Ob Royals oder Beatrix – ganz ohne Frage, das sind gewaltig relevante Sachen

Wie herrlich spannend erst die Bettgeschichten,
wer wen und wie und welchen da gezeugt

 

Die Luft war mit einem Mal ungewöhnlich warm fĂŒr November, ein Sturm kĂŒndigte sich an. Ich fĂŒhlte es an dem Luftzug, der von einer anderen Ecke her kam, ich sah es an den unheimlichen Wolken, die jetzt schwarze Geisterburgen aufeinander tĂŒrmten. Ich sah es an den PlastiktĂŒten, die ĂŒberall am Boden flatterten. Ich hörte langsame Schritte auf den Pflastersteinen, ich war es, die da ging. Ich löste den grĂŒnen Schal von meinem Hals, meinen langen Hals sollten die Leute sehen. Ich trat ins Licht der Fensterscheiben, öffnete noch nicht die TĂŒr, denn ich wollte zunĂ€chst meine Neugier durch Blicke befriedigen.

„Wie war dein Weg hierher?“, fragte er ĂŒbergangslos, als wir beide saßen. „Schön“, antwortete ich langsam, „die Sonne hat die ganze Zeit geschienen. Du hĂ€ttest Tageslicht haben können, hĂ€tten wir uns zwei Stunden eher getroffen.“ Sonne war allerdings reichlich ĂŒbertrieben — ich war ja nur dem orangenen Leuchten gefolgt. Ich fĂŒhlte seine Beine an den Stiefeln, obwohl sie gefĂŒttert waren und seine BerĂŒhrungen im Moment nicht besonders fordernd. „Sonne? Ich erinnere mich gar nicht. Kann schon sein. Ich habe zu Hause geschlafen.“

.„Das Licht“, ĂŒberlegte ich halblaut, „das Tageslicht hĂ€tte dir vielleicht geholfen. Immer willst du es abdunkeln, oder du setzt dich unter den Kegel seines kĂŒnstlichen Scheins, um besser sehen zu können. Ich werde höchstens beschienen und muß ins Dunkle schauen. Bei der Liebe und beim Malen. Ich mag das nicht.”

Draußen regnete es in Strömen, es stĂŒrmte. Es gab so viele Nuancen Schwarz. Es stimmte nicht, daß Schwarz keine Farbe war. Er hatte noch versucht, mich gleich an der nĂ€chsten Hauswand zu lieben, aber ich wollte erst von ihm gemalt werden.

Genre: GemĂŒtstiefe

Kastrierte Weinsorten

Riesz-ling
MĂŒller-Schnuller
oder der ganze grĂŒne Filz

schmecken nach Hirnalkoholismus, und welcher gesunde Affe möchte selbst im Vollrausch noch Mangel leiden, und ĂŒberhaupt, ĂŒberhaupt – Geschmack ist mehr als Gewohnheit
P.S. und reden wir nicht ĂŒber Nadelöhre, Karawansereien oder die Erb-

Genre: GemĂŒtstiefe

bogaz

wir standen am ufer des bosporus
und blickten hinĂŒber
in das gespiegelte land
dort aßen sie honig und tranken galle
leoparden sÀumten das ufer
autos hupten und Sirin winkte
einem albatros nach
der schatten seines flĂŒgels
streifte ihr gesicht
das wasser sang
und in den wellen verhallten
schĂŒsse aus einem fernen gebirge

Genre: Erinnerungsbrösel, RealitÀtsschatten, Trauersymmetrie

“Wann endlich wird die Arbeiterbewegung die Lehren aus ihrer Geschichte ziehen?”

Mein Combray heißt Chemnitz, Karl-Marx-Stadt, Bob-Dylan-Stadt, Stadt der kĂŒnstlerischen Moderne, Stadt der Ă€sthetischen Avantgarde. Mein C-Dur war der Uki-Goshi.
Karl Chemnitz 1992.
Meine Großeltern wohnten in der Parkstraße.

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten, Rezensionen, Trauersymmetrie, Wortmysterien

Inmitten

des Gedankens ‘Aufstehen oder Liegenbleiben” ein kleiner Blitz, der die schwarze Wand zerspaltet – interessanterweise – - indem der Körper bereits in Bewegung geraten ist und zwischen zwei KĂŒssen mĂŒhsam auf die eigenen zwei Beine zu stehen kommt – - – und kommt es ihn “teuer” zu stehen?

1. Titel: GelÀchter im Dunkel
2. Erster Satz: Es geschah in Berlin in Deutschland
3. Erscheinungsjahr: ca. 1930 /… Haus, Blitz, Wolke, See, Strand ??

???

Genre: Erinnerungsbrösel, Wortmysterien

Vom toten Kind

Tote Kinder hat man nicht nur lieb.
Verletzt, verkrĂŒmmt durch’s Fehlen
TrĂŒbt sich das Bild und darf’s nicht sein.

Ist LĂŒcke mit offenen RĂ€ndern,
Schlund und GeschwĂŒr,
Ein WiedergĂ€nger; darf’s nicht sein.

Klagemauer, steinern stumm,
So blindlinks einfach fort-
Gegangen – darf’s nicht sein.

Tortur bestÀndig beim Erinnern,
LĂ€chelnd wie ein Messer -
Schmerzhaft-schĂ€dlich – darf’s nicht sein.

Und hört nicht auf, macht weiter,
Kommt zurĂŒck in SchĂŒben -
Ist ein Duft, ein Hauch und darf’s nicht sein.

Genre: Trauersymmetrie

shrimpskudder

manchmal sind alle beisammen

im traum eines armen menschen, der allen

grund hat zum trÀumen

Genre: Trauersymmetrie

Shrimps

Ein Zeichen.
Kurz vorm Verblassen
des Zimmers.

Er ging zu den
Fenstern um
sie zu schließen.

In MessingstÀndern
Kerzen, gezĂŒndet
gelangweilt, dumm

sein Plagiat,
Fischsauce
mit Shrimps,

der Nachdruck
von Original und Kopie.
Die Zunge trennt
HĂŒhnerhaut
von Fleisch.

Beherrscht, der
Junge an Eduards
Seite so
hervor
ragend ver-
knöpft mit
dem Bild

einer
eingelegten Olive,
dahinter nun
angenehm der Geruch
von Vetiver.

Genre: GemĂŒtstiefe, Rezensionen

Kommentare sammeln, bevor der Schnitter kommt.

Vor ein paar Tagen hatte Irma eine Dokumentation ĂŒber Achtzig-bis NeunzigjĂ€hrige gesehen, lauter Selbstversorger, die sich bester Gesundheit erfreuen, jedoch an Schlaflosigkeit litten. …Das Interview einer NeunzigjĂ€hrigen, die aussah als wĂ€re sie Mitte siebzig, hatte Irma dann doch interessiert. Sie könne den Menschengeruch immer weniger ertragen, hatte die zierliche Frau gesagt, und bleibe deswegen fast nur noch zu Hause. Das Problem sei nur, wohin mit der Zeit? In der Jugend habe man das Leben eingesammelt, Textmaterial angehĂ€uft, im Alter arbeite man nur noch am Kommentar. Nun sei dieser schon lĂ€nger als der Text…  ”Ich bin mit dem Schnitter verabredet gewesen, aber ich habe die Verabredung nicht eingehalten. Jetzt bin ich allein”…

Sabine Gruber. Über Nacht. 2009

Genre: Rezensionen

Da kann man ganz schön danebentreten, wie man an diesem als Gedicht gemeinten Text sehen kann

DSCF2232

Aber damals waren die Texte auch nicht besser als heute, nur dass sie heute, pardon, immer hirnloser werden.

Genre: Rezensionen

Und was “jede Renaissance” angeht, da erweist du dich als Vertreter des reaktionĂ€ren Spießertums.

DSCF2233

Aber nichts fĂŒr ungut, wenigstens die eingesetzte Zeit und MĂŒhe sollte vom Leser belohnt werden.

Genre: Rezensionen

“Dass es sich bei Ihrem Gedicht um Kitsch reinsten Wassers handelt, ist fĂŒr mich unbestritten.”

“Bitte lass mich runter, lass mich endlich, endlich runter!”

Die Amseln fallen auf den Balkon. Nicht in toter Form. Sie lassen sich fallen. Mit Flattern. Die Bewegungen setzen sich oberhalb des Vogelkörpers fort, angetrieben von Etwas, ĂŒber das ich immer seltener Lust habe, nachzudenken. Auch Gesten vererben sich.

Ich bin zunehmend wie Mutter. Wenn ich den Balkon abfege, ĂŒber die Erdkrumen schimpfe, die dort von den Amseln beim Flattern und Picken in den Pflanztöpfen hinterlassen werden, kriege ich noch mehr Wut. Mutter wĂ€re entsetzt, wenn sie meinen Balkon zu sehen bekĂ€me. “Da geh ich nicht rauf. So ein Dreck. Wenn du keine Zeit hast, die Blumen zu gießen und die WinterbĂŒsche zu pflegen, dann schaff dir erst gar keine an!” Ich habe mir diese Pflanzen nicht angeschafft, weil ich sie pflegen möchte, sondern damit sie mein GemĂŒt begrĂŒnen. Die Vorstellung, beim FrĂŒhstĂŒck auf einen schmucklosen Balkon mit grauem Eisengitter schauen zu mĂŒssen, macht den Tag zu einem Rollo, das runtergelassen werden will.

Genre: Rezensionen

Plong!

Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy!
______________________________________________________ Allan 1955

Sie unterhielten sich, sie kopulierten. Sein Gang war ihr eine Erinnerung an bessere Zeiten, ihre BrĂŒste ihm ein Sahnebaiser. Sie traten gemeinsam auf an der Place de la Concorde. Sie feilschten und sie schlugen sich. Sie ondulierten, postulierten, definierten und reĂŒssierten. Sie postulierten, dass es die Menschheit wirklich gebe. Sie wurden gemeinsam dreizehn.

Plong plong plong plong plong plong
Plong plong plong plong plong plong
Plong!

Sie setzten das mit zehn Begonnene fort
Das mit acht
Mit fĂŒnf das
Mit drei nie Begonnene

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten, Rezensionen, Trauersymmetrie

Fragment

I

Zuerst entdeckte ich meine Einsamkeit in einem Teich. Sie schwamm an der WasseroberflĂ€che und krĂ€uselte sich in einem LĂ€cheln. DĂŒnne Falten bewegten sich hin und her. Sie wirkte freundlich und erschreckte mich nicht. Doch als ich einen kleinen Stein auf sie warf, wurden die Wasserfalten tiefer, schwankten heftig, und ein neuer Ernst drang in mein Leben.
Manchmal nannte ich Vater RabenkrĂ€he, so unnahbar streifte er den Rand meiner Welt. Er kam selten zum Teich, und wenn ich auf ihn zulief, flog er davon. Mutter war der Adler. Jeden Tag zog sie ĂŒber mir Kreise, doch auch sie konnte ich nie greifen. Ich hatte nur eine Feder von ihr, die auf meinem Pult stand.
Ich sah oft schöne Menschen an unserem Garten vorbeilaufen, Menschen mit einem Ziel. Ich hatte keines. Deshalb sprang ich vom Bordstein zur Hecke und wieder zurĂŒck, nie geradeaus. Mutter ging nicht gern mit mir spazieren. Sie nannte mich flatterhaft. „Kannst du nicht ordentlich laufen?“, sagte sie immer. „Du bist doch schon fĂŒnf.“ Dabei tat ich es nur wie die Schnecken, denen ich im Garten eine Rennbahn gebaut hatte.

II

Das Krankenbett meiner Liebe ist grau. Ich habe es so angeordnet, damit der Verfall weniger sichtbar wird. Sie liegt dort zwischen verbrauchten Laken und Decken, das Gesicht von Falten durchzogen. „Wir können nichts mehr fĂŒr sie tun“, hatte mir der Arzt im Vorbeigehen gesagt.
Seitdem sitze ich an ihrer Bettkante und schaue ihr dabei zu, wie sie immer weniger wird.

III

Heute Nacht hatte ich einen Traum. Mir wurde auferlegt, Pferde in den Stall zurĂŒckzufĂŒhren. Jedes Pferd hatte seinen festen Platz. Die Tiere bockten, und ich zerrte an ihren ZĂŒgeln und rief Namen. Immer wenn etwas in mir starb,  kam ein neues Pferd hinzu, das ich in seine Box bringen und festbinden sollte. Es wieherte, reckte den Hals in die Luft, bĂ€umte sich auf und lief in wildem Zickzack hin und her. Sein RĂŒckenfell strĂ€ubte sich, und die Augen waren von roten RĂ€ndern unterlaufen.

Überall dort, wo meine Liebe nicht ist, stĂŒrzt ein Pferd auf mich zu. Ich mag keine Pferde. Auch keine KrĂ€hen und Adler. Nur der Katze vertraute ich, die manchmal durch eine offene Stelle in der Hecke herbeischlich. An guten Tagen vertraute ich auch der Einsamkeit, die mich aus dem Wasserspiegel anblickte. Gute Tage waren selten.

Genre: RealitÀtsschatten

Sag doch mal was Schönes

Steuersparschlussverkauf!

Genre: Rezensionen, Trauersymmetrie