P. Ostkost (Flucht und Widerkehr XIII)

Wenn ein sehr fröhlicher Mensch einmal nur lacht
zier’n sein Gesicht Schatten der Nacht.

Und wenn Frieden im Blick eines Freundes dir sagt
da ist nichts mehr, worĂŒber er klagt,

dann ist  Leben uns nah und so fern,
ist Liebe hegen die Gabe des Herrn,

und ein altes Lied klingt dabei sacht
wie ein Traum, der ĂŒber uns wacht,

wie ein Trunk, in Freude gegÀrt,
ein Jauchzen, das ewiglich wÀhrt,

ein Tanz wie aus fließendem Sand –
eines GlĂŒcks, das die Zeiten verband.

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten, Rezensionen, Trauersymmetrie, Wortmysterien

Die Bohrmaschine

Mein Bot ist immer noch nicht da. Statt dessen weht die schwarze Fahne. Vor meinem Fenster. Dass sie nicht mehr rot ist, habe ich den Wechseljahren zu verdanken. Da wechselt eben so manches, auch die Gesinnung. Das steht schon in Brehm’s Thierleben. Manches, wie die political correctness, krĂŒmelt und bröselt hinter der Tapete vor sich hin – dank der dubiosen Bohrmaschine, die der Bot beim letzten Mal hier angesetzt hat. Das alles ging nicht tief genug, wie man an den Löchern in der Wand erkennen kann. Wahrscheinlich hat der Stuhl zum Gang gefehlt. Zum Tiefgang: Auch mit einem beschnittenen Schwanz ist gut Wedeln.

Genre: Rezensionen

Public Viewing

Bildergebnis fĂŒr mops

Genre: RealitÀtsschatten

‘tschuldigung? Haben Sie den Mops gesehen?

… irgendeine englische Sorte. Gestern sabberte er sich noch durch den Finsbury Park, heute  nun ist er verschwunden. Sicher wegen seiner GrĂ¶ĂŸe unterm Teppich gekehrt… eine Fußnote zwar nur, aber dennoch ein Lichtblick. Ach was sag ich, eine Lichtgestalt mit dem typischen Inselhumor. Die ihn findende Person möge sich bitte öffentlich melden. Am besten im Hyde Park, Speakers’ Corner (selbstredend).

Mopsens Erkennungszeichen: beschnittten (jewish master as owner)

Mops. Mops?

Genre: RealitÀtsschatten

Tiefenrausch

Heut habe ich ein Wort gelernt : von einer Taucherin
Seit sieben Jahren sitze ich : am Grund des Brunnenlochs
Nun tauch ich langsam auf : nur nicht zu schnell

Der Tiefenrausch hat mich erfaßt : ich nehms
Mit Fröschen auf : als wĂ€r’n sie Ungeheuer
Seit sieben Jahren quake ich am Grund : hab

Meinen Schwanz im Schlamm
GewĂ€lzt : was ist das fĂŒr ein Amt
Im Brunnenloch : was ist das fĂŒr ein Stolz

Welch kleine Welt : ich sah das Meer
Wer holt mich : langsam hoch
damit ich das Bewußtsein nicht verlier

Genre: GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten

Rettung einer Welt

Nachts, der Sommer sucht seine andere HĂ€lfte, beginnen sie zu arbeiten. In unscheinbarer Umgebung, die ĂŒbergroßen Brocken porösen Materials auf den Schultern, bahnen sie einen Weg. Sie mögen ein Ziel verfolgen, sie folgen nur ihrer Natur. Arbeiter sind sie in einem Staat, der nicht der Staat der Menschen ist. Ihre Natur besteht darin, Arbeiter zu sein und Arbeiter zu bleiben. Arbeiten, immer weiter, bis sie liegen bleiben. Arbeiten bis zum Umfallen.
Die Nacht hat ihr samtenes Tuch aufgeschlagen. Musikanten kĂŒndigen sich an in der Dunkelheit. Es ist eine Musik in porösem Raum. GerĂ€usche blitzen auf und verlöschen, GlĂŒhwĂŒrmer beleuchten ein unpersönliches GedĂ€chtnis. Die Dunkelheit weiß genau, wohin. Ihr Gestus ist ein demokratischer, wer auch immer in ihr wohnt bleibt unsichtbar. Musikanten dienen der Gottheit, damit GlĂŒhwĂŒrmchen einen Grund zum Fliegen erhalten: Start- und Landeerlaubnis fĂŒr die Erinnerung.
- “Immer bleiben die Engel aus am Ende”
- – “In der Zeit des Verrats/ Sind die Landschaften schön.”

Genre: Erinnerungsbrösel, Rezensionen

Endlich wieder Erbauliches

„Du solltest das tragen, was du immer getragen hast, das, worin ich dich, worin wir alle dich kennen gelernt haben. Jetzt ist nicht die Zeit fĂŒr dich, zu zeigen, dass du auf eine einfache, proletarische Art krank sein kannst.“

Vyvyan hatte die im Schreibpult seiner Tante gefundenen SchriftstĂŒcke in Bilder verwandelt, die viel Ähnlichkeit, viel Wesensverwandtschaft mit dem aufwiesen, was man bislang ĂŒber die messbaren Formen der Ozeanplaneten wusste. Er hatte die floralen, noch irdischen, geometrisch geordneten Formen wie GummibĂ€nder auseinandergezogen, eine tiefe Unterströmung, die sich loslöste und nicht wieder zu ihrem Ausgangpunkt zurĂŒck fand. Eduard hatte Passagen ĂŒber Wasserplaneten hinzugefĂŒgt, weil er meinte, man mĂŒsse dies erklĂ€ren. Eduards Ansicht nach musste alles erklĂ€rbar sein. Gedehnte Stunden bekamen eine physikalische oder psychologische Gleichung aufgedrĂ€ngt, fragwĂŒrdigen oder verstörenden Bildern unterlegte er den Gedanken, dass es am Grunde aller Strukturen, dass es in all diesen noch unentdeckten Wasserwelten etwas gĂ€be, das der Struktur entgegenwirkte, sie auflöste. Doch er wusste, die Basis fĂŒr alle Dinge im Universum war letztlich Struktur. So wie die DNA die Struktur fĂŒr alle Lebewesen bildete.

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe

Zwischen dem ErzÀhlten

Erziehung ist immer und zu allen Zeiten etwas RĂ€tselhaftes. Obwohl sie jeder kennt, jeder sie in dem leibhaftig Erlebten als eine Art Bodensatz wahrzunehmen in der Lage sein dĂŒrfte, in der Erinnerung wahrzunehmen in der Lage ist, ja in der Lage ist, die Erinnerung auf das hin zu befragen, was an ihr auf die frĂŒhesten Erfahrungen des Erzogenseins hindeutet, ist Erziehung etwas RĂ€tselhaftes. Da ist immer eine Schwerkraft in der Erinnerung, etwas das uns in die Vergangenheit hineinzieht, als wĂ€re sie nicht vergangen. Und in der Tat, unsere Erziehung wird nie ganz und gar vergangen sein.
Ganz und gar sind wir wir selbst, weil wir eine Erziehung genossen haben, die uns in die Lage versetzt, das zu werden, was wir fĂŒr recht erachten. Wir sind etwas, das wird, etwas das noch nicht ganz und gar geworden ist, so wie das Wachs eine Form erst dann zu erkennen gibt, wenn sein Docht – das RĂŒckgrat des wĂ€chsernen, flĂŒssigen Körpers – an seiner Spitze kein tanzendes FlĂ€mmchen mehr zu tragen in der Lage ist, wenn sich ĂŒber den Menschen eine Glocke undurchdringlichen Raums senkt, eine von außen, eine von oben kommende Macht, die das FlĂ€mmchen erstickt und verrauchen lĂ€sst.
Aber gerade das können wir nicht erleben, haben wir noch nie erlebt. Wir leben, und sei es in der Erinnerung, als Kinder weiter, die eine Flamme in sich nĂ€hren – oder sollte man nicht besser sagen: einen Vogelschwarm – leben als sich erinnernde Körper unter einem Himmel, der sich immer wieder verdunkelt. Manchmal hören wir sie rufen, die Vögel dieses Himmels, meistens sehen wir nur ihre Schatten, sich bewegende Dinge in einem Raum, der nur der unsere Köpfe umgebende Raum sein kann, der uns allen bekannte Raum, in dem die Bewegung eine VerĂ€nderung im GedĂ€chtnis ist.

Genre: Wortmysterien

wir nÀhern uns norden

fĂŒr Rebecca Zinke

dein gesicht zwischen zwei monden
zerfließt schnee
waren einmal licht
die konturen deiner augen waren
einmal nacht
ein anderes mal

trafen wir uns auf altem kristallin
langsam fangen die falten an
meine geschichte zu erzÀhlen

granatglimmerschiefer faltengebirge
aus knotenschiefern
baute ich das dach eines hauses

im mittagslicht schimmert cordierit
cordieritblau beugt sich der himmel
ĂŒber das dorf
in seiner unwissenheit wirkt er einsam
allein ein einzelgÀnger
unter den einzelgÀngern der bergdohlen
gleicht deine stimme dem knistern in eis
wir nÀhern uns norden

Genre: Wortmysterien

Der Einsiedler

lebt
seit vier Monaten in der Felsenklause
am Palfen.
Morgens und abends

singen die Vögel ihr StÀndchen, auch
das MÀuschen schaut öfter vorbei und manchmal,
wenn die Wanderer gegangen sind,
findet sich

ein Gedicht.
So schweigt er
mit der Schere
Gladiolen,

legt sie dem brummenden Tal auf
den Tisch, gibt
Wasser in die Vase,
am Himmel:

Sonne und Mond.

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten

Ein dichter fĂ€hrt mit einem kahn wörter ĂŒber den fluss, hin und her, her und hin. Ein wanderer kommt vorbei und fragt:
Ist das die rolle, die aufgabe eines dichters, was du hier tust, und, nimmst du mich mit und bringst mich ans andere ufer?
Was ich hier tue, nein, das ist nicht meine rolle, nicht meine aufgabe, antwortet der dichter, aber, dass einer vorbei kommt und mich das fragt!

Genre: RealitÀtsschatten

Ein ausgelatschter Stiefel

der FrĂŒhling ist vorĂŒber. (Scheinbar)
Ist was, ist was, was ist passiert?
Offenbar nur Gudruns Latschen.
Da ging, da ging, da ging sie
im Quadrat.

Doch Gudrun hat die Stiefel an.
Breit tritt sie damit und in den Weg:

Die Raum-Zeit-Lounge hÀngt
als dĂŒnne Matrix im Hinter-
grund -

Gudrun zeigt uns lang noch
wo da der Hammer hÀngt:
Die Landschaft, nach dem FrĂŒhling,
atmet Gudruns Duft
Wir wollen gezÀhmt sein:
von Gudruns Stiefel, Schritt und Schnitt.

Bei Gudrun war immer alles
Vintage.

 

Genre: Wortmysterien

Zwei [12]

in ihrer Jurte liegend, Mallarmé lesend

Genre: RealitÀtsschatten, Wortmysterien

Black Sands

Wenn lichte Nebel durch die SĂ€nde flĂŒstern
und Meeresbuchten sich am Winde laben;
dein Blut erzitternd gegen Felsen heben

blĂŒht dunkle, rohe Ewigkeit in uns

Genre: GemĂŒtstiefe

Das Erotische ist ein StörgerÀusch

Heute: Das Ehepaar vom schlechten Russentisch

 

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Genre: RealitÀtsschatten