Das Dunkel

riecht nach Luchs.
Ich streife durch die Tiefen meiner Sprache.
Zeit bricht
mit wuchtigen Fingern Worte.
Wir starren Löcher in die Luft
und fĂŒllen sie mit Stimmen.

Auf der RĂŒckseite
sind die Tage rau,
kaum schwerer als der Regen.
Ich halte Stunden
gegen das Licht,
doch nichts scheint durch.
Auf ihrer Haut
sammelt sich die Nacht.

Genre: Erinnerungsbrösel, Wortmysterien

Herbst 2016: “… da setzen die Synapsen aus.” Die komprimierten KuriositĂ€ten und Stilmodellagen der frau kleist

Stachelige Wesen II

Wissen Sie, Frau Kleist, bei einem setzen die Synapsen beim Saufen aus, bei anderen beim Schreiben. Wie Sie an sich selbst, wenn Sie kritisch an Ihre Umwelt und Ihr Schreiben rangingen, ganz gut feststellten könnten.

dieser blog erscheint mir als ein immer weiter werdendes kleidungsstĂŒck, ein wachsendes archiv, eine weiche masse, in die sich immer mehr abdrĂŒcke hineinpressen. ein prozess, nicht unbedingt ein progress. literatur ist die bĂŒrokratisierung der parzellen im gehirn. eine kombinatorik aus gedicht und statistik? … da ist “das vögelein” vorne mit dabei. beim lesen dieser zeilen werden Ă€hnliche endorphine im gehirn ausgeschĂŒttet wie es kurz vorm eintreten des todes der fall ist.

Operation. Es wird vorausgesetzt, dass beide Begriffe einander diametral entgegengesetzt zu betrachten sind. Und dass auf keinen Fall eine Überkreuzung beider “SphĂ€ren” statt finden darf. Betrachten wir das Ganze doch einmal nĂŒchtern. Eine Liebesbeziehung ist vor allem eines: die QualitĂ€tsbezeichnung einer Beziehung zwischen zwei Objekten, hier setze ich einfach einmal voraus, dass es sich dabei um humnoide Wesen handelt. Es handelt sich also um einen feststehenden Begriff, der ein ganzes Universum umschreiben kann – Beziehung sind zum einen örtlich und zeitlich definiert und sie verĂ€ndern stĂ€ndig ihre Beschaffenheit, Entfernung, usw. “Liebe” ist eine beigefĂŒgte HyperqualitĂ€t, die das ganze definitiv und tendenziell wohlwollend einrahmt. Soweit zum Ersten, wenn auch etwas grob gefasst. Bei einer Operation handelt es sich um ein substantiviertes Verb, um das Einfrieren einer TĂ€tigkeit. Ist die Operation geglĂŒckt, freut sich der Mensch. Ist sie noch in vollem Gange, ist die Differenz zwischen Operateur (Subjekt) und zu Operierendem (Objekt) herzustellen, woraus sich ganz eindeutig eine Hierarchie ergibt, die bei der Liebesbeziehung per se nicht gegeben war.

Derrida sagte, das Unpassierbare sei das Unverdauliche. Dank deiner Hornbergtexte ist selbiges Passiert: Hier kommt ja keiner mehr durch. die Schreibenden hier kommen zum blog ohne Brille, schreiben ohne Brille, verlassen den blog ohne Brille. … beginnen Sie mit der Eiablage. Sie sind jetzt zweifellos auf der Gewinnerseite im evolutionĂ€ren Wettkampf.

Genre: Rezensionen

Stachelige Wesen und wie mit ihnen auszukommen ist

Den Himmel auszumachen ist manchmal gar nicht so einfach. Auch mit der Sonne hat es so seine Schwierigkeiten. Zur ÜberbrĂŒckung der lichtarmen Zeit zĂŒnden viele Menschen Kerzen an, manchen genĂŒgt auch die Strahlkraft einer herkömmlichen Sparlampe. Einige beginnen, Berge zu besteigen, auf deren Gipfeln sich selbst in dunkleren Zeiten die außergewöhnliche LichtintensitĂ€t des Himmels zeigt. Andere wiederum vermögen in geselligen, lustigen Runden oder langen LektĂŒrestunden mit kleinsten Leuchtmitteln eine erstaunliche Beleuchtung ihrer InnenrĂ€ume zu erreichen und so das schwache Außenlicht mehr als auszugleichen. Diejenigen aber, die zu lange in kalten TrĂŒb-SĂ€len, Fruststuben oder Schattenkabinetten bleiben, treten oft mit borstigen, stacheligen Breitseiten in Erscheinung. Ihre Gemeinheiten machen es anderen dann schwer, sie fĂŒr feinfĂŒhlige, ergo mitmenschliche Wesen zu halten. GlĂŒcklicherweise legt sich ihre Ähnlichkeit mit den gestachelten Angehörigen des Tierreichs meist wieder, spĂ€testens in der Weihnachtszeit oder allerspĂ€testens, wenn sich die Sonne wieder hĂ€ufiger zeigt. Bis dahin empfiehlt es sich, sollten sie Belichtung und WĂ€rme renitent verweigern, seinen Humor zu behalten.

Genre: RealitÀtsschatten

Das Aquarell

Das kleine Aquarell ĂŒber meinem Schreibtisch ist von ihm, von Lucien. Ich kenne Lucien nicht, nur sein Bild. Und dass der Maler Lucien heißt, weiß ich nur, weil er seinen Namen in die linke untere Ecke des Aquarells gesetzt hat: Lucien, Paris, 1978.

Ein Haus ist dargestellt, ein sehr altes Pariser Haus, ein HĂ€uschen auf HĂŒhnerbeinen. WĂŒrde das Nebenhaus es nicht stĂŒtzen, brĂ€che es unter der Last der Jahre zusammen. Wie alt mochte es sein? Zweihundert Jahre, dreihundert? Mir wĂ€re es angenehm, wenn es noch aus der Zeit Heinrichs des Vierten stammte. Doch das ist nicht wahrscheinlich, eine schöne Illusion.

Das HĂ€uschen hat vier Etagen. Im Erdgeschoss befindet sich ein Laden, die Auslagen sind nicht erkennbar, es gibt kein Ladenschild. Vielleicht haben hinter den Scheiben einmal WeißnĂ€herinnen gesessen und fĂŒr ein paar Sous am Tage genĂ€ht, fĂŒr die Pariser Emporkömmlinge unter Napoleon III., fĂŒr seine Eugenie, die Schöne, die Eitle. Das wĂ€re eher wahrscheinlich. In der zweiten Etage Gardinen hinter den Scheiben, Pilaster umarmen die drei Fenster, zwei nackte Frauenkörper mit angestrengten Gesichtern. Die dritte Etage hat nur zwei Fenster, breiter als die darunterliegenden. Es gibt nichts weiter zu sagen ĂŒber sie, anonym blicken sie auf die Straße. Die Mansarde besitzt wieder drei Fenster, es sind nur Fensterchen, im Winter wird es kalt sein in den RĂ€umen hinter ihnen, auch wenn der Pariser Winter weniger kalt ist als der deutsche.

Man sieht ein StĂŒck Trottoir. Niemand geht darauf. Es besteht aus quadratischem hellem Gestein. Es ist ausgetreten von Tausenden Pariser FĂŒĂŸen, von langen Pariser Jahren.

Luciens Aquarell war ein Gastgeschenk. Er hatte es Arbeitern unseres Betriebs geschickt. Den Begleitbrief kenne ich nicht, nichts weiß ich darĂŒber.

Aber ich weiß, dass es sterben sollte, Luciens Aquarell. Damals, im Oktober 90. Wir rĂ€umten unsere Schreibtische aus. Alles, was in dem neuen Deutschland nicht mehr gebraucht wurde, lag mitten auf dem breiten Gang, zu einem Abfallhaufen aufgetĂŒrmt, MĂŒll, bestimmt fĂŒr den Container. DDR-Schrott. Ich bĂŒckte mich, sah, dass es ein gekonnt gemaltes Aquarell war, und nahm es mit.

Es hĂ€ngt ĂŒber meinem Schreibtisch, seit jenem Jahr 90. Luciens Aquarell spricht. Es spricht zu mir von den Streiks in Frankreichs, vom Non zur EU-Verfassung, von den Studentendemonstrationen. Und es flĂŒstert: von lĂ€ngst vergangenen Zeiten, von den Pariser WeißnĂ€herinnen, den Bonvivants, die mit den jungen Frauen hinter den Scheiben kokettierten, vom sagenhaften Pariser FrĂŒhling.

Luciens Bild spricht. Sehr leise, aber vernehmbar.

Genre: RealitÀtsschatten

Operation Winterstern

Die Kontrolettis hatten ihre letzten Stumpen zur Fixierung der revolutionĂ€ren Bewegung aufgeboten. – Überall lagen entwertete Fahrkarten herum. Man brĂ€uchte sich nur zu bĂŒcken und wĂ€re schon im Besitz einiger, heute nicht mehr gĂŒltiger Euros gewesen. – Eine Kehrmaschine besprĂŒhte den Untergrund mit weißem Schaum, kreisende BĂŒrsten erzeugten ein feuchtes, schabendes GerĂ€usch. – Als Gegenteil des Fegefeuers hatten sie die SpĂ€treinigung erfunden: Tauchet ein, Schabet ab – morgen frĂŒh wird es keine Erinnerung an dieses Gemisch aus Unrat, verdautem Halbwissen und aktuellem Kurswert mehr geben. – Die Ganztagsbetreuung hat den Halbtagszirkus abgelöst. – Alle Akrobatik ist den Halbheiten soliden Wissens gewichen, wir wissen nun, dass wir alles wissen könnten, hĂ€tten wir nur Zugang zum Zentralrechner. – Der Code ist in stĂ€ndiger Bewegung. – Durch alle UmwĂ€lzungen der öffentlichen Meinung hindurch zieht sich das nicht mit bloßem Ohr zu vernehmende Tickern der Codiermaschine. – Wasser marsch! sprudelt es aus mit herumgedrehten Plastikeimern nur unvollkommen getarnten Gehirnen. – Wasser marsch, alles werde neu!

Genre: Erinnerungsbrösel

Stil fĂŒr Herzkranke

Licht von GlĂŒhbirnen unter schwarzem Metall.  Es traf die Augen, die der Besucher machte. Ihre Wohnung musste von Anfang an mit ElektrizitĂ€t versorgt gewesen sein. Aus der Zimmerdecke wölbte sich ein Stucktorso. Jedes Ornament war ein Verbrechen? Vielleicht. Jugendstil aber – war Orgasmus. Deshalb, sagte sie, war er kein Stil fĂŒr Herzkranke. Die Belastung, der das Herz-Kreislaufsystem beim Geschlechtsverkehr normalerweise ausgesetzt sei, war vergleichbar mit einem kurzen raschen Spaziergang oder mit Treppensteigen ĂŒber zwei Stockwerke. Alle wohlhabenden Leute zögen in den lebensfreundlichen, zweiten Stock. Die Dame mit dem nach außen steinernen Herzen, einer Pygmalionfigur gleich, war ĂŒberzeugt, dass alle Lust Ewigkeit wollte. Er verlangte von ihr den Text, der diesen Satz einrahmte, doch sie war mit dem Zug aus der Stadt gefahren.

Genre: Trauersymmetrie

Zeitwall

Meine Sehnsucht schweigt
sich alt.
Die Zeit hat mir
in dieser Nacht
vom Haar genommen.
Ich trÀumte schwarzen Sand,
der fiel und fiel
und an den Ufern Falten legte.
Dort rauscht ein Fluss
und nagt am Tagesrand.
Ich bÀumte mich im Schlaf
und legte Jahresringe
ans Gestade,
doch das Wasser
zog sie in den Sog
der Wellen.

Am Morgen ragten
sieben Deiche
tief ins Land.

Genre: RealitÀtsschatten

Am Spreekanal

Die BĂ€ume nackt in sich zurĂŒckgezogen,
und grau die Luft vorm nahen ersten Schnee.
GerĂ€uschlos fließt es unterm BrĂŒckenbogen,
fast leer schrĂ€g gegenĂŒber ein CafĂ©.

November nebelt durch Berliner Straßen.
Auf BĂŒrgersteigen noch das braune Laub,
das Wind und Wetter absichtslos vergaßen,
und unbemerkt verwirbelt blasser Staub.

Ganz melancholisch wird’s dir im GemĂŒte.
Erinnerst dich, wie‘s hier im Sommer war,
der jetzt kaum mehr ist nur als eine Mythe.
Beinahe riecht es schon nach Januar.

Genre: RealitÀtsschatten

Berlin am Morgen

Die Straße menschenleer in dieser FrĂŒhe,
ein Laster donnert ĂŒber den Asphalt.
Die Stadt erschöpft von ihres Tages MĂŒhe,
was war, ist lang schon von ihr abgeprallt.

Am Horizont verkĂŒmmern letzte Sterne.
Die Stadt im Schlaf, ein grummelnder Moloch.
GerÀusche hin und wieder aus der Ferne -
man trĂ€umt sich eins, und sei es bloß jedoch.

Genre: RealitÀtsschatten

Der Falter

landet im Wachsaal
der Heilanstalt (weiß Gott
ist jeder seine eigene
Einflugschneise), Diagnose:

verzettelte Einsamkeit.
Der SekundÀrarzt: Patient
könnte infolge seiner Zartheit
auch einer BlĂŒtenvergiftung

erlegen oder tÀglicher
Buchstabenbrei Auslöser fĂŒr
die Stimmen, das Wimmern,
die Apathie sein, Ent-

mĂŒndigung unweigerlich.
Er beginnt, Pa-,Pa-,Pa-,Pa-,Pa-
piertĂŒten zu falten (in
Gedanken entstehen durch Berg-,

Tal- und Senkkniffe erst Boo-
te und Sterne, dann besie-
deln Fische, Frösche, Seero-
sen, WunschblĂŒten, Hasen, Flie-

ger und Schwalben die Welt
in Weiß) doch die Agorafratzen
bleiben. Am Weihnachtstag
fliegt er (letzte FĂ€hrten

sind keine) im Schnee:

Schweizer schreibt Herzschlag
in den Totenschein.

Genre: RealitÀtsschatten, Trauersymmetrie

Ohne Lust und Liebe

Draußen zeigte sich wieder die Krankenschwester, kurzsichtig und neugierig nach ihnen spĂ€hend. Aber im ersten Stockwerk blieb Hans Castorp plötzlich stehen, festgebannt von einem vollkommen grĂ€sslichen GerĂ€usch, das in geringer Entfernung hinter einer Biegung des Korridors vernehmlich wurde, einem GerĂ€usch, nicht laut, aber so ausgemacht abscheulicher Art, dass Hans Castorp eine Grimasse schnitt und seinen Vetter mit erweiterten Augen ansah. Es war Husten, offenbar, – eines Mannes Husten; aber ein Husten, der keinem anderen Ă€hnelte, den Hans Castorp jemals gehört hatte, ja mit dem verglichen jeder andere ihm bekannte Husten eine prĂ€chtige und gesunde LebensĂ€ußerung gewesen war, – ein Husten ganz ohne Lust und Liebe, der nicht in richtigen StĂ¶ĂŸen geschah, sondern nur wie ein schauerlich kraftloses WĂŒhlen im Brei organischer Auflösung klang. “Ja“, sagte Joachim, „da sieht es böse aus. Ein österreichischer Aristokrat, weißt Du, eleganter Mann. Und nun steht es so mit ihm. Aber er geht noch herum.”

(Thomas Mann, Der Zauberberg, S. 16)

Genre: RealitÀtsschatten

Da ist kein Wort

Was ich hörte. Genug
GerÀusche des Tröstens. Uns blieben
die Federn der Nachtvögel.

Deine Hand
auf meinem Haar. Sprich nicht, sagst du.
Als gĂ€b es GrĂŒnde nicht
tausendfach.

Licht will ich. Und die Regen,
die morgens niedergehen, spĂŒren
auf der Haut.

Wie gefangen wir sind.

Genre: RealitÀtsschatten

Brille vergessen?

Immer mehr verstĂ€rkt sich der Eindruck, die Schreibenden hier kommen zum blog ohne Brille, schreiben ohne Brille, verlassen den blog ohne Brille. Ob sie ihn mit Brille lesen, vermag ich nicht zu beurteilen. Wenig ist davon zu sehen.  Unklare, schwammige Weltbeschauungen dominieren die derzeitige Diskussion, fĂŒhren den dichtenden Umzug an. Man möchte meinen, es reicht nicht einmal mehr fĂŒr die Kassenvariante. Das hat dem Blog einen ganz neuen -  brillenlosen Look verpasst. Sie wissen ja selbst, wie es sich anfĂŒhlt, ohne Brille durch die Welt zu gehen. Sie stehen und bewegen sich in einem bizarren Nebel, stoßen und ecken ĂŒberall an, mĂŒssen mit den darauf folgenden Schmerzen leben. Wer nichts sieht, vermag auch nur noch nebulös zu denken, jeder in der Fehlsichtigkeit seiner Art. Da gibt es jedoch gravierende Unterschiede. Dem einen fehlt die Kurve links, der andere hat einen Rechtsknick. Einer kuckt durchs Fernrohr und erkennt den Mond, aber nicht den Dreck vor den eigenen FĂŒĂŸen. Der nĂ€chste sieht nur die Vertiefung im Rohr und sonst gar nichts, wieder ein anderer hat ein kĂŒnstliches VergrĂ¶ĂŸerungsglas vor der Linse, das jede noch so geringe Nichtigkeit riesengroß erscheinen lĂ€sst.

Genre: Rezensionen

Fortpflanzung: So funktionierts!

1. machen Sie auf sich aufmerksam, indem Sie die Farbe auf hell umstellen.
2. lassen Sie Ihr Opfer glauben, es könnte Sie leicht mit dem Finger zerdrĂŒcken, aber bleiben Sie starr.
3. hoffen Sie nun, dass es sich um ein naturwissenschaftlich-intellektuelles Opfer handelt, das Sie untersuchen will. Hoffen Sie außerdem, dass es an starker Kurzsichtigkeit leidet und seine Brille abnimmt, um Sie aus unmittelbarer NĂ€he beobachten zu können.
4. Haben alle 3 Punkte gut funktioniert und Sie sind noch am Leben, gehen Sie zum Angriff ĂŒber. Springen Sie dem Opfer unmittelbar ins Auge, bohren Sie sich ein und beginnen Sie mit der Eiablage. Sie sind jetzt zweifellos auf der Gewinnerseite im evolutionĂ€ren Wettkampf. Herzlichen GlĂŒckwunsch!

Genre: Rezensionen

Getuscht

Da ist was
im Busch:
ein Strolch?
Erwuscht!

Genre: RealitÀtsschatten