Clandestine Part III

Du hast mich mit Nicht-Achtung
gestraft, als ich
20 Jahr alt war.

Ich trug meine Mutter
als Kleid, appliziert noch
mit mir herum.

Lakritz und Kokosspeck
Schwarz und MĂ€usedreck
Zuckerglasur, das Reich der Tröster.

Die Journalistin, die dich fragte
war wohl selbst
ein Weib der Gosse

Begabt zu dozieren
den Dogmatismus.

Wer da
Malarmé las, las auch
Rimbaud, den Krachdichter
des Fin de siécle.

Talentiert mit mehr als
minimalem Verstand.

Es waren die 60er.
so glatt, gerade
vor der Revolution.

Adonis, Instant Karma,
All I ever wanted.

Ich meinte: D I C H.
du warst sie fĂŒr mich.

Genre: GemĂŒtstiefe

Spaziergang I

Der Morgenregen
hat das Fallen eingestellt, erste Hitze
in der Stadt und ich fremd
im fremden Viertel.

Bejahrte Wesen joggen sich jung,
jemand schließt resignierend das Fenster,
eine HaustĂŒr schnappt ins Schloss.
Katzen streunen, unzufriedene alte MĂ€nner
queren die Straße. In den Betten
die Nachtvögel jetzt, erschöpft
von GeschÀften.

Durchs Vierteljahrhundert
mein Schritt, unter frischgetĂŒnchten
Fassaden alter HÀuser, lÀngs penibel
rasierter Hecken, vorbei an der
bankrotten Kneipe.

Frieden. Satter Frieden ĂŒberall.
Ein weißer Vogel fliegt auf, nicht
von Picasso.

Genre: RealitÀtsschatten

Und so war es: Clandestine, reloaded.

Und so war es. Beim Erwachen spĂŒrte ich Fellhaare zwischen den Fingern. Louises Katze konnte es nicht sein, die war schon vor ein paar Tagen unter dem Welterlöser-Zaun hindurch in Freie geflĂŒchtet. Das scheue Geschöpf war, trotz seiner Jugend, unseren HĂ€nden entglitten und blieb verschwunden. Die flauschige KĂŒhle war kein Katzenfell. Ich öffnete langsam die Augen und wurde von Lampenlicht geblendet. Louise, neben mir, trug einen Kunstpelz. FrĂŒhling 1985, und noch ahnte ich nichts von den Qualen des Herbstes.

Sie schĂŒttete Clandestine aus dem Flakon ins Klo.

Was ich fĂŒr einen natĂŒrlichen Verdunstungprozess hielt, war ein Akt der Absicht. Ich riss eine Seite mit der Werbung fĂŒr Clandestine aus der letzten Ausgabe von Vogue. Saß, bis es dĂ€mmerte. Bis das Tageslicht aus den RĂ€umen schwand und dunkelblauer Nacht Platz machte. Endlich zog ich die Schreibtischlade auf, holte das mintgrĂŒne Briefpapier hervor und griff zur Feder. “I’m really shocked to hear that you were so
” Das Flakon kippte zur Seite, eine ölige FlĂŒssigkeit ergoss sich ĂŒber den Briefbogen und verbreitete sĂŒĂŸlichen Geruch. So, I can’t live in this world w out y… . Ich sank mit dem Gesicht in die Parfumlake. Wie sollte ich das Parfum, das Nicolas gewidmet war, nur jemals wieder auffĂŒllen?

Louise und ihr Kunstfell hĂŒllten mich ein. Schafften es, meinem Leib langsam zu erwĂ€rmen. Der war von Nicolas’ imaginierten HĂ€nden elektrisiert. “Louise, denk an die Chicken Rolls. Bitte sag, du hĂ€ttest Nicolas als erste an der Station Holland Park erspĂ€ht. Du drĂŒcktest dir gewichtig die HĂ€nde in die Manteltaschen, gewichtig nur, weil dein Puls noch normal schlug.”

Genre: RealitÀtsschatten

Go Tan

* * *

Rjuriks Sensentruppe
Leibwache des Kaisers
gebar dem Land
Bauern & Hirten:

Hirt,
verteile alle in Raum & Ebene
gib jedem seinen Platz
in der Ebene, damit ihm
genug Raum bleibt
& schau!

Bauer,
vergrabe deine Wurzeln
hinterm Haus, verstreue
die Samen unter der Sonne -
und der Rest fĂŒr
die Reben
& Rebe, Tmutarakan & Tmesis!!

O ech(x) Ra

Nur das Projektil holt ihn ein
Nur der SĂ€bel ist sein eigen
Nur die Burka ist ihm Lagerstatt
in der Steppe, in der Steppe

Nur das Lied ist eine Hilfe
Nur die Liebe ist ein Lied
Nur das Lied ist ihm Hilfe
in der Steppe

frei nach Aleksandr Rozenbaum tm->dm (j)

Genre: Erinnerungsbrösel, Rezensionen

Noch wissen wir nicht, wo es herkommt

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Noch wissen wir nicht, wo es herkommt.

 

Genre: RealitÀtsschatten

* * *

Tan Go

Einmal
werde ich meinen
hölzernen Mantel anlegen,

um mich zu verbĂŒnden
mit allen niederen
Wesen dieser Welt.

Einmal
werde ich meinen
feurigen Umhang antun,

um mich zu verschwören
mit allen höheren
Wesen dieser Welt

Genre: Trauersymmetrie, Wortmysterien

Flucht und Wiederkehr V

Der Himmel lĂ€chelte milchig blau zur Nacht. An seinem Rand verwischten, verfĂŒhrerisch in seidenes Orange gehĂŒllt, rosa Streifen – blĂ€sslich, verschĂ€mt und doch verheißungsvoll.

‘Ach, Sommer – Wie bist du mir ein Schwerenöter und Freund zugleich!’, dachte ein alternder Mann, der langsam einen jener begrĂŒnten KanĂ€le entlang wanderte, die die wohlhabenden Viertel seiner friedlichen Stadt durchzogen.

‘Jene brennenden Tage, an denen jegliche Bewegung mit unendlichen Strapazen verbunden ist und jene nie enden wollenden NĂ€chte, in denen die KlĂ€nge von ausgelassenen Festen und die schweren DĂŒfte der Pflanzen emporsteigen und sich an einem mystischen Ort zwischen allen Sinnen zu einem melancholischen Bouquet vereinen, das, wenn auch fĂŒr kurze Momente, Jugend weint… ach Sommer – all das bist du mir – und noch viel mehr.’

Der Mann hielt inne und starrte wie gebannt auf den Weg, als öffne sich ein endlos tiefer Spalt vor seinen FĂŒĂŸen, als könnten ihn seine daraus heraus wuchernden Erinnerungen in einen flĂŒsternden Abgrund locken.

“Sommer, bald welkt auch deine BlĂŒte, bist du – wie ich – nicht mehr der JĂŒngste.” Der Mann murmelte nun leise und trottete weiter, nicht resigniert jedoch, eher beschwingt – als treibe ihn ein unaussprechlicher, aufmunternder Gedanke aus der Ferne voran und alle Last sei vergessen.

War es ein Spaziergang oder war es etwas anderes? Ja, was war ĂŒberhaupt möglich, was Einbildung, was RealitĂ€t – gab es Ziele, noch einen letzten, verschĂŒtteten Wunsch? Seine Gedanken huschten wie fröhliche Motten zu den Laternen, die mittlerweile den Weg beleuchteten.

Der Mann hatte auf einer Bank am Kanal Platz genommen und die Zeit war verflogen, eine, zwei, vielleicht sogar drei Stunden vergangen – er fror nicht, denn es war Sommer – Zwischenzeit – und sein Freund spendete ihm erfrischenden Trost. Tanzender Gaukler, ewige Hoch- und Traumzeit, wohlan! So voll wie alles FĂŒhlen ward, so glĂŒckstrunken oder schmerzverzerrt, so sĂŒĂŸ und zĂ€h, nie war ihm Wind wĂ€rmer, nie der Regen weicher erschienen, keine Melancholie konnte Vergangenes so unmittelbar und tĂ€uschend echt beschwören wie sein Reich.

Die Stimmen aus der Ferne klangen zunĂ€chst wie singende Vögel. Erst als sie sich nĂ€herten, bemerkte der Mann, dass es sich um Jugendliche handelte, die sich – leicht angetrunken – zwitschernd neckten. Die MĂ€dchen lachten viel und hoch, oft ein wenig zu lang, was ein schelmisches Grinsen auf das Gesicht des alternden Mannes zeichnete, bevor er – war es diese Nacht? – glĂŒcklich in den Fluten der Jahre versank.

Genre: GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten

Trostlos

Stille, gleichmĂŒtig.
Das Schweigen ist
auf den Mund gefallen.
Ein trauriger Wind weint
in den Pappeln, die BlÀtter
stellen das Rascheln ein.
DĂŒfte der Erde aus
Katakomben der WĂŒrmer.
Auf leisen Sohlen schleichen
die Stunden heran, Stunden,
die kommen und vergehen,
spurenlos, wie niemals
gewesen.

Genre: RealitÀtsschatten

Uhren und VogelhÀuser

Die menschlichen Erkenntnisorgane erscheinen von minderer QualitĂ€t, sobald die Hybris sie aufzulösen beginnt. Ich habe frĂŒher Wein selbst hergestellt. Sammelte Uhren und VogelhĂ€user. Brannte Schnaps im Untergeschoss. Ein Prachtexemplar von Uhr ist das da an meinem Handgelenk! Mein Neffe sagt zu meiner Frau, dein Mann hat zwar Augen, die lĂ€cheln, aber der Mund trĂ€gt einen immerwĂ€hrenden grimmigen Zug. Ich begreife die vielen Überkreuzungen und Überlagerungen nicht, aber vielleicht hatte ich etwas entkleidet, ohne es zu wollen.

Genre: GemĂŒtstiefe

Pan und Panik

Gott bleibt im Geheimnis. Und wenn er einmal aus dem Geheimnis hervortritt, tritt er kurz darauf wieder hinein.

 

Er packte seinen Knotenstock fester und schritt aus. Die Sonne war sehr heiß. Jeder Schritt von ihm wirbelte eine Staubwolke auf, so dass man ihn schon von Weitem an der lĂ€nglichen Wolke als Wanderer erkennen konnte.

In seinem Beutel war ZiegenkĂ€se und er hatte sich einen Weinschlauch um den RĂŒcken gebunden. Seit einer Stunde lag Daphne in den Wehen. Sie schrie, als ihre Fruchtwasserblase aufgeplatzt war und der Hirtengott konnte zeitweise alles sehen und hören, als ob er neben ihr stehen wĂŒrde.

Mit jedem ihrer Schreie ebbte eine Serie von Bildern und GefĂŒhlen in sein Bewußtsein. Sie wußte, dass er zu ihr kommen wĂŒrde, um seinen Sohn in den Arm zu nehmen.

Daphne wollte Pans Sohn nicht gebĂ€ren. Aber Zeus hatte ihr im Traum befohlen, dem Sohn Pans nichts anzutun, weil mit diesem Kind eine große Zeit fĂŒr die Menschen beginnen sollte.
Als er zu ihr kam, war sie vor Angst gelĂ€hmt. Sie hatte sich noch immer nicht an seinen hĂ€ĂŸlichen Anblick gewöhnen können.

„Hab keine Angst“, sagte er freundlich, „Ich werde dir behilflich sein“, und er wusch sich seine behaarten Arme und HĂ€nde im Brunnen, dann deckte er Daphnes Unterleib auf.
Der Samen Pans hatte ihren Bauch kaum anschwellen lassen. Sie fĂŒrchtete, Pan wĂŒrde sie noch einmal vergewaltigen. Er empfand MitgefĂŒhl.

Als ihre Preßwehen begannen, strich er ĂŒber ihre Wangen. Danach legte er ihren Umhang ĂŒber ihr Gesicht und sagte: „Ich will ihn entbinden, dann erst sollst du ihn sehen.“

Er wußte, was nun geschehen wĂŒrde. Aber weil Daphnes Schönheit ihn mit Liebe erfĂŒllt hatte, wollte er ihr Entsetzen so gering wie möglich halten.

Sie preßte und Pan mußte seinen Sohn nur in seinen HĂ€nden bergen. Der Schlangenleib ringelte in seine geöffneten HĂ€nde.

Jetzt faltete die kleine Schlange ihre fledermausĂ€hnlichen FlĂŒgel aus. Sie trockneten sehr schnell in der Abendsonne. Schon knisterten die Membrane im Wind. Pan blies den schillernden Schlangenleib an und flĂŒsterte leise seinen Namen.

Sein Sohn hatte regenbogenfarbene Reptilienaugen. Das ZĂŒnglein wischte schnell um seinen Mund. Leicht atmete er durch die Nasenlöcher ein und aus, bis Pan seine HĂ€nde in die Höhe hielt und sagte: „Flieg mein Sohn, flieg, du sollst der Welt ein Segen sein. Flieg!“

Das SchlĂ€nglein hatte sich schon erhoben und glitzerte prachtvoll wie eine Libelle. „Daphne sieh unsern Sohn. Er steigt zum Himmel!“

Er bedeckte ihren Leib und zeigte nach der geflĂŒgelten Schlange, die sich immer schneller entfernte.

„Ist er nicht schön, Daphne? Das ist unser Sohn!“ Doch Daphne war schon in Ohnmacht gesunken.

Pans Knotenstock hatte Weinlaub und Reben angesetzt. Eine Rebe riss er ab und legte sie auf Daphne.

Er deckte sie zu, trug sie in ihre HĂŒtte, legte neben ihr Bett den ZiegenkĂ€se und den Weinschlauch und kĂŒĂŸte ihre Lippen.

Dann ging er zurĂŒck im Strahl der untergehenden Sonne zu seinen Bienenstöcken nach Arkadien.

 

Genre: RealitÀtsschatten

Versuch, 100 – 17 bunte Kugeln zu zĂ€hlen

fĂŒr Luc

Oh!
Was ist das?
Augen wie Schneckenhörner,
ein riesiger Trichter.

Wenn ein Gletscher seinen Berg
verlÀsst, kriechen
Zahlen unter
die Eiskruste.

Alles vereist
hier,
wo neun und
vier keine
FĂŒnf
x x x kennen.

Das Spiel ist aus -
das Spiel beginnt! Alles
wird einmal in Be
weg
ung geraten, alles

außer ihnen:
neun vier fĂŒnf
FĂŒnf Vier Neun -
y y y y y y y y y wenn

diese endlich Platz
haben werden

Genre: RealitÀtsschatten

Morgengedanken

ein sozialuniversaldrama

FÜR ANTIGONE.

 

heute morgen bin ich aufgewacht

mit schalem Geschmack

ich bin schlecht, du bist schlecht,

die Welt ist nicht gerecht

er, sie,es: auch

ein Grummeln im Bauch

bleib ich im Bett oder steh ich auf

die Welt da draußen nimmt auch so ihren Lauf

die Kriege, das Elend, der Harz und das t

die Menschen, die bösen, tun anderen weh

Fenster zu, Decke her

der Welt und mir geht’s heute schwer.

 

Quelle: http://lar:mo:yant

 

 

 

Genre: GemĂŒtstiefe

Ahnen, was kommen kann

Wo ich daheim bin,
blicke ich in die Welt der hundert
Fenster und siechender StraßenbĂ€ume,
die mich vor der Idiotie des Straßenverkehrs
schĂŒtzen sollen.

Ich weiß, niemand und nichts
wird mich schĂŒtzen, auch nicht vor dem
Krieg, der mit großer SelbstverstĂ€ndlichkeit
vorbereitet wird, als handle es sich
um eine Tortenschlacht.

Und mich schmerzt es,
dass wir so gleichgĂŒltig sein können
bei so viel Betriebsamkeit, mit der jene
ihre mörderischen GeschÀfte erledigen.
Nicht weiter weiß ich mehr.

An diesem wolkenverhangenen Tag
mit den neuen schrecklichen Nachrichten
denke ich an vieles, woran ich nicht
denken will, und staune, wie wenig wert
Menschen das Leben sein kann.

Genre: RealitÀtsschatten

Flucht und Wiederkehr IV

Ejnes Tages fjel ein Buchstabe
jm Kampf um das Wort
ejnes Tages war er frej und fort -
ganz ohne iegliches Gehabe

Ein Bekannter will nun anfangen zu schreiben, erzĂ€hlte er mir kĂŒrzlich am Telefon.
Auf WikiHow, einer Online-Ratgeberplattform könne man hilfreiche Tipps zur Konstruktion eines Romans aufrufen. Charakterdesign, Setting und so weiter und so fort.

Da ich bei Setting eher an die Vorbereitung eines angenehmen LSD-Trips denke und zudem nach Schema F erzeugte Romane mir, einem ĂŒberzeugten Kurzgeschichtler und Metafreak eher am Allerwertesten vorbeigehen, musste ich mich beherrschen nicht laut in den Hörer zu prusten. Die AbsurditĂ€t der Situation wurde noch dadurch erhöht, dass Schreibversuche des besagten Bekannten bisher nie ĂŒber grausam öde Gothic-Burlesken hinausreichten. Nichts was kitzelt, nichts was mein Denken jenseits einer expansiv apokalyptischen Kotzstimmung animieren wĂŒrde.

Ich habe mich immer gefragt, wer Unheilig, Rammstein, Böhse Onkelz oder dergleichen hören mag, mein Bekannter ist wohl (obgleich er eher auf Elektro-Tracks steht, deren Videos mit kaum bekleideten Frauen-Standbildern unterlegt sind) der Prototyp, dem gehirnverbrannte Assi-JĂŒnger folgen könnten.

Gleichwohl habe ich gute Miene zum bösen Spiel gemacht und ihm viel Erfolg gewĂŒnscht — denn dass besagter Bekannter etwas Konstruktives zu tun gedenkt, grenzt in Anbetracht seiner mir bekannten Lebensgeschichte durchaus an ein kleines Wunder.

Wir trafen uns vor ca. 10 Jahren, es muss das Jahr des ausgebliebenen SommermĂ€rchens gewesen sein, erstmals im Stadtpark. Ein weiterer Bekannter, ehemaliger Schulfreund und Hauptkontaktperson des Betroffenen, wie ein Polizeibericht statutieren wĂŒrde, stellte ihn mir vor.
Ein freundlicher Mensch, schulterlange Haare, gemessen an seinen Äußerungen etwas verrĂŒckt – es mag an den zahlreichen Joints gelegen haben, die wir an diesem Nachmittag konsumierten – dachte ich anfangs.

Im Laufe der Jahre – er und der andere Bekannte ĂŒbertrieben es mĂ€chtig, sie waren keine Pegelkiffer wie ich – entwickelten beide dann laut Ärzteschaft eine cannabisinduzierte Psychose und er irrte, seiner Selbstausage nach eines Tages durch die Strassen, um Werwölfen und RiesenfledermĂ€usen zu entgehen.

Seit jenen Tagen verĂ€nderte er sich. Der ehemals lustige, aber sinnlose Geschichten erzĂ€hlende, naiv-freundliche Mensch ließ nun strikt die Finger vom GrĂŒn, und wandte sich sĂ€mtlichen Abbreviationen des Weißen zu, da die Ärtze ihm explizit nur den Konsum von Cannabis untersagt hatten, was in seiner neuen Weltsicht fĂŒr das Böse schlechthin stand, rĂŒckte jenes, was ich seit jeher verabscheue und neben Sex fĂŒr Geld und CDU/FDP-wĂ€hlen zu den drei grossen “Never Ever”s meines Lebens zĂ€hle in seinen Fokus.

Das Weiße designte seinen Charakter und subtile Bosheit sowie HinterhĂ€ltigkeit lösten sein kindliches GemĂŒt, das ich durchaus als Freund bezeichnet hatte, ab. Seine Haaare waren nun kurz, sehr kurz, und er ließ sich einige Piercings stechen.
Eine Unterhaltung ĂŒber ernsthafte Themen war mit ihm zwar nie wirklich möglich gewesen, aber statt gemeinsam lachend in eine Welt aus Gummischlangen spuckenden Springbrunnen einzutauchen wurde die Destruktion all dessen, was ich zu sagen gedachte sein Lieblingsspiel. Ich war angepisst und wir sahen uns oft fĂŒr einige Monate nicht.

Gleichwohl wurde ich dank des besagten, gemeinsamen Bekannten ĂŒber ihn auf dem Laufenden gehalten. Mir schien, es entwicklte sich eine gewisse Wiederholung in den AblĂ€ufen seines Verhaltens. So nahm er zwei, drei Monate exzessiv sĂ€mtliches Weiße, dessen er habhaft werden könnte, in den letzten Jahren vor allem Amphetamine, da die deutlich gĂŒnstiger waren, ließ sich dann einweisen, suchte sich in der Psychatrie hilflose, an Bulemie oder sonstigen psychischen Störungen leidende Frauen und bandelte mit ihnen an, kam wieder heraus und begann den Kreislauf einige Wochen spĂ€ter von Neuem.

Erschreckend fĂŒr mich war, dass er sich dieses Verhaltens durchaus bewußt war, denn dumm ist er nicht. Eher insofern verzweifelt, dass er, wenn er schon nichts Halt spendendes Gutes in seinem Leben zu finden vermag, alle um ihn herum herunterziehen möchte, dass er, wenn er schon keine “normale” Partnerin kennenlernen kann, lieber der Erste unter den Letzten ist und insofern dominiert.

Ich lud ihn immer wieder ein, versuchte ihm – grĂŒn – die seinem Verhalten innewohnenden psychologischen Ebenen zu erlĂ€utern und insoweit es mir möglich war beizustehen, gleichwohl ich oft – von seiner vermeintlichen Empathielosigkeit angewidert – dann den Kontakt wieder abbrach. Der andere gemeinsame Bekannte, dem ein weiteres, trauriges Schicksal wiederfuhr, das eine eigene Geschichte verdient hat, brachte uns stets erneut zusammen, sie beide waren BrĂŒder im Geiste und doch zugleich schrecklich einsam mit sich.

Der weiße Falter ging keiner geregelten Arbeit nach, hangelte sich von einer fadenscheinigen “Vorbereitungsmaßnahme” zur Psychatrie und zurĂŒck. Neueste Ausgeburt dessen ist nun also, dass das Jobcenter ihn zu einem Kurs schickt, wo man Schreiben lernen kann und auf den er sich mit WikiHow vorbereiten will.

Ich wĂŒnsche ihm alles Gute, er kann es gebrauchen.

Genre: Erinnerungsbrösel, Trauersymmetrie

***

“Welches Geschlecht haben Sie?”

“Das andere.”

(Aus: Anbiederungen. Eine Kontroverse. BrunsbĂŒttel, 2013)

Genre: GemĂŒtstiefe