hulyet hulyet, kinderlekh

Dieses Buch ist ein Lebenswerk ĂŒber ein Lebenswerk und ein Leben. Uwe von Seltmann, dessen Vater noch in Krakau geboren wurde, der jetzt wieder in Krakau lebt, schreibt eine Biographie des Tate (Vaters) des jiddischen Liedes, Mordechai Gebirtig (1877-1942). Ich fange von hinten an: die Danksagungen fĂŒllen zwei Seiten, wie der Abspann eines großen Spielfilms. Gebentsht zoln zayn (Gedankt soll sein) dem Forscher Natan Gross, auf dessen Werk dieses Buch aufbaut, Irina Klepfisz, Samuel Mandelbaum und Michael Goldmann-Gilead, Überlebenden des Holocaust, die als Zeitzeugen Fragen aus eigenem Erleben beantworten konnten, neben Stiftungen und Geldgebern, Crowdhörnchen, auch Dichterinnen wie Bozena Keff, die den Antisemitismus in Polen auf die BĂŒhne gebracht hat (“StĂŒck ĂŒber Mutter und Vaterland”). Um nur einige wenige zu nennen, die an diesem Buch mitgewirkt haben.

Gebirtig war bereits zu Lebzeiten ein Star, den keiner kannte. Seine Lieder wurden nicht nur in Polen, sondern auch in RumĂ€nien, Litauen, Weißrußland und in Amerika gesungen, sie galten als Volkslieder, die auf der Straße, beim Frisör und auf den Feldern gesungen wurden, doch niemand wußte, wer ihr Schöpfer war.

Am Ende des Buches findet sich auch ein Lebenslauf von Mordechai Gebirtig – bemerkenswert, dass er nicht mit dem Tod des Lieddichters 1942 endet, sondern bis 2018 fortgefĂŒhrt wird: er enthĂ€lt auch die postumen Veröffentlichungen und die Entdeckung verschollener Lieder, ganz selbstverstĂ€ndlich als Teil des Lebens von Mordechai Gebirtig – eine kluge Entscheidung. Denn was ist das Leben eines Dichters ohne sein Werk, ohne die BĂŒcher, die sich nicht etwa verselbstĂ€ndigen, sondern das Leben ihres Schöpfers weiterleben und verlĂ€ngern, ĂŒber den Tod hinaus, und im Falle von Mordechai Gebirtig kann man sagen: seinen Peinigern und Mördern zum Trotz! Dies ist die vornehmste Aufgabe des Buches, es ĂŒberwindet das Martyrium und ĂŒberlistet die Zeit.

Wer war Mordechai Gebirtig? Ein Tischler aus Krakau, Vater von fĂŒnf Töchtern, der sich als Laienschauspieler in Arbeiterbildungsvereinen und als sotsyal-demokrat engagierte. Mit 28 Jahren trug er zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ein eigenes Gedicht vor und begann zu veröffentlichen. Infolge einer Krankheit war er gezwungen, seine Möbelwerkstatt aufzugeben, zum GlĂŒck nahm ihn sein Bruder als Hilfsarbeiter in sein GeschĂ€ft auf. Es folgte der Große Krieg, die Einberufung in die Armee der Habsburger – der Krieg, der ihn zu zahlreichen Antikriegsliedern, Schlaf- und Wiegenliedern bewegte. In den 1920ern landete Gebirtig seine Welthits: kinder-yorn und hulyet hulyet, kinderlekh, die auf Liederabenden und in Operetten aufgefĂŒhrt werden, sich bis nach Lemberg, Czernowitz, Warschau und Lodz, Tel Aviv und New York verbreiten, rezensiert und als Schallplatten aufgenommen werden.

Das Ende begann 1939. Innerhalb von sechs Tagen erreichte die Wehrmacht Krakau. Gebirtig wurde ausgewiesen, zog sich mit Frau und Töchtern in ein Dorf vor der Stadt zurĂŒck, wo er weiterhin Lieder schrieb, wurde im MĂ€rz ins Krakauer Ghetto verschleppt und drei Monate spĂ€ter auf dem Transport ins Vernichtungslager Belzec erschossen. Seine Schreibhefte wurden von seinen Töchtern gerettet: sie ĂŒbergaben sie Freundinnen, die mit gefĂ€lschten Papieren außerhalb des Ghettos ĂŒberlebten.

Uwe von Seltmann: Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes
homunculus verlag, Erlangen, 2019

Genre: Rezensionen

Kanalgas-
dĂŒfte durchwandern
das Fenster

die Putzkraft
öffnet die Flure
weit

der Kleiber geht
uns an die WĂ€sche:

Oh du schöne Maienzeit

Genre: Rezensionen

Auf den Grund

Heute tritt sie nicht vor die TĂŒr. Sie geht ihren Gedanken auf den Grund, streift dort umher und setzt sich auf den lehmigen Boden. Dort hĂ€ngen WeidenĂ€ste tief herab, und im Laub raschelt es von Zeit zu Zeit.
Nachdem sie eine Stunde so dasaß, steht sie auf und sucht das Wasser. Einige Steine wirft sie hinein. Die wenigsten hĂŒpfen an der OberflĂ€che. Die Tannenspitzen wachsen so tief in den Teich, dass sie am liebsten hinterherspringen wĂŒrde. Ganz unten schlĂ€ft der Himmel, seine geschlossenen Augen hinter BĂ€umen verborgen.

Sie hat schon immer gern RĂ€tsel gelöst, aber jetzt scheint sie selbst Teil des RĂ€tsels zu sein, wie sie so herumwandert und mit den FĂŒĂŸen AbdrĂŒcke hinterlĂ€sst. Manchmal gefĂ€llt ihr das. Dann kann sie stundenlang Spuren schreiben, am Grund ihrer Gedanken, Äste von hier nach dort tragen oder Grashalme aus der Erde zupfen. Sie weiß nicht, was ihr das bringt, diese Landschaft zu verĂ€ndern, aber es fĂŒhlt sich gut an, mitzugestalten, ein Teil zu sein, lebendig und doch: Sie ist nicht da. Das sagen jedenfalls die andern.

Heute will sie hinausklettern. Oben, da fehlt etwas. Unten, da fehlt auch etwas. Sie greift nach einem Stamm und zieht sich ein StĂŒck den Hang empor. Dann gleitet sie zurĂŒck nach unten. Schlammig liegt ihr die Kleidung am Leib. Wenn sich oben zwei Schuhe bewegen, fĂ€rbt sich alles grĂŒn. Nicht so, dass Menschen es sehen. Sie spĂŒrt es nur; eine Farbe, die sich so anfĂŒhlt wie eine FrĂŒhlingswiese oder: wie er. Nur wenn sie das GrĂŒn spĂŒrt, will sie hinauf. Jedenfalls meistens. Aber sie weiß, dass das GrĂŒn nie lange bleibt, auch dann nicht, wenn es sich mit der Sonne unter glitzernden Wellen bewegt. Das GrĂŒn geht nur selten ihren Gedanken auf den Grund.

Genre: GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten

Maximilian Woloschin : Die Maschine (Anfang)

1.
Wie es keinen Erfinder gibt, der
Eine Maschine zeichnend, nicht davon trÀumte,
Den Menschen zu bereichern/ zu verbessern,
So gibt’s keine Maschine, die nicht der Welt gebracht hĂ€tte
DrĂŒckendste Armut und
Ganz neue Form der Knechtschaft.

2.
Solang’ die Hand gedrĂŒckt hielt einen Hebel,
Und Wasser
Das MĂŒhlrad drehte, waren
Ihre KrÀfte
Im alten, uralten Gleichgewicht.
Jedoch der Mensch
Ergriff den SchlĂŒssel zum ewigen Geheimnis
Und setzte die gefang’nen Riesen
frei (den Golem, die verborgenen Kolosse.)

3.
Der Geist, im Innern Raum ergreifend, errichtet einen Körper:
Dampf, Funkenenergie und Pulver
Beherrschend
Denken und GefĂŒhl des Menschen
Bauten fĂŒr sich
Eiserne Körper
In Übereinstimmung mit
Ihrer Natur: Öfen und Kessel,
TurbinenrÀume,
Antriebe und Schmelzen.

Genre: Erinnerungsbrösel

Querulanten der Evolution2

Sehverhalten von Fischen

Skalare verfolgen bis zu ungefĂ€hr 30 Zentimeter Abstand den Finger. Bei grĂ¶ĂŸerer Entfernung sind sie nicht mehr interessiert. Skalare interessieren sich besonders, wenn Staub gesaugt wird. Vermutlich hĂ€ngt das mit Vibrationen zusammen.

Genre: RealitÀtsschatten

Vincent

Er suchte Licht : das Licht
Der Ägypter : gleißendes
Gelb : Paul empfahl ihm
Den SĂŒden : die langen
Tage der Provence : das Gold

Der Ähren : das dreckige
Gelb der Schafe : welke
Sonnenblumen : zum VerrĂŒckt-
Werden : er trug den tanzenden
Stern in sich : die TĂ€nzer

In den CaféhÀusern verstanden
Ihn nicht : nichts verstanden
Sie : trampelten : schimpften
WĂŒteten : schlugen & schossen
Er rechnete lÀngst nicht mehr

Mit VerstÀndnis : wenn er
Bis dahin noch nicht verrĂŒckt war
Jetzt wurde er es : sie sahen das Licht
Das sie völlig umsonst umgab
Von morgens bis abends

Weil es kostenlos war : hatte es
Keinen Wert fĂŒr sie : sie suchten
Nicht nach ihm : es umgab
Und umhĂŒllte sie tĂ€glich
Er suchte nach dem Ewigen

Einem Schimmer gab er
Die Chance zu verweilen

Genre: RealitÀtsschatten

Absage

Wesentlich angenehmer
Die Sterne,
Als ein Todesurteil
Unterschrieben von mir.
Wesentlich angenehmer
Blumen zu lauschen,
Ein FlĂŒstern: Er! -
Neigen das Köpfchen,
Wenn ich durch den Garten gehe,
Als dunkles Eisen
Von Wachenden, die
Den töten
Der mich töten will

Und das ist der Grund, warum ich niemals
Nein, niemals StaatsfĂŒhrer werde

Genre: GemĂŒtstiefe

Querulanten der Evolution1

Fruchtfliegen im Suppenkoma
 
Nahmen sie Proteine oder Salze zu sich, schliefen sie sofort ein.

Genre: RealitÀtsschatten

Schmerz

Eisen liegt nun auf den Wegen
mehr nicht
keine Schafe grasen
auch am Himmel kein Bewegen
Frieren verfÀllt ohne Datum

Eisen breitet sich aus oder wÀchst
der gewohnte Gang atemlos geschnĂŒrt
mit Erzschuhen und -hĂŒten
eingepasst in Eisenfelder
tÀgliche SchnelldurchgÀnge
mit klackendem Handschlag
nun ohne Himmelswolken

Genre: RealitÀtsschatten

Featuring : Alexander Blok : Wegscheide

Und wieder Unmögliches getrÀumt
Fet

Noch sind bleichende Fetzen am Himmel,
In der Ferne krÀht sacht ein Hahn.
Auf des Felds KornÀhrengewimmel
Geht plötzlich ein Lichtpunkt an.

Dann dunkelt der Erlenzweige Schar,
Hinterm Fluss flackert Rauch, dass Feuer werde.
Und durch den Nebel wunderbar
Sprengt eine unsichtbare Herde.

Ich fahre durch ewig gleiche Felder,
Den ewig gleichen Singsang im Sinn.
Und TrĂ€ume, TrĂ€ume hinterm RĂŒcken
Verschwinden, wo ich nicht mehr bin.

Und was nie war, werden Silben und KlÀnge -
Der Gedanke, geflĂŒstert, wird mein.
Es schaukeln die grauen Äste,
Das sind HÀnde von SchÀdelgebein.

17. November 1902

Genre: Wortmysterien

Wolken.Heim

Das traute : klassisch
Humanistische HĂ€uschen
Darin richten wir uns ein

Und schwingen uns
Über die schnöde Welt
Der anderen : um Àngstlich

Blickscheu : am Nachbarn
Vorbei zu huschen
Zu schleichen : zu lauschen

Es gibt eine Verbindung
Connection zwischen Hölderlin
Hegel : Fichte und Marx

Der Staatsterror von 365
Deutschen LokalfĂŒrsten
Das ist es : was sie deutsche

Freiheit nennen : die von innen
Her kommt : verkommt
Die Freiheit der Folter

Die Freiheit der Flucht
Geht in die WĂ€lder und sucht
Sie zwischen den Sporen

Eure Helden und Horen

FĂŒr Elfriede

Genre: Rezensionen

Die Essenz des FrĂŒhlings

alles

fĂ€llt …

aus
ein

an
der

Genre: RealitÀtsschatten

Clarissa

„Du wolltest mir etwas zu den Bildern erzĂ€hlen. Das rechte stammt aus dem achtzehnten, das daneben aus dem frĂŒhen neunzehnten Jahrhundert. Wie soll ich das begrĂŒnden?“ Clarissa, die Freundin neben ihm, mit dem Schal aus roher Seide, lenkte ihn ab in seiner Konzentration mit Fragen, wĂ€hrend er vor seinem geistigen Auge alles auf Tapete brachte, seinen Film drehte, in dessen Zentrum nun ein obskurer Hintern thronte. In Gedanken feilte er an seiner Arbeit, blieb heute Clarissa manche ErklĂ€rung schuldig – wegen eines Hinterns, der ihn anfangs langweilte, was nicht ganz gefahrlos war. Clarissa brachte es immer noch nicht fertig, jenseits der ausgetretenen Pfade etwas zu entdecken, das sie als ungewöhnlich in die Diskussion einbringen konnte.

Der Hintern stand still und bewegte sich nicht. Der Mensch, dem er gehörte, war hoch aufgeschossen und sah, wie er jetzt feststellen musste, nicht nur etwas altmodisch gekleidet aus, sondern er schien sich geradezu auszuleben in dieser Pose der Vergangenheit, die durch seine Haltung, ja durch seinen ganzen Habitus, schon wieder etwas Futuristisches bekam. Eine Art An-, eine Vorausdeutung in eine Welt, die tatsĂ€chlich etwas weiter zurĂŒck lag in der Zeit, aber niemals, niemals so weit zurĂŒck, dass er sie nicht mit den HĂ€nden hĂ€tte greifen können, kein weiter entferntes GegenĂŒber als das der Landschaftsbilder, ĂŒber die er mit Clarissa soeben debattiert hatte, kein GegenĂŒber wie eine Tapete, sondern ein Mittendrin, ein Hypnograph in der Hypnobar, ein Fingerzeig.

„Kennst du den?“ neigte er sich zu Clarissa herĂŒber. Sie nickte. „Ich glaube, der gehört zur Akademie. Ist einer von  Prof. Ziegenbarth.“ „Von Ziegenbarth? Zu dem kommen doch nur die Guten.“ „Ja. Die Guten. Die ganz Guten.“ Ihr Schal aus Rohseide warf sich in Falten um ihren Hals und auf den schwarzen Glastisch, und er hatte, wie ihm eben auffiel, ein Muster im Jugendstil, so etwas fast Obszönes in seinen Windungen, wie die Zeichnungen von dem Beardsley.

Genre: Trauersymmetrie

Abwedeln nicht vergessen

Nebel ĂŒberzieht die Landschaft mit Zucker
Mein und dein : bĂŒrgerliche Kategorien
In den Mistelzweigen nisten die Vögel
Damit wir uns kĂŒssen und vögeln können

Vogelfrei : gehören wir niemandem
Ein paar SchnappschĂŒsse vom Abenteuer entfernt
In deinen analogen Welten dauert die Entwicklung
Eines Bildes eine Stunde : abwedeln nicht vergessen

Verstecken wir uns im Schilf : schwanken im Wind
KrÀuseln die Lippen wie Wellen : die Landschaft
Ist kein Zuckerschlecken : ihre Bitterkeit
Ruft die Endlichkeit in Erinnerung : mit der wir

Vergeblich dem Unendlichen entgegenwinken
Glitschig entgleitet sie uns : gleißend verglĂŒhen wir

Genre: Erinnerungsbrösel

Sieben

mit Blok und Brecht

Den Krieg haben wir verloren, doch nicht den Krieg!
Zeit haben wir gewonnen: ganz ohne Sieg.

Die Jahre kamen und gingen. Wir wollten mehr,
Als nur feiern und singen. Nun sind wir leer

Wie Buddhas atmende Seele, wie das Gesetz,
Dem alle Körper gehorchen zu guter Letzt


Den Krieg haben wir nicht vergessen. Kinder waren wir.
Und die ihn gefĂŒhrt hatten, sind nicht mehr hier.

Was Frieden ist, lernten wir bei der Armee:
Einatmen – zielen und – treffen, weiß wie Schnee.

Wenn die Kinder heute lernen, wie man schreibt und liest,
Kann es sein, dass sie auch lernen, wie man schnell vergisst.

Zeit haben wir gewonnen auf dem Weg zum Sieg.
Und unseren Enkeln sagen wir: Nie wieder Krieg!

Genre: Rezensionen