Da fliegen die Motten jetzt hin

Was aber bringt die Motten, nachdem sie hingeflogen sind, wieder zur√ľck? Eine gro√üe Frage, die hochkant im Raum steht – ganz wie der Kran vor Ihrem Fenster. Sicher sind Sie schon eine Weile unruhig in Ihrem Schlafzimmer hin- und hergepantert (im Gegensatz zu Max Goldt prokrastinieren Sie aber nicht), schon die dritte Nacht l√§sst Sie vor Helligkeit nicht in den erholsamen Sonntagsschlaf finden, der doch so wichtig f√ľr die sensible Schreiberseele zu sein scheint. Sie sind ausnehmend produktiv, was mir wie Manie erscheint, angesichts der B√ľhnenbeleuchtung, die in ihrem Schlafzimmer herrscht. Sie rei√üen, im Gef√ľhl, endlich handeln zu m√ľssen, in einer wahnwitzigen Bewegung den Vorhang zur Seite. Dass Sie erneut “Steinerle Bau” lesen, macht Ihnen ein Gef√ľhl in Augen und Hirn, als h√§tten Sie beides an die n√§chstgelegene Steckdose angeschlossen. Sie bef√ľrchten, durchzudrehen, mit panisch aufgerissenen Augen betrachten Sie den Fortgang des literarischen Mainstream. Der Notarzt ist weit, das Telephon auch. Sie sind ein wandeldes, panterndes Standbild, ein Paradox im k√ľnstlichen und k√ľnstlich hellen Mondenschein. Dass dieser nun auf Ihr Gesicht leuchtet, erleichtert die Situation nicht. Es treibt Sie beharrlich in den Wahnsinn. Da fliegen die Motten jetzt hin, denken Sie, da fliegen sie hin, sie fliegen hin, hin, hin, und wieder hin, da fliegen die Motten jetzt hin. Die braune Mehlmotte zuerst. Dann die graue Seidenmotte, die steinfarbene Kleidermotte, alle sind sie wiedergekommen wegen “Steinerle Bau”. In endloser Kreisbewegung, in der es nur ein Karussel, Karussel, aber kein Hin oder Zur√ľck gibt. Zur√ľck, denken Sie, ja dann w√§ren sie ja wieder bei mir im Schlafzimmer. In der Kleidung. In meinem Mehl. Mein Mehl, mein Haus mit Garten. Auto auch. Selbst der Sitz aus Leder hat kleine L√∂cher.

Genre: Gem√ľtstiefe

In memoriam

Auf dem Amt f√ľr empirische Literatur hatten sich zwei Hypochonder und eine Hysterikerin eingefunden. Die Hysterikerin hatte Vorrang. Sie hatte gerade ihren Mann mit einem alten Studienkollegen betrogen und erhoffte sich dringenden √§sthetischen Beistand. Aber der Sachbearbeiter runzelte nur die Stirn. Nach einem Schweigen, das als Echo von den W√§nden zur√ľckprallte, √§u√üerte er kurz und trocken: “Franz, dieser Fall geht an dich. Sieh zu, ob du ihr Eselsohren wachsen lassen oder lieber einen handfesten K√§fertraum verpassen willst. Diese eingebildeten Menschen werden immer frecher. Neulich war einer bei mir, der erz√§hlte mir die Geschichte irgendeines Gro√üonkels aus der m√ľtterlichen Linie, an dessen Grab heutige Dorfbewohner eine Kakalakenhochzeit veranstaltet h√§tten. Als ob solcherart Produktwerbung auch nur im Ansatz etwas mit dem zu tun h√§tte, worum wir uns hier k√ľmmern sollen.” Eine T√ľr schlug zu. In der Ferne quietschten die Ketten oder Seile eines Paternosters.

Genre: Realitätsschatten

Motten

Manches, was wir sagten, war wie heiße Luft.

Ich wählte meine Kleider diesmal noch sorgfältiger aus. Als ich den
Kleiderschrank öffnete, fiel mir der Wintermantel entgegen. Er war
voller L√∂cher, eine frisch geschl√ľpfte Motte kroch aus dem Pelzkra-
gen. Angeekelt ließ ich den Mantel auf das Parkett fallen. Ich schob
die √ľbrigen Kleider auf der Stange auseinander, die verschiedenarti-
gen Empfindungen an den Fingern und die Farben narkotisierten
mich. Ich lief zum Fenster, √∂ffnete einen Fl√ľgel. W√§rme kam mei-
ner Hand entgegen und versprach eine laue Nacht.

 

PS.: Das Jahr geht zu Ende. Es wird langsam Zeit,
die Kategorien, die Genres zu wech-
seln.

Genre: Trauersymmetrie

Ideal

Der Wind bläst ein Lied
auf den Vogelknochen

Hohl hohl hohl
die Negativform

Das Unheil steckt
in den Werkzeugen,

sagte ein Mensch
sich abwendend

Genre: Erinnerungsbrösel

[ohne titel]

steine liegen im feld
das ist präzis und
der wind trägt die luft
bulgariens her
medeas heimweh √ľber das schwarze meer
die liebe verschmäht nicht
das felsental auf deinen schultern

Genre: Erinnerungsbrösel, Realitätsschatten, Rezensionen

eingespeicheltes Empfinden

während des Entkleidens, ein Ton

die Gesten, Gebärden: Moosmoder
& der Trödel erst der Persönlichkeit
die eingenässten Socken
eingespeicheltes Empfinden

das Schw√ľlstige: eine Auflehnung
oder der Anachronismus als Schlummer

ein Tier, welches nicht einpasst
Zweifelsumbau, ohne Schwung
aber, Montagen, immer

das F√ľhlen in den geflickten Fingerspitzen:
ein Laut namens Gurkensuppe
& die Vermessenheit stets

Genre: Realitätsschatten

orla

an einen oktobertag erinnere ich mich noch
es war kalt die pf√ľtzen gefroren
saßen wir in der dämmerung auf dem uniparkplatz im auto
und steckten uns die ringe an
bl√§tter schwebten √ľber den harten erdboden
(wie liebten wir den sommer den s√ľden)

an zwei novembertage erinnere ich mich
es war warm die sonne schien
durch das offene klinikfenster
verdampften die herbstfarben √ľber dem sterbebett
mutters stimme fl√ľsterte die r√ľckkehr der zugv√∂gel herbei
(wie strichen unsere hände den raureif glatt)

Genre: Erinnerungsbrösel, Trauersymmetrie

tang

dann schicke ich dir das meer
vorbei
damit du es auch siehst
es f√ľhlt sich an wie watte
oder ein schmerz
den ich aus der zeit reche
deine blicke fahren die furchen einer muschelschale entlang
gr√ľn leuchten die fische aus der tiefe

Genre: Erinnerungsbr√∂sel, Gem√ľtstiefe, Trauersymmetrie

phyllit

das buch leuchtet
und manchmal wachsen ihm fl√ľgel
oder augen
das tal leuchtet
der fluss in dem tal fließt schnell
das gras wiegt sich im wind
dein haar

die marder fl√ľstern
sich verstecke zu

in den augen verschwinden
geheimnisse

du blätterst
seitentäler auf

und manchmal ziehen berge vorbei

Genre: Erinnerungsbrösel, Trauersymmetrie

von den abschieden weiß ich

und vom schmerz in den blicken
bunte farbtupfer
die aus dem leben verblassen

und solche

die dich dem√ľtig beugen
h√ľter der vergangenheit
verpackt in seidenpapier

und dann noch

DEINER

Genre: Trauersymmetrie

tischgespräche

die gabel sticht
in das brot
der mann wartet auf den aufschrei
die zeitung liegt gefaltet
neben der einsamkeit
das messer wartet
auf den dritten akt

die suppe wird kalt
sagt die frau in der k√ľche
und schlägt die stille entzwei

Genre: Wortmysterien

EIN EISBERG
mit Spr√ľngen der Schw√§rze darin
die brechen ab im Zählen
die springen menschenleer
da der Cut & deutet
als Cowboy freilich oder Kopfgeldjäger
aufm Hocker sitzend John Wayne
n√ľchtern ganz
schwenk
dorthin wo¬īs ihm passt
& behauptet gewissheitsumkränzt
stiegen die Menschen kämen von dorther
alle/
aus MONTEVIDEO.

Genre: Realitätsschatten, Wortmysterien

Guinea-Bissau (Djiu di Galinha)

f√ľr Super Mama Djombo, Dulce und Sylvain

es gibt keine anderen als politische gedichte
keine anderen als vom kampf
f√ľr das lesen
die bildung
und die liebe
des kindes zu seinem huhn
erleuchtete den ganzen himmel
und das gesicht der mutter
mit stille
bescheidenheit
r√ľhrung
und als der tag sich in der nacht versteckte
war auch das huhn tot

Genre: Erinnerungsbrösel, Rezensionen, Trauersymmetrie

Unauffällige, ganz und gar unscheinbare Frage, so nebenbei

Hallo Leute,

f√ľr ein unglaublich gro√üartiges literarisches Projekt sammle ich noch Material. Ich habe dazu eine Frage:

Was ist eigentlich Eure größte Angst?

Bitte zahlreich in den Kommentaren posten. Das bleibt unter uns. Vertraut mir.

Danke.

Genre: Gem√ľtstiefe

Quartett

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Genre: Erinnerungsbrösel, Realitätsschatten, Wortmysterien