Ein Schrank fĂŒr die Schuhe

“Man muss die Welt nicht verstehen, um sich darin zurechtfinden, Marlene. Nur weil du in den Zug kotzt, bist du noch lange nicht bahnbrechend. Albert Einstein.”

Marlene hatte ihre Freundin Gisela immer fĂŒr die KlĂŒgere gehalten. Nun war Gisela neunundzwanzig, ein halbes Jahr jĂŒnger als Marlene, sie hatte einen schlappen, korrekten Studienabschluss abgelegt. Und geheiratet. Den Stoff fĂŒr die PrĂŒfungen hatte sie sich einverleibt, ohne Zeit damit zu verschwenden, ihn mit Empfindungen und Analysen aufzuwerten. Sie war bereits mit den Zwillingen schwanger.

Gisela fand Arbeit, noch wĂ€hrend sie die Zwillinge ausbrĂŒtete, ein Brotjob, unter dem sich Marlene wenig vorstellen konnte. Die Arbeit verlangte, dass man wenig an sich zweifelte. Ein kontaktfreudiges Wesen war erwĂŒnscht. Gisela war mit beidem gesegnet.

Marlene und Gisela hatten zusammen im Sandkasten gesessen, und wĂ€hrend sich Gisela ĂŒber ihre kleine und klobige, aber fertige Sandburg freute, war Marlene damit beschĂ€ftigt, dem Element Sand, das sich ihren Formversuchen widersetzte, etwas Eigenes zu geben. Gisela hatte sich den anderen Kindern zugewandt, um ihnen die Burg, manchmal waren es auch zwei, eine kleine und eine klobige, von allen Seiten zu prĂ€sentieren.

“Das ist ein Fertighaus. Da kommt das Brautpaar rein, und da ist der Schrank fĂŒr die Schuhe, eine Treppe.”

Marlenes Architekturen beanspruchten Wochen. Tag fĂŒr Tag forderte sie ihre Mutter auf, wieder nach der Burg sehen zu dĂŒrfen, und wenn sie fand, dass diese zusammengefallen, eingerieselt oder schlicht ĂŒberschwĂ€mmt war, begann sie mit dem Wiederaufbau.

“Das machen wir”, sagte Giselas Mann, nachdem Gisela Marlene einen Besuch in Leipzig vorgeschlagen hatte. Das machen wir, mit deutlichem Leipziger Akzent. “Und zur Adventszeit gehen wir auf den Weihnachtsmarkt und essen prima WĂŒrstchen.” Giselas Mann war Tester fĂŒr Betriebssysteme. Sie hatte ihn durch eine Kontaktanzeige kennengelernt. Er machte viel von dem, was Gisela vorschlug.  Im Kaffee griff sich Marlene einen Keks vom Teller ihrer Freundin, wĂ€hrend Gisela von ihrer Ehe berichtete. “Ist sicher nicht leicht mit ihm, aber du schaffst das mĂŒhelos.” Gisela nahm gleich zwei Kekse, legte einen auf ihre Untertasse. “Er braucht was zum Festhalten. Wenn wir Freunde da haben, ist er fĂŒr normale GesprĂ€che nur schwer zu begeistern, und dann plötzlich, hört er eine Sirene oder sieht die Wasserwelle in seinem Glas, und dann geht es wieder los mit der Physik.” Sie lachte gequirlt und steckte den Löffel in ihre Schaumkaffeetasse. “Ich hab’ schon was gelernt: Null breit, null lang, null hoch, was ist das? Ein Punkt.”

Energie war Masse mal Beschleunigung. Gisela erhob sich von ihrem Stuhl, wickelte sich den Schal fest um den Hals und fragte die Kellnerin, ob sie nicht eine andere Musik auflegen könne. Marlene blieb am Tisch sitzen.

“Energie ist Masse mal Beschleunigung”, dachte Marlene, in dem Moment, als der leger gekleidete Herr hereinkam. Gisela sah ihren Mann sofort und machte einen Schritt nach hinten. Dann kam einer nach dem anderen durch die TĂŒr. “Wie bei einer Prozession”, kam es Marlene von den Lippen. Prozession, wiederholte Gisela, stolz auf ihre verstaubten Lateinkenntnisse. “Prozession kommt von procedere, das heißt vorankommen. Weißt du, Marlene, wenn ich damals nicht drei Nachhilfelehrer gehabt hĂ€tte, dann wĂ€re ich aufgrund solcher FĂ€cher wie Mathematik, Physik und Chemie selbst am Abitur gescheitert. Aber ich habe bisher jede trĂ€ge oder schwere Masse zum Tanzen gebracht.”

Marlene hÀtte Giselas Mann gern auf Eisresten oder im Sommer auf einer Bananenschale ausrutschen sehen, etwas, das seine  Prima, prima Welt, in der nichts Bahnbrechendes geschah, und in der er sich zurecht fand, ins Wanken gebracht hÀtte.

Genre: RealitÀtsschatten

Bahnbrechend?

Ähnliches Foto

Genre: RealitÀtsschatten

Übergewichtig wichtig?

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Genre: RealitÀtsschatten

Sommer 2018 – vorher -

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… war es das nun mit dem Sommer 2018?

Genre: Rezensionen

Anasthasia (Flucht und Wiederkehr XXIV)

Tief in dich tauchend, gedenkst du wirklich zu sein? Unter all diesen sozialen PerĂŒcken, emotionalen HĂ€uten, logischen Knochen, moralischen Organen: Was ist der Kern aller idealistischen, progressiven Gedanken, aller tiefenpsychologisch genĂ€hrten, abgeklĂ€rt austherapierten und nie kopierten SehnsĂŒchte? Welcher Bewußtseinsschleier verhĂŒllt deine gehetzte, versetzte, verletzte, mit Narbgewebe umnetzte Seele – selbst vor dir?

Lebenswunder, schenke  Sommerlicht fĂŒr immer den Blassen,
leih’ Durstigen den Schatten sanfter Himmelsschwingen;
der Dunkelheit spende geheimnisvolle Musik
und verspielte BerĂŒhrungen den Hoffnungsvollen -
Lebenswunder, in deiner Mitte sei Frieden den Getriebenen,
Hochzeit aller Jubel und Freuden den Fröhlichen,
jenen, die fĂŒrs Suchen schwelgen ein unlösbares RĂ€tsel.

Der Reiher erhebt sich ĂŒber den Fluss und landet inmitten des angenehm weitlĂ€ufig gestaffelten Uferwaldes auf einem, mit gelben BlĂŒten gesprenkelten Baum, der sonnige Tage am Wasser mit Liebe beschattet und lauen NĂ€chten an seinem Stamm Flecken beschert, an denen, abgetrieben vom tĂŒckischen Strome der Zeit, Einsamkeit anlandet und vergeht.

Versinke verloren in die Töne verstört verschlungener TrÀume, Anasthasia,
gehauchte Fragen streichelnd, tanze nebelhaft um deine WĂŒnsche,
bette dich dann darin und schlafe unter der grĂŒnen Kuppel bis, Anasthasia,
deine Leidenschaft wieder erwacht.

Am Abend, Liebste, wenn jasmingetrÀnkte Nachtluft deiner Nase schmeichelt,
Augen feuergetauft lodern und feinste HĂ€rchen deiner seidenen Haut aufwarten,
sei gewiss, verfalle ich, vergessen lÀchelnd, dir entgegen.

Genre: GemĂŒtstiefe

distanz

zuerst schliefen sie zusammen
dann in getrennten betten
spÀter in eigenen zimmern
in unterschiedlichen stockwerken
danach in zwei hÀusern
in verschiedenen orten
auf anderen kontinenten
schlief sie am nordpol
er am sĂŒdpol

Genre: Trauersymmetrie

in aller stille

oft zÀhlte ich
deine  lidschlÀge
wenn wir uns gegenĂŒber standen
wir zerredeten das alltÀgliche
planten unmögliches
schwiegen
ohne uns weh zu tun

lachten laut
zu laut manchmal
doch immer liebte ich dich
die jahre hindurch
in aller stille

Genre: Erinnerungsbrösel

Aspergillus fumigatus II

Auf der Venus wird die Asche durch Winde verstreut. Die Frau an der Bar trug einen leichten Mantel in derselben Farbe des KostĂŒms, das ich mir aus Wien mitgebracht hatte, darĂŒber einen Schal aus matter Seide. Alles andere an ihr war schwarz: die Augen, die Schminke, ihr Kleid. Das Haar war unter einem Hut versteckt — oder einer Kappe eher, die ihr bis ĂŒber die Ohren reichte. Darunter schimmerten kupferfarbende OhrgehĂ€nge in bizarren Formen, aber ohne die sie krönenden Steine. Die Schuhe waren unscheinbar, Sommerschuhe, dunkelgelb.

Genre: Erinnerungsbrösel

vivisektionen

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Genre: RealitÀtsschatten, Rezensionen

No Quarter (Flucht und Wiederkehr XXIII)

“Entschuldigen ‘Se bitte die Störung!”

Eine eingeĂŒbt akzentuierte Stimme mit berliner Zungenschlag durchbricht die vorsommergetrĂ€nkte, spĂ€tnachmittagliche Dösigkeit eines halbleeren S-Bahn-Wagons zwischen Hackescher Markt und Alexanderplatz. JĂŒngere Touristen-Kleingruppen, mittelstĂ€ndische Arbeitnehmer/Innen und zwei 55-65-jĂ€hrige Golfclubmitgliedsehepaare rĂ€keln sich im warmen Licht. Der Fernsehturm glĂ€nzt nah.

“Bei meiner HĂŒndin Cora wurde ein Tumor an der LendenwirbelsĂ€ule festgestellt und ick samml’ nun, um fĂŒr ihre Operation ‘ufzukomm’n. Ick danke allen, die dabei helfen möchten vielmals, allen anderen wĂŒnsch’ ick noch ‘nen schönen Tag!

Der Mittzwanziger – er könnte vielleicht auch zwanzig oder dreizig sein – schulterlange Haare, blaues Trikot der Squadra Azzurra, schreitet, leicht verschlagen aus einem rundlichen Gesicht blickend, fordernd den Wagon ab. Irgendwo hinten redet er mit jemandem, es klirren ein paar MĂŒnzen.

Am Ostkreuz auf dem Bahnsteig der Ringbahn und anschließend auf dem Weg nach Neukölln im S-Bahn-Wagon herrscht eine bunte, enger zusammengedrĂ€ngte Mischung, die trotzdem vor allem eindrucksvoll Relaxtheit ausdĂŒnstet. Eine blonde, dicke Deutsche mit HĂŒndchen, ein paar freundliche tĂŒrkische Jungs, ein paar, etwas Ă€ltere, prollige tĂŒrkische Jungs – anderswo im Wagon ihre artigen, weiblichen GegenstĂŒcke mit dezenten KopftĂŒchern -, etliche Vietnames/Innen, dazu eine Ostasiatin mit Seidenkopftuch, diverse deutsche junge MĂ€nner – kurzrothaariger Nerd mit Handy und Bauch, gestreiftes Hemd-Gel-BWler, Max Mustermann Metalfreak, HippieBackpacker123-, sich stolz als Schlampen Bezichtigende, einige Spießerinnen-Antikörper, sowie Originale und Klischees in einem, buckelige, braunrunzlige MĂŒtterchen mit EinkaufstĂŒten voller GemĂŒse hier – welch ein Leben!! -, Opis mit AfD im Kopf da – “Ach, welch ein Leben?”. Und natĂŒrlich der, dessen Großvater wohl aus Italien nach Berlin kam – vermutlich mit einer Cora in Gedanken, aber ohne kranken, imaginĂ€ren Hund.

Das Publikum strömt aus der Bahn, begrĂŒĂŸt Neukölln mit einem schnatternden Gemisch aus GerĂ€uschen, GerĂŒchen, Gesichtern und GelĂŒsten – und Neukölln grĂŒĂŸt zurĂŒck; die Familien vor dem GemĂŒseladen, die Jungs beim Kebab-Grill, in der NĂ€he davon die, die sich Schlampen nennen – und natĂŒrlich die Drogis. Einer von ihnen, der blau schillernde, vorgebliche Hundeliebhaber, gibt einem jungen Araber – 16 oder 18 – die Hand, sie tauschen einige, gemurmelte Worte aus, stehen nebeneinander an der Ampel, schauen sich kurz vielsagend, zustimmend an. Sie haben vereinbart, sich in KĂŒrze an einem, beiden bereits bekannten Übergabeort zu treffen und gehen – in sich ruhend – auseinander, einer nach rechts, einer geradeaus, auf dass das Depot unendeckt bleibe, da es unwahrscheinlicher wird, dass etwaige Zivilpolizisten die Verfolgung beider gleichzeitig aufnehmen.

Aus Hamburg anreisend, erstaunt die ins Gesicht lachende ZurĂŒckgelehnheit der verschiedenen Glieder der Gesellschaft Berlins (nicht, dass sich die eben geschilderte Szene in St. Georg nicht ebenso abgespielen wĂŒrde, aber mit Sicherheit deutlich gehetzter)  – und es scheint, als seien diese Merkmale nicht dem ‘juten’ Wetter  (welches die Effekte vielleicht besonders hervorzuheben mag, nicht jedoch zu verursachen), sondern vielmehr der berliner WeitlĂ€ufigkeit einerseits und der trotz aller Modernisierungen vieler Stadtteile noch immer immanenten, latent klaustrophobischen, nur durch abgrundtiefe Gelassenheit der Einwohner zu konternden MorbiditĂ€t dieser Stadt andererseits geschuldet.

Wie Clochards, die ihre ZahnlĂŒcken lĂ€chelnd zur Schau stellen, zeugen davon laute, rĂŒttelnde, pissgelbe U-Bahnen mit einem arschegalen Schmunzeln, Fahrkartenautomaten, die nicht in der Lage sind Scheine anzunehmen und zwei grau ummantelte 4:3-Fernseher am Bahnsteigende (die die LĂ€nge des Bahnsteiges abbilden, da die ZugfĂŒhrer wahrscheinlich ĂŒber keine Monitore in ihrer vormittelalterlichen Kabine verfĂŒgen); Ihr könnt uns mal, Prost!

Am Kottbusser Tor empfangen Graffitis, dreckschwarze WĂ€nde, Taubenscheiße, ÜberfĂŒhrung, Betonburgen.

Zeitgleich findet in Mitte im “Kreativquartier”, den miteinander verbundenen Heckmann-Höfen zwischen der Tucholsky~ und der Oranienburger Straße, einer von zahlreichen Workshops fĂŒr Irgendwasmitlebensfreude statt. Nebenan ein Laden mit anspruchvoller japanischer Töpferkunst, ein artsy-fartsy Cafefe, dazu Hipstershop 1, Hipstershop 2, Musikprojekt X usw. usf.

Der Kontrast macht diese Stadt dicht, das diffuse Überleben neben dem vertrĂ€umten Erleben neben dem sirenenhaften Nachhall preußischer Pflichtversessenheit. Mit seinem berĂŒhmten Bild der Erdolchung eines Königs wirbt die aktuelle Max-Beckmann-Ausstellung, auch Plakate der Ausstellung “Sparen – Geschichte einer deutschen Tradition” im historischen Museum hĂ€ngen, zu zwei FĂŒnfteln weiß gehalten, aus.

Das von Seyfried in den spĂ€ten siebziger~ und frĂŒhen achtziger Jahren des mittlerweile fast zwei Jahrzente zurĂŒckliegenden, vorherigen Jahrhunderts gezeichnete, abseitige Berlin existiert weiterhin fort, wie ein legendĂ€rer Alligator in der Kanalisation, wie ein unsterblicher Bandwurm, eine befruchtete Bettwanze oder unheilbare Tuberkolose, es duftet nach nach anarchischer Commune, nach sozialer Ausstoßung und Traditionsfamilie zugleich.

Es ist der Abszess am Arsch und die Warze auf der Nase der Villengolfer, es ist ihre Botox-Fehlspritzung, ihre gescheiterte Ehe und der Tumor an der LendenwirbelsĂ€ule ihrer LieblingshĂŒndin. Und das ist gut so.

Genre: Erinnerungsbrösel, RealitÀtsschatten, Rezensionen

Reif fĂŒr den Seniorenpass

Bildergebnis fĂŒr seniorenpass

Genre: Rezensionen

“Das ist doch alles verrĂŒckt”

Manchmal fragt sie sich, wer sie ist. Gibt es das ĂŒberhaupt, dieses „Ich“, oder ist es eine Illusion? Zu oft hat sie sich in diesen RĂ€tseln verlaufen, eine Mischung aus Wut und Empörung empfunden, dass sie so unmĂŒndig ist und nicht einmal sich selbst be-greifen kann. WĂ€hrenddessen wird der Alltag immer oberflĂ€chlicher, rieseln Informationen auf sie ein, die sie nicht ausreichend in Wissen umwandeln, geschweige denn zu Erkenntnis verarbeiten kann. Sie ist nicht mehr in der Lage, sich zu fokussieren und verliert sich in der GleichgĂŒltigkeit, im Zuviel. Überall herrscht Konkurrenz zu ihr selber, sodass sie sich entgleitet.
Das Erleben wird mit dem Alter immer schwĂ€cher. Der Abstand zwischen außen und innen steigt an; so kann auch die Natur nicht mehr in sie eindringen wie einst, als sie noch ein Kind war. Das nimmt bisweilen absurde ZĂŒge an: Sie befindet sich auf einer Bank in den DĂŒnen und blickt auf das Meer. Auf einmal ĂŒberkommt sie das GefĂŒhl, sie sĂ€ĂŸe in ihrem eigenen Foto. Die Erinnerung, das kĂŒnftige Andenken ist realer als der Augenblick und stĂŒlpt sich ĂŒber ihn. Die Wahrnehmung von Wirklichkeit wird unklar; alles ist nur noch Bild, und ihr ist, als hĂ€tte sie einen großen Schritt in ein Blatt Papier gemacht.

Ich schwebe ĂŒber der Wiese meines Elternhauses. Ich bewege mich ein paar Zentimeter ĂŒber dem Boden, damit mich keine Wespen in den Fuß stechen, denn ich bin barfuß. Es ist ein warmer Sommertag und die Johannisbeeren hĂ€ngen reif an den StrĂ€uchern. Eine Liege steht in der NĂ€he, hinter dem frĂŒheren Schaukelgestell, ein StĂŒck abseits vom Apfelbaum.
Mein Vater und seine Frau fahren mit dem Rad hinter der Hecke um die Kurve, nehmen mich wahr; dann bin ich wieder allein.
Ich weiß, dass alle GegenstĂ€nde eine gewisse UnschĂ€rfe in ihrer Position haben, zugleich mehrere Zentimeter versetzt existieren. Ich frage zweimal auf Englisch, warum das so sei.
Auf einmal ist alles dunkel und ich werde in einen Tunnel gezogen. Das Ende erreiche ich nicht mehr. Auch die Antwort bleibt aus.

Noch einmal versucht sie, sich in diese Wahrnehmung hineinzubegeben; doch schon jetzt kann sie sie nicht mehr nachfĂŒhlen. „Was fĂŒr ein Unsinn“, denkt sie. Gleichzeitig kommen ihr Schlagworte wie „UnschĂ€rferelation“ in den Sinn. Warum die Figuren nie kooperieren, fragt sie sich.

Ich schwebe durch GĂ€nge. Das Licht ist wunderschön, blau und weiß. Ich habe MĂŒhe, meine Höhe zu kontrollieren. Ich befinde mich in einem GebĂ€ude mit mehreren Stockwerken, und man kann sie mit etwas Auftrieb wechseln. Auf einmal hört das blaue Licht auf. Es wird dunkler. Das weiße Licht bewegt sich jedoch mit mir, und ich merke, dass ich es ausströme.
Ein Paar kommt die Treppe herunter. Ich frage etwas. Der Mann sagt: „Musst mal mit den Henningen reden.“ Ich verstehe ihn nicht und will Genaueres wissen. Er fĂ€hrt fort: „Erster deutscher Trinker, ĂŒbrigens nach der Akademie ‚Die Liebe‘“.

Wieder will sie sagen: „Das ist doch alles verrĂŒckt“.

Ich schwebe ĂŒber einer Landschaft, werde immer schneller, bis ich nichts mehr erkenne und sich plötzlich alles zu einem Tunnel verdichtet. Ich bin bei klarem Bewusstsein. Über der Landschaft empfinde ich Freude und ĂŒberlege, was ich machen soll; dann EnttĂ€uschung, dass ich die VorwĂ€rtsbewegung nicht bremsen kann. Plötzlich halte ich an, und zwar vor einer kaum erkennbaren, statuenartigen Gestalt, die reglos nach oben ragt und den Ausgang zu blockieren scheint. Ich bin nicht einmal sicher, ob es sich tatsĂ€chlich um ein lebendiges Wesen handelt oder ob meine Phantasie der Dunkelheit eine Form gibt.
Dann schwebe ich rĂŒckwĂ€rts. Der Tunnel hat jetzt WĂ€nde aus Brettern, zwischen denen ich LĂŒcken wahrnehme, aber von draußen dringt nur Nacht herein. Am Rand befindet sich eine Frau. „Wie heißt du?“, frage ich. „Jens.“

Sie ist ĂŒberrascht. Was soll das Ganze hier ĂŒberhaupt?

„Bist du tot?“, will ich wissen. Ich lĂ€chele ĂŒber mein eigenes Spiel, das ich damit scheinbar beginne, fĂŒhle mich fĂŒr einen kurzen Moment ĂŒberlegen.
„Ja, wir sind eine andere Zeitbindung. Eine Zeitbindung Gottes.“ Die Stimme hat jenen typischen Klang, an dem man sofort einen Film erkennt.

Wenn sie aus dem Zugfenster in die Landschaft schaut, einen Augenblick durchatmet und das Leben dort draußen spĂŒrt, merkt sie, wie nichtig das ist, was als wichtig gilt, hier und jetzt.
Einen Moment lang ahnt sie: Menschen sind Fragmente, in die Welt geworfen, von ihr gemacht – und doch können sie nicht einmal sich selbst erfassen, weder im Traum noch im Wachzustand. Teile von ihnen formen sich beim Aufprall, Ă€ndern ihre Gestalt – und dann ist es der Verstand, der sie wieder zusammensetzt, sie aneinanderlegt wie PuzzlestĂŒcke, in der Hoffnung, dass sie passen, ein Ganzes ergeben. Manche lassen sich nicht einfĂŒgen, erscheinen fremd neben grĂ¶ĂŸeren FlĂ€chen. Wieder andere werden aus dem Inneren herausgerissen, dass eine LĂŒcke bleibt – bis die Teile wieder in die Welt fallen, von ihr neu geformt werden. Vielleicht passen sie eines Tages aneinander. Wie oft sind sie unsortiert, nur BruchstĂŒcke, die auf und ab rutschen und anstoßen. Das Leben macht sie hĂ€rter, weniger formbar. Ob sie so je ein Ganzes ergeben?

Noch immer weiß sie, dass sie nichts weiß.

Genre: RealitÀtsschatten

Bildergebnis fĂŒr Oberschenkel klatschen applaus

Genre: Rezensionen

SolidaritÀtskippa oder die Reise zum toten Mehr (Flucht und Wiederkehr XXII)

Dieses eine, seltene GefĂŒhl, das einen beispielsweise ĂŒberkommt, wenn im FrĂŒhling der Himmel grau, windig und regnerisch, aber die BlĂ€tter der StraßenbĂ€ume jung und grĂŒn sind, wenn beschmierte Klinker-HĂ€userwĂ€nde sich mit kleinen, bunten AltbauladengeschĂ€ften abwechseln – die eine HĂ€lfte des Gesichtes traurig sein und die andere lĂ€cheln will.

Kurz vor Beginn der ersten Intifada steht der Junge – fĂŒnf Jahre alt – vor einem, ihm wie ein riesiger, bearbeiteter Monolith einer fantastischen KĂŒste, ja eines fremden Planten entraubt erscheinenden, grauen Betonklotz inmitten der unbarmherzigen Hitze eines, so hatte er – erzogen von atheistischen Wissenschaftlern – gelernt, ‘heilig’ genannten Landes.

Seine Eltern und er, nach ihrer Ankunft ob ihrer Herkunft und Sprache mehrmals wie aus dem Nichts ĂŒbelst, fast handgreiflich beschimpft, setzen ihm rasch eine kleine Kippa auf und betreten das GebĂ€ude mit ihm. Er versteht nicht, was das gedĂ€mmte Licht, was die Tafeln mit den vielen Namen, die Bilder der so unglaublich mageren Körper, mit ihren traurigen und teilweise unendlich leeren Blicke bedeuten, er fĂŒhlt sich unangenehm berĂŒhrt, empfindet gleichwohl, der kindlichen Gabe zur Empathie entsprungen, PietĂ€t und schweigt, nicht wagend, den ihn umbegebenden fremden Gesichtern seine Antwort auf die Last der Zeit, die er der Welt an diesem Ort zu schenken bereit ist, offen zu bezeugen.

Er war zuvor durch WĂŒsten gefahren, hatte in Salzlake gebadet, belebte Basare und verfallene StĂ€tten besucht, eine davon hoch oben auf einem Berg, durfte, auf dem Weg durch dieses öde und doch so wunderschöne Land auf den Schultern seines Vaters eine Pomelo am Rande einer Plantage abpflĂŒcken und im Garteninnenhof eines Freundes der Familie das unglaubliche reiche Bouquet jener Blumen erschnuppern, die dort gedeihen, wo die Sonne, anders als in seiner Heimat, Gesetz ist. Ein unsichtbarer Gott, ohne Namen – Richter ist Er.

In Betlehem war man mit ihm in eine Grotte, die Geburtshöhle hieß, herabgestiegen, auch dort schien ein diffuses Licht, doch die WĂ€nde schmeichelten – leicht feucht, fast rund, als hĂ€tten die HĂ€nde tausender Besucher sie geglĂ€ttet – und der Weg gewundener, ohne Ecken und Kanten gespickt, ja, das einzig gerade dort unten, dachte er, hatte in den Planken der Stege und den Brillen der Besucher bestanden. Er erinnerte sich daran, den Ort genossen zu haben, vielleicht nicht so sehr wie den Garten, das Picknick mit der selbstgepflĂŒckten, unbekannten Frucht, oder den Blick vom Berg in die schier endlose Ebene, aber doch, es war angenehm gewesen dort unten.

Hier hingegen, so ĂŒberkommt es ihn, war ein bleierner Vorhang zwischen allem, was ihm in diesem Land begegnet war gezogen worden, der Ort war der Ausdruck purer Hoffnungslosigkeit, alles Organischen beraubt, die unmenschliche, dunkle Strenge der Formen dieses Gedenkens bedrĂŒckte ihn, drohte ihn zu begraben, zu ersticken, jene ausweglose Ernsthaftigkeit eines unvorstellbaren Mordgewitters, dessen Essenz anschließend zu diesem Sarkopharg erstarrt war und nun mit seiner kleinen Seele rang. Ein LĂ€cheln, war er sich sicher, nur ein stilles LĂ€cheln voller Hoffnung und Liebe konnte ihn, konnte die Welt von dem Fluch, der diesem Ort innewohnte, erlösen.

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten, Rezensionen, Trauersymmetrie, Wortmysterien

Herausragendes Exemplar mit grauen Wangen

Sie fĂŒgte sich so geschmeidig in die immer kleiner werdende NormalitĂ€t, wie der Begriff von Experten definiert wurde, dass jeder SpaziergĂ€nger sie fast ĂŒbersah. Doch da sie nichts hatte, woran man sich stoßen konnte, gab es auch keinen Zusammenprall.
Wenn sie ĂŒber die Entwicklung nachdachte, die das Normale mit den Jahren durchlaufen hatte, war sie fĂŒr einen kurzen Moment mit sich im Einklang. Man könnte fast meinen, sie freute sich, dass es stets strengeren Regeln unterlag und weiter nach oben korrigiert wurde. Neue Diagnosen wie disruptive Launenfehlregulationsstörung stellten in Frage, was sich bisher noch innerhalb des Rahmens befand. Dadurch konnte sie – die im Alltag Unscheinbare – glĂ€nzen. Sie funktionierte. Ja, sie war einwandfrei. Unerhörte Dinge wie GefĂŒhle hatten in dieser Welt nichts verloren, waren jedenfalls nur zu bestimmten AnlĂ€ssen zugelassen. Das wusste sie, und sie verstand es, das dĂŒnne Seil der Vorgaben um ihren Körper zu wickeln, ja sogar damit zu tanzen. Einmal im Leben war sie bereits mit dem Tod konfrontiert worden. Einen Augenblick hatte sie geweint – eben jene erwartete Regung. Anschließend ging sie zum Alltag ĂŒber, als hĂ€tte ihr Chef auf eine Taste gedrĂŒckt, die diesen Effekt bewirkte. Mehr als zwei Tage Niedergeschlagenheit entsprachen nicht der Norm dieser Gesellschaft, die sie stets so hervorragend reprĂ€sentiert hatte. Das nannte man stark.
Doch dann passierte etwas. Sie hatte geglaubt, auf alles vorbereitet zu sein. Die Erkenntnis aber, dass sie an dem kleinen Absatz nichts Ă€ndern konnte, der zum Regelwerk fĂŒr alles nicht Normale hinzugekommen war, löste eine tiefgreifende Wandlung in ihr aus. Jedenfalls schien ihr das so. Als sie nĂ€mlich an jenem Morgen vor dem Spiegel stand und sich das Haar richtete – gescheitelt und streng, wie es sich gehörte – war die Haut ungewöhnlich fahl. Sie trug ein schwarz-weißes KostĂŒm, das gut zu dem Grau ihres Gesichtes passte. Warum war es auf einmal so verfĂ€rbt?
Sie versuchte, auf die Augen zu achten. Sie wirkten unverĂ€ndert, doch das Gesicht nahm insgesamt knochigere ZĂŒge an und das Kinn ragte spitz nach vorne. Plötzlich teilten sich die Augen und auf jeder Seite gingen zwei einzelne Augen ineinander ĂŒber. Sie erschrak. Sie begann doch nicht etwa, zwei Personen zu werden? Vier HĂ€nde, doppelte Arbeitsgeschwindigkeit 
 WĂ€re das nicht sogar praktisch? Rasch verwarf sie den Gedanken wieder. Nach einigen Minuten verschwand der Effekt und die Augen rutschten ĂŒbereinander, dass nur noch eins auf jeder Seite zu sehen war.
Sie rieb sich ĂŒber das Gesicht, blickte noch einmal genauer in den Spiegel – alles schien wie gehabt – und zog sich Schuhe und Mantel an. Erst auf der Straße fĂŒhlte sie sich wieder seltsam, glatt und kalt. Ihr Gewicht hatte schlagartig zugenommen, allerdings konnte sie sich immer noch hervorragend bewegen, vielleicht sogar besser. Zwar machte ihr Knie von Zeit zu Zeit ein quietschendes GerĂ€usch, doch nichts war mehr ermĂŒdend. Sie blieb einen Moment stehen und hob und senkte das Bein. Sie spĂŒrte gar nichts. Es fing an zu regnen, doch die Wassertropfen perlten von ihrer Haut ab, ohne dass Feuchtigkeit zurĂŒckblieb.
Eigentlich hervorragend, dachte sie. Aber war das wirklich so vorgesehen? Glaubte sie dem neuen Krankheitssyndrom, das heute Morgen durch die Nachrichten flackerte, war ihr GlĂŒck dahin. Zuvor war ihr all das nie aufgefallen. Doch jetzt war ihr Körper prĂ€sent und ihr Denken hatte eine Richtung entdeckt, ausgelöst durch dieses neue Wort, eine Richtung, die sie noch nicht kannte. Sollte sie sich krankmelden? Nein, das war unmöglich. Sie öffnete die TĂŒr zum BĂŒro, ging an ihren Platz und fuhr den Computer hoch. Auch ihre Finger hatten sich verĂ€ndert. Einen Hauch zu metallisch wirkten sie, und wenn sie an die Gelenke fasste, blieb ein öliger Schleim zurĂŒck. Sie hatte Angst, ihr Chef wĂŒrde es entdecken. All die Dinge, die ihr sonst eine gewisse Befriedigung gaben – zum Beispiel, dass sie von den Mitarbeitern am schnellsten tippen konnte – waren auf einmal zu einem Unsicherheitsfaktor geworden, zu einem großen Unbestimmten, das ihr vielleicht bald den Boden unter den FĂŒĂŸen rauben wĂŒrde.
Mittags hielt sie es nicht mehr aus und verließ das GebĂ€ude. Als der Chef sich bei ihr verabschiedete, nicht ohne einen besorgten Blick auf sie zu werfen, sagte er: „Du hast hervorragende HĂ€nde“. Hatte sie das? NatĂŒrlich. Jetzt wusste sie wieder, dass alles im Lot war. Sollten sie doch machen, was sie wollten, „TemporĂ€re Maschinisierung“ war kein Syndrom. Nein, eine StĂ€rke. Hatte der Chef das nicht mit seiner wenig subtilen Bemerkung persönlich angedeutet? Bei dem Gedanken ging es ihr wieder besser.
Am nĂ€chsten Morgen, als sie mit einer quietschenden Fingerbewegung den Wasserkocher betĂ€tigte, akzeptierte sie, was geschehen war. Sie wusste: Das alles war nicht weiter schlimm. Die graue Farbe, die metallische GlĂ€tte, sie konnte beides zu ihrem Vorteil einsetzen. Die anderen waren nur noch ein Blatt Papier. Sie konnte darĂŒber laufen; sie konnte es beschreiben oder mit schwarzen Tintenflecken bespritzen.
Sie dagegen war hart und glÀnzend, mit silbernen RÀdchen, wo einmal ihre Knie gewesen waren. Ein Markenname.
Ein 30 Jahre altes Modell, sagte ihr Chef und goss Öl ins Getriebe.

Genre: RealitÀtsschatten