wir waren atomdichter

wir waren atomdichter
und sprachen mit den basalten
unsere eltern zogen ĂŒber die gletscher
unseren kindern gaben wir namen
wie sonnenschein zukunft oder hoffnung
auf ein besseres leben warten wir noch

auf den schneefeldern hinter dem fjord
landeten drohnen geophysikalische messungen
der schwere und des magnetfelds von spalteneruptionen
einer palÀoerde trieben fremde forscher ins land
ein paar sind geblieben
sie verliebten sich in unsere elfen

skaldendichter sangen verse ĂŒber feuchten torf
zeichen aus flechten und gletscherschliffe auf steinen
ein mann eine frau eine hauswiese
auf ihr grasten schafe und pferde
im wollgras das sich im wind wiegte ruhten stimmen
der jeep vor dem haus hatte kein benzin mehr

im jahr des großen ascheregens verfinsterte sich der himmel
kinder verhungerten frauen und mÀnner
eine insel wurde geboren
flugzeuge verloren die orientierung und fielen vom himmel
du summtest ein wiegenlied
in ihm trockneten stockfisch und walfleisch in klarer luft

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, Rezensionen, Trauersymmetrie

Abstraktion des GefĂŒhlslebens (2)

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Genre: GemĂŒtstiefe

Abstraktion des GefĂŒhlslebens (1)

Er trug schon beim zweiten Treffen diesen altmodischen Hut. Es lag etwas Schnee in der Luft, die Kurven liefen sich nicht gut in den zu glatten Schuhen, alles schien sich in Schleier zu werfen, und sie wollten den Weg nach Hause noch hinauszögern, um klarer im Kopf zu werden. An der TĂŒr hatten sie dann einander ihre Zuneigung gestanden, trotz altmodischer HĂŒte und postmoderner Zickigkeit. „Vielleicht können wir gemeinsam auf die BĂŒhne gehen.“

Sie löcherte Eduard viele Tage mit Fragen zu seinem neuen Freund, und er war, wie in einem Beichtstuhl, anfangs bereit, ihr alles zu erzĂ€hlen, er lud sie zu sich ein, sie entdeckte die Spuren des neuen, des seltsamen Freundes, der zwar nicht bei Ziegenbarth, wie angenommen, studierte, aber in einer Ă€hnlich renommierten Klasse angenommen worden war. Da lag eine Decke auf dem Sofa, die ihr sehr gefiel, kleine Zettel mit Schrift bedeckt, oft nur einzelne Worte, die keinen Zusammenhang ergaben, ausgerauchte Zigaretten, die einen gelblichen Teint hatten, und die sie selbst hier noch nicht gesehen hatte, wahrscheinlich eine Importware. Sie tauchte ein in die Details, die Eduard ihr von dieser „AffĂ€re“, wie er es nannte, erzĂ€hlte und kam endlich, nach mehreren Besuchen, zu einer Schlussfolgerung. „Euch verbindet die MerkwĂŒrdigkeit. Die Verstricktheit in euch selbst und eure Interessen, die sich bei Ă€ußerlicher Verschiedenheit jedoch sehr in ihrem Verfahren gleichen.“

Die Wohnung wirkte noch weißer, noch kĂŒhler. „Wie frisch gefallener Schnee“, witzelte sie und kam dann fĂŒr eine Weile nicht mehr zu Besuch. Eduard nahm sich Zeit, um seinen Freund besser kennen zu lernen. Abends legte er statt Jazz-Platten Chansons von Debussy auf. Er dimmte das Licht in der Wohnung, besorgte auf dem Flohmarkt JugendstillĂŒster, Lampenschirme in unverwundbaren Farben. Er fragte in GeschĂ€ften nach altem Weinbrand, freundete sich mit Whiskey und Cognac an. Eigentlich hatte er fasten wollen, wenigstens bis Ostern. Er fand heraus, dass sein Freund ein Waisenkind war, Onkel und Tante steinreich. Das war eine glatte LĂŒge, und er wusste es, aber er genoss das Spiel mit solchen LĂŒgen und Klischees, Dinge, die man immer am Beginn einer neuen Beziehung genießt, bevor sie aus dem Weg gerĂ€umt werden.

Eduard nahm alles, was mit der Jahrhundertwende zu tun hatte, zunehmend ernster, als hĂ€tte sich ein Virus in seine Zellen eingeklinkt und streute nun weitere Viren in die noch gesunden Zellen, formte sie um. Ein Parasit – aber vielleicht war es doch eine Symbiose, da Eduard gute Ergebnisse in seiner Arbeit am Lehrstuhl fĂŒr Kunstgeschichte ablieferte.

Und ĂŒberhaupt ist die Abstraktion des GefĂŒhlslebens zweier MĂ€nner ein Cocktail, ein GebrĂ€u, von dem abzuraten ist. Man verliert sich in Behauptungen und Klischees wie ein Heizungsexperte, gemeinplatzig und ungerecht. Man lĂ€sst die schwarzen Wildlederstiefel vor der Wohnung stehen und klinkt die TĂŒr zu. Die TĂŒren in Eduards Wohnung waren offen, das Licht gedimmt aber nicht ausgeknipst, wer herein wollte, konnte herein, und so wurde die Liebesbeziehung zu einem StĂŒck Geschichte.

Genre: Wortmysterien

am Anfang war das Licht

HĂ€userzeilen bewohnter Worte
eine Silbe ein Schritt verzaubert die Welt
nachts verstummen Laternen
Erinnerungen taumeln durch Straßen
fragen nach der Reise der Aale
nach Meteoriten und Lichtjahren
/ und aus bist du
noch lange lange nicht
sag mir erst /
wie soll ich leben
ohne Licht

Genre: Erinnerungsbrösel, RealitÀtsschatten

Meer der Illusionen

Meer der Illusionen

Meer der Illusionen

Genre: RealitÀtsschatten

Wandeln in den Stimmen der Zeit

Schwimmen im Meer der Illusionen
Ego- NĂ€hrung
Baut es weiter aus! um interessant zu sein

Die Fesseln der Selbstsucht zerstĂŒckeln

ZerstrĂ€ute SĂ€nder rießeln grau im Herbsthauch.

Genre: RealitÀtsschatten

Salomenia (Flucht und Wiederkehr XXVIII)

Das junge MĂ€dchen wandelte, des ewig brennenden Himmels reich, Welten,
verschwebte inmitten halb rauwinkliger, halb ertrÀumter StÀdte,
passierte gelb und blau mit einer Lilaterne,
schwamm hungersĂŒĂŸ als Morgengrau, hetzte geifernd um die Schluchten.

RĂŒckwĂ€rtig schwĂ€rmwankte die Prozession im Gleichschritt,
schrillte verzerrt umspulte Liturgien, eine obsidiannadelnde Klangwolke,
die Tiefenwahn umschlang, versank vor fahlem Springgiftlicht.

Um keine Angstdurft verlegen, fieberte ihre weichgezeichnete Masse
nach Ohren, die ihr hölzernes Stöhnen erhören mochten,
der einen Stimme, die sie ihr salziges DĂŒrsten vergessen ließe,
nach dem letzten Ziel ihrer pechschwarzen, an die wĂŒsteste Ferne verlorenen Masada-Augen.

Einen Sturm ohne Regen verkĂŒndeten Posaunen am Totenmeerhang,
es wurde Helltag und still, braungeronnen BĂ€che entrĂŒckten Bluts und
auf der Rampe versickerten TrÀnen eines abkriechenden Schattens.

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten, Rezensionen, Trauersymmetrie, Wortmysterien

promenades des faunes

mit hingabe an die nacht
zĂ€hle ich mĂŒnzen
schlafen im schatten der platanen seidene papillen
auf einem see der ruhe
treiben schweigend die flĂŒgelschlĂ€ge von nebelfaltern
dahin
zittern deine lippen in den wogenden bewegungen von wörtern
atemberĂŒhrungen von streulicht
fĂŒr einen schreck eine sekunde
tasten fingerkuppen zeile fĂŒr zeile
die blindenschriften der liebe
4 7 21 silberlinge hÀufe ich zu stelen
zittert jetzt deine stimme

wir schwimmen mit den fischen
sanliurfa
trinken das heilige wasser
sanliurfa
befehlen ibrahim zu bleiben
zu nehmen die magd zur zweitfrau
sanliurfa
sarah kann bleiben

hall stadt
besuchte ich
das beinhaus
lagen nicht nur bein an bein
auch arm an arm
schÀdel an schÀdel schulter an schulter
rumpf an rumpf und die fĂŒĂŸe
beieinander wie liebende
nach dem letzten kuss in der nacht
schliefen im gletscherbett die plÀtten
unter dem salz
behĂŒtete sie dach stein
legte sich nebel zwischen die leiber

in die traurigkeit flĂŒstern sie flĂŒssigen safran
mit erde vermischt bildet er dein mahl
sag den trotzigen kindern etwas von liebe

grenadierplatz
ist die wohnung des bÀckers voller brot
wollen seine kinder kommen
ist die frau tot
liegt sie aufgebahrt in der stube
bleibt der laden heute geschlossen
trÀgt der nussbaum im garten dieses jahr reich
flackert das fernsehbild
fÀhrt ein auto vor

ist wieder niemand gekommen

Genre: Erinnerungsbrösel

medeal

fĂŒr Bela und ihre ApfelbĂ€ume

aus dem kaukasus kamen deine vorfahren
unbekannte gegenden mit wilden tieren
und menschen mit harten brÀuchen
vom schwarzen meer kamst du
folgtest einem elenden verfĂŒhrer
halfst ihm stehlen und rauben
wurdest durch ihn zur mörderin
[wollten uns seine nachfahren mit einer anderen weismachen]
fallen ließ er dich
du erhieltest keinen dank
ach hĂ€ttest du das goldene widderfell fĂŒr dich behalten
es versteckt in deines großvaters haus
im entlegenen gebirgsstall
gleich hinter der passhöhe unter den gletschern
wo nur die ziegenherden und hirten den weg kennen
wo die krummhörner mit dem wind um die wette blasen
wo die mĂ€dchen scheu aus den fenstern der hĂŒtten lugen
wenn ein fremder prinz vorĂŒber reitet
auf der suche nach einem alten geheimnis
wo die dichterin die felsen besingt
den fluss das meer in den der fluss fließt
die fische die nicht zurĂŒckkehren
wenn sie den silbernen wal getroffen haben
mit seinem mondmund
der so groß und schön ist wie der himmel
ĂŒber der dachluke der felsenburg
in einem bunten kaftan könntest du liegen
im frĂŒhsommer unter einer linde
dein geliebter kĂŒsste dir den honig vom leib
das blut der kirschen mischte sich mit deinem
ach hĂ€ttest du dem elenden verfĂŒhrer
die doppelklinge der bergbewohner ins herz gestoßen
das schwarze meer wÀre noch dunkler geworden von seinem blut
[doch kein dichter hĂ€tte dich dafĂŒr besungen]

Genre: Erinnerungsbrösel

gesang dreizehn

die mohntage waren mir die liebsten
wenn der schlaf die wunden bedeckte
und deine lider taumelten durch die nacht
zwei drei kriege lang ging das schon so
oder auch mehr
deine finger ertasteten die durchlÀssige zeit
und wenn ein hund sie leckte
schmeckten sie nach verrat und tod

sirenen sangen um zu vernichten
die umhertreibenden und getriebenen
schiffbrĂŒchige in geist und seele
ließ sich der held an den mast binden
um zu hören die weisheit von der vergÀnglichkeit
trieb es ihn heim zu frau sohn und vater
den mÀchtigen gott des meeres hatte er zum feind
und nur eine steinkÀuzin zum schutz

du aber wÀhltest die gesÀnge von faltern
ihre flĂŒgel streiften haar schultern hals
den du einzogst hinter dem sternum
sahst du der herbst machte kein geschrei
ob des gemetzels
als der held sich den freiern der gattin zu erkennen gab
schwiegen die sirenen wie die götter
trankst du vom mohn
und sangst um die wette mit faltern

Genre: Erinnerungsbrösel

Liebe – VersatzstĂŒcke

Liebe atmet: Ein. Aus. FĂŒllen. Leeren.
Ein ungutes GefĂŒhl und der kalte Luftzug des Misstrauens bahnt sich seinen Weg, bis er auf die Liebe trifft, das nebulöse Etwas, das das Herz umhĂŒllt. Kalte und warme Luftmassen. Inga denkt an die Lehrbuchseite: Ein dicker blauer Keil schiebt sich unter ein rotes Feld, drĂŒckt es nach oben. Wohin? Raus, weg. Übrig bleibt der blaue Keil voller KĂ€lte. Er legt sich um die Nieren, bohrt sich in Ingas Lunge, umklammert ihr Herz.

FĂŒr einen kurzen Moment könnte Inga den physikalischen Prozess, der dann folgt, anhalten, ihn verhindern. Doch warum sollte Inga das tun? Sie hat keine Angst vor der kĂŒnftigen Leere. Sie hat eine WĂ€rmflasche, einen Teepott, BĂŒcher. Es wird sein wie immer: Es schmerzt weniger am Tag, dafĂŒr mehr am frĂŒhen Abend. Die Augen werden brennen, weil sie trocken sind vom langen Starren. Inga weint nicht, Inga starrt. Sie wird im Bett sitzen und die ziegelrote Wand ihr gegenĂŒber anstarren. Auch wenn sie es vermeiden wird, in den Lichtkegel der Lampe zu blicken, die auf der Kommode vor der ziegelroten Wand steht, so werden sich ihre Umrisse in Ingas Netzhaut einfrĂ€sen. Und wenn Inga den Schmerz des frĂŒhen Abends tief wegatmet, vor Erschöpfung steif zur Seite fĂ€llt und erleichtert die brennenden Augen schließt, bedecken ihre Lider den eingefrĂ€sten weißen Punkt. Dieser Punkt wird sie tröstlich durch die Nacht begleiten.

Am Morgen wird Inga froh sein, allein in der KĂŒche zu sitzen und den Tag wieder nach ihrem Rhythmus leben zu können. Es wird sich diesmal jedoch nicht vermeiden lassen, dem Schmerz zu begegnen, der zwei HauseingĂ€nge weiter wohnt. Wie jeden Morgen werden sie sich entgegenkommen, sie auf dem Weg zum Bus, er mit dem Rad und einem Kaffeebecher balancierend auf dem schmalen Gehsteig. Sie ahnt seinen schlanken Körper, sie riecht den Schmerz, der auf sie zukommt. Sie spĂŒrt seine WĂ€rme, streift unmerklich seinen Arm im Vorbeigehen, aber sie sieht ihn nicht. Starrt durch den Schmerz hindurch, lĂ€uft an ihm vorbei. Inga lehnt sich an die Hauswand. Einatmen, ausatmen. FĂŒllen, leeren. Sie streicht mit dem Finger vorsichtig am unteren Augenlid bis zur Nasenwurzel, schaut sich die schwarzgefĂ€rbten Rillen auf der Fingerkuppe an.

Der Verlust ihrer Liebe macht Inga stimmlos. Inga und ihre eigenartigen Krankheiten:
Als die Eltern anfingen, bald tĂ€glich zu streiten, als ihre Mutter mit Sonnenbrille auch in der Wohnung rumlief (sie hĂ€tte eine BindehautentzĂŒndung), als der Vater immer hĂ€ufiger eigenartig roch (er hĂ€tte zuviel Kaffee getrunken, daher rieche er so sĂ€uerlich), legte sich ein Stromnetz um Ingas Herz und gab ihr ab und zu einen heftigen Schlag, so dass sie zu Boden ging und ihre MĂ€dchenbrust mit der Faust fest umschloß. Ihr Atem wurde ganz flach, so dass Inga letztlich nur noch ausatmete. Lass. Los.

Als ihre erste Liebe erlosch, konnte Inga nicht mehr schlucken.
Als ihre zweite Liebe erlosch, wurde Inga stimmlos.

Inga weint nicht. Inga spricht nicht. Sie starrt. Sie verstummt. Ihre Augen brennen vor Trockenheit. Ihre Lippen liegen fest aufeinander. Es kostet Inga aber keine Anstrengung, das Gesicht bleibt glatt, der Kiefer ist entspannt, die Zunge liegt in der feuchten Mulde zwischen den unteren ZĂ€hnen, vom Mund verschlossen. Inga sitzt im Bett, starrt die ziegelrote Wand gegenĂŒber an und wundert sich: Als die Liebe sie wie ein warmer Luftstrom ausfĂŒllte, strömte sie gleichzeitig heraus und herein. Nun, wo das kalte Misstrauen sich breit gemacht und die Liebe verdrĂ€ngt hat, verschließt Inga ihre Lippen. Kalt schneidet sich die Luft durch ihre Nase, warm fließt es durch sie heraus. Sollte Inga nicht besser die Lippen öffnen, den Kiefer weiten und die ganze Luft in ihr herausschreien? Sie hat es versucht, ein stummer Schrei, es brannte in der Lunge. Schnell schloß Inga die Lippen, plinkerte am weißen Lichtkegel der Lampe vorbei die ziegelrote Wand an, zog die Decke ĂŒber die Schultern und ließ sich erschöpft zur Seite fallen.

Genre: Trauersymmetrie

9. November

Wendepunkt in meinem Leben. Sachen gepackt, Stadt verlassen, Heimat gesucht. Und gefunden. Bis heute ein bitteres GefĂŒhl: damals um bald zwei Jahrzehnte betrogen. Einmal im Jahr sehe ich meine alten Eltern, wie sie sich immer enger aneinanderlehnen, um nicht auseinanderzufallen. Vier Jahrzehnte Leben damals. Drei Jahrzehnte nun. VerstĂ€ndnislosigkeit, auf beiden Seiten.

Genre: Erinnerungsbrösel

Youth of Today (Flucht und Wiederkehr XXVII)

Schweine suhlen sich im Schlammbad, sie grunzen laut, rempeln und beißen, werden mit AbfĂ€llen gemĂ€stet und schließlich geschlachtet. Der Schweinebraten auf meinem Brötchen schmeckt heute ungewöhlich saftig, was wohl eher der Butter, denn der QualitĂ€t des Fleisches zuzuschreiben ist.

In der U-Bahn, die aus der Innenstadt kommend Richtung Langenhorn fĂ€hrt, sitzen zwei Jungen, denen dieser Genuß bisher wohl verwehrt blieb. Ihr aufgeregtes GesprĂ€ch thematisiert, dass sie 12 und 13 Jahre alt sind. Einer von ihnen heißt Mo und der andere Mu. Sie tauschen sich in einer altersĂŒblichen, ungefĂ€hr fĂŒnf Satzbauteile umfassenden Sprache mit einem sch-lastigen, Zweit- oder Drittgenerationsakzent aus. Jenseits von ununterbrochenen, gegenseitigen DrohscherzgebĂ€rden sind ihre Themen der Deutschlehrer, der den Eltern von ihrem RumhĂ€ngen berichtet hat, Boxtraining (“Diesmal aba auf Kopf, isch schwör!”) und Musik. Hier zĂ€hlt fĂŒr sie insbesonders, welches Lied schon 35 Millionen Aufrufe erreicht hat, um dessen Signifikanz nachzuweisen und am Abglanz ein klein wenig teilzuhaben. Sie reden laut, sehr laut, da ihre Kopfhöhrer, die die Umgebung  mit der disputierten Retortendancemusik unangenehm passivbeschallen, die Kommunikation untereinander ziemlich erschweren.

Die deutliche, allzudeutliche mundwinkelverzogene Ignoranz im Sinne eines unendlich lauten Schweigens der sie Umgebenden ihnen gegenĂŒber löst keine sichtbare Reaktion aus – spĂŒren sie wirklich nicht, wie die Mitmenschen im gefĂŒllten Waggon sie wahrnehmen und, wie sie zurecht vermuten dĂŒrften, angewidert gewĂ€hren lassen?

Wenn doch, dann lassen sie es sich in keiner Weise anmerken, sie mĂŒssen verdammt gute Schauspieler sein und latent nur darauf warten, dass jemand die Geduld verliert und sie anspricht, um sie so noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen. So oder so, ihr den ErtrĂ€glichkeitskodex öffentlicher Verkersmittel brechendes Verhalten verleiht ihren nach Zuspruch lechzenden Egos in Kombination mit Undercutfrisuren und TrainingsanzĂŒgen eine teerige Ersatzsubstanz zu psychosozialem Anpassungsdruck.

WĂ€hrend meine Gedanken die Mos und Mus dieser Erde reflektieren und den ihnen gemeinen, die soziale Entkoppelung kaschierenden Kit – mit nationalistischen und religiösen ZusĂ€tzen versehener, kapitalistischer Kulturfastfood – kommt mir in den Sinn, wie sehr sie sich gleichen, von Hamburg bis Wien, Marseille bis Manchester und Atlanta bis Guadalajara. So indokritniert wie sie sind, brauchen sie, bereit sich die Köpfe einzuschlagen, kein Sparring mehr, um nach althergebrachtem, spartanischen Ritus ihren Platz in der Gesellschaft zu erkĂ€mpfen. Nichts, verinnerlichten sie, wird geschenkt, alles muss verdient werden; Rechte, welche Rechte? Dog-matismus, Hunde wir, alles Hunde.

Und Hypokriten. Als ich jung war, habe ich manchmal die Beine auf Sitze gelegt und auf meinem Diskman laute Rockmusik gehört. Ende der Neunziger rauchte meine Clique spĂ€tnachts in einem fast leeren Waggon weit hinten einen Joint und (unsere nach Zuspruch lechzenden Egos) hofften, die Mittvierziger am anderen Ende wĂŒrden zu uns rĂŒberkommen und um einen Zug bitten, so viel zum “ErtrĂ€glichkeitskodex öffentlicher Verkehrsmittel”, naja, in einem gefĂŒllten Abteil hĂ€tten wir das wohl nicht durchgezogen. Damals wollte ich ein Hippie sein, da ich dafĂŒr aber ĂŒber dreizig Jahre zu spĂ€t geboren war und da kognitive Dissonanz keines meiner Talente darstellt, konnte ich die Erkenntnisse der Folgezeit nicht aus meinem Denken ausblenden – was mich dieser Tage zu einem relativ schlechten Alternativen (in Deutschland) macht – und eine gleichgeschal…gepolte Interaktion mit der heutigen, urbanen Szene erschwert.

Da ich zudem des traditionellen Lamentierens der Alten ĂŒber die Jungen gewahr bin – der Titel dieses Textes ist im Übrigen ein wunderbares MusikstĂŒck (allerdings ohne 35 Millionen Aufrufe – ebenso wie dieses andere StĂŒck der selben Band, dessen Schlussminuten genau das erkennen lassen, was m.E. fehlt)-, versuche ich jenseits eines kaum vermeidbaren, zynischen Subtextes die Frage zu stellen, ob Verrohung und die mehr oder weniger unbewußte Reaktion darauf nicht vielleicht nur subjektiv zunimmt.

Der Vergleich meiner Jugend mit der von Mo und Mu ist natĂŒrlich nicht mehr als intuitiv, Geschichte mag sich reimen, aber sie wiederholt sich nicht. Was mich wirklich stört, ist einerseits das von Mo und Mu unartikulierbare GefĂŒhl von Ohnmacht der Gesellschaft und der eigenen, fragilen Substanz gegenĂŒber und anderseits das Unvermögen von mir, in der Lebenswelt von Mo und Mu etwas zu entdecken, woraus ich die Hoffnung auf eine glĂŒcklichere Zukunft ableiten kann.

Mir scheint, es ist keine BrĂŒcke möglich. Meine Rebellion bediente sich der Symbole der idolisierten VorgĂ€nger, es bestand eine gewisse KontinuitĂ€t des Aufbegehrens – Jazz, Rock der 50er, die psychedelischen 60er, der progressive Sound der 70er, Funk, Reggae, sogar Hardrock der 80er und Grunge der frĂŒhen 90er hatten alle eine gemeinsame, mit den VorgĂ€ngern kompatible Hintergrundschwingung.

Dann, als wĂ€re sie ein Echo des zusehends neoliberaleren Zeitgeistes, setzte mit der Technobewegung und Statussymbolhiphop der Bruch ein und wurde durch die austauschbare Dancemusik der Millenials verstĂ€rkt, Mo und Mu sind die Kinder dieser Epoche, die mich krank machte. Ich schreibe bewußt ‘machte’, nicht ‘macht’, denn das ist seit zehn Jahren vorbei.

Als sie jedoch Mitte der Nullerjahre geboren wurden, fĂŒhlte ich mich mehr und mehr entfremdet, spĂŒrte, dass die Zeit, nach der ich mich immer gesehnt hatte nicht wiederkommen wĂŒrde, dass ich schrecklich einsam am Rand der Geschichte strandete. Ich versank fĂŒr zwei, drei Jahre in Depressionen, bevor es einer ebenfalls aus der Zeit gefallenen Frau gelang mein Herz aus dem Sumpf zu ziehen. Interessanterweise setzte um diese Zeit die Neo-Psychedelic-Welle ein und verband, scheint es, Teile der Generationen musikalisch wieder etwas.

Nur Mo und Mu erreichte deren Gischt nie, und nun ist es heutzutage so, dass ich Mo und Mu wie durch leichtes Milchglas wahrnehme, sie sitzen mir gegenĂŒber und ich bin durchaus fĂ€hig Empathie zu empfinden, doch steht etwas zwischen ihnen und mir, das unĂŒberwindbar ist – eine aufgrund der fehlenden, gemeinsamen, kulturellen ErzĂ€hlung unvernarbte Kluft. Sie können mich sehen, aber erkennen mich nicht, sie können mich hören, doch verstehen nicht, woraus ich schöpfe, worauf ich mich beziehe.

Auf meiner Seite hingegen herrscht die abgeschmackte Vermessenheit vor, ihr scheinbar oberflĂ€chliches Dasein zu durchschauen, durch die vermeintlich seichten PfĂŒtzen ihrer Antriebe navigieren zu können. Wie falsch ich damit liege, ist mir nur allzu bewußt, denn was weiss ich von ihrer kranken Tante, von ihren liebevollen Familienritualen, von ihrer leisen Art am Abend? In Wahrheit ist der Anfang des Textes nichts als eine polemische FingerĂŒbung, oder, nach Juvenal: „da fĂ€llt es schwer, keine Satire zu schreiben“. Nein, Verachtung und Ignoranz, die wohl hĂ€ufigste erste Reaktion der meisten Mitmenschen auf die Begegnungen mit den Mos und Mus dieser Welt, stellen ebenso wie Mitleid keine Lösung dar.
Was tun?

Liebes Publikum, los, gib dir selbst nen Schuss,
du stehst doch auch enttÀuscht und siehst betroffen
den Vorwand da und alle MĂŒnder offen.

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten, Trauersymmetrie

Suche / Herbst

Dem Land steigt Dunst
aus allen Poren,
und auf die Stimme legt sich
Herbst.

Heute ist kein Tag
fĂŒr Schnee
und Leoparden in den Blicken.

Ich schlinge dir
die letzten Worte
um den Hals
und lehne mich an Felsen.

Vielleicht liegt dort
auf deinem Mantel
dieser eine Satz.

Genre: RealitÀtsschatten, Wortmysterien

aufgehoben im Aufbruch

am Ende des Wartens die Taube
GroßstĂ€dterin im Tiefflug
unendliche Schattierungen von Grau
nervöse Tristesse

Kinder und Einsame fĂŒttern
den Widerspruch zur Aufrichtung
aufgehoben im Aufbruch
der Wartenden, jetzt

Genre: RealitÀtsschatten