aufgehoben im Aufbruch

am Ende des Wartens die Taube
GroßstĂ€dterin im Tiefflug
unendliche Schattierungen von Grau
nervöse Tristesse

Kinder und Einsame fĂŒttern
den Widerspruch zur Aufrichtung
aufgehoben im Aufbruch
der Wartenden, jetzt

Genre: RealitÀtsschatten

Syrakus

Auf Sumpf gebaut : vom Meer umspĂŒlt
Sicher nach drei Seiten : die Wellen
TĂ€nzeln um die Mauern : wir schweben

Lautlos zwischen den Fischen
Bewundern die Geometrie : die konvexe
Schönheit der Farben : den Hebel

Haben auch wir nicht gefunden
Um die Welt aus den Angeln
Zu heben : nur unser Gewicht

Wird spĂŒrbar leichter : Auftrieb
Im Salzwasser : das hat Archimedes
Nicht bedacht : ungestört im Kreis

Drehen wir uns und schließen
Die Augen : wenn der Bus
Auf einer Tangente die Vororte

Kreuzt : wÀhrend das Sonnenrad
Dreibeinig ĂŒbers Meer rennt
Und es in Brand setzt

Genre: Trauersymmetrie

Ziegenbock

Warum, in aller Welt, ich so selten ĂŒber die Konzepte, die ich entwickelte, sprach - und mich danach nicht bei denen, die sie umsetzten, bedankte, weiß ich nicht. Sprechen fiel mir im Allgemeinen eher schwer. Ich musste also lernen, mich anders bemerkbar zu machen. Ich riss frĂŒh morgens das Fenster meines Zimmers auf, das im ersten Stock lag, der erste Stock war der gepflegteste im gesamten Haus, es schimmelte nicht in den Ecken, es gammelte nicht im Bad, man konnte sich die ZĂ€hne reinigen, ohne Angst haben zu mĂŒssen, dass das Zahnfleisch zurĂŒck geht. Onkel Albert musste das. Tante Viola hatte dieses Promenaden-Gebiss, das sie jedem zeigte in ihrer kĂŒnstlichen Fröhlichkeit, dass auch bei ihr das Zahnfleisch zurĂŒck ging, sah nur ich, wenn sie mir Befehle austeilte, geh nicht in der frischen Luft, das bekommt dir nicht, nimm den Schirm mit, geh nicht runter zu den einfachen GĂ€sten und hilf ihnen beim SpĂŒlen der Teller, das gehört sich nicht, bleibe höflich und zieh dich zurĂŒck, ach, sie sagte das immer so schön mit ihrem Gebiss und sah nicht einmal im Spiegel ihr zurĂŒckgehendes Zahnfleisch, Zahnarzt der Familie, Dr. Lauschmann, empfahl SpĂŒlungen mit Wasser und Keimfrei, doch in der zweiten Etage stank es schon seit langem nach Schimmel und im Gulli brodelte es vor Keimen, so dass Keinfrei nicht viel bewirken konnte… ich hasste mein altes Elternhaus, in dem nun meine Eltern nicht mehr lebten, die alten Wasserrohre, die Lappen, die senile GĂ€ste hineingleiten ließen, der Rost, der sich unter das frisch genossene Leitungswasser mischte, wĂ€hrend ich es abzapfte, und der rostige Schimmer im Augenwinkel, wĂ€hrend ich trank.

Ich beeindruckte sie bis zu meinem 16. Geburtstag nicht mit Eloquenz. Ich packte damals langsam die muffigen und schlecht gestalteten Geschenke aus, freute mich ehrlich ĂŒber den Inhalt, Glaskugeln mit Prinzessinnen darin, Filter fĂŒr die Kaffeemaschine, Bleistifte der StĂ€rke 3B, von glĂŒcklichen Kindern gewebte Teppiche. Schales, milchglasartiges Licht lag ĂŒber der Stadt und flutete das Land, es war schwĂŒl und ich verliebt. In den Klavierlehrer meiner Freundin. Niemand wusste etwas davon. Ich wollte auch nicht Klavier lernen, ich zeichnete bei Tag und bei Nacht bizarre Strukturen auf Seidenpapier, und es war nicht zu vermeiden, dass Onkel Albert mich eines Nachts dabei erwischte, wĂ€hrend er wie so oft im Haus herumstreunte und die Leitungen inspizierte, KurzschlĂŒsse provozierte und Schreiben an die Versicherung produzierte. Er bekam Augen wie ein Molch. Das sind so Viecher, die nicht viel sehen, aber wissen, dass sie viel sehen sollten, um nicht gefressen zu werden. Sehen unter Wasser ist schwammig, und ebenso schwammig wurde auch Onkel Alberts Blick, als er mich um zwei Uhr nachts zeichnen sah.

Ich hatte mir die Haare seit einigen Monaten nicht schneiden lassen, wusch sie aber mit solcher Sorgfalt, dass es schön aussah, nahm Sidolin streifenfrei fĂŒr die Fensterscheiben und pflegte so ein Ambiente der Durchsichtigkeit. Ich ging wieder regelmĂ€ĂŸiger in die Schule, um meine Zieheltern und die Familie nicht zu verĂ€rgern. Aber im Grunde tat ich es fĂŒr meine Schwester, die ich noch nicht erwĂ€hnte. Mittlerweile waren wir zu erwachsen, um uns gegenseitig eine runter zu schmieren. Schon lange hatten wir abgelassen von stillosen Kindereien, klebrigem Material, um uns gegenseitig zu Ă€rgern und begannen, einander immer mehr Respekt zu zollen, ich ihr, da ich sah, dass ihre Körperformen runder wurden, sie selbst aber eckig blieb, ihre Kleidung harte Kontraste nicht scheute und sie den Schimmel in unserem Bad eigenstĂ€ndig entfernte, die Etage wienerte, Elektriker kommen ließ und die Rechnungen an Albert schickte, der sie erleichtert bezahlte, da er und seine Frau sich lieber auf hĂ€sslichen Partys herumtrieben, als das Haus zu sanieren. Ein Sanierungsplan wĂ€re jedoch fĂŒr die Denkmalbehörde ein gefundenes Fressen gewesen, und zahlungskrĂ€ftige HĂ€uslemöchtegernerwerber und Makler waren schon lange scharf auf den alten Kasten und die verwilderten GĂ€rten drum herum. Und allein die Eisenbahn hatte die Wege um die Jahrhundertwende erschlossen, da die Arbeiter ein Zu Hause brauchten. Ansonsten war da nichts. Feld, Wiese, Wald, ein Friedwald, HĂŒgel, Steine, alte Leitungen. Jetzt, so hörte ich von Onkel Albert, sollte Bauland daraus werden. Wir wĂŒrden bessere Zufahrten bekommen, ein Gewerbegebiet wĂŒrde errichtet werden, ein Anschluss an das öffentliche Abwassernetz war geplant. Aber ich wusste, Albert wĂŒrde nicht verkaufen. Meine Schwester war so rĂŒcksichtsvoll und klug, in meiner Gegenwart wenig davon zu sprechen, obwohl ich genau wusste, sie wĂŒrde die erste sein, die auszog, sobald sie volljĂ€hrig und die Schule beendet haben wĂŒrde. Sie war intelligent in allen FĂ€chern außer Latein und Chemie, aber da schaffte sie dank Alberts Hilfe wenigstens eine Drei. Außer fĂŒr mich und ihre verrĂŒckten Kleider schien sie sich jedoch seit ihrem zwölften Lebensjahr fĂŒr nichts mehr besonders gravierend zu interessieren. Sie tanzte, sie flirtete und brachte Ungeziefer heim. FilzlĂ€use, stellte Tante Viola angewidert fest. Die mussten entfernt werden, eine schmerzhafte Prozedur. Tagelang wurde meiner Schwester ein grĂŒnliches Pulver aufgetragen – wohin, das möchte ich hier nicht sagen. Doch sie strahlte wie ein Atomkraftwerk, als sie wieder normal gehen konnte und nicht diese seltsamen Verrenkungen machte, die ihr das EinschnĂŒren der Taille erschwert hatten.

Nachdem ich nun 16 geworden war, quetschte ich mich schweigsam in einen Zug und fuhr in die Großstadt. Albert  und Viola brauchten mir das nicht zu erlauben, es war selbstverstĂ€ndlich und sollte anstandshalber gemacht werden. Unangenehm nur war mein lĂ€ngeres Fortbleiben und dass ich bei meinem Wiedererscheinen stank wie ein Ziegenbock. Die GrĂŒnde hierfĂŒr möchte ich Ihnen spĂ€ter gerne erklĂ€ren. Doch im Moment wĂŒrde es zu kompliziert und zu viele UmstĂ€nde machen, auch fĂ€llt es mir schwer, mich hierĂŒber auszudrĂŒcken.

Als ich die Schule wieder besuchte, fiel mir der Unterricht leicht. Ich kleidete mich anders, kombinierte alltĂ€gliches mit Seltsamem, zog alte FrĂ€cke ĂŒber Cordhosen, schminkte mich sogar und wurde ab sofort die Transe genannt, was mir schmeichelte, ich ging mit meiner Schwester tanzen und versenkte meine Zunge in die SĂ€migkeit alkoholischer GetrĂ€nke die nichts mit Bier und Wein zu tun hatten. Miranda, meine Schwester, half mir dabei, diese GetrĂ€nke zu verdauen. Sie wusste alle Reihenfolgen, wie man sie am besten vertrug und die besten ZustĂ€nde daraus gewann, ohne dumm oder langweilig zu werden. Ich verspeiste zu dieser Zeit Unmengen an Oliven, grĂŒne und schwarze, das Lernen fiel mir seltsam leicht und ich benötigte kaum mehr als vier Stunden Schlaf. Doch irgendwann, in der Sommermitte, legte ich mich Mittags zu Bett und schlief ganze drei Tage, was Tante Viola dazu veranlasste, mich beherzt ins stĂ€dtische Klinikum einzuliefern. Die Untersuchungen ergaben das Übliche, an dem ich schon seit frĂŒhen Kindheitstagen litt, ich schlief dort noch zwei Tage unter einer Sauerstoffmaske und wurde anschießend mit dem Auto abgeholt.

Ab diesem Wochenende hĂŒtete mich mein Onkel Albert wie seinen Augapfel, denn er wollte nicht, dass „so ein Talent“ frĂŒhzeitig verblich. Er mietete fĂŒr mich ein Atelier am Ortsrand, fĂŒr so etwas gab er normalerweise nicht gerne viel Geld aus, aber er musste mich auch nicht motivieren, ich ging eines Morgens dorthin und blieb.

Genre: GemĂŒtstiefe

Auf Links

Wie Wespen von
Bier mit sĂŒĂŸem

Sprudel angezogen
werden, so werde

ich angezogen
von einem, der
auf Taille

Schneidert
wie Karl Lagerfeld.

Genre: Trauersymmetrie

Ist das dein Schmetterling?

Das GefĂŒhl von Gerechtigkeit hat etwas MerkwĂŒrdiges an sich.
Schon in frĂŒher Kindheit rieselt es in uns hinein, eine feine, staubige Saat, die jedes Wort der Mutter umgibt. Wir nehmen sie auf, schlucken sie herunter, und ehe wir uns versehen, bricht etwas auf, wĂ€chst und öffnet sich, blĂŒht in sanften oder grellen Farben. In Anna sah es blauviolett aus wie die BĂŒcher, die in den Wohnzimmerregalen standen.

In den ersten Klassen sammelte sie kleine, glitzernde Plastikteilchen in verschiedenen Formen. Fast jedes Kind besaß eine Schatzdose, die tĂ€glich mit in die Schule genommen wurde, um untereinander zu tauschen.
So herausfordernd Anna auch in Gegenwart ihres Bruders war, so zurĂŒckhaltend und schĂŒchtern verhielt sie sich allein. Da ihre Freundinnen zudem alle Ă€lter oder jĂŒnger waren und die Buben aufgehört hatten mit ihr zu spielen, stand sie am ersten Schultag beinahe verloren im Klassenzimmer herum. Die Lehrerin wies ihr in der ersten Reihe einen Platz zu, und zwar neben einem MĂ€dchen, das sich mit dem Namen Eva vorstellte. Schon nach wenigen Tagen zeigte Eva ihre Glitzerteilchen und schenkte Anna einige besonders schöne davon.
So begann auch sie zu sammeln. Ihre Mutter hatte ihr eine Holzdose gegeben. Immer wenn sie ihr Zimmer aufrĂ€umte, erhielt sie als Belohnung einen kleinen, goldenen Stern. Diese Sterne verblassten jedoch neben den GlanzstĂŒcken von Eva. Mit der Zeit gelang es Anna, ihre Sammlung weiter auszubauen, mehr Sterne gegen Bunteres, Interessanteres einzutauschen.
Eines Tages kam Jan, ein Junge aus Annas Klasse, wortlos auf sie zu und drĂŒckte ihr seine Dose in die Hand. Vielleicht hatte er die Glitzerteilchen schon als ĂŒberholte Mode eingestuft. Möglicherweise war er damit zu seiner Mutter gegangen und sie hatte gesagt: „Schenk sie doch einem MĂ€dchen“. Was auch immer sich fĂŒr eine Geschichte hinter seiner Geste verbarg, auf einmal besaß Anna den grĂ¶ĂŸten Reichtum und Dinge, die sie aus Mangel an EbenbĂŒrtigem wohl niemals hĂ€tte eintauschen können. Eigentlich ein Grund zur GlĂŒckseligkeit, jedenfalls fĂŒr ein siebenjĂ€hriges MĂ€dchen. Vielleicht war sie auch glĂŒcklich; ganz bestimmt war sie das. Doch da gab es noch etwas anderes in ihr, ein dumpfes GefĂŒhl, das sie in ihrem LĂ€cheln erstarren ließ: Diese Dose durfte sie nicht besitzen.
Anna sprach mit dem Jungen nicht darĂŒber. Sie fragte ihn nicht,  ob er sich sicher war, dass er diesen Schatz ausgerechnet ihr vermachen wollte und wie sie ihm dafĂŒr danken konnte. Stattdessen behielt sie die Dose in der Hand, wenn sie das Klassenzimmer verließ, und warf auf dem Flur einzelne Schmetterlinge oder Blumen auf den Boden. Dabei bemĂŒhte sich Anna, dass sie niemand bemerkte. Auf diese Weise, dachte sie, könnte sie den unrechtmĂ€ĂŸig erworbenen Besitz wieder ausgleichen. Denn unrechtmĂ€ĂŸig war er, so ihre Überzeugung: Nicht einmal eine Freundschaft hatte sie mit dem Jungen verbunden. Was gab ihr also das Recht, von ihm auserwĂ€hlt zu werden?
Jedes PlastikstĂŒckchen, das unbemerkt herunterfiel, ließ sie aufatmen, war gleichzeitig ein Stein, der sich von ihrem RĂŒcken löste. Alle diese Teile, die sie nun nicht mehr besaß, gaben ihr das GefĂŒhl, wieder quitt zu sein.
Nicht immer verliefen solche Versuche unbemerkt. Manchmal war die Menschentraube nicht dicht genug, um ungesehen zu bleiben. Dann stieß eine Klassenkameradin Anna an der Schulter an: „Entschuldigung, du hast hier etwas verloren.“ Sie bĂŒckte sich, hob den Plastikschmetterling wieder auf, bedankte sich vielleicht sogar, wahrscheinlich sagte sie aber nur „oh“ oder „ups“ und versuchte, ĂŒberrascht auszusehen. Die Schwere kehrte auf ihre Schultern zurĂŒck.
Eines Tages fĂŒllte Anna den Rest Glitzer, wie die Kinder es nannten, in ihre eigene Dose und begann, damit zu tauschen. Doch das GefĂŒhl, kein Recht auf dieses Geschenk zu haben, blieb. Vielleicht sah man auf ihr fĂŒr einen Augenblick eine Farbe aufblitzen, ein Wort, einen Ausdruck im Gesicht. Niemand weiß, wann die staubige Saat in Anna hineingefallen war, doch mit Sicherheit konnte man sagen, dass sie aufgebrochen war, wie wild angefangen hatte zu wachsen, so sehr, dass sie von innen an Annas Haut stieß.

Genre: RealitÀtsschatten

Uporigination (Flucht und Wiederkehr XXVI)

In der Traumzeit suchte, der Morgen graute
fern vom Stamm am großen Fels,
der Geist des ersten halbnackten Wesens,
euch Jungen gleich, malend nach den Ahnen.

Warum, fragte er, seid ihr nicht mehr als bloße Erinnerung,
strahlt durch euer Vergehen meine eigene Endlichkeit an
und lehrt mich euer Scheitern Demut oder
ermahnt es mich, eure Ohnmacht zu verfluchen?

Nicht kann ich jenseits meiner Gedanken ZeitenrÀume  durchschreiten,
dem ungewollten Tod in die Arme der Jugend entfliehen,
stets werde ich zurĂŒckgeworfen in den öden Busch, unter die gleißende Sonne,
stets ist alles was mir widerfÀhrt Durst und Verzweiflung.

Die Zeit zu vermessen bedarf der Kenntnis des Raumes,
sie tanzen miteinander wie Fluten im Lauf des Mondes;
viele Wanderungen, endlose Jahre des Wachens unter Sternen,
unzÀhlige Geschichten, Initiationen und das Wissen keimt.

Wie eine verborgene Wurzel in flirrender, rötlicher Weite aufzuspĂŒren,
graben dessen SchĂŒler unermĂŒdlich nach den Geheimnissen der Beschaffenheiten,
finden Zeichen, entwickeln SĂ€tze fĂŒr das Kleinste, das GrĂ¶ĂŸte, fĂŒr das Mischen von Stoffen,
formen Sprachen, beschreiben Dinge, die aus Natur und doch nicht heimisch in ihr sind.

Erfahrungen betten sie in den Zeitenregen wie Ameisen ihre Eier auf lebendige FlĂ¶ĂŸe retten,
ihre Errungenschaften werden riesenhaft und bergesschwer,
KrokodilszÀhne der immer im Wandel begriffenen Gestalten fressen tief im Leib der Erde,
und ihr sumpfiger Atem legt sich als Schleier ĂŒber klare Himmel -

Verzweiflung wird sie treiben und Durst, denn ich bin ihr Vater.

Ein Weltenbrand umstĂŒrmt ihre Erde und wie uns die Asche der Buschfeuer frisches Gras schenkt,
durchbricht Hoffnung ihre TrĂŒmmer, die Geister des Morgen verweben alle TrĂ€ume,
alle Wirklichkeiten, erschaffen im Wissen um die ErzĂ€hlung das Bewußtsein darin neu.

Was uns HĂŒtern des Lichtes und der WĂ€rme ein Feuerstein, ist ihnen die ZeitenhĂŒtte,
was uns die Sonne, ist ihnen ein Sandkorn,
was uns das Leben, ist ihnen ein Moment des Vergessens inmitten kreißender Ewigkeit.

Sie winken ĂŒber einen breiten, anschwellenden Strom, gefĂ€hrlich und verfĂŒhrerisch,
arrogant, unwissend, doch neugierig und liebenswert zugleich,
erlangen Macht ĂŒber den Ursprung der Gedanken -

gießen sich SchlĂŒssel zur Zeit, durchdringen Manifestationen aller RĂ€ume
und wenn wieder das GrĂ¶ĂŸte ins Kleinste eingeht, das Kleinste dann birst,
werde ich sie und sie euch, ihr Ahnen, geboren haben, wie ihr zuvor mich.

 

[1] , [2] , [3]

Genre: Erinnerungsbrösel, RealitÀtsschatten, Rezensionen, Trauersymmetrie

Arktika

Er hat neue Reifen gekauft, neue Winterreifen, vier Winterreifen Ultra Super Grip, mitten im Juli, ein Supersonderangebot, die alten Winterreifen, die sind ja jetzt abgefahren, dachte er, total abgefahren, also fĂŒr den Winter waren sie schon völlig ungeeignet, das Profil hatte ĂŒberhaupt keine Tiefe mehr, aber fĂŒr den Sommer, da gingen sie noch, im Sommer hat er die alten Winterreifen noch dran gelassen, ist mit den alten Winterreifen zum Netto gefahren und zur Werkstatt und zu seinem Arzt und und er ist zum Bahnhof gefahren, um die Kinder abzuholen, aber wozu gibt es das ĂŒberhaupt noch, dacht er, Winterreifen, es gibt doch sowieso keine Winter mehr, jetzt hat doch gerade das erste Frachtschiff die AbkĂŒrzung ĂŒber den Nordpol genommen, wenn man da einfach so am Nordpol vorbei schippern kann, ohne Atomeisbrecher, da bracht man ja auch keine Winterreifen mehr, es gibt ja keine Winter mehr, nie wieder kommt ein Winter, das ist ein fĂŒr alle mal vorbei, da ist er aber schön reingefallen, dachte er, keiner kauft noch Winterreifen und er lĂ€sst sich diese Winterreifen aufschwatzen, da wird er mit Winterreifen im Januar zu Aldi und im Januar zum Arzt und im Januar zum Geldautomaten fahren und es wird kein Schnee liegen und es wird kein Eis sein und es wird nicht regnen und es wird einfach nur die Sonne scheinen, da braucht er nur den Sonnenschutz herunterklappen, weil die Sonne so tief steht und sonst nichts, ja, das waren noch Zeiten, als wir noch Atomeisbrecher brauchten, um zum Nordpol zu gelangen, als die “Arktika” auf ihrem Weg meterdickes Eis brechen musste, meterdickes, und das war gar nicht so lange her, 1977 war das, das Jahr, in dem er geboren wurde, und da gibt es ja noch diese alten Schwarzweißfotos mit seinem Kinderwagen, und er liegt da im Kinderwagen, und die Oma schiebt den Kinderwagen, und um den Kinderwagen herum liegt der Schnee, meterhoch liegt der Schnee, nur ein schmaler Pfad ist da freigerĂ€umt fĂŒr den Kinderwagen, ein schmaler Pfad, mehr nicht, und da fragt er sich, obwohl ihm diese Frage ziemlich dumm verkommt, ob der Kinderwagen wohl Winterreifen hatte, ob er damals im Winter mit Winterreifen fuhr und im Sommer mit Sommerreifen, und als diese Fotos aufgenommen wurden, als der ORWO-Film gerade in der Kamera lag, da teilte die “Arktika” gerade das Eis am Nordpol, zog eine Spur im Eis wie ein Kinderwagen im Schnee, und heute ist die “Arktika” ja still gelegt, lĂ€ngst still gelegt, das meterdicke Eis hat den meterdicken Stahl abgerieben, jeder Zentimeter Eis, den ein Schiff bricht, ist ein Zentimeter seiner Zukunft, fĂŒr jeden Zentimeter Eis kann es spĂ€ter einen Zentimeter weniger fahren, einen Winter frĂŒher ankommen heißt fĂŒr ein Schiff einen Winter frĂŒher untergehen, und so genau war die “Arktika” ja nicht, so exakt hat sie das Eis ja nicht gebrochen, die hat ja nicht nur das Eis gebrochen, die hat auch das Meer gebrochen, und den Nordpol, den hat sie ja vielleicht auch gebrochen, den Nordpol und den magnetischen Nordpol, die hat sie beide gebrochen, na, jedenfalls hat er jetzt diese vier gĂŒnstigen Winterreifen, diese vier neuen supergĂŒnstigen Winterreifen Ultra Super Grip, die kann er ja noch abfahren, das hĂ€lt noch ein paar Winter.

Genre: RealitÀtsschatten

Störung des Fließens, wir auf der Deutungshöhe
das Licht hĂ€tte namenlos sein mĂŒssen
(siehe:) die Festigkeit des Raums im Dunkeln
Raum: ein Stuhl, besessen oder auf den Treppen
im RĂŒcken miteinander geschwungen
wir erinnerten uns – jenes, was nicht belichtet war –

vorwÀrts

Genre: RealitÀtsschatten

nichts – außer

buestenhalter

innen Schaumstoff,
trage ich nicht,

nichts – außer
haut & ÂŽKnochen
dehnbaren
Muszkeln

brauche ich

Um jugendstil
zu sein.

Genre: Rezensionen

footing

dein leben hat keine 2-fache sicherheit
gegen grundbruch nicht einmal
teil sicherheiten
fĂŒr eine vorĂŒbergehende oder dauernde situation
mach dir nichts vor baby
du kannst das versagen berechnen
fĂŒr das fundament eines hauses
aber nicht fĂŒr dein leben

Genre: Rezensionen

retain

voll eingespannt und rĂŒckverankert
dein leben ausgesucht
das richtige profil
mit holz ausfachung
hand aufs herz baby
welche nachweise willst du noch
fĂŒhren
fĂŒr deine existenz

Genre: Rezensionen

Von ihm, von mir, von ihr

Anhand fĂŒnfhundert mathematischer Gleichungen könnte es irgendwann von ihr und mir bewiesen werden, dass hinter einer blondgelockten Tapete kein Ein- oder Ausgang sich befand, dass nur Raufaser und Kleistermasse blieben. Vorerst zĂ€hlten wir noch die chaotisch angeordneten Fusseln. Fusseln, die wir auch in einem Schal wiederfanden, den wir oder er getragen hatten, Fusseln, die uns erneut erinnert oder genervt hatten, Fusseln am Mantelkragen, wenn es zu kalt fĂŒr den Trenchcoat wurde, oder Fusseln, die als Fremdkörper an Klebestreifen, Saft- und KokoslikörglĂ€sern verendeten. Sie, ich und er. In jeder Ecke verbargen sich HaarbĂŒschel, SpeichelfĂ€den oder Lutschpastillen von ihm, von mir, von ihr.

Genre: RealitÀtsschatten

Ein Hauch Brokatimitat*

Ich sehnte mich nach dir. Ich holte auf meinem Weg in die Einsamkeit die spitzesten BergrĂ€nder ein. Ich schnitt die Finger auf an ihnen. Ich kratzte mir Eis von der Stirn. Wollte meine IdentitĂ€t löschen, um dir nahe zu sein. Wie nahe wollte ich dir sein. War doch nur eine Frage des Reizes, der mir Übelkeit signalisierte, sobald ich zu hĂ€ufig an dich dachte und mir dabei die vereisten BergrĂ€nder ins Fleisch trieb, an denen ich saß, ich spĂŒrte die Möglichkeit des Fallens, die Hirnmasse, die Fingerspitzen, feste Wangenknochen, Gallenblase, Lungen und Haut. Eingeweide. Geschlechtsorgane, wo sie dann wieder austraten. Mein Körper sehnte sich nach weichen Federbetten, nach himmlischer Kleidung mit einem Hauch Brokatimitat, den Filetspitzen aus vanilleweißem Garn. Einer bis ins Knochenmark dringenden ErschĂŒtterung, Orpheus Flöte im Drachenberg. Konntest du deiner Vica bis dorthin in die Augen sehen? Da, wo ihre Geschichten sich kreuzen? In tellergroße SchwĂ€rze?

 

* Plagiat von hundert Ufern, an denen ein Rinnsal dahin geleitet.

Genre: RealitÀtsschatten

vaterland – mutterland

vaterland – mutterland
fĂŒr

im sĂŒden der acker
seine krume krĂŒmmte sich
unter deinem rĂŒcken
der staub lag bis zum nÀchsten sturm
auf den trockenen Àhren
abseits ruhten in ihren grÀbern soldaten
freunde wurden sie jetzt
fern der heimat

und leicht

wuchsen flĂŒgel aus knochen
alle welt sprach
von gefiedertem frieden

Genre: Trauersymmetrie

Dr. ZsÀsegs Mind Machine (Flucht und Wiederkehr XXV)

Versuchen Sie einen Text zu imaginieren, in der eine Protagonistin handelt, ohne auf einen Mann angewiesen zu sein.

Eine Geschichte, die von vorne bis hinten auf jeglichen Anflug reaktionĂ€rer Zynik verzichtet, in der keine von Herkunft, Aussehen und Bildung ausgehenden Vorurteile kolportiert werden, keine Reduktion auf Geschlecht, Weltanschauung oder Geschmack vorgenommen wird –

eine Geschichte vielleicht, in der Klarabella ihre Milch an den Nachwuchs der fĂŒrsorglichen, gleichgeschlechtlichen Partner von nebenan verschenkt, Ulrike etwas sucht, das sie niemals finden wird, wĂ€hrend sich das Idealismuskarussell immer weiter um ihre vielen IdentitĂ€tsmerkmale dreht, obwohl das natĂŒrlich positiv ist, da sie es immerhin versucht, das Kopfverdrehen;

eine Handlung, in der Ruth einst Kevin war, jetzt aber total happy und Markus frĂŒher Marion, sich nun aber wieder nach ihrem alten Körper sehnt. Irre-relevant, da InklusivitĂ€t selbstverstĂ€ndlich allumfassend ist und auf detailliertere AusfĂŒhrungen aus Triggergefahr verzichtet wird.

Ein Text also, dessen Safe Space Ihnen selbstbewußt ins Gesicht faucht, wie eine Kampflesbe einex transgender Homophobex, dex eine Antidiskriminierungsbeauftragte, welche leidenschaftlich die Anschaffung von Gartenzwergen verteidigt, vergeblich liebt. Gut, vergessen Sie das Letzte bitte ganz schnell wieder, es klingt wohl alles noch ein wenig zu privilegiert.

Dr. ZsÀseg blickte von dem Manuskript auf. Braunlich verdörrten die KastanienbÀume vor seinem Fenster und verschandelten ihm die ansonsten so erquicklich gedeihende Aussicht.

Die Einsendung faszinierte ihn nur auf eine spezielle Weise, rechtfertigte er sich. Etwa wie schwarzer Humor zuweilen die eigene Borniertheit erfrischend entlarvt und transzendiert – Satire darf, nein sollte! immerhin alles. Und doch stieß ihn dieser dahingerotze Dreck zugleich wie selbstverstĂ€ndlich ab. Er fragte sich  kurz, ob es sich nur um seine fingerzeigende, ĂŒbergestreifte, gesellschaftliche Moral handelte, der er – nicht zu vergessen – seine Position zum Teil verdankte, nein schuldete! – und unterließ eine Antwort.

HĂ€tte er ohne die Exotik seines Namens die Position erklimmen können, aus der heraus er heute richtete – WĂ€chter ĂŒber die Verbeitung  gehaltvoller Texte, Verfechter der reinen Lehre?
Aber da war etwas. Dieses Fight-Club-GefĂŒhl, das sich, wie er erinnerte, aus lauten SommernĂ€chten, aus Wut und Frust, Hoffnung im Verbund mit Abenteuerlust, aus Durst und Überdurst schöpfte. Jugend, ewige  Jugend und neu mach die Welt.
Unwirklich milde und zynisch zugleich blickte er auf die Seiten. Oldschool per Post. Wahrscheinlich ein 25jÀhriger Retro-Knirps, der weder Menschen verachtete, noch Diskriminierung verteidigen wollte. Ihn störte wohl die gÀngelnde In-Your-Face-MentatlitÀt einer permanenten Sprachregelung durch doppeldenk Gleichstellungszombies.
Warum konnte der sich bloß nicht damit abfinden? Es war doch nicht allzu schwer, sich der Leere anheimzugeben. Dr. ZsĂ€seg verfiel in leichte Trance.

Mindsetting.. Sprache, nur Sprache.. aber ohne Einfluß auf GefĂŒhle?.. fĂŒhl wie du willst.. nimm alles offen an.. alles Offene ist gut.. wir..
Er kÀmpfte sich ruckartig hoch, griff hastig den Mauszeiger und öffnete seine Mails, um sich abzulenken, obgleich ihn wegen des Abruchs des Clearings ein schlechtes Gewissen plagte. Zwei neue Mails, bestenfalls Strandgut, miesepeterte er.

Ein Fingerhut

Es ist Sommer – ein Sommer ohne Frischeperioden. Hitze, Schweiß, lĂŒsterne Gedanken den lichten Tag lang. Obgleich der Alltag stattfindet, scheint das Land seit Monaten wie nach einem erschöpfenden Akt langsam vor sich dahinzuwĂ€lzen. Die Themen dieses Sommers sind unter-, die SĂŒĂŸe der FrĂŒchte hingegen ĂŒberirdisch – wohl dem, der Zugang zu GĂ€rten hat. Meine Urgroßeltern verloren vor fĂŒnfundsiebzig Jahren im Feuersturm ihr GeschĂ€ft. Kleinwaren, Stoffe, Knöpfe Nadeln. Ein ĂŒberkommenes GeschĂ€ftsmodell, das Gedenken?

NatĂŒrlich nicht, aber irgendwie verdĂ€chtig. Weiter.
Die nĂ€chste Mail, ein kurzes Gedicht, ließ ihn innehalten. Er las vorsichtig, als ob eine alte Melodie aus dem Nichts in seine Eingeweide gefahren wĂ€re und seine Gesichtsmuskeln erweckt hĂ€tte.

Herbstgeburt

Am Ende aller Wellen steh’n Welten, wenn es spricht:
von riesenhaften Flatterfarnen, Ruinen bei der Au,
von KronengrĂŒn und Wiesengelb, von Schollenbraun
und tausendfachem Blau.

Auf liebevolle Weise verfĂŒhrt das Sommerlicht,
zieht reifend Kreise, bis es
errötend bricht.

Dr. ZsĂ€seg erging sich in Gedanken. Ließ sie laufen, spazierte dahin, schwebte, staunte, lĂ€chelte, wĂŒtete, schnaubte, Dr. ZsĂ€seg weinte und schmiss ihnen jene entgegen, die er gefangengehalten hatte, ohne sie je vergessen zu können, halbverfaulte, zerlumpte Gedanken, Proletarierprologe, Faschofragmente und MittemĂ€ander verklumpten und bildeten das Epizentrum des schwarzen Loches, das in seinem Geist rotierte. Wie gut es tat loszulassen. Wie wunderbar sich Freiheit anfĂŒhlte. Obszön? Nein ehrlich, falsch und doch wahr. Insanity? Unsanity! Dreckig aber wohlgemut, lebendig. Er badete im Mist und wusch sich mit Liebe. Er verstand.

In eine SanitÀrdenkblase gepresst dahin zu vegitieren, Verdenkmaschine, nicht Mensch zu bleiben war zukunftslos; nur eine solche, wusste er, könnte das kleine Gedicht verachten, und nur ein jenes könnte sie von sich selbst befreien.

[Untermalung 1,2,3]

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten, Rezensionen