pomeriggio

schlÀfrig
liegen die katzen im hausschatten
vom vergangenen jahr
vater hatte vergessen
den hof zu kehren

Genre: Erinnerungsbrösel

Im Grunewald : im Grunewald

Im Grunewald : im Grunewald
Ist das noch in Berlin
Fachwerk reiht an Villen sich
Der Verkehr ebbt hin

Die Bankiers sind ausgebombt
Die Enkel trinken Bier
Im Grunewald : im Grunewald
Bist du jetzt und hier

Im Grunewald : im Grunewald
Streift der Fuchs die Gassen
Beschnuppert Autos : durchquert ZĂ€une
Hetzen : Jagen kann er lassen

Im Garten namens „Besser Essen“ wird
Wenn er kommt : die Futtertonne beben
Im Grunewald : im Grunewald
Streift er durchs Dorfstadtleben

Genre: RealitÀtsschatten

Willi hatte Recht

Der Willi hatte schon recht mit dem, was er damals sagte. Obwohl ich bei seinen Worten die Schnittblumen vor Wut in den Ausguss kippte. Was war das doch fĂŒr ein selbstverliebter KĂ€se!

Genre: Rezensionen

Featuring : A. N. Whitehead : Prozess und RealitÀt

O NOUS GAR EMOON O THEOS

*
Jede Wissenschaft muss sich ihr Instrumentarium selbst ersinnen.
* *
Das Hilfsmittel, mit dem die Philosophie arbeitet, ist die Sprache.
* * *
So gestaltet die Philosophie in derselben Weise Sprache neu, wie in den Naturwissenschaften vorgegebene Anwendungsmöglichkeiten neu gestaltet werden.
* *
Genau an diesem Punkt wird die Berufung auf Tatsachen zu einer schwierigen Angelegenheit.
*
Damit beruft man sich nicht allein auf die Darstellung der Tatsachen in gelÀufigen Redewendungen.
* *
Gerade die AdÀquanz solcher Formulierungen stellt hierbei das wichtigste Problem dar.
* * *
NatĂŒrlich ist die allgemeine Übereinstimmung der Menschheit hinsichtlich erfahrener Tatsachen am besten sprachlich vermittelbar.
* *
Aber die Sprache der Literatur scheitert genau an der Aufgabe, den allgemeinen Prinzipien in expliziter Form zum Ausdruck zu verhelfen
*
- genau den Prinzipien, deren Formulierung die Metaphysik anstrebt.

Genre: RealitÀtsschatten

Mythen

die FlĂŒgel ausgebreitet
nistet ein Vogel im Schlaf
singt von jeder Faser des Dunkels
in schwarzer Schattierung Gewebtes

TrÀume pulsen im Körper
Lichtwerk hinter geschlossenen Lidern
die Flut rast mit Geröll
in der Weite des Flussbetts

NĂ€chte fliegen in den Tag
jeder Schritt ein Wagnis
Worte klemmen in alten TĂŒren
graues Licht doppelte Schatten

zwischen flackernden FelswÀnden
die TĂ€nze ums Feuer
in Geschichten versöhnte NÀchte und Tage
ich höre die eigenen TrÀume

Genre: RealitÀtsschatten

Ein Text wie

wenn ein Raumschiff startet. Erst ist da ein Feuerkreis, tanzende Kontur, in deren blaudunklem Rot sich undeutlich schwarze Schlieren abzeichnen. Tausende von Dingen, alle gleich, alle anders, in einem Strudel permanenten Nachdunkelns eingeschlossen. Dieser Text erzeugt ein GerĂ€usch wie ein Fieber, das einem heiß aus den Ohren tritt. Inmitten dieser andauernden Explosion sind die Familien der Dinge erkennbar, aus denen wir gemacht sind, die uns immer wieder fĂŒllen, bis sie uns einmal ganz ausgefĂŒllt haben werden. Dieser zukĂŒnftige Zustand bleibt irreal, ist nur als Verheißung erkennbar. Da wird nichts sein, kein Blatt, kein Stein, kein StĂŒckchen Erde, das nicht von der dinglichen FĂŒlle ĂŒberquellen wĂŒrde, das nicht ein Gedanke, ein Schatten wĂ€re in sich. Das Dunkel all dieser Dinge aber sehnt sich nach Licht. Undeutlich sind die Konturen erkennbar, hier eine und dort eine, wie sie sich schemenhaft geometrisch aus einem schwarzweißen Hintergrund herausheben, wie sie versuchen zur Ruhe zu kommen, um einen klar erfassbaren Gegenstand zu bilden und wie sie immer wieder vom Fieber erfasst werden, das den Strudel der Dinge in einem einzigen WĂŒnschen zu entbergen vermag. Plötzlich fĂ€llt dieser strudelnde Trichter von Text in sich zusammen, in der einst dampfenden Badewanne steht noch weiß seine spektrale Gestalt von Licht und WĂ€rme, alles Wasser hat die Arena verlassen, nur Schaum, Reste von Schaum bedecken den glatten Boden.

Wie im Nebel heben sich aus dem schÀumenden Grund satzartige Gebilde heraus,

Gesichter verhaltener Worte und Worte verhaltener WĂŒnsche,

Ereignisse einer großen Bewegung -

seelisches Kondensat.

Genre: Rezensionen

bauhaus

fallen in die straßen kinder
blaue augen braune
kohlenstaub
wachsen aus den gÀrten
glas beton un vent
les vents reviennent aux soleils
svetlana

[warten auf den winter deine hÀnde]

Genre: Erinnerungsbrösel, Rezensionen

In alte Wunden

taucht die Morgensonne,
so rot steht sie am Horizont.
Aus Fenstern kriecht das Schweigen.

Wenn du sprichst,
rollen sich die Worte zu Steinen,
die sich mittags erhitzen
und glĂŒhend in die Sonne schreien.
Doch jetzt liegen sie kalt
zu meinen FĂŒĂŸen,
hinterlassen AbdrĂŒcke
vernarbter TrÀume.

Auf der RĂŒckseite
spĂŒre ich noch Jahre spĂ€ter
die Kerben von einst.

Genre: RealitÀtsschatten

Orte, voller DNA

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Orte voller DNA

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Bildergebnis fĂŒr Ursuppe galaxie

Genre: RealitÀtsschatten

Funzeln (FAZ, 12.6.19)

Birne

 

Genre: RealitÀtsschatten

Aus deinem Mund

fÀllt Schnee.
Deine Stimme ein fremder Wald
ohne Rehe.
Immer den Schneisen nach
gehst du
zum Ausweg,
auf dem das Mondlicht liegt
und manchmal ein See
am Ende der Böschung.
Nach Harz riecht der Atem des Dunkels.
BĂ€ume zittern Schatten
unter die Haut,
und ihre Nadeln
weisen nach Norden
wie du.

Genre: RealitÀtsschatten

wie leicht es ist

an falterworte zu glauben
wenn die stimme
bis in die wunde
deiner seele trifft

und wie leicht ist es
beflĂŒgelt zu sein
von den lippen
die sie formen

Genre: RealitÀtsschatten

natĂŒrlich

könnte ich dir
aus liebe
ein gedicht schreiben
und dich und mich
in einen vers pressen
und sagen
das wĂ€re unser glĂŒck
so gemeinsam auf einem blatt
verewigt
natĂŒrlich sagst du
könntest du das

Genre: RealitÀtsschatten

Parque De Las Memorias

fĂŒr Bernardo Serrano Velarde, 1949-2016

ich kam nicht bis Cochabamba
noch nie ĂŒber das meer
an seine andere seite
nicht ĂŒber den Ă€quator zu anderen sternbildern
inti heißt dort die sonne
irgendwo im dschungel in einem dorf
haben sie den Che erschossen
vielleicht hörtet ihr denselben wind
dieselben stimmen aus der rinde des quebrachobaumes
die euch warnten weiter zu gehen
du erzÀhltest mir einmal von der reise der schwÀne
sicher sind es singschwÀne
ich höre die melodie auf einer knochenflöte
den pullover aus alpakawolle gibt es nicht mehr
irgendwann trug ihn noch meine frau
vientos y rosas nanntest du deine poeme
ich hatte sogar angefangen spanisch zu lernen
einmal im leben wollte ich nach Cochabamba
nach La Paz vielleicht ein stĂŒck weit auf den illimani
und um den see
mit einem schilfboot ĂŒbersetzen in das andere land
aus dem panzer eines gĂŒrteltiers weht ein lied herĂŒber
bis in den friedwald nach Cochabamba
du liebtest lieder auf guitarren und trompeten
solche von der mexikanischen art
morgen gleich in der frĂŒh
werde ich winde und rosen lesen
die zeit ist die antwort

Genre: Erinnerungsbrösel, Rezensionen, Trauersymmetrie

hulyet hulyet, kinderlekh

Dieses Buch ist ein Lebenswerk ĂŒber ein Lebenswerk und ein Leben. Uwe von Seltmann, dessen Vater noch in Krakau geboren wurde, der jetzt wieder in Krakau lebt, schreibt eine Biographie des Tate (Vaters) des jiddischen Liedes, Mordechai Gebirtig (1877-1942). Ich fange von hinten an: die Danksagungen fĂŒllen zwei Seiten, wie der Abspann eines großen Spielfilms. Gebentsht zoln zayn (Gedankt soll sein) dem Forscher Natan Gross, auf dessen Werk dieses Buch aufbaut, Irina Klepfisz, Samuel Mandelbaum und Michael Goldmann-Gilead, Überlebenden des Holocaust, die als Zeitzeugen Fragen aus eigenem Erleben beantworten konnten, neben Stiftungen und Geldgebern, Crowdhörnchen, auch Dichterinnen wie Bozena Keff, die den Antisemitismus in Polen auf die BĂŒhne gebracht hat (“StĂŒck ĂŒber Mutter und Vaterland”). Um nur einige wenige zu nennen, die an diesem Buch mitgewirkt haben.

Gebirtig war bereits zu Lebzeiten ein Star, den keiner kannte. Seine Lieder wurden nicht nur in Polen, sondern auch in RumĂ€nien, Litauen, Weißrußland und in Amerika gesungen, sie galten als Volkslieder, die auf der Straße, beim Frisör und auf den Feldern gesungen wurden, doch niemand wußte, wer ihr Schöpfer war.

Am Ende des Buches findet sich auch ein Lebenslauf von Mordechai Gebirtig – bemerkenswert, dass er nicht mit dem Tod des Lieddichters 1942 endet, sondern bis 2018 fortgefĂŒhrt wird: er enthĂ€lt auch die postumen Veröffentlichungen und die Entdeckung verschollener Lieder, ganz selbstverstĂ€ndlich als Teil des Lebens von Mordechai Gebirtig – eine kluge Entscheidung. Denn was ist das Leben eines Dichters ohne sein Werk, ohne die BĂŒcher, die sich nicht etwa verselbstĂ€ndigen, sondern das Leben ihres Schöpfers weiterleben und verlĂ€ngern, ĂŒber den Tod hinaus, und im Falle von Mordechai Gebirtig kann man sagen: seinen Peinigern und Mördern zum Trotz! Dies ist die vornehmste Aufgabe des Buches, es ĂŒberwindet das Martyrium und ĂŒberlistet die Zeit.

Wer war Mordechai Gebirtig? Ein Tischler aus Krakau, Vater von fĂŒnf Töchtern, der sich als Laienschauspieler in Arbeiterbildungsvereinen und als sotsyal-demokrat engagierte. Mit 28 Jahren trug er zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ein eigenes Gedicht vor und begann zu veröffentlichen. Infolge einer Krankheit war er gezwungen, seine Möbelwerkstatt aufzugeben, zum GlĂŒck nahm ihn sein Bruder als Hilfsarbeiter in sein GeschĂ€ft auf. Es folgte der Große Krieg, die Einberufung in die Armee der Habsburger – der Krieg, der ihn zu zahlreichen Antikriegsliedern, Schlaf- und Wiegenliedern bewegte. In den 1920ern landete Gebirtig seine Welthits: kinder-yorn und hulyet hulyet, kinderlekh, die auf Liederabenden und in Operetten aufgefĂŒhrt werden, sich bis nach Lemberg, Czernowitz, Warschau und Lodz, Tel Aviv und New York verbreiten, rezensiert und als Schallplatten aufgenommen werden.

Das Ende begann 1939. Innerhalb von sechs Tagen erreichte die Wehrmacht Krakau. Gebirtig wurde ausgewiesen, zog sich mit Frau und Töchtern in ein Dorf vor der Stadt zurĂŒck, wo er weiterhin Lieder schrieb, wurde im MĂ€rz ins Krakauer Ghetto verschleppt und drei Monate spĂ€ter auf dem Transport ins Vernichtungslager Belzec erschossen. Seine Schreibhefte wurden von seinen Töchtern gerettet: sie ĂŒbergaben sie Freundinnen, die mit gefĂ€lschten Papieren außerhalb des Ghettos ĂŒberlebten.

Uwe von Seltmann: Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes
homunculus verlag, Erlangen, 2019

Genre: Rezensionen