promenades des faunes

mit hingabe an die nacht
zĂ€hle ich mĂŒnzen
schlafen im schatten der platanen seidene papillen
auf einem see der ruhe
treiben schweigend die flĂŒgelschlĂ€ge von nebelfaltern
dahin
zittern deine lippen in den wogenden bewegungen von wörtern
atemberĂŒhrungen von streulicht
fĂŒr einen schreck eine sekunde
tasten fingerkuppen zeile fĂŒr zeile
die blindenschriften der liebe
4 7 21 silberlinge hÀufe ich zu stelen
zittert jetzt deine stimme

wir schwimmen mit den fischen
sanliurfa
trinken das heilige wasser
sanliurfa
befehlen ibrahim zu bleiben
zu nehmen die magd zur zweitfrau
sanliurfa
sarah kann bleiben

hall stadt
besuchte ich
das beinhaus
lagen nicht nur bein an bein
auch arm an arm
schÀdel an schÀdel schulter an schulter
rumpf an rumpf und die fĂŒĂŸe
beieinander wie liebende
nach dem letzten kuss in der nacht
schliefen im gletscherbett die plÀtten
unter dem salz
behĂŒtete sie dach stein
legte sich nebel zwischen die leiber

in die traurigkeit flĂŒstern sie flĂŒssigen safran
mit erde vermischt bildet er dein mahl
sag den trotzigen kindern etwas von liebe

grenadierplatz
ist die wohnung des bÀckers voller brot
wollen seine kinder kommen
ist die frau tot
liegt sie aufgebahrt in der stube
bleibt der laden heute geschlossen
trÀgt der nussbaum im garten dieses jahr reich
flackert das fernsehbild
fÀhrt ein auto vor

ist wieder niemand gekommen

Genre: Erinnerungsbrösel

medeal

fĂŒr Bela und ihre ApfelbĂ€ume

aus dem kaukasus kamen deine vorfahren
unbekannte gegenden mit wilden tieren
und menschen mit harten brÀuchen
vom schwarzen meer kamst du
folgtest einem elenden verfĂŒhrer
halfst ihm stehlen und rauben
wurdest durch ihn zur mörderin
[wollten uns seine nachfahren mit einer anderen weismachen]
fallen ließ er dich
du erhieltest keinen dank
ach hĂ€ttest du das goldene widderfell fĂŒr dich behalten
es versteckt in deines großvaters haus
im entlegenen gebirgsstall
gleich hinter der passhöhe unter den gletschern
wo nur die ziegenherden und hirten den weg kennen
wo die krummhörner mit dem wind um die wette blasen
wo die mĂ€dchen scheu aus den fenstern der hĂŒtten lugen
wenn ein fremder prinz vorĂŒber reitet
auf der suche nach einem alten geheimnis
wo die dichterin die felsen besingt
den fluss das meer in den der fluss fließt
die fische die nicht zurĂŒckkehren
wenn sie den silbernen wal getroffen haben
mit seinem mondmund
der so groß und schön ist wie der himmel
ĂŒber der dachluke der felsenburg
in einem bunten kaftan könntest du liegen
im frĂŒhsommer unter einer linde
dein geliebter kĂŒsste dir den honig vom leib
das blut der kirschen mischte sich mit deinem
ach hĂ€ttest du dem elenden verfĂŒhrer
die doppelklinge der bergbewohner ins herz gestoßen
das schwarze meer wÀre noch dunkler geworden von seinem blut
[doch kein dichter hĂ€tte dich dafĂŒr besungen]

Genre: Erinnerungsbrösel

gesang dreizehn

die mohntage waren mir die liebsten
wenn der schlaf die wunden bedeckte
und deine lider taumelten durch die nacht
zwei drei kriege lang ging das schon so
oder auch mehr
deine finger ertasteten die durchlÀssige zeit
und wenn ein hund sie leckte
schmeckten sie nach verrat und tod

sirenen sangen um zu vernichten
die umhertreibenden und getriebenen
schiffbrĂŒchige in geist und seele
ließ sich der held an den mast binden
um zu hören die weisheit von der vergÀnglichkeit
trieb es ihn heim zu frau sohn und vater
den mÀchtigen gott des meeres hatte er zum feind
und nur eine steinkÀuzin zum schutz

du aber wÀhltest die gesÀnge von faltern
ihre flĂŒgel streiften haar schultern hals
den du einzogst hinter dem sternum
sahst du der herbst machte kein geschrei
ob des gemetzels
als der held sich den freiern der gattin zu erkennen gab
schwiegen die sirenen wie die götter
trankst du vom mohn
und sangst um die wette mit faltern

Genre: Erinnerungsbrösel

Liebe – VersatzstĂŒcke

Liebe atmet: Ein. Aus. FĂŒllen. Leeren.
Ein ungutes GefĂŒhl und der kalte Luftzug des Misstrauens bahnt sich seinen Weg, bis er auf die Liebe trifft, das nebulöse Etwas, das das Herz umhĂŒllt. Kalte und warme Luftmassen. Inga denkt an die Lehrbuchseite: Ein dicker blauer Keil schiebt sich unter ein rotes Feld, drĂŒckt es nach oben. Wohin? Raus, weg. Übrig bleibt der blaue Keil voller KĂ€lte. Er legt sich um die Nieren, bohrt sich in Ingas Lunge, umklammert ihr Herz.

FĂŒr einen kurzen Moment könnte Inga den physikalischen Prozess, der dann folgt, anhalten, ihn verhindern. Doch warum sollte Inga das tun? Sie hat keine Angst vor der kĂŒnftigen Leere. Sie hat eine WĂ€rmflasche, einen Teepott, BĂŒcher. Es wird sein wie immer: Es schmerzt weniger am Tag, dafĂŒr mehr am frĂŒhen Abend. Die Augen werden brennen, weil sie trocken sind vom langen Starren. Inga weint nicht, Inga starrt. Sie wird im Bett sitzen und die ziegelrote Wand ihr gegenĂŒber anstarren. Auch wenn sie es vermeiden wird, in den Lichtkegel der Lampe zu blicken, die auf der Kommode vor der ziegelroten Wand steht, so werden sich ihre Umrisse in Ingas Netzhaut einfrĂ€sen. Und wenn Inga den Schmerz des frĂŒhen Abends tief wegatmet, vor Erschöpfung steif zur Seite fĂ€llt und erleichtert die brennenden Augen schließt, bedecken ihre Lider den eingefrĂ€sten weißen Punkt. Dieser Punkt wird sie tröstlich durch die Nacht begleiten.

Am Morgen wird Inga froh sein, allein in der KĂŒche zu sitzen und den Tag wieder nach ihrem Rhythmus leben zu können. Es wird sich diesmal jedoch nicht vermeiden lassen, dem Schmerz zu begegnen, der zwei HauseingĂ€nge weiter wohnt. Wie jeden Morgen werden sie sich entgegenkommen, sie auf dem Weg zum Bus, er mit dem Rad und einem Kaffeebecher balancierend auf dem schmalen Gehsteig. Sie ahnt seinen schlanken Körper, sie riecht den Schmerz, der auf sie zukommt. Sie spĂŒrt seine WĂ€rme, streift unmerklich seinen Arm im Vorbeigehen, aber sie sieht ihn nicht. Starrt durch den Schmerz hindurch, lĂ€uft an ihm vorbei. Inga lehnt sich an die Hauswand. Einatmen, ausatmen. FĂŒllen, leeren. Sie streicht mit dem Finger vorsichtig am unteren Augenlid bis zur Nasenwurzel, schaut sich die schwarzgefĂ€rbten Rillen auf der Fingerkuppe an.

Der Verlust ihrer Liebe macht Inga stimmlos. Inga und ihre eigenartigen Krankheiten:
Als die Eltern anfingen, bald tĂ€glich zu streiten, als ihre Mutter mit Sonnenbrille auch in der Wohnung rumlief (sie hĂ€tte eine BindehautentzĂŒndung), als der Vater immer hĂ€ufiger eigenartig roch (er hĂ€tte zuviel Kaffee getrunken, daher rieche er so sĂ€uerlich), legte sich ein Stromnetz um Ingas Herz und gab ihr ab und zu einen heftigen Schlag, so dass sie zu Boden ging und ihre MĂ€dchenbrust mit der Faust fest umschloß. Ihr Atem wurde ganz flach, so dass Inga letztlich nur noch ausatmete. Lass. Los.

Als ihre erste Liebe erlosch, konnte Inga nicht mehr schlucken.
Als ihre zweite Liebe erlosch, wurde Inga stimmlos.

Inga weint nicht. Inga spricht nicht. Sie starrt. Sie verstummt. Ihre Augen brennen vor Trockenheit. Ihre Lippen liegen fest aufeinander. Es kostet Inga aber keine Anstrengung, das Gesicht bleibt glatt, der Kiefer ist entspannt, die Zunge liegt in der feuchten Mulde zwischen den unteren ZĂ€hnen, vom Mund verschlossen. Inga sitzt im Bett, starrt die ziegelrote Wand gegenĂŒber an und wundert sich: Als die Liebe sie wie ein warmer Luftstrom ausfĂŒllte, strömte sie gleichzeitig heraus und herein. Nun, wo das kalte Misstrauen sich breit gemacht und die Liebe verdrĂ€ngt hat, verschließt Inga ihre Lippen. Kalt schneidet sich die Luft durch ihre Nase, warm fließt es durch sie heraus. Sollte Inga nicht besser die Lippen öffnen, den Kiefer weiten und die ganze Luft in ihr herausschreien? Sie hat es versucht, ein stummer Schrei, es brannte in der Lunge. Schnell schloß Inga die Lippen, plinkerte am weißen Lichtkegel der Lampe vorbei die ziegelrote Wand an, zog die Decke ĂŒber die Schultern und ließ sich erschöpft zur Seite fallen.

Genre: Trauersymmetrie

9. November

Wendepunkt in meinem Leben. Sachen gepackt, Stadt verlassen, Heimat gesucht. Und gefunden. Bis heute ein bitteres GefĂŒhl: damals um bald zwei Jahrzehnte betrogen. Einmal im Jahr sehe ich meine alten Eltern, wie sie sich immer enger aneinanderlehnen, um nicht auseinanderzufallen. Vier Jahrzehnte Leben damals. Drei Jahrzehnte nun. VerstĂ€ndnislosigkeit, auf beiden Seiten.

Genre: Erinnerungsbrösel

Figurenlexikon-Killer

“… der Tratsch – kein Kenntnisgewinn – heute Nobelpreis, morgen kein Stuhlgang, ĂŒbermorgen Nazis an der Macht – und dann wieder Schreibblockade. … Ein ekelhaftes Machwerk darĂŒber, wie geil der Krieg und der Kaiser sind. …  ParfĂŒmierte, wortreiche, handlungsarme Ideenromane, die deshalb von den Leuten geliebt werden, weil er genau so ein Heuchler war wie sie selbst. Ein Scheindemokrat und ein Closetschwuler.” (Maxim Biller)

Genre: Rezensionen

Youth of Today (Flucht und Wiederkehr XXVII)

Schweine suhlen sich im Schlammbad, sie grunzen laut, rempeln und beißen, werden mit AbfĂ€llen gemĂ€stet und schließlich geschlachtet. Der Schweinebraten auf meinem Brötchen schmeckt heute ungewöhlich saftig, was wohl eher der Butter, denn der QualitĂ€t des Fleisches zuzuschreiben ist.

In der U-Bahn, die aus der Innenstadt kommend Richtung Langenhorn fĂ€hrt, sitzen zwei Jungen, denen dieser Genuß bisher wohl verwehrt blieb. Ihr aufgeregtes GesprĂ€ch thematisiert, dass sie 12 und 13 Jahre alt sind. Einer von ihnen heißt Mo und der andere Mu. Sie tauschen sich in einer altersĂŒblichen, ungefĂ€hr fĂŒnf Satzbauteile umfassenden Sprache mit einem sch-lastigen, Zweit- oder Drittgenerationsakzent aus. Jenseits von ununterbrochenen, gegenseitigen DrohscherzgebĂ€rden sind ihre Themen der Deutschlehrer, der den Eltern von ihrem RumhĂ€ngen berichtet hat, Boxtraining (“Diesmal aba auf Kopf, isch schwör!”) und Musik. Hier zĂ€hlt fĂŒr sie insbesonders, welches Lied schon 35 Millionen Aufrufe erreicht hat, um dessen Signifikanz nachzuweisen und am Abglanz ein klein wenig teilzuhaben. Sie reden laut, sehr laut, da ihre Kopfhöhrer, die die Umgebung  mit der disputierten Retortendancemusik unangenehm passivbeschallen, die Kommunikation untereinander ziemlich erschweren.

Die deutliche, allzudeutliche mundwinkelverzogene Ignoranz im Sinne eines unendlich lauten Schweigens der sie Umgebenden ihnen gegenĂŒber löst keine sichtbare Reaktion aus – spĂŒren sie wirklich nicht, wie die Mitmenschen im gefĂŒllten Waggon sie wahrnehmen und, wie sie zurecht vermuten dĂŒrften, angewidert gewĂ€hren lassen?

Wenn doch, dann lassen sie es sich in keiner Weise anmerken, sie mĂŒssen verdammt gute Schauspieler sein und latent nur darauf warten, dass jemand die Geduld verliert und sie anspricht, um sie so noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen. So oder so, ihr den ErtrĂ€glichkeitskodex öffentlicher Verkersmittel brechendes Verhalten verleiht ihren nach Zuspruch lechzenden Egos in Kombination mit Undercutfrisuren und TrainingsanzĂŒgen eine teerige Ersatzsubstanz zu psychosozialem Anpassungsdruck.

WĂ€hrend meine Gedanken die Mos und Mus dieser Erde reflektieren und den ihnen gemeinen, die soziale Entkoppelung kaschierenden Kit – mit nationalistischen und religiösen ZusĂ€tzen versehener, kapitalistischer Kulturfastfood – kommt mir in den Sinn, wie sehr sie sich gleichen, von Hamburg bis Wien, Marseille bis Manchester und Atlanta bis Guadalajara. So indokritniert wie sie sind, brauchen sie, bereit sich die Köpfe einzuschlagen, kein Sparring mehr, um nach althergebrachtem, spartanischen Ritus ihren Platz in der Gesellschaft zu erkĂ€mpfen. Nichts, verinnerlichten sie, wird geschenkt, alles muss verdient werden; Rechte, welche Rechte? Dog-matismus, Hunde wir, alles Hunde.

Und Hypokriten. Als ich jung war, habe ich manchmal die Beine auf Sitze gelegt und auf meinem Diskman laute Rockmusik gehört. Ende der Neunziger rauchte meine Clique spĂ€tnachts in einem fast leeren Waggon weit hinten einen Joint und (unsere nach Zuspruch lechzenden Egos) hofften, die Mittvierziger am anderen Ende wĂŒrden zu uns rĂŒberkommen und um einen Zug bitten, so viel zum “ErtrĂ€glichkeitskodex öffentlicher Verkehrsmittel”, naja, in einem gefĂŒllten Abteil hĂ€tten wir das wohl nicht durchgezogen. Damals wollte ich ein Hippie sein, da ich dafĂŒr aber ĂŒber dreizig Jahre zu spĂ€t geboren war und da kognitive Dissonanz keines meiner Talente darstellt, konnte ich die Erkenntnisse der Folgezeit nicht aus meinem Denken ausblenden – was mich dieser Tage zu einem relativ schlechten Alternativen (in Deutschland) macht – und eine gleichgeschal…gepolte Interaktion mit der heutigen, urbanen Szene erschwert.

Da ich zudem des traditionellen Lamentierens der Alten ĂŒber die Jungen gewahr bin – der Titel dieses Textes ist im Übrigen ein wunderbares MusikstĂŒck (allerdings ohne 35 Millionen Aufrufe – ebenso wie dieses andere StĂŒck der selben Band, dessen Schlussminuten genau das erkennen lassen, was m.E. fehlt)-, versuche ich jenseits eines kaum vermeidbaren, zynischen Subtextes die Frage zu stellen, ob Verrohung und die mehr oder weniger unbewußte Reaktion darauf nicht vielleicht nur subjektiv zunimmt.

Der Vergleich meiner Jugend mit der von Mo und Mu ist natĂŒrlich nicht mehr als intuitiv, Geschichte mag sich reimen, aber sie wiederholt sich nicht. Was mich wirklich stört, ist einerseits das von Mo und Mu unartikulierbare GefĂŒhl von Ohnmacht der Gesellschaft und der eigenen, fragilen Substanz gegenĂŒber und anderseits das Unvermögen von mir, in der Lebenswelt von Mo und Mu etwas zu entdecken, woraus ich die Hoffnung auf eine glĂŒcklichere Zukunft ableiten kann.

Mir scheint, es ist keine BrĂŒcke möglich. Meine Rebellion bediente sich der Symbole der idolisierten VorgĂ€nger, es bestand eine gewisse KontinuitĂ€t des Aufbegehrens – Jazz, Rock der 50er, die psychedelischen 60er, der progressive Sound der 70er, Funk, Reggae, sogar Hardrock der 80er und Grunge der frĂŒhen 90er hatten alle eine gemeinsame, mit den VorgĂ€ngern kompatible Hintergrundschwingung.

Dann, als wĂ€re sie ein Echo des zusehends neoliberaleren Zeitgeistes, setzte mit der Technobewegung und Statussymbolhiphop der Bruch ein und wurde durch die austauschbare Dancemusik der Millenials verstĂ€rkt, Mo und Mu sind die Kinder dieser Epoche, die mich krank machte. Ich schreibe bewußt ‘machte’, nicht ‘macht’, denn das ist seit zehn Jahren vorbei.

Als sie jedoch Mitte der Nullerjahre geboren wurden, fĂŒhlte ich mich mehr und mehr entfremdet, spĂŒrte, dass die Zeit, nach der ich mich immer gesehnt hatte nicht wiederkommen wĂŒrde, dass ich schrecklich einsam am Rand der Geschichte strandete. Ich versank fĂŒr zwei, drei Jahre in Depressionen, bevor es einer ebenfalls aus der Zeit gefallenen Frau gelang mein Herz aus dem Sumpf zu ziehen. Interessanterweise setzte um diese Zeit die Neo-Psychedelic-Welle ein und verband, scheint es, Teile der Generationen musikalisch wieder etwas.

Nur Mo und Mu erreichte deren Gischt nie, und nun ist es heutzutage so, dass ich Mo und Mu wie durch leichtes Milchglas wahrnehme, sie sitzen mir gegenĂŒber und ich bin durchaus fĂ€hig Empathie zu empfinden, doch steht etwas zwischen ihnen und mir, das unĂŒberwindbar ist – eine aufgrund der fehlenden, gemeinsamen, kulturellen ErzĂ€hlung unvernarbte Kluft. Sie können mich sehen, aber erkennen mich nicht, sie können mich hören, doch verstehen nicht, woraus ich schöpfe, worauf ich mich beziehe.

Auf meiner Seite hingegen herrscht die abgeschmackte Vermessenheit vor, ihr scheinbar oberflĂ€chliches Dasein zu durchschauen, durch die vermeintlich seichten PfĂŒtzen ihrer Antriebe navigieren zu können. Wie falsch ich damit liege, ist mir nur allzu bewußt, denn was weiss ich von ihrer kranken Tante, von ihren liebevollen Familienritualen, von ihrer leisen Art am Abend? In Wahrheit ist der Anfang des Textes nichts als eine polemische FingerĂŒbung, oder, nach Juvenal: „da fĂ€llt es schwer, keine Satire zu schreiben“. Nein, Verachtung und Ignoranz, die wohl hĂ€ufigste erste Reaktion der meisten Mitmenschen auf die Begegnungen mit den Mos und Mus dieser Welt, stellen ebenso wie Mitleid keine Lösung dar.
Was tun?

Liebes Publikum, los, gib dir selbst nen Schuss,
du stehst doch auch enttÀuscht und siehst betroffen
den Vorwand da und alle MĂŒnder offen.

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten, Trauersymmetrie

Suche / Herbst

Dem Land steigt Dunst
aus allen Poren,
und auf die Stimme legt sich
Herbst.

Heute ist kein Tag
fĂŒr Schnee
und Leoparden in den Blicken.

Ich schlinge dir
die letzten Worte
um den Hals
und lehne mich an Felsen.

Vielleicht liegt dort
auf deinem Mantel
dieser eine Satz.

Genre: RealitÀtsschatten, Wortmysterien

aufgehoben im Aufbruch

am Ende des Wartens die Taube
GroßstĂ€dterin im Tiefflug
unendliche Schattierungen von Grau
nervöse Tristesse

Kinder und Einsame fĂŒttern
den Widerspruch zur Aufrichtung
aufgehoben im Aufbruch
der Wartenden, jetzt

Genre: RealitÀtsschatten

Syrakus

Auf Sumpf gebaut : vom Meer umspĂŒlt
Sicher nach drei Seiten : die Wellen
TĂ€nzeln um die Mauern : wir schweben

Lautlos zwischen den Fischen
Bewundern die Geometrie : die konvexe
Schönheit der Farben : den Hebel

Haben auch wir nicht gefunden
Um die Welt aus den Angeln
Zu heben : nur unser Gewicht

Wird spĂŒrbar leichter : Auftrieb
Im Salzwasser : das hat Archimedes
Nicht bedacht : ungestört im Kreis

Drehen wir uns und schließen
Die Augen : wenn der Bus
Auf einer Tangente die Vororte

Kreuzt : wÀhrend das Sonnenrad
Dreibeinig ĂŒbers Meer rennt
Und es in Brand setzt

Genre: Trauersymmetrie

Ziegenbock

Warum, in aller Welt, ich so selten ĂŒber die Konzepte, die ich entwickelte, sprach - und mich danach nicht bei denen, die sie umsetzten, bedankte, weiß ich nicht. Sprechen fiel mir im Allgemeinen eher schwer. Ich musste also lernen, mich anders bemerkbar zu machen. Ich riss frĂŒh morgens das Fenster meines Zimmers auf, das im ersten Stock lag, der erste Stock war der gepflegteste im gesamten Haus, es schimmelte nicht in den Ecken, es gammelte nicht im Bad, man konnte sich die ZĂ€hne reinigen, ohne Angst haben zu mĂŒssen, dass das Zahnfleisch zurĂŒck geht. Onkel Albert musste das. Tante Viola hatte dieses Promenaden-Gebiss, das sie jedem zeigte in ihrer kĂŒnstlichen Fröhlichkeit, dass auch bei ihr das Zahnfleisch zurĂŒck ging, sah nur ich, wenn sie mir Befehle austeilte, geh nicht in der frischen Luft, das bekommt dir nicht, nimm den Schirm mit, geh nicht runter zu den einfachen GĂ€sten und hilf ihnen beim SpĂŒlen der Teller, das gehört sich nicht, bleibe höflich und zieh dich zurĂŒck, ach, sie sagte das immer so schön mit ihrem Gebiss und sah nicht einmal im Spiegel ihr zurĂŒckgehendes Zahnfleisch, Zahnarzt der Familie, Dr. Lauschmann, empfahl SpĂŒlungen mit Wasser und Keimfrei, doch in der zweiten Etage stank es schon seit langem nach Schimmel und im Gulli brodelte es vor Keimen, so dass Keinfrei nicht viel bewirken konnte… ich hasste mein altes Elternhaus, in dem nun meine Eltern nicht mehr lebten, die alten Wasserrohre, die Lappen, die senile GĂ€ste hineingleiten ließen, der Rost, der sich unter das frisch genossene Leitungswasser mischte, wĂ€hrend ich es abzapfte, und der rostige Schimmer im Augenwinkel, wĂ€hrend ich trank.

Ich beeindruckte sie bis zu meinem 16. Geburtstag nicht mit Eloquenz. Ich packte damals langsam die muffigen und schlecht gestalteten Geschenke aus, freute mich ehrlich ĂŒber den Inhalt, Glaskugeln mit Prinzessinnen darin, Filter fĂŒr die Kaffeemaschine, Bleistifte der StĂ€rke 3B, von glĂŒcklichen Kindern gewebte Teppiche. Schales, milchglasartiges Licht lag ĂŒber der Stadt und flutete das Land, es war schwĂŒl und ich verliebt. In den Klavierlehrer meiner Freundin. Niemand wusste etwas davon. Ich wollte auch nicht Klavier lernen, ich zeichnete bei Tag und bei Nacht bizarre Strukturen auf Seidenpapier, und es war nicht zu vermeiden, dass Onkel Albert mich eines Nachts dabei erwischte, wĂ€hrend er wie so oft im Haus herumstreunte und die Leitungen inspizierte, KurzschlĂŒsse provozierte und Schreiben an die Versicherung produzierte. Er bekam Augen wie ein Molch. Das sind so Viecher, die nicht viel sehen, aber wissen, dass sie viel sehen sollten, um nicht gefressen zu werden. Sehen unter Wasser ist schwammig, und ebenso schwammig wurde auch Onkel Alberts Blick, als er mich um zwei Uhr nachts zeichnen sah.

Ich hatte mir die Haare seit einigen Monaten nicht schneiden lassen, wusch sie aber mit solcher Sorgfalt, dass es schön aussah, nahm Sidolin streifenfrei fĂŒr die Fensterscheiben und pflegte so ein Ambiente der Durchsichtigkeit. Ich ging wieder regelmĂ€ĂŸiger in die Schule, um meine Zieheltern und die Familie nicht zu verĂ€rgern. Aber im Grunde tat ich es fĂŒr meine Schwester, die ich noch nicht erwĂ€hnte. Mittlerweile waren wir zu erwachsen, um uns gegenseitig eine runter zu schmieren. Schon lange hatten wir abgelassen von stillosen Kindereien, klebrigem Material, um uns gegenseitig zu Ă€rgern und begannen, einander immer mehr Respekt zu zollen, ich ihr, da ich sah, dass ihre Körperformen runder wurden, sie selbst aber eckig blieb, ihre Kleidung harte Kontraste nicht scheute und sie den Schimmel in unserem Bad eigenstĂ€ndig entfernte, die Etage wienerte, Elektriker kommen ließ und die Rechnungen an Albert schickte, der sie erleichtert bezahlte, da er und seine Frau sich lieber auf hĂ€sslichen Partys herumtrieben, als das Haus zu sanieren. Ein Sanierungsplan wĂ€re jedoch fĂŒr die Denkmalbehörde ein gefundenes Fressen gewesen, und zahlungskrĂ€ftige HĂ€uslemöchtegernerwerber und Makler waren schon lange scharf auf den alten Kasten und die verwilderten GĂ€rten drum herum. Und allein die Eisenbahn hatte die Wege um die Jahrhundertwende erschlossen, da die Arbeiter ein Zu Hause brauchten. Ansonsten war da nichts. Feld, Wiese, Wald, ein Friedwald, HĂŒgel, Steine, alte Leitungen. Jetzt, so hörte ich von Onkel Albert, sollte Bauland daraus werden. Wir wĂŒrden bessere Zufahrten bekommen, ein Gewerbegebiet wĂŒrde errichtet werden, ein Anschluss an das öffentliche Abwassernetz war geplant. Aber ich wusste, Albert wĂŒrde nicht verkaufen. Meine Schwester war so rĂŒcksichtsvoll und klug, in meiner Gegenwart wenig davon zu sprechen, obwohl ich genau wusste, sie wĂŒrde die erste sein, die auszog, sobald sie volljĂ€hrig und die Schule beendet haben wĂŒrde. Sie war intelligent in allen FĂ€chern außer Latein und Chemie, aber da schaffte sie dank Alberts Hilfe wenigstens eine Drei. Außer fĂŒr mich und ihre verrĂŒckten Kleider schien sie sich jedoch seit ihrem zwölften Lebensjahr fĂŒr nichts mehr besonders gravierend zu interessieren. Sie tanzte, sie flirtete und brachte Ungeziefer heim. FilzlĂ€use, stellte Tante Viola angewidert fest. Die mussten entfernt werden, eine schmerzhafte Prozedur. Tagelang wurde meiner Schwester ein grĂŒnliches Pulver aufgetragen – wohin, das möchte ich hier nicht sagen. Doch sie strahlte wie ein Atomkraftwerk, als sie wieder normal gehen konnte und nicht diese seltsamen Verrenkungen machte, die ihr das EinschnĂŒren der Taille erschwert hatten.

Nachdem ich nun 16 geworden war, quetschte ich mich schweigsam in einen Zug und fuhr in die Großstadt. Albert  und Viola brauchten mir das nicht zu erlauben, es war selbstverstĂ€ndlich und sollte anstandshalber gemacht werden. Unangenehm nur war mein lĂ€ngeres Fortbleiben und dass ich bei meinem Wiedererscheinen stank wie ein Ziegenbock. Die GrĂŒnde hierfĂŒr möchte ich Ihnen spĂ€ter gerne erklĂ€ren. Doch im Moment wĂŒrde es zu kompliziert und zu viele UmstĂ€nde machen, auch fĂ€llt es mir schwer, mich hierĂŒber auszudrĂŒcken.

Als ich die Schule wieder besuchte, fiel mir der Unterricht leicht. Ich kleidete mich anders, kombinierte alltĂ€gliches mit Seltsamem, zog alte FrĂ€cke ĂŒber Cordhosen, schminkte mich sogar und wurde ab sofort die Transe genannt, was mir schmeichelte, ich ging mit meiner Schwester tanzen und versenkte meine Zunge in die SĂ€migkeit alkoholischer GetrĂ€nke die nichts mit Bier und Wein zu tun hatten. Miranda, meine Schwester, half mir dabei, diese GetrĂ€nke zu verdauen. Sie wusste alle Reihenfolgen, wie man sie am besten vertrug und die besten ZustĂ€nde daraus gewann, ohne dumm oder langweilig zu werden. Ich verspeiste zu dieser Zeit Unmengen an Oliven, grĂŒne und schwarze, das Lernen fiel mir seltsam leicht und ich benötigte kaum mehr als vier Stunden Schlaf. Doch irgendwann, in der Sommermitte, legte ich mich Mittags zu Bett und schlief ganze drei Tage, was Tante Viola dazu veranlasste, mich beherzt ins stĂ€dtische Klinikum einzuliefern. Die Untersuchungen ergaben das Übliche, an dem ich schon seit frĂŒhen Kindheitstagen litt, ich schlief dort noch zwei Tage unter einer Sauerstoffmaske und wurde anschießend mit dem Auto abgeholt.

Ab diesem Wochenende hĂŒtete mich mein Onkel Albert wie seinen Augapfel, denn er wollte nicht, dass „so ein Talent“ frĂŒhzeitig verblich. Er mietete fĂŒr mich ein Atelier am Ortsrand, fĂŒr so etwas gab er normalerweise nicht gerne viel Geld aus, aber er musste mich auch nicht motivieren, ich ging eines Morgens dorthin und blieb.

Genre: GemĂŒtstiefe

Auf Links

Wie Wespen von
Bier mit sĂŒĂŸem

Sprudel angezogen
werden, so werde

ich angezogen
von einem, der
auf Taille

Schneidert
wie Karl Lagerfeld.

Genre: Trauersymmetrie

Ist das dein Schmetterling?

Das GefĂŒhl von Gerechtigkeit hat etwas MerkwĂŒrdiges an sich.
Schon in frĂŒher Kindheit rieselt es in uns hinein, eine feine, staubige Saat, die jedes Wort der Mutter umgibt. Wir nehmen sie auf, schlucken sie herunter, und ehe wir uns versehen, bricht etwas auf, wĂ€chst und öffnet sich, blĂŒht in sanften oder grellen Farben. In Anna sah es blauviolett aus wie die BĂŒcher, die in den Wohnzimmerregalen standen.

In den ersten Klassen sammelte sie kleine, glitzernde Plastikteilchen in verschiedenen Formen. Fast jedes Kind besaß eine Schatzdose, die tĂ€glich mit in die Schule genommen wurde, um untereinander zu tauschen.
So herausfordernd Anna auch in Gegenwart ihres Bruders war, so zurĂŒckhaltend und schĂŒchtern verhielt sie sich allein. Da ihre Freundinnen zudem alle Ă€lter oder jĂŒnger waren und die Buben aufgehört hatten mit ihr zu spielen, stand sie am ersten Schultag beinahe verloren im Klassenzimmer herum. Die Lehrerin wies ihr in der ersten Reihe einen Platz zu, und zwar neben einem MĂ€dchen, das sich mit dem Namen Eva vorstellte. Schon nach wenigen Tagen zeigte Eva ihre Glitzerteilchen und schenkte Anna einige besonders schöne davon.
So begann auch sie zu sammeln. Ihre Mutter hatte ihr eine Holzdose gegeben. Immer wenn sie ihr Zimmer aufrĂ€umte, erhielt sie als Belohnung einen kleinen, goldenen Stern. Diese Sterne verblassten jedoch neben den GlanzstĂŒcken von Eva. Mit der Zeit gelang es Anna, ihre Sammlung weiter auszubauen, mehr Sterne gegen Bunteres, Interessanteres einzutauschen.
Eines Tages kam Jan, ein Junge aus Annas Klasse, wortlos auf sie zu und drĂŒckte ihr seine Dose in die Hand. Vielleicht hatte er die Glitzerteilchen schon als ĂŒberholte Mode eingestuft. Möglicherweise war er damit zu seiner Mutter gegangen und sie hatte gesagt: „Schenk sie doch einem MĂ€dchen“. Was auch immer sich fĂŒr eine Geschichte hinter seiner Geste verbarg, auf einmal besaß Anna den grĂ¶ĂŸten Reichtum und Dinge, die sie aus Mangel an EbenbĂŒrtigem wohl niemals hĂ€tte eintauschen können. Eigentlich ein Grund zur GlĂŒckseligkeit, jedenfalls fĂŒr ein siebenjĂ€hriges MĂ€dchen. Vielleicht war sie auch glĂŒcklich; ganz bestimmt war sie das. Doch da gab es noch etwas anderes in ihr, ein dumpfes GefĂŒhl, das sie in ihrem LĂ€cheln erstarren ließ: Diese Dose durfte sie nicht besitzen.
Anna sprach mit dem Jungen nicht darĂŒber. Sie fragte ihn nicht,  ob er sich sicher war, dass er diesen Schatz ausgerechnet ihr vermachen wollte und wie sie ihm dafĂŒr danken konnte. Stattdessen behielt sie die Dose in der Hand, wenn sie das Klassenzimmer verließ, und warf auf dem Flur einzelne Schmetterlinge oder Blumen auf den Boden. Dabei bemĂŒhte sich Anna, dass sie niemand bemerkte. Auf diese Weise, dachte sie, könnte sie den unrechtmĂ€ĂŸig erworbenen Besitz wieder ausgleichen. Denn unrechtmĂ€ĂŸig war er, so ihre Überzeugung: Nicht einmal eine Freundschaft hatte sie mit dem Jungen verbunden. Was gab ihr also das Recht, von ihm auserwĂ€hlt zu werden?
Jedes PlastikstĂŒckchen, das unbemerkt herunterfiel, ließ sie aufatmen, war gleichzeitig ein Stein, der sich von ihrem RĂŒcken löste. Alle diese Teile, die sie nun nicht mehr besaß, gaben ihr das GefĂŒhl, wieder quitt zu sein.
Nicht immer verliefen solche Versuche unbemerkt. Manchmal war die Menschentraube nicht dicht genug, um ungesehen zu bleiben. Dann stieß eine Klassenkameradin Anna an der Schulter an: „Entschuldigung, du hast hier etwas verloren.“ Sie bĂŒckte sich, hob den Plastikschmetterling wieder auf, bedankte sich vielleicht sogar, wahrscheinlich sagte sie aber nur „oh“ oder „ups“ und versuchte, ĂŒberrascht auszusehen. Die Schwere kehrte auf ihre Schultern zurĂŒck.
Eines Tages fĂŒllte Anna den Rest Glitzer, wie die Kinder es nannten, in ihre eigene Dose und begann, damit zu tauschen. Doch das GefĂŒhl, kein Recht auf dieses Geschenk zu haben, blieb. Vielleicht sah man auf ihr fĂŒr einen Augenblick eine Farbe aufblitzen, ein Wort, einen Ausdruck im Gesicht. Niemand weiß, wann die staubige Saat in Anna hineingefallen war, doch mit Sicherheit konnte man sagen, dass sie aufgebrochen war, wie wild angefangen hatte zu wachsen, so sehr, dass sie von innen an Annas Haut stieß.

Genre: RealitÀtsschatten

Uporigination (Flucht und Wiederkehr XXVI)

In der Traumzeit suchte, der Morgen graute
fern vom Stamm am großen Fels,
der Geist des ersten halbnackten Wesens,
euch Jungen gleich, malend nach den Ahnen.

Warum, fragte er, seid ihr nicht mehr als bloße Erinnerung,
strahlt durch euer Vergehen meine eigene Endlichkeit an
und lehrt mich euer Scheitern Demut oder
ermahnt es mich, eure Ohnmacht zu verfluchen?

Nicht kann ich jenseits meiner Gedanken ZeitenrÀume  durchschreiten,
dem ungewollten Tod in die Arme der Jugend entfliehen,
stets werde ich zurĂŒckgeworfen in den öden Busch, unter die gleißende Sonne,
stets ist alles was mir widerfÀhrt Durst und Verzweiflung.

Die Zeit zu vermessen bedarf der Kenntnis des Raumes,
sie tanzen miteinander wie Fluten im Lauf des Mondes;
viele Wanderungen, endlose Jahre des Wachens unter Sternen,
unzÀhlige Geschichten, Initiationen und das Wissen keimt.

Wie eine verborgene Wurzel in flirrender, rötlicher Weite aufzuspĂŒren,
graben dessen SchĂŒler unermĂŒdlich nach den Geheimnissen der Beschaffenheiten,
finden Zeichen, entwickeln SĂ€tze fĂŒr das Kleinste, das GrĂ¶ĂŸte, fĂŒr das Mischen von Stoffen,
formen Sprachen, beschreiben Dinge, die aus Natur und doch nicht heimisch in ihr sind.

Erfahrungen betten sie in den Zeitenregen wie Ameisen ihre Eier auf lebendige FlĂ¶ĂŸe retten,
ihre Errungenschaften werden riesenhaft und bergesschwer,
KrokodilszÀhne der immer im Wandel begriffenen Gestalten fressen tief im Leib der Erde,
und ihr sumpfiger Atem legt sich als Schleier ĂŒber klare Himmel -

Verzweiflung wird sie treiben und Durst, denn ich bin ihr Vater.

Ein Weltenbrand umstĂŒrmt ihre Erde und wie uns die Asche der Buschfeuer frisches Gras schenkt,
durchbricht Hoffnung ihre TrĂŒmmer, die Geister des Morgen verweben alle TrĂ€ume,
alle Wirklichkeiten, erschaffen im Wissen um die ErzĂ€hlung das Bewußtsein darin neu.

Was uns HĂŒtern des Lichtes und der WĂ€rme ein Feuerstein, ist ihnen die ZeitenhĂŒtte,
was uns die Sonne, ist ihnen ein Sandkorn,
was uns das Leben, ist ihnen ein Moment des Vergessens inmitten kreißender Ewigkeit.

Sie winken ĂŒber einen breiten, anschwellenden Strom, gefĂ€hrlich und verfĂŒhrerisch,
arrogant, unwissend, doch neugierig und liebenswert zugleich,
erlangen Macht ĂŒber den Ursprung der Gedanken -

gießen sich SchlĂŒssel zur Zeit, durchdringen Manifestationen aller RĂ€ume
und wenn wieder das GrĂ¶ĂŸte ins Kleinste eingeht, das Kleinste dann birst,
werde ich sie und sie euch, ihr Ahnen, geboren haben, wie ihr zuvor mich.

 

[1] , [2] , [3]

Genre: Erinnerungsbrösel, RealitÀtsschatten, Rezensionen, Trauersymmetrie

Arktika

Er hat neue Reifen gekauft, neue Winterreifen, vier Winterreifen Ultra Super Grip, mitten im Juli, ein Supersonderangebot, die alten Winterreifen, die sind ja jetzt abgefahren, dachte er, total abgefahren, also fĂŒr den Winter waren sie schon völlig ungeeignet, das Profil hatte ĂŒberhaupt keine Tiefe mehr, aber fĂŒr den Sommer, da gingen sie noch, im Sommer hat er die alten Winterreifen noch dran gelassen, ist mit den alten Winterreifen zum Netto gefahren und zur Werkstatt und zu seinem Arzt und und er ist zum Bahnhof gefahren, um die Kinder abzuholen, aber wozu gibt es das ĂŒberhaupt noch, dacht er, Winterreifen, es gibt doch sowieso keine Winter mehr, jetzt hat doch gerade das erste Frachtschiff die AbkĂŒrzung ĂŒber den Nordpol genommen, wenn man da einfach so am Nordpol vorbei schippern kann, ohne Atomeisbrecher, da bracht man ja auch keine Winterreifen mehr, es gibt ja keine Winter mehr, nie wieder kommt ein Winter, das ist ein fĂŒr alle mal vorbei, da ist er aber schön reingefallen, dachte er, keiner kauft noch Winterreifen und er lĂ€sst sich diese Winterreifen aufschwatzen, da wird er mit Winterreifen im Januar zu Aldi und im Januar zum Arzt und im Januar zum Geldautomaten fahren und es wird kein Schnee liegen und es wird kein Eis sein und es wird nicht regnen und es wird einfach nur die Sonne scheinen, da braucht er nur den Sonnenschutz herunterklappen, weil die Sonne so tief steht und sonst nichts, ja, das waren noch Zeiten, als wir noch Atomeisbrecher brauchten, um zum Nordpol zu gelangen, als die “Arktika” auf ihrem Weg meterdickes Eis brechen musste, meterdickes, und das war gar nicht so lange her, 1977 war das, das Jahr, in dem er geboren wurde, und da gibt es ja noch diese alten Schwarzweißfotos mit seinem Kinderwagen, und er liegt da im Kinderwagen, und die Oma schiebt den Kinderwagen, und um den Kinderwagen herum liegt der Schnee, meterhoch liegt der Schnee, nur ein schmaler Pfad ist da freigerĂ€umt fĂŒr den Kinderwagen, ein schmaler Pfad, mehr nicht, und da fragt er sich, obwohl ihm diese Frage ziemlich dumm verkommt, ob der Kinderwagen wohl Winterreifen hatte, ob er damals im Winter mit Winterreifen fuhr und im Sommer mit Sommerreifen, und als diese Fotos aufgenommen wurden, als der ORWO-Film gerade in der Kamera lag, da teilte die “Arktika” gerade das Eis am Nordpol, zog eine Spur im Eis wie ein Kinderwagen im Schnee, und heute ist die “Arktika” ja still gelegt, lĂ€ngst still gelegt, das meterdicke Eis hat den meterdicken Stahl abgerieben, jeder Zentimeter Eis, den ein Schiff bricht, ist ein Zentimeter seiner Zukunft, fĂŒr jeden Zentimeter Eis kann es spĂ€ter einen Zentimeter weniger fahren, einen Winter frĂŒher ankommen heißt fĂŒr ein Schiff einen Winter frĂŒher untergehen, und so genau war die “Arktika” ja nicht, so exakt hat sie das Eis ja nicht gebrochen, die hat ja nicht nur das Eis gebrochen, die hat auch das Meer gebrochen, und den Nordpol, den hat sie ja vielleicht auch gebrochen, den Nordpol und den magnetischen Nordpol, die hat sie beide gebrochen, na, jedenfalls hat er jetzt diese vier gĂŒnstigen Winterreifen, diese vier neuen supergĂŒnstigen Winterreifen Ultra Super Grip, die kann er ja noch abfahren, das hĂ€lt noch ein paar Winter.

Genre: RealitÀtsschatten