Von ihm, von mir, von ihr

Anhand¬†f√ľnfhundert mathematischer Gleichungen k√∂nnte es irgendwann von ihr und mir bewiesen werden, dass hinter einer blondgelockten Tapete kein Ein- oder Ausgang sich befand, dass nur Raufaser und Kleistermasse blieben. Vorerst z√§hlten wir noch die chaotisch angeordneten Fusseln. Fusseln, die wir auch in einem Schal wiederfanden, den wir oder er getragen hatten, Fusseln, die uns erneut erinnert oder genervt hatten, Fusseln am Mantelkragen, wenn es zu kalt f√ľr den Trenchcoat wurde, oder Fusseln, die als Fremdk√∂rper an Klebestreifen, Saft- und Kokoslik√∂rgl√§sern verendeten. Sie, ich und er. In jeder Ecke verbargen sich Haarb√ľschel, Speichelf√§den oder Lutschpastillen von ihm, von mir, von ihr.

Genre: Realitätsschatten

Ein Hauch Brokatimitat*

Ich sehnte mich nach dir. Ich holte auf meinem Weg in die Einsamkeit die spitzesten Bergr√§nder ein. Ich schnitt die Finger auf an ihnen. Ich kratzte mir Eis von der Stirn. Wollte meine Identit√§t l√∂schen, um dir nahe zu sein. Wie nahe wollte ich dir sein. War doch nur eine Frage des Reizes, der mir √úbelkeit signalisierte, sobald ich zu h√§ufig an dich dachte und mir dabei die vereisten Bergr√§nder ins Fleisch trieb, an denen ich sa√ü, ich sp√ľrte die M√∂glichkeit des Fallens, die Hirnmasse, die Fingerspitzen, feste Wangenknochen, Gallenblase, Lungen und Haut. Eingeweide. Geschlechtsorgane, wo sie dann wieder austraten. Mein K√∂rper sehnte sich nach weichen Federbetten, nach himmlischer Kleidung mit einem Hauch Brokatimitat, den Filetspitzen aus vanillewei√üem Garn. Einer bis ins Knochenmark dringenden Ersch√ľtterung, Orpheus Fl√∂te im Drachenberg. Konntest du deiner Vica bis dorthin in die Augen sehen? Da, wo ihre Geschichten sich kreuzen? In tellergro√üe Schw√§rze?

 

* Plagiat von hundert Ufern, an denen ein Rinnsal dahin geleitet.

Genre: Realitätsschatten

vaterland – mutterland

vaterland – mutterland
f√ľr

im s√ľden der acker
seine krume kr√ľmmte sich
unter deinem r√ľcken
der staub lag bis zum nächsten sturm
auf den trockenen ähren
abseits ruhten in ihren gräbern soldaten
freunde wurden sie jetzt
fern der heimat

und leicht

wuchsen fl√ľgel aus knochen
alle welt sprach
von gefiedertem frieden

Genre: Trauersymmetrie

Dr. Zsäsegs Mind Machine (Flucht und Wiederkehr XXV)

Versuchen Sie einen Text zu imaginieren, in der eine Protagonistin handelt, ohne auf einen Mann angewiesen zu sein.

Eine Geschichte, die von vorne bis hinten auf jeglichen Anflug reaktion√§rer Zynik verzichtet, in der keine von Herkunft, Aussehen und Bildung ausgehenden Vorurteile kolportiert werden, keine Reduktion auf Geschlecht, Weltanschauung oder Geschmack vorgenommen wird –

eine Geschichte vielleicht, in der Klarabella ihre Milch an den Nachwuchs der f√ľrsorglichen, gleichgeschlechtlichen Partner von nebenan verschenkt, Ulrike etwas sucht, das sie niemals finden wird, w√§hrend sich das Idealismuskarussell immer weiter um ihre vielen Identit√§tsmerkmale dreht, obwohl das nat√ľrlich positiv ist, da sie es immerhin versucht, das Kopfverdrehen;

eine Handlung, in der Ruth einst Kevin war, jetzt aber total happy und Markus fr√ľher Marion, sich nun aber wieder nach ihrem alten K√∂rper sehnt. Irre-relevant, da Inklusivit√§t selbstverst√§ndlich allumfassend ist und auf detailliertere Ausf√ľhrungen aus Triggergefahr verzichtet wird.

Ein Text also, dessen Safe Space Ihnen selbstbewußt ins Gesicht faucht, wie eine Kampflesbe einex transgender Homophobex, dex eine Antidiskriminierungsbeauftragte, welche leidenschaftlich die Anschaffung von Gartenzwergen verteidigt, vergeblich liebt. Gut, vergessen Sie das Letzte bitte ganz schnell wieder, es klingt wohl alles noch ein wenig zu privilegiert.

Dr. Zsäseg blickte von dem Manuskript auf. Braunlich verdörrten die Kastanienbäume vor seinem Fenster und verschandelten ihm die ansonsten so erquicklich gedeihende Aussicht.

Die Einsendung faszinierte ihn nur auf eine spezielle Weise, rechtfertigte er sich. Etwa wie schwarzer Humor zuweilen die eigene Borniertheit erfrischend entlarvt und transzendiert – Satire darf, nein sollte! immerhin alles. Und doch stie√ü ihn dieser dahingerotze Dreck zugleich wie selbstverst√§ndlich ab. Er fragte sich¬† kurz, ob es sich nur um seine fingerzeigende, √ľbergestreifte, gesellschaftliche Moral handelte, der er – nicht zu vergessen – seine Position zum Teil verdankte, nein schuldete! – und unterlie√ü eine Antwort.

H√§tte er ohne die Exotik seines Namens die Position erklimmen k√∂nnen, aus der heraus er heute richtete – W√§chter √ľber die Verbeitung¬† gehaltvoller Texte, Verfechter der reinen Lehre?
Aber da war etwas. Dieses Fight-Club-Gef√ľhl, das sich, wie er erinnerte, aus lauten Sommern√§chten, aus Wut und Frust, Hoffnung im Verbund mit Abenteuerlust, aus Durst und √úberdurst sch√∂pfte. Jugend, ewige¬† Jugend und neu mach die Welt.
Unwirklich milde und zynisch zugleich blickte er auf die Seiten. Oldschool per Post. Wahrscheinlich ein 25jähriger Retro-Knirps, der weder Menschen verachtete, noch Diskriminierung verteidigen wollte. Ihn störte wohl die gängelnde In-Your-Face-Mentatlität einer permanenten Sprachregelung durch doppeldenk Gleichstellungszombies.
Warum konnte der sich bloß nicht damit abfinden? Es war doch nicht allzu schwer, sich der Leere anheimzugeben. Dr. Zsäseg verfiel in leichte Trance.

Mindsetting.. Sprache, nur Sprache.. aber ohne Einflu√ü auf Gef√ľhle?.. f√ľhl wie du willst.. nimm alles offen an.. alles Offene ist gut.. wir..
Er kämpfte sich ruckartig hoch, griff hastig den Mauszeiger und öffnete seine Mails, um sich abzulenken, obgleich ihn wegen des Abruchs des Clearings ein schlechtes Gewissen plagte. Zwei neue Mails, bestenfalls Strandgut, miesepeterte er.

Ein Fingerhut

Es ist Sommer – ein Sommer ohne Frischeperioden. Hitze, Schwei√ü, l√ľsterne Gedanken den lichten Tag lang. Obgleich der Alltag stattfindet, scheint das Land seit Monaten wie nach einem ersch√∂pfenden Akt langsam vor sich dahinzuw√§lzen. Die Themen dieses Sommers sind unter-, die S√ľ√üe der Fr√ľchte hingegen √ľberirdisch – wohl dem, der Zugang zu G√§rten hat. Meine Urgro√üeltern verloren vor f√ľnfundsiebzig Jahren im Feuersturm ihr Gesch√§ft. Kleinwaren, Stoffe, Kn√∂pfe Nadeln. Ein √ľberkommenes Gesch√§ftsmodell, das Gedenken?

Nat√ľrlich nicht, aber irgendwie verd√§chtig. Weiter.
Die nächste Mail, ein kurzes Gedicht, ließ ihn innehalten. Er las vorsichtig, als ob eine alte Melodie aus dem Nichts in seine Eingeweide gefahren wäre und seine Gesichtsmuskeln erweckt hätte.

Herbstgeburt

Am Ende aller Wellen steh’n Welten, wenn es spricht:
von riesenhaften Flatterfarnen, Ruinen bei der Au,
von Kronengr√ľn und Wiesengelb, von Schollenbraun
und tausendfachem Blau.

Auf liebevolle Weise verf√ľhrt das Sommerlicht,
zieht reifend Kreise, bis es
errötend bricht.

Dr. Zs√§seg erging sich in Gedanken. Lie√ü sie laufen, spazierte dahin, schwebte, staunte, l√§chelte, w√ľtete, schnaubte, Dr. Zs√§seg weinte und schmiss ihnen jene entgegen, die er gefangengehalten hatte, ohne sie je vergessen zu k√∂nnen, halbverfaulte, zerlumpte Gedanken, Proletarierprologe, Faschofragmente und Mittem√§ander verklumpten und bildeten das Epizentrum des schwarzen Loches, das in seinem Geist rotierte. Wie gut es tat loszulassen. Wie wunderbar sich Freiheit anf√ľhlte. Obsz√∂n? Nein ehrlich, falsch und doch wahr. Insanity? Unsanity! Dreckig aber wohlgemut, lebendig. Er badete im Mist und wusch sich mit Liebe. Er verstand.

In eine Sanitärdenkblase gepresst dahin zu vegitieren, Verdenkmaschine, nicht Mensch zu bleiben war zukunftslos; nur eine solche, wusste er, könnte das kleine Gedicht verachten, und nur ein jenes könnte sie von sich selbst befreien.

[Untermalung 1,2,3]

Genre: Erinnerungsbr√∂sel, Gem√ľtstiefe, Realit√§tsschatten, Rezensionen

√ľber kommen

f√ľr Arthur Rimbaud

wenn die arbeiter (die angestellten)
die fabrikhallen (die b√ľros) verlassen
geht wieder /unbemerkt
ein sonniger tag zu ende
lassen sich die männer und frauen nicht
an den ufern der seine [se:n] nieder
sondern fallen
in ihre fernsehsessel (in die balkonst√ľhle)
soziale netzwerke
säuseln smart aus den phones arbeiterlieder
(angestelltenlieder)
√ľber die liebe √ľber gott
und die welt /unbedeutende? gegenden
zwischen zwei atemz√ľgen zwei augenaufschl√§gen
eines gl√ľcks /nicht existent!
rauschen vor dem haus die autos
und in der ferne irgendwo
die gr√ľngestorbenen w√§lder
die feldfluren die flusswasser
die stillen
die schnee-e
diese letzten leichent√ľcher
die den arbeitern (den angestellten)
aus der /guten alten zeit geblieben sind

 

 

Genre: Erinnerungsbrösel, Rezensionen

Café Landtmann

Ich war mal in Wien im Caf√© Landtmann. Daran habe ich mich gestern abend erinnert, oder besser, dass es da auch eine Landtmann-Zeitung gab, die ich, nachdem ich mich zu Bett gelegt hatte, las. Ich war mit einer Freundin unterwegs. Die sagte dann zu mir, diesen Landtmann, den findest du wohl so interessant, dass du ihn mit ins Bett nimmst? Ein Besitzer des Landtmann hie√ü √ľbrigens Karl Kraus, wobei nicht der Kulturkritiker gemeint war.

Genre: Realitätsschatten

Gesang an Feuern

Gesang an Feuern

 

sicher sind die Ränder

der flackernden Felsen

wo wir Leben fanden

 

Geschichten durchquerten

und bewachte Träume

Seelen der Zugvögel

 

wir fallen aus Netzen

in die Gegenwart

ohne Gegenwert

 

aufgehängt

in rasende Konserven

Einsnullvarianten

in brennder Not

 

 

 

 

Genre: Realitätsschatten

Olba

Bergbauidyll am Weltende
Was haben wir hier verloren
Was gewinnen wir

Zur√ľck : es gibt kein Ende
Nur die steppige Einsamkeit
Der Wolfsrudel

Zusammen : getrennt
Jeder beißt sich
F√ľr sich durch

Adler packen Karpfen
Kraniche verschlingen
Die Beute im Ganzen

Genre: Trauersymmetrie

gesang elf

ich wollte dich nach dem weg fragen
doch du warst verschwunden
auch der weg war nicht da
so ließ ich mir vom rebhuhn sagen
wie die n√§chste weinernte ausfallen w√ľrde

ich versuchte mich in einen tisch einzuf√ľhlen
eine stehlampe einen kanarienvogel oder ein efeublatt
ganz egal was
hauptsache in irgendwas
eines abends w√§re es mir fast gegl√ľckt

du verfingst dich im straßennetz eines stadtplans
verliefst dich schon an der nächsten ecke
beim bäcker
oder war es ein metzger
oder ein dichter der dir den himmel erklärte

wir verhängten die bilder
hier war gerade einer gestorben
niemand mehr interessierte sich f√ľr ihn
ein jahr noch vielleicht oder zwei
und die w√§nde w√ľrden wieder nach zement schmecken

auf dem bildschirm schneite es
jemand hatte das antennenkabel gestohlen
digital poetisch
graugefiedert sprang die katze zur t√ľr
etwas musste sie erschreckt haben

Genre: Gem√ľtstiefe, Realit√§tsschatten

Gojim : Goitzsche

Da haben sie das Paradies f√ľr sich
Ausgehoben : dem Schluff und Tuff
Entrissen : mit Wasser aufgef√ľllt

So daß sie segeln könnten : davon-
Schweben : im Rausch
Stattdessen hängen sie sackig

In ihren Höhlen und lamentieren
All das ist nicht genug : all das
Reicht ihnen nicht : sie wissen

Nicht : was sie zufrieden stellt
Was ihre Sehnsucht stillt : daher
Meckern sie fröhlich drauflos

Blicken sie dich verächtlich an
Fremder : Gast hier : benimm dich
Sei froh : daß sie dich nicht hassen

Genre: Realitätsschatten

A Matter of no Importance

2.

Sollten wir es nicht, gleich unseren britischen Freunden, dabei belassen und sagen ‚ÄěA matter of no importance?‚Äú Ist der Erhalt der menschlichen Rasse denn derart bedeutsam? Sollten wir nicht endlich damit aufh√∂ren, uns so wichtig zu nehmen und stattdessen nicht besser das Leben an sich als Kunstwerk kultivieren? Sicher w√§re es falsch zu sagen, die Fortpflanzung und ihre angenehmen sowie weniger angenehmen Begleiterscheinungen gingen uns nun nichts mehr an. Ich m√∂chte mich hiermit ausdr√ľcklich gegen diese stillose Ignoranz verwehren. Sehen wir uns besser einmal die Tier- und Pflanzenwelt an. Eifrig wird dort gebalzt und sich reproduziert. Nester werden gebaut, B√§ume benagt, D√§mme aufgeschichtet, L√∂cher in die Erde gegraben und in B√§ume geh√§mmert. Licht, Sonnenstrahlen und Wasser werden bearbeitet und saftiges Gr√ľn, das unser Auge erfreut, wenn es solcherlei noch zu sehen bekommt. Schon der Dichter Oscar Wilde sang ganze Lobges√§nge auf diese Farbe, und es w√§re sicherlich verkehrt, ihn als Naturfeind zu bezeichnen, wenn er sicherlich auch die Kunst √ľber den Wald stellte. Doch gleich dem sch√∂nen Narziss, der sein Ebenbild in dem unheilvollen Teich erblickt, konnte sich auch der Dichter des Lasters und des Sittenverfalls nicht der Sch√∂nheit all dessen entziehen, das sich tagt√§glich in unseren Augen spiegelt. Wie f√ľhlt es sich an, als Frau √ľber m√§nnliche K√∂rper zu schreiben? √úber K√∂rper, die √§u√üerlich bleich und unantastbar im Dunklen schlummern und innerlich durch unheilbare Krankheiten zerfressen werden? Lesen Sie meine Texte und machen sie es zu Ihrer eigenen Erfahrung. Als ein Geschenk, bei Lampenlicht und schwarzem Tee. Und einer Gauloises Leg√®res, bitte sch√∂n! Und falls Ihr K√∂rper noch jugendliche Straffheit besitzt, werden Sie diesen nach der Lekt√ľre mit Liebreiz versehen. Sind Sie eine leidende, m√§nnliche Kreatur, die Kafka und Walter Benjamin verschlungen hat? Dann wird Sie der literarische Diskurs erfreuen, den ich meinem m√§nnlichen Eros auf den Leib geschrieben habe. Sind Sie vielleicht hybride? So wie die meisten von uns heutzutage? Dann erg√∂tzen Sie sich doch an der Plastizit√§t der vielf√§ltig schimmernden K√∂rper, in denen sich Mann, Weib und Dingwelt getr√∂stet und best√§tigt wissen.

Genre: Rezensionen

R. I. P.

An dieser Sommer 2018 ‚Äď vorher -

Hier ruht in Frieden ein flei√üig’ Arbeitstier
Er starb zu fr√ľh, trank zu viel kaltes Bier
M√§nner, achtet seinen fr√ľhen Tod
Ist’s euch zu schwer, esst lieber Brot.

Gepostet 15. Juni 2018
Gelöscht ca. 3. Juli 2018 (?)

Genre: Realitätsschatten

Hallgr√≠m ‚Äď Variationen (II)

Eric_Shipton_yeti_footprint

(Quelle: Wikipedia)

The strangest thing is, that his foot is about foot long.

Genre: Realitätsschatten

deine Suada ist dir deine Selbstminne

dir sind deine Schweißschwaden in die Nase

& zu Kopf gestiegen

 

noch nie hat einer dich zurechtgewiesen

allein die Nabel-, nie die Umschau

ist deins & einen Freund hast du

 

nie gehabt, wirst du nie haben

so bist du nicht einmal dir selbst

ein Leitstern

 

[deine Suada]

Genre: Realitätsschatten

Opfer der Eizellen

1.

Nun, vielleicht wollte sie ein bisschen Zucker. Wer ist schon freiwillig gern Frau? Und ich habe ein biologisches Geschlecht. Das ist das derzeit noch unab√§nderliche Schicksal menschlich-physischer Existenz. Ich will nicht sagen, dass ich es verabscheue, hat es mir doch in so manchen Stunden meines Lebens viel Vergn√ľgen und Ersprie√ülichkeiten bereitet. Morgen k√∂nnte ich als Junge erscheinen, und Sie w√ľrde es nicht einmal merken, denn ich kann meinen Busen so flachpressen, dass er sich in die Rippen senkt. Eine tiefe Stimme habe ich √ľberdies, und ich kann sie noch tiefer machen. Ich k√∂nnte Sie perfekt t√§uschen, und Sie w√ľrden es nicht einmal merken! Von nat√ľrlichen Aufgaben sollte hier besser gar nicht mehr die Rede sein. √úbrigens recht unhygienische Angelegenheit. Sicher liegt es bei fast 37 Grad unter der Bettdecke, d√ľnstet aus und freut sich dar√ľber, das warme Menschentier. Aber ich bitte Sie, sollten wir zwei und nicht gemeinsam Dingen widmen, die oberhalb der Halskante liegen? Ist nicht der menschliche K√∂rper, dem Verfall preisgegeben, eine eher unappetitliche Sache? Sollten wir unseren Diskurs durch solcherlei verunreinigen? Ich denke, nein. Ich komme ja nicht als biologisches Geschlecht ‚ÄěFrau‚Äú zu Ihnen, und im √ľbrigen arbeite ich gerade hartn√§ckig (feinste Laubs√§gearbeit) daran, dem Geschlecht ‚ÄěFrau‚Äú mein neues, ganz individuelles Gesicht zu geben. Meine Texte handeln davon. Nicht, dass sie den Mann zum Objekt machten. Nein, ich lasse Gnade vor Recht ergehen und erhebe den Mann in einen adligen Stand, mir ebenb√ľrtig. Und nun m√∂chte ich Ihnen etwas anvertrauen: Ich erschaffe m√§nnliche Figuren, zu meiner Lust, und gestern bin ich auf einer Fotografie dem blonden Langhaarigen begegnet. Es war herrlich, noch jetzt f√ľhle ich meine Eingeweide schmerzhaft und lustvoll zugleich absinken (haben Sie die G√ľte, mir zu verzeihen, dass ich Ihnen nun doch ein wenig √ľber die k√∂rperliche Seite meines Seins beichte). Das Thema ist meine Lust und meine Last. Diese ziselierte Redensart habe ich unserem gro√üen Dichter des 20. Jahrhunderts, Herrn Thomas Mann, entwendet – er dehnte sie von der geschlechtlichen Liebe, bzw. dehnte sie, von dorther kommend, auf das Leben als Gesamtkunstwerk aus – dieses sei dem Menschentier, das doch gern Engel w√§r, eine Lust und eine Last. Doch das Ausdehnen gewisser K√∂rperteile sollten wir denn doch besser den Frauen √ľberlassen, schlie√ülich tun sie es seit Jahrtausenden und haben sich nicht schlecht darin bew√§hrt.¬†Wir alle sind Opfer der Eizellen.

 

Genre: Gem√ľtstiefe