Osterburg. Ein Reisebericht.

Osterburg, eine Stadt in der Altmark. Dank Eingemeindung die Zehntausend erreicht. Hansestadt. Ja, Hanse. Von zwei WasserstrĂ€ngen umzingelt: Biese und Uchte. Bitte mal vormerken fĂŒr das sonntĂ€gliche Stadt-Land-Fluß -Spiel.

Ansonsten: verwĂŒstet  im 30jĂ€hrigen Krieg, BlĂŒtezeit um 1920 dank Spargel, geplante FrauenbeschĂ€ftigung dank Schuhbetrieb „Roter Stern“ und den Rathenowschen Optikerwerken. Nun nix. Aber immerhin Gymnasium. Und evangelische Nikolaikirche. Ein imposanter Bau.

Reisegruppen werden wohl kaum den Weg nach Osterburg finden. Auch KarstĂ€dt und Grabow schenken keine Latte an Fremde aus. Ludwigslust ist schon eher den Augen-Blick wert. Und Schwerin natĂŒrlich. Das MĂ€rchenschloss, das MĂ€rchenschloss! Da sitzt die AfD drin. Und die „BĂŒrger Mecklenburg-Vorpommern“, ein AfD-Splitter, der sich von einigen (ausdrĂŒcklich: von einigen) Parolen seines großen Bruders distanzieren will. BMV nennt sich der Verein. Klingt wie Fußballverein. Oder Edelluxusautomarke.

Nun bin ich von Hölzchen auf Stöckchen gekommen. Fassle wie ein Reiseleiter auf Sizilien.  Was wĂ€hlen die da unten eigentlich? Sind die auch national? Bestimmt. Und: was ist daran schon so verkehrt? Also nicht an Sizilien jetzt, an das Nationale. Das wird salonfĂ€hig. Ach was sag ich, das IST salonfĂ€hig. Schlafzimmer und KĂŒche inklusive. Mutter steht am Herd, schĂ€lt Linda und freut sich ĂŒber die guten deutschen Kartoffeln. KalbsbĂ€ckchen soll es geben. Mit MĂŒller-Thurgau. Obwohl ein Merlot besser passen wĂŒrde. Oder ein Bardolino. Wir sollen deutsch trinken, sagt der Mann. Na gut. Hol schon mal den MĂŒller-Thurgau ausm Keller. Und bring die Markenbutter mit hoch. Zweites Erdloch, links im Garten! Es reicht langsam mit deinem Oköwahn. Morgen bestell ich bei Otto den Hanseatic. Ehemaliges Ostdesign, nur fĂŒr den Export bestimmt. KĂŒhlschrĂ€nke fĂŒr den Westen. Selbst das haben die nicht hingekriegt.

SĂŒlstorf. Auch so ein Reisegruppenvermeidungsnest. Ausstieg in Fahrtrichtung. Und? Jawoll! RECHTS natĂŒrlich! Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Ist der Bordstein zu hoch, hĂŒpfen wir rauf. Ansonsten runter lassen auf das abgesenkte Niveau.

So. Ich muss dann mal. Ausstieg rechts.

Genre: RealitÀtsschatten

Vis Ionen drÀngeln

am
Bananenbaum
….

Laden wir die WĂ€gen voll?
Laden wir die WĂ€gen voll?

FarnschlammgrĂŒngetreu?

Genre: RealitÀtsschatten

lueckenschluss | lippenbekenntnis (string-tanka L)

die luecke im buecherregal / ich schliesze sie / mit einem papierfalter / und musik // deine lippen / ahmen ein gedicht nach

Genre: Wortmysterien

augenblicke

seine augen fĂŒllten sich mit hĂ€usern, straßen zwischen den hĂ€usern, fahrenden autos, gehwegen und menschen, ladengeschĂ€ften mit kleidern, koffern, schmuck und brillen in den auslagen. und auf einmal tat ihm der kopf weh. der schmerz wanderte vom hinteren ende des auges in die stirn, ins innere der ohren, und zog an der innenseite der schĂ€deldecke ĂŒber den hinterkopf bis in den nacken. w. wurde schwindelig, er taumelte und ging in der fußgĂ€ngerzone zu boden. er spĂŒrte noch den harten aufprall auf den polierten granitplatten im ellenbogen und steißbein. dann wurde ihm schwarz vor den augen.

die sonne war eine große scheibe aus kupferblech. hĂ€ngte ich sie hoch in das zelt meiner kindlichen erinnerungen, tĂŒrmten sich landschaften neben ihr auf, spiegelte sich ihr licht in flĂŒssen, die den zeltboden in verbotene und verbotene lĂ€nder teilten.

die versuchsanordnung war folgende: ein dichter sollte in einem völlig dunklen raum ein liebesgedicht an eine verflossene geliebte schreiben, in dem die wörter ich, du, wir, liebe, lieben, kuss, kĂŒssen, auto und autobahn nicht vorkommen. das gleiche galt analog fĂŒr eine dichterin. hier die ergebnisse:

fahren die zĂŒge nach armenien
weinen die menschen in den abteilen
angesichts ihrer erinnerungen
an die umgekommenen
der sintflut

ĂŒber die dĂ€cher gehen
ist ein alter traum der menschheit
und eine weißstörchin beobachten
kurz vor ihrem flug nach afrika
staunen im garten die kinder
zu ihr hinauf

die alpenseglerin war eine gletscherkundlerin, die die klimaerwĂ€rmung erforschte. ihre hĂ€nde ertasteten die luft und den schnee, ihre flĂŒgel ĂŒberspannten das tal, in das sich menschen geflĂŒchtet hatten, die aus ihren trĂ€umen erwachten. fĂŒr sie gab es keine rettung, keine rĂŒckkehr mehr.

w. hatte seine sammlung um eine muschelschale erweitert. diese legte er zwischen das pfennigstĂŒck und das welke, gepresste blatt eines bergahorns.

manchmal fiel w. das wort menschen schwer. dann spielte er robinson und wartete auf freitag.

w. war eingekesselt: hinter ihm stand der mob der demonstranten, vor ihm eine hundertschaft polizisten, ausgerĂŒstet mit helmen, schilden und schlagstöcken, dahinter ein wasserwerfer. ein paar meter neben w. zitterte das mĂ€dchen.

zerfloss die stadt in einem park um ein altes gartenhaus mit hohem dach, machten wir uns einen frauenplan, stolzierten die esplanaden entlang, winkte uns aus einem schaufenster eine junge grĂ€fin zu, eine angehende buchhĂ€ndlerin. dichtkunst muss ansteckend sein. [einmal hatte ich einen oleander nach der grĂ€fin benannt, rosafarben, gekauft in der gĂ€rtnerei des familienschlosses, ĂŒberlebte er den ersten winter nicht.]

plötzlich standen wir vor einem massengrab. mord muss eine deutsche tugend sein.

Genre: Erinnerungsbrösel, Trauersymmetrie

gesang zwei

die versuche ĂŒber den wald liefen ins leere
kreisten schwarzstorch und waldrapp um ein neutronengeschoss
lag es verschattet neben der luftwurzel eines baums
suchtest du in stadt und dorf eine straße
die heraus fĂŒhrte aus dem grĂŒn

in ein nebelgebiet ĂŒber flussauen
mischten sich stimmen mit den flĂŒgelschlĂ€gen von wörtern
die ĂŒber dir kreisten
und einen namen riefen
indem sie das verschwiegene aussprachen

suchtest du weiter die liegengelassenen
augen und mĂŒnder deine haare
auf denen du wiegenlieder spieltest
fĂŒr ein totgeborenes
mit kristalliner struktur

[webtest du wasserzeichen in ein mandelland]

Genre: RealitÀtsschatten

ĂŒbern Großen, ĂŒbern Kleinen Stadtsee
derweil das FĂ€ulnisfleisch des Horizonts
reicht bis zum Rumpf des Kirchenschiffs
worin gewöhnlich psychonautische Fracht

vielleicht wissen die Penner davon
(der Verfall hÀutet sich nur im DÀmmern)
wovon die Luft gestillt, Asphalt schwimmt
dass die Ohnmacht der Zeit so tÀuscht

indem sie das Ewige Licht nachÀfft
in allen Farben, in allen Televisoren

warten auf den UferbÀnken
auf die nÀchste Revolution

Genre: RealitÀtsschatten

Haugemer Fasnacht

andere sii welle

d’ kinder un au d’ erwachseni
alle verkleidet
wie wenn se andere sii welle
als sie sin’
vielliicht sin’ sie’s au
fĂŒr e stund oder zwei
wer ka’s wĂŒsse

.

d’ gugge

d’ gugge trommle un bloose
À lÀrme
wie numme sÀlde im lÀbe
spöter
wenn d’ heimgohsch
isches numma no still

.

do schtohsch

du wirfsch es konfetti in d’ höh
s’ werde trĂ€um
rosani orangeroti schwarzi un wissi
sie falle z’ruck
dir grad vor d’ fieß
do schtohsch
vor dine eigene trÀum

.

(* Der Dialekt wurde lektoriert von Elfra Sandmann, Lörrach, der ich herzlich dafĂŒr danke!)

.

Genre: RealitÀtsschatten, Rezensionen

Im Schwefelbad

Dicke Autos parken am Abend
Vorm Tor : in der maurischen
Mauer : Mosaike : zwei Diener

Ein Junge : ein MĂ€dchen
Huschen mit Wischzeug
Bewaffnet ĂŒber den Flur

Der Chef im maßgeschneiderten
Anzug schaut von Zeit zu Zeit
Vorbei : Familien treffen sich

MĂŒde MĂŒtter in Konkurrenz
Zu aufreizenden Töchtern
Die pickeligen Söhne

Interessiert dieses Bad nicht
Wiewohl : sie könnten es
Gut gebrauchen : GeschÀftspartner

Treffen sich hier mit einer blonden
Frau in der Runde : erst wird Spaß
Dann ernst gemacht : sanft

Reinigt der Schwefel jede Pore
Und die Ehefrau erfÀhrt nichts
Davon : außer bei Zahlungsverzug

Wie Àtzend wirkt da der Schwefel
Als SchĂŒler tauchte ich Leiterplatten
Ins Bad : es schÀlte kupferne Bahnen

Heraus : hier wird der Partner
GeschÀlt : zeig dich nackt
Und ich leih dir mein Geld

Genre: RealitÀtsschatten

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Genre: RealitÀtsschatten

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Genre: RealitÀtsschatten

Wir sind Pappnasen!

Leipzig 044-1

Genre: Rezensionen

Oijoijoijoijoi, wo hab ich denn jetzt bloß de Brille

So gehts los. Jedesmal geht es so los. SĂ€tze, Ziele, die nicht der emotionale Knaller sind. Du bist fröhlich, gut vorbeitet, willst jetzt endlich loslegen. Und dann kommt es: “Oijoijoi, wo hab ich denn jetzt bloß de Brille. Oijojojoj, wo hab ich denn jetzt bloß de Numma.” Du spĂŒrst, wie deine gute Laune in Wut umschlĂ€gt und der Blutdruck nach oben geht. Der Herzschlag wird spĂŒrbar. Du merkst, dass du einen Körper hast, und der tut weh. Du rutscht unruhig auf dem Stuhl herum. Von draußen drĂ€ngt die Sonne herein und macht “dreieckiges Handtuch” auf der Pappwand vor dir. Du denkst an die Pappnase vom letzten Dienstag und lĂ€chelst, jetzt sichtlich besser gelaunt, schadenfroh in dich hinein. Der am anderen Ende hat immer noch keine Brille und keine Numma und raschelt nervös mit Papieren. Du lachst. Du lachst, erst leise, dann herzhafter. Kleine Fliegen kommen dir aus dem nĂ€chstgelegenen Blumentopf entgegen und kreiseln, im letzten Lebensdrittel angekommen, vor dir auf dem Tisch. Du lachst. Draußen wird es heller. Die Sonne brennt jetzt auf der Fensterscheibe, lĂ€sst sich nicht mehr durch RollĂ€den und schmieriges Glas ausbremsen. Du lachst und wĂ€chst aus dir heraus, du zeigst es allen, du drĂ€ngst aus dir heraus und mit geballter Lebenslust schallt es aus dir: “Macht nichts. Dann schaffen wir es eben ohne Brille und ohne Numma.”

Genre: Rezensionen

Replik (Realschulniveau)

Meine Freundin Tara

sagte heute:

Im Iran

hatten sie

ein Bett fĂŒr Opa, Papa, Bruder

und der Rest

also Oma, Mama und Tara

kam in den Stall

gleich nebenan.

Aber  hier in ihrem winzigen Zimmer

in der Bornhoevedstraße

hat sie ein Bett

fĂŒr sich

allein.

___________________________________

(aufgezeichnet nach Berichten einer 14jĂ€hrigen Deutschen, die mit ihrer neuen Banknachbarin Tara ĂŒber deren ehemalige Heimat Iran geredet hat)

Genre: RealitÀtsschatten

Amtspost

Mein Freund Ali
sagte gestern:
im Iran
hatten sie
einen Papierordner
fĂŒr Opa, Oma, Eltern
und den Rest
aber hier
in seinem winzigen Zimmer
in der Friedensstraße
hat er allein fĂŒr sich
zehn Ordner.

Genre: RealitÀtsschatten

nocturne (elfter gesang)

wer mich kannte wusste
dass ich gedichte vom himmel herunter log
in ihnen schwammen fische durch leuchtreklamen
stiegen ĂŒber den schildern luft- und sprechblasen auf
in die lichtglocke ĂŒber der stadt
wurden stimmen beschworen
urtĂŒmliche laute aus u-bahnschĂ€chten
mischten sich mit dem rascheln der lindenblÀtter
vom warschauer platz vom czernowitzer platz
vom donauufer in budapest und vom schwarzmeer bei odessa
wer mich kannte wusste
dass in meinen vom himmel herunter gelogenen gedichten
am horizont schneeberge aufragten
ĂŒber sie zogen singschwĂ€ne in ferne geschichten
die an orten wie teheran und kabul spielten
dort standen mĂ€dchen am straßenrand
und winkten burschen bei reiterspielen zu
spÀter weinten die mÀdchen
wenn die toten körper der burschen
auf lastwagen in die stadt zurĂŒckkehrten
wer mich kannte wusste
dass selbst das blau am himmel lĂŒge war
in ihm spiegelten sich die augen von geckos
die an hauswÀnden hockten und auf das ende der zeit warteten
menschen beobachteten die tiere und glaubten
sie brĂ€chten ihnen glĂŒck
die augen der menschen leuchteten dann blau wie der himmel
ich bog um die nĂ€chste straßenecke
sah fische und hörte singschwÀne
und die nacht und die lĂŒgen nahmen kein ende

Genre: RealitÀtsschatten