6.2.2000 - Innerfaltfilm Eins

Der Stein mit dem Auge,
Genannt Hühnergott,
Konnte einmal fliegen:
Emporgeschleuderter Körper kraft innerer Bewegung
Drängt in die Ferne.

Drei Lungen unter Wasser.
Im Herzen zuckend letztes Lächeln,
Das Brot im Kopf zerfällt zu Teig -
Nun wird es wie es war.

Nichts ist mehr wie. Die Bänder
Zwischen Kopf und Herz
Vibrieren
Kraft Trägheit durchquerter Luft.
Nichts bleibt -

Der Gott mit Loch
In der Mitte
War nur ein Mensch
Unsichtbaren
Herzens - Herzen
Irgendso ein Alexander,
Segelnd unter falschem Namen.

Genre: Gedichte

Robinson Crusoe (3)

Schifffahrt nach Plan und Regeln

Wir reden hier nicht über Geld,
Alle segeln in die gleiche Ferne.
Jeder lebt in seiner Welt,
Manche Dinge tu ich gerne, gerne:
Im Ausguck hab ich den weitesten Blick.
Der Kapitän ist ein Meister des Schweigens.
Vor seinem Blick gibt es kein zurück.
Nachts mach ich mir seine Instrumente zu eigen.

Genre: Gedichte

Biologie

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Seine Beine sahen aus wie die einer Giraffe, so unbeholfen lang und dünn, wenn er tanzte. Die Anzüge, die sie ihm geschneidert hatten, waren für ihn immer noch zu weit, an Armen und Beinen zu kurz. Weiße Socken trug er dazu und schwarze Schuhe. Und ständig musste er aufpassen, dass er sein Haar nicht derangierte. Seine Gesten gaben ihn der Lächerlichkeit preis. Sein Gesicht war ihr Typ, ihr Herz eine Thermokanne. 25 Jahre ohne Aufzuschrauben. Bevor er Geld verdiente, trug er ausgeleierte V- und Rollkragenpullover, billige Secondhand-Klamotten, weiße Hemden mit unmöglichen Figuren bestickt. Sie fühlt sich unwiderstehlich zu diesen alten Fotos hingezogen. Sie wünscht sich, ihn gekannt zu haben, damals. Damals, als er ein schüchterner, pickliger Junge war.

Sie hört ihn reden mit leiser Stimme, als müsse er sie für später schonen, sie meint, er hätte da etwas an den Nebenhöhlen und vielleicht schiefe Zähne. Ihr fällt auf, dass seine Stirn ein wenig glänzt und seine Unterarme im Vergleich zum restlichen Körperbau zu kräftig sind. Offenbar wirkt sich der Sport, den er treibt, nicht auf alle Muskelpartien gleichmäßig aus. Dann wird sie sentimental. Woher nimmt der picklige Junge seine Vision und schaffte es, über seine Schwächen hinweg zu spielen, so als sei naive Schuljungenhaftigkeit der beste Weg, sich anzupreisen? Ihre Liebe zu ihm war durchlässig. Körperlos. Ohne die Assoziationen von Schweiß und Schnarchen neben sich. Ohne Pyjamas.

Genre: Prosastücke

Verstummte & vermummte

Kurze trennungen beleben die liebe
Lange trennungen lähmen sie
Dachte ich bis heute : liebe leute
Liebe läutend : hielt ich das telefon ans ohr
& hörte deine vor : würfe : kaum
Hatte ich den hörer empor : gehoben
Da raschelte es : klagte es : ich
Verstummte & vermummte mich
Bin das ich : meinst du mich
Dieser fiese freche grobian : sieh mal
in den spiegel : du bists
Hälst dich mir vor : daß ich nicht
Wiedererkenne : wer das ist : ich
Wir entkommen der falle nicht : keiner
Nicht : alle : die langen werden
Kurz & die kurzen lang : es bleibt
Der drang

Genre: Gedichte

Alte Sünden (Reprise)

für Matthias

- Quantentränen in Kadmiumträumen ohne Erinnern woran und wozu. Beschleunigung auf annähernd Sinnlosigkeit. Mit der Lichtgeschwindigkeit einer welken Tomate allein im großen Garten, wo die Wüstennacht endet. Neue Messungen. Black Box im Geschenkartikelformat. Unter Lampenschirmen erhellt, im Oberlicht schwimmend. Wenn die Temperaturen aus den Dünsten der Meßfühler steigen, ganz als sei alles Maß und Zahl. Und es träumt.

- Wie?

- Sinnlosigkeit. In den Tränen eingeschlossen die Worte. Insektenbeine, Mäusekrallen und das vollständige Sortiment der magischen Insignien. Unter Flutlichttürmen erklingt wieder das große Krabbeln. Kunstwelt, Fensterglas - alles das: Nur der Schnee gibt noch Nachricht vom Vergessen.

- Nein, das lügst du dir jetzt aus der Tasche.

- Eine Straßenbahn rattert durch die Wüste und quietscht vor jeder Wanderdüne den Mond an. Und der Chor der bellenden Hunde, die das Kraftwerk bewachen. Das ist ein Reaktor, gebaut aus dem Teer dieser grübelnden Form. In den Lampen brodelt der Tod. Zutaten aus Hoffnung und Wahnsinn. Kein Papier, nur das Flackern der Leuchtdioden. Und die Lämmer blöken wie eh und je.

- Aber das ist ja der Wahnsinn!

- Hinter den Mauern der Meldestelle feiern Trinker ihr Fest. Erst wenn die Worte versiegen, senkt sich der Schlaf auf die Wüste: Mein Polarfuchs, mein Liebling, mein Herz - Faulenzer von Gottes Gnaden. Hinter der Umzäunung aber hängt der Fahrplan. Flackerndes Zwielicht. Neue Messungen. Sinnlosigkeit. Datenströme zur Meldestelle. Eine Straße, da die Wüste axialsymmetrisch aus sich herausquillt. Harakiri vor neuen Ufern, geronnen zu Bernstein. Und Quantentränen in Kadmiumträumen unter gigantischen Flutlichttürmen. Das ist ein Reaktor, ich will mit ihm die Meere befahren auf dem Teer meiner grübelnden Form.

- O Käptn, mein Käptn!

- Bitte nicht. Der Darm verschlingt sich dabei immer so eigenartig. Nach drei Wochen ohne Blickveränderung kommen einem die unverhofften Gedanken vor wie Albatrosse, die außer Hörweite an der Insel vorbeifliegen. Du fängst an, deine Ödeme zu duzen. Zwischen dir und deinem Körper nichts weiter als grauer Matsch. Kultur. Wenn der Arsch ein Mensch wäre, würde man ihm den Mund verbieten. Aber er lässt sich ja nichts mehr sagen.

Genre: Prosastücke

Robinson Crusoe (2)

Abschied: Aufbruch in die Welt

Die Wolken fallen mir auf den Kopf.
Die Wände kommen auf mich zu.
In meinem Schlaf öffnen sich Türen,
Ich weiß nicht wohin.
Lebt wohl, liebe Eltern!
Dieses Schiff ist mein.
Irgendwann komme ich wieder,
Wegen mir müsst ihr nicht traurig sein.

Genre: Gedichte

Ossip Mandelstam, 20.01.1937

Wie irgendwo die Erde ein Stein vom Himmel weckt
Fiel filigran ein Vers, kennt seinen Vater nicht:
Das Unerbittliche - Fundstück für den Dichter -
Kann nicht anders sein, niemand weist ihn zurecht.

Genre: Gedichte

Insas Nerven

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Kinder schreiten, scharfkantig durch den Schnee. In Insas Zimmer wird es kalt. Verblichene Riegel aus Edelmetall sind in die Fensterrahmen geschraubt worden, vor mehr als zehn Jahrzehnten. Unter langen Gardinen verweilt der Mief aus der Kaiserzeit. Bevor Georg das Spiel mit Insas Nerven beginnen konnte, war sie mit dem Zug aus der Stadt gefahren. Er hält noch immer das vom Atem angelaufene Trinkglas in der Hand. Draußen auf dem Flur spricht jemand am Telefon, lacht, wie gefällt dir mein neuer Hut, Georg findet, es ist eine Mütze –  sie macht aus jeder Mütze gleich einen Hut – die Mieterin, die hier unterkommt, wenn Insa die Stadt verlässt, mit dem Zug und unbestimmt lange. Vorher küsst Insa einen anders, es ist, als rege sich in ihrem Körper eine Erinnerung.  Wahrscheinlich ist es der Satz “gleich werde ich gehen”, die Lavendelwasserluft auf der Haut im fusselig grauen Schal. Und heimlich, Sekunden, bevor sie sich herumdreht und die Treppe endgültig hinunterläuft, haucht sie ihre flüchtigen Gedanken auf eines der türkisblauen Blätter im Fensterglas. Das Treppenhauslicht erlischt. Wer geht mit mir spazieren, wer traut sich, ruft sie noch, dann ist sie fort. Sie macht es wie die Kinder da draußen im Schnee, die sich sprühende Schlachten liefern. 

Die Uhr des Kirchturms vor dem Fenster zeigt immer auf die Zwölf. Immer ist er oben, egal ob die Zeit steht, flieht oder fällt. “Wir stürzen vor dem Zeiger, der sich weigert, mit unseren Körpern zu gehen.” Georg will diesen Satz notieren. Er klappt das Notebook auf und klickt Buchstaben ins Helle. Im Flur, auf der Anrichte, liegt sein Skript. Er blättert, schiebt zur Seite, markiert. Ein beißender Schmerz im Handrücken. Vor ihm surrt ein Schatten in eine Ritze im Putz. Er gehört der gemeine Kleidermotte, sie überwintert im Warmen, oder fällt vom Fenster totenstarr herein, um langsam wieder aufzutauen. Georg geht in das schmale Bad und hält die Hand unter den Wasserstrahl. Kehrt wieder in den Flur zurück,  lässt die Blicke zur Decke gleiten, über die Kabel hinweg. Das Licht nackter Glühbirnen müht sich, in all die Weite und Höhe zu leuchten – und in die Augen, die Georg macht. Insas Wohnung muss schon beim Erstbezug mit Elektrizität versorgt gewesen sein. Ein Stucktorso klebt in einer Ecke. Jedes Ornament ist ein Verbrechen! Georg fühlt seine immer noch feuchten Hände, als sich ein Luftzug um die Finger klammert.

Das Glas der Fenster ist trüb. Insa putzt es nicht. Insa hat keine Freude daran, Glasreiniger auf der Scheibe zu verspritzen und so Wassersterne zu erzeugen. In weniger als einer Stunde wird die Dunkelheit die Fenster langsam und von den Rändern her umschließen, es scheint ihm, als saugten sie selbst das Dunkel in ihre trübe Verglasung.

Genre: Prosastücke

Robinson Crusoe (1)

Die Eltern erziehen das Kind

Geboren aus der Rippe seiner Mutter
Erforschte er den Rand des Lächelns;
Verwickelt in die Stimmlagen des Vaters
Machte sich von allem er ein Bild:
Wozu sind diese Dinge da?
Wie heißt der fremde Fleck dort drüben?
Warum sind manche Menschen böse?
Wie sieht es aus am Ende der Welt?

Genre: Gedichte

Wieder : in pluderhosen

Katzenduft in wurzen
Rausschmiß in riesa
Verspätung in waldheim
Kurzer aufenthalt in leipzsch
Schon ist die reise vorbei

Wir sehen uns wieder : in pluderhosen
Wir riechen uns wieder : vorm abtritt
Wir hören uns wieder : in der telefonleitung des chefs

Dein talent ist respektlosigkeit
Mein talent ist provokation
& du bist beleidigt (was unterstelle ich dir)
& ich ticke aus (wie du mich ärgerst)

Wurzen, riesa, waldheim,
Leipzig, berlin : nirgendwo
Sind wir zu hause : überall
Gehn wir hin & hinüber

Genre: Gedichte