Alte Wege

Nebel zieht ĂŒber das Moor,
und die Töne der Vögel zittern.

Einst schrieb die Zeit
Falter an Felsen.
Zwischen Heidekraut liegt das Leichte
unter meinen FĂŒĂŸen.

In der sumpfigen Wiese
sprachen wir uns stumm.
Jeder Laut wog schwer
und sank.

Gestern fĂŒllte ich die Taschen
mit fossilen Worten
und legte sie in Farben.
An ihren RĂ€ndern
ist die Sprache bunt.

Genre: Erinnerungsbrösel

Neue Themen

Die hohe Jury hat getagt und endlich den Beschluß gefaßt: fĂŒr die nĂ€chste Inskriptionen-Ära laden wir euch ein, zu Themen, die die dĂ€nische Dichterin Inger Christensen inspiriert hat, eure BeitrĂ€ge zu ordnen. Zur Auswahl standen Kategorien aus der Modewelt und aus der Welt der Mathematik/Geometrie – die jedoch nicht das Rennen gemacht haben… In ihrem berĂŒhmten Sonettenkranz “Schmetterlingstal” und ihren Essays hat Inger Christensen zahlreiche peotologische Begriffe kombiniert, die ein erkenntnistheoretisches Interesse andeuten: Mysterium der RealitĂ€ten, Schatten der Wahrheit usw. Wir haben einige dieser Genitive aufgegriffen und mit Hilfe der Wortschöpfungskraft der deutschen Sprache zu zusammengesetzen Substantiven montiert, damit ihr beim Schreiben etwas Spielzeug habt …

Die neuen Kategorien Inskript 9

Genre: RealitÀtsschatten

Tiere

“Es gibt ein Instinktverhalten, aber keinen Fortpflanzungstrieb. Dass daraus Nachkommen entstehen, ist bei Tieren nicht gewollt.” Auf dem lockeren Boden hinterblieben die AbdrĂŒcke ihrer Schuhe. “Es ist den Tieren unbekannt, Eduard. Wollen oder nicht wollen setzt das Bekanntsein der Konsequenzen eines Verhaltens voraus. Gib deine Schönheit immer hin. Kein Tier ist dazu in der Lage.” “Mein Lieber, du bist hoffĂ€rtig. Die IntentionalitĂ€t ist auch bei Tieren vorhanden. Ohne Rechnen und Reden. Überhaupt – wenn auch in reduzierter Form – bei jedem Wesen mit einem Gehirn. Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb.” Eduard trat auf eine Nacktschnecke.

Warum redeten die beiden ĂŒber Tiere? Warum verschafften sie sich NĂ€he zu ihr, obwohl sie doch aneinander genug hatten, wie Katzen um einen besonders gehaltvollen Brei schlichen sie um Esther herum und rieben sich das Fell an ihr, bis die Funken stoben. Sie fĂŒhlte den Wind von einem großen Blatt. Dabei hoffte sie im Stillen, es möge der Glanz von einer neuen Seite sein.

 

Genre: GemĂŒtstiefe

GlĂŒcksschmied

Von den SchlÀgern
war nichts mehr zu sehen, als die
Polizei kam, nur der Obdachlose
in seinem Blut, das herumliegenden
Papptellern eine curryÀhnliche FÀrbung
verschaffte, hÀtte aussagen können,
wie er zu Tode kam.

Das Regionalblatt von A.
druckte angesichts der Sensation in einem
gediegenen Ostseebad das gerichtliche
EingestÀndnis eines der TÀter, dabeigewesen
zu sein, als er und seine Kumpel
dem Schlafenden so lange auf den Kopf sprangen,
bis sein hÀssliches Stöhnen verstummte.

Er bedaure die Tat, sagte er, aber
dieses arbeitsscheue StĂŒck Mist ruhte
sich aus, wÀhrend er und seine besten Freunde
rackern mussten, bis ihnen der Schweiß
aus den Poren rann. Und schließlich,
fĂŒgte er ĂŒberzeugt hinzu, sei bekanntlich
jeder seines GlĂŒckes Schmied.

Genre: RealitÀtsschatten

pilgerwege

aus dem fels breche ich blumen
brechen tauben aus deinen augen
spiegeln sich straßen in den klĂŒften des himalaya
gewohnheitsmĂ€ĂŸig schauen wir himmel
lassen monde unser haar streifen
und halten höllen in unseren hÀnden
steine hÀufen wir zu grÀbern auf
und am mittag knien wir vor erinnerungen nieder
die gebrochenen blumen tausche ich gegen silberlinge ein
und die tauben gegen gold
in deine augen streut der wind
sand aus heiligen lÀndern

Genre: Trauersymmetrie

Die Theorie von der richtigen Kleidung: HĂŒgo Böss: FĂŒllet…

Wie lange war Venus bewohnbar. Fast zwei Milliarden Jahre. Genug Zeit fĂŒr eine Zivilisation. Heute sagen wir, sie war von Anbeginn zu nah an der Sonne. Wir haben einen Mond, wir sind das Gleichgewicht, Venus der Borderline-Case, die galoppierende Schwindsucht.  Doch unsere Perspektive muss aus Venussicht falsch sein. Ihre Geschichte ist eine andere. Wir befinden uns im Niedergang. Um uns herum ein heißes, bernsteinfarbenes Licht.

Eduard trank einen Schluck Mineralwasser und setzte sich. Seine Knie zitterten. Er wusste, das Spiel war verloren. Und langsam penetrierte ihn die Ahnung, dass dem Aufbau der Veranstaltung die Absicht zu Grunde lag, ihn durch gespieltes UnverstĂ€ndnis, durch gezielte GleichgĂŒltigkeit an den empfindlichsten Stellen in die Unbedeutsamkeit zu treiben. Er musste die Veranstaltung elegant abbrechen. Beginne mit der Theorie von der richtigen Kleidung. Er wĂŒrde seinen Leibschneider fĂŒr die Kunst, die Form zu wahren, umarmen.

Nichts ist besser als ein schales Etwas. Eduard stand da, ein Causeur in langen Hosen, Haare knapp bis ĂŒber die Ohren. Die Jacke, ein changierendes LaubfroschgrĂŒn, war aus Rollstoff von HĂŒgo Böss. Eduard dachte an schwarze Gehröcke, an ockergelbe Jacken mit  eingenĂ€hten Schulterpolstern. Die Leute wussten, dass er der Dozent war. Und sie wussten, mit wem er sich, dem LĂŒstprinzip folgend, zusammengetan hatte. SĂŒĂŸ und fett lag der erwartete Erfolg auf seiner Zunge.

Es wurde Nacht. Eduard war die gepflegte Langeweile. Sie begann fĂŒr ihn mit schwulem Rosa. Er genoss es, als sie zur Trance wurde. Die Farbe deutete auf Hochwertiges hin. Eduard lag bequem unter seinem mit Blumen bestickten Plumeau, das alles in seinem Zimmer noch schwuler schimmern ließ. Und leere Luft fĂŒllte den Raum. FĂŒllet den Raum. FĂŒllet
 Die Hörenden erwachten zu neuem Leben. Zu einem Leben, in dem sie mit den HĂ€nden fuchtelten, Zwischenrufe starteten. Die Leute sollen sich Ă€rgern. Nicht zuletzt brachte die Erhitzung der GemĂŒter, die Spaltung der Denkweisen und GefĂŒhle, die Kontroverse das Blut zum Kochen.

Genre: RealitÀtsschatten

Ein Telefon namens Nutella

fĂŒr GesprĂ€che mit dem Liebsten
Fahrplan-Auskunft, Orientierung im GelÀnde
auf der Suche nach dem Polarstern
Großer BĂ€r im Taschenformat
brummt unaufdringlich
aber nachhaltig – alle Helfer
beisammen fĂŒr den langen
langen Weg in die WĂŒste
ĂŒbers Meer, das Große Geheul
könnte nicht unaufdringlicher
dringlich durchdringender
sein – X-ray for X-mas
Allen Ginsberg
hÀtte daran seine Freude
fĂŒr uns alle die
wahre Freude finden können

Alle Helfer beisammen fĂŒr
den Weg durch die
Institutionen
Perforationen
eines lang andauernden
GelÀchters, Gelichter
vom anderen Ende des Universums
mit uns eintrÀchtig
versammelt im Ladungs
verteilungsplan des
elektronischen Ge
dÀchtnisses & die Sehnsucht
nach dem Nullniveau

Genre: Erinnerungsbrösel

Pfuuuuh!

Im Kaffee Kleist: Kakao, mit Haut bitte. Die Haut von elefantener Beschaffenheit. Der MonokeltrĂ€ger schiebt einen Gummisaurier auf den Tisch, der von Ms. Pistole bewundert werden soll. Er ist etwas dickbĂ€uchig, der Saurier, und verfĂŒgt ĂŒber einen grĂŒnen Kamm am RĂŒcken. Das Tier ist von Rossmann, aus der Badeabteilung, das ahnt Ms. Pistole. Und reife Herren haben Spieltrieb, dem Gummisaurier wird auf den rosafarbenen Bauch oberhalb der kurzen Beine gedrĂŒckt. Pfuuuuh! Mit “TĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒhhh” geht die Luft wieder rein und das Gummi blĂ€ht sich zurĂŒck in seine angestammte Position. Wenn jetzt nicht Winter wĂ€re, denkt Ms. Pistole, ich glaube, ich hĂ€tte einen Sonnenstich. Zum Wohl. Sie hebt das Glas, in dem roter Wein zu Boden liegt. Sie hebt, hebt es – und prostet dem MonokeltrĂ€ger zu. Gut, dass ich heute pĂŒnktlich war, doch beim nĂ€chsten Mal werde ich - falls es in der Region zwischen Venus und Mars, und vielleicht auch im interstellaren Raum -  zum Wohl!

Genre: Wortmysterien

Eisheilige

Mein zerzaustes GedÀchtnis
sammelt die BruchstĂŒcke von Jahren,
ein Ziehen im Herzen, nichts weiter.
Was auch geschehen, das Große, das Kleine,
die Spuren verwischen sich.

Auch dieses
wolkenverhangene Pfingsten
ist morgen von gestern. Pfingsten? Ach,
was ist das, keine drei RathaushÀhne
knarren danach.

Nichts Neues, immer
das Alte, wer erinnert sich noch, alles
kommt wieder, auch die alten Gestalten,
das frische Blut in mitleidlos
verzerrten Gesichtern.

Und wenn du mir sagst,
der Frost wird irgendwann gehen,
ich glaube es dir, schlurfen wir Eisheiligen
doch in Pantoffeln durchs Dasein
und erfrieren an uns.

Genre: RealitÀtsschatten

Roman : Poetik : Verfahren (1) _ Verdopplung

In der Nacht vor Ostern schrieb ich keinen Roman. Weil das Licht nicht hatte kommen wollen. Die Bewegung der Teilchen war auf 3 K stehengeblieben, ewiger Hintergrund, Erinnerung an den Anfang, da nichts aber auch gar nichts anfing. Das Nichtanfangen hat seine eigene Logik. Man kennt die in RegalfĂ€chern verstreuten Texte und Fragmente von Texten. Man kennt die Richtungen aller SĂ€tze, jeder sein eigener Anfang, und das Ende wie immer – absehbar. Man muss einen Punkt machen an diesem Abend. Die Glocken werden um Mitternacht zu lĂ€uten beginnen, keine Macht dieser Welt vermag dieses Zeichen ungeschehen zu machen. Es geschieht. Selbst das Nichts geschieht. Er wird diesen Klang nicht wahrnehmen können am Grunde des BehĂ€lters, darin er gebettet liegt. Niemand wird ihn vermissen. Nicht einmal seine eigenen Erinnerungen werden ihn als den erkennen, der er einmal war. Er wird nicht pĂŒnktlich sein, die hier sedimentierten Isotope wissen nichts mehr von ihrer Halbwertszeit. Er wird in der Kiste liegenbleiben, schwache Kontur im unwillkĂŒrlichen Aufblitzen der Teilchenpaare, von emittierten Gammaquanten aufgestört und erste Bremse ihrer Bewegung, er wird spontan beschleunigt werden bis an den Rand eines höheren Niveaus und erdulden, dass es wieder nicht gereicht haben wird mit der endlichen Energie, Sein einzig als Nichtsein. Er wird mit dem Rest an Vollkommenheit alle ihm gebotenen Möglichkeiten verschließen, wird die mögliche Nichtmöglichkeit mit einem stĂ€rkeren Widerstand versehen und die entstehende Apparatur im Innern des Raums verbergen vor dem Wirken der Zeit. Und Energie, Paradox beschrĂ€nkter Ganzheit. Wenn die Ganzheit zu jener GĂ€nze gekommen sein wird, ĂŒber die hinaus GĂ€nzeres zu denken unmöglich ist, wird er eine weitere Ganzheit mit der Unmöglichkeit assoziieren und auf diesem Wege die Notwendigkeit des Scheiterns erweisen. Er hat Vorrat, unmögliche Möglichkeiten und nicht getane Taten. Er wird allem Tun sein Nichttun entgegensetzen.

Genre: Trauersymmetrie

Die Welt nach Durchqueren der Pforte zur Ewigkeit

Alles ist durchsichtig geworden.
Alles ist durchsichtig geworden.
Eine Grenze durchzieht den Blick,
die ist nicht mehr nur
OberflÀche von Dingen.

Wer bin ich? Was tust du?
Wem können wir unsere Fragen
stellen, wenn nichts mehr
seine OberflÀche
zeigt?

Zeig mir – Sag mir – BerĂŒhr‘ mich:
möchte ich dich bitten,
doch ich bitte dich
nicht.

Warum?

Alles ist durchsichtig geworden,
die Kraft
sich etwas zu wĂŒnschen
ist nur noch ein Etwas, nicht
der ErwÀhnung wert.

Warum erwÀhne ich
das ĂŒberhaupt?
Haben diese Worte hier
ĂŒberhaupt noch eine Kraft?

Warum sollten sie Kraft haben,
reicht es fĂŒr sie nicht
sinnvoll zu sein?
Nein.

Warum? Warum?

Unter der OberflÀche
Ist das Unsichtbare, das nichts
aber auch gar nichts mit mir
zu tun hat.
Unter der OberflÀche
sieht alles seltsam verzerrt aus,
man möchte glatt
aufhören zu atmen.

Möchte ich dich bitten

Deine Antwort greift ein in
meinen Zyklus
meinen Rhythmus – deine
Antwort bin ich
und nicht ich.
Nicht mehr

Genre: Wortmysterien

Was von der Rose blieb

Nicht meine Schuld,
dass die Schönheit lackierten Larven
gewichen, dem willigen Leugnen –
wer klug, schweigt sich aus der Welt,
hinter die Wand der Wörter.

Lichtlos gehen die Tage,
das kostbare gute Wort in der Schleuder
des Schlussverkaufs, und die Grimasse
jedes lÀchelnden Menschen
hat ihren Preis.

Wie sie wiederfinden
in dieser Welt zertretener Seelen,
jene Schönheit des Wirklichen, ohne die
selbst die prachtvollste Rose
zum Scheusal wird.

Genre: RealitÀtsschatten

Closed Chamber

Weder Medizin noch kĂŒnstliche Nahrung. FĂŒchse, die Sie aus dem GebĂŒsch gelockt haben. Denen Sie den Ă€ngstlich gestrĂ€ubten Schweif bei lebendigem Leib abgerissen und sich um den Hals gelegt haben.

Ein leichter Schwindel befiel sie und sie drĂŒckte eine Tablette aus der Verpackung, die ihr der Arzt zum Trost, eine Probepackung, die können Sie mitnehmen, in die HandflĂ€che gelegt hatte. Sie bat um ein Glas Wasser, das ihr sofort gebracht wurde und schluckte die Tablette, ohne sie zu zerteilen. Als sie die TĂŒr des Sprechzimmers öffnete, erblickte sie ein weiteres Zimmer, ein fremdes, das Zimmer musste mehrere TĂŒren haben, es war kein Krankenzimmer, ein Besucherraum vielleicht, er war hell und freundlich, nicht abgedunkelt, Esther erkannte pelzige VorhĂ€nge, die glimmenden Reste von Wintersonne und halb geschmolzenem Schnee, neben der TĂŒr eine fleischfarben gestrichene Kommode mit einer Vase goldener Osterglocken darauf. Als ob es nun am Ende der Weihnachtstage schon auf das FrĂŒhjahr ginge. Sie sah Tante Viola und Onkel Albert an einem runden Tisch sitzen und miteinander flĂŒstern. Sie hörte Eduards Stimme und Mirandas heiseres Lachen, ob man hier auf sie gewartet hĂ€tte. Miranda, die, zu Onkel und Tante gewandt sagte, kommt, wir gehen ein wenig Lustwandeln. Esther stand an der Kommode, in ihrem alten, schĂŒchtern-vornehmen Gewand. Doch gerade der Schatten, den ihr Körper, den letzten Sonnenflecken gegenĂŒberstehend, auf die gelblich gestrichene Wand warf, war die letzte, die tiefste Nuance Schwarz.

 

Genre: RealitÀtsschatten

***

Er war ein Dandy, der Extravaganzen schĂ€tzte, die er sich gar nicht leisten durfte: Debussy verdiente schlecht, Publikum und Kritiker waren ihm kaum gewogen, er selbst zweifelte an seinen FĂ€higkeiten und klagte 1893 in einem Brief: “Da bin ich nun 31 und meiner Ästhetik gar nicht sicher. Noch immer gibt es Dinge, die ich nicht fĂ€hig bin zu tun — zum Beispiel Meisterwerke zu erschaffen.”

Genre: Erinnerungsbrösel

die achte

Inskriptionen_8_im_Entstehen wb
Die achte Ausgabe der Inskriptionen ist am Entstehen: hier beim Zuordnen der Textauswahl in die kĂŒnftigen Kapitel…

Genre: Trauersymmetrie