandmarkt oder ins Feuer geworfen, wie Zehntausende Bücher am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz, eine Barbarei, die nun 80 Jahre zurückliegt. Bis heute werden an vielen Orten der Welt Künstler angegriffen, verboten, eingesperrt – denken wir nur an den chinesischen Aktionskünstler Ai Weiwei. Kunst wird  ernst genommen. Wäre sie unnütz oder nur um ihrer selbst willen da – so groß die Versuchung ist, das so zu sehen – hätten diese historischen Ereignisse nie stattgefunden.

(…)

Wozu kann man Kunst gebrauchen? Es kann ganz schlicht zunächst der Wiederverkaufswert eines Kunstwerkes sein, wenn ich es als Kapitalanlage sehe. Der Wert ärztlicher Kunst dagegen wird am Behandlungserfolg gemessen, der mit der richtigen Diagnose beginnt. Die Schönen Künste wiederum erfüllen ihren Nutzen, indem sie gefallen. Das ist sogar ein hoher Nutzen. Es gibt aber, wie gesagt, auch Künstler, die gerade im Sinne der Freiheit der Kunst sagen, Kunst solle und müsse völlig zweckfrei und nutzlos sein. Das sind aber vor allem Metaphern, um den Freiheitsanspruch der Kunst wie der Künstler zu unterstreichen. Ich kenne Künstler, denen es völlig egal ist, ob Ihre Werke gefallen; sie arbeiten allein um der Kunst willen.

Ich denke, keine Höhlenmalerei wäre je entstanden, wenn Kunst wirklich völlig nutzlos, sozusagen ganz frei von Zwecken wäre. Mindestens das Vergnügen der Menschen, das beim Entstehen wie beim Betrachten der Kunst eintritt, wäre ja ein Nutzen. Die Botschaft, die in solchen Höhlenzeichnungen verbreitet wird, war zudem ein wichtiges Medium des Wissenstransfers.

Also ist auch die Frage wichtig, wer eigentlich den Nutzen von Kunst bestimmt. Ist er fremdbestimmt, so tun sich sicher Probleme auf, andererseits aber gibt es Auftragskunst, politische Kunst, Plakatkunst oder Werbung. In der Humboldt-Universität gibt es noch viele Gebäude, die mit architektonischen Beigaben des „sozialistischen Realismus“ versehen sind. Das ist die DDR-Kunst der 60er und 70er Jahre, eine durchaus bisweilen qualitätsvolle Botschaftskunst, die gewissermaßen Indoktrination mit ästhetischem Anspruch verband.

Wie wollen wir das bewerten? Den Nutzen von Kunst kann man nicht verneinen. Aber bestimmt wird er von niemandem anders als vom Künstler selbst und vom Kunstbetrachter. Dann wird der Nutzen noch immer höchst unterschiedlich sein. Ein und dasselbe Kunstwerk kann gefallen – so träte der „Nutzen“ ein – oder missfallen, dann bliebe er aus, was man beim besten Willen nicht als Nutzen der Kunst bezeichnen kann (es sei denn, man hätte Freude am Missfallen). Einen objektiven Nutzen aber hat die Kunst letztlich nicht, einen subjektiven umso mehr. Erst darüber wird ihr Nutzen objektivierbar.

Allein die Frage, ob etwas Kunst ist oder nicht, hat schon viele Gemüter erhitzt. Dabei lässt sie sich einfach beantworten: Kunst setzt voraus, dass jemand da ist, der sie als solche betrachtet. Worum es sich dann im Einzelnen handelt, auch im materiellen Sinn, ist ziemlich egal. Und wer will schon bestimmen, dass Kunst als solche betrachtet werden darf oder nicht?

(…)

Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz

13. Juni 2013

Genre: Rezensionen

Vom Nutzen

Alle Kunst ist völlig nutzlos.

Oscar Wilde. Bildnis des Dorian Gray.

Genre: Erinnerungsbrösel

Die Intrigantin (2 Stanzen)

Die Intrigantin (2 Stanzen)

Wem ist solch Frauentyp noch nicht begegnet,
der immer nur das Böse will und intrigriert,
und wenn man dem ein Widerwort entgegnet,
wird es sogleich ins Gegenteil frisiert –
ein übles Weib, dem’s in die Suppe regnet,
das liebend gern die andern kommandiert?
Das kollert nichts als nur gestanztes Blech,
und wem es übern Weg läuft, der hat Pech.

Man sollte diesen Frauentyp schnell meiden.
Man geht ihr aus dem Weg, sofern man kann.
Und ist man klug und auĂźerdem bescheiden,
spĂĽrt man im Nu, die mimt hier den Tyrann
und kann nur StiefelkĂĽsser wirklich leiden,
vom selben Schlag, egal, ob Frau, ob Mann.
Wer seine Zeit mit der nicht will vergeuden,
der pflege andern Umgang und in Freuden

Genre: Realitätsschatten