Archiv der Kategorie ‘Erinnerungsbrösel‘

promenades des faunes

Dienstag, den 13. November 2018

mit hingabe an die nacht zähle ich münzen schlafen im schatten der platanen seidene papillen auf einem see der ruhe treiben schweigend die flügelschläge von nebelfaltern dahin zittern deine lippen in den wogenden bewegungen von wörtern atemberührungen von streulicht für einen schreck eine sekunde tasten fingerkuppen zeile für zeile die blindenschriften der liebe 4 7 […]

medeal

Dienstag, den 13. November 2018

für Bela und ihre Apfelbäume aus dem kaukasus kamen deine vorfahren unbekannte gegenden mit wilden tieren und menschen mit harten bräuchen vom schwarzen meer kamst du folgtest einem elenden verführer halfst ihm stehlen und rauben wurdest durch ihn zur mörderin [wollten uns seine nachfahren mit einer anderen weismachen] fallen ließ er dich du erhieltest keinen […]

gesang dreizehn

Dienstag, den 13. November 2018

die mohntage waren mir die liebsten wenn der schlaf die wunden bedeckte und deine lider taumelten durch die nacht zwei drei kriege lang ging das schon so oder auch mehr deine finger ertasteten die durchlässige zeit und wenn ein hund sie leckte schmeckten sie nach verrat und tod sirenen sangen um zu vernichten die umhertreibenden […]

9. November

Freitag, den 9. November 2018

Wendepunkt in meinem Leben. Sachen gepackt, Stadt verlassen, Heimat gesucht. Und gefunden. Bis heute ein bitteres Gefühl: damals um bald zwei Jahrzehnte betrogen. Einmal im Jahr sehe ich meine alten Eltern, wie sie sich immer enger aneinanderlehnen, um nicht auseinanderzufallen. Vier Jahrzehnte Leben damals. Drei Jahrzehnte nun. Verständnislosigkeit, auf beiden Seiten.

Youth of Today (Flucht und Wiederkehr XXVII)

Samstag, den 27. Oktober 2018

Schweine suhlen sich im Schlammbad, sie grunzen laut, rempeln und beißen, werden mit Abfällen gemästet und schließlich geschlachtet. Der Schweinebraten auf meinem Brötchen schmeckt heute ungewöhlich saftig, was wohl eher der Butter, denn der Qualität des Fleisches zuzuschreiben ist. In der U-Bahn, die aus der Innenstadt kommend Richtung Langenhorn fährt, sitzen zwei Jungen, denen dieser […]

Uporigination (Flucht und Wiederkehr XXVI)

Donnerstag, den 27. September 2018

In der Traumzeit suchte, der Morgen graute fern vom Stamm am großen Fels, der Geist des ersten halbnackten Wesens, euch Jungen gleich, malend nach den Ahnen. Warum, fragte er, seid ihr nicht mehr als bloße Erinnerung, strahlt durch euer Vergehen meine eigene Endlichkeit an und lehrt mich euer Scheitern Demut oder ermahnt es mich, eure […]

Dr. Zsäsegs Mind Machine (Flucht und Wiederkehr XXV)

Mittwoch, den 5. September 2018

Versuchen Sie einen Text zu imaginieren, in der eine Protagonistin handelt, ohne auf einen Mann angewiesen zu sein. Eine Geschichte, die von vorne bis hinten auf jeglichen Anflug reaktionärer Zynik verzichtet, in der keine von Herkunft, Aussehen und Bildung ausgehenden Vorurteile kolportiert werden, keine Reduktion auf Geschlecht, Weltanschauung oder Geschmack vorgenommen wird – eine Geschichte […]

über kommen

Mittwoch, den 5. September 2018

für Arthur Rimbaud wenn die arbeiter (die angestellten) die fabrikhallen (die büros) verlassen geht wieder /unbemerkt ein sonniger tag zu ende lassen sich die männer und frauen nicht an den ufern der seine [se:n] nieder sondern fallen in ihre fernsehsessel (in die balkonstühle) soziale netzwerke säuseln smart aus den phones arbeiterlieder (angestelltenlieder) über die liebe […]

atomdichter und zungenbecken (canto verbano)

Montag, den 25. Juni 2018

zog hallgrím an den gletscher und log gedichte über die geburt der basalte reiste ugla die henne im gepäcknetz vom nordland nach reykjavík kam sie unter die räder eines straßenkreuzers verlor sie ihr leben da weinte das wollgras wir lagen im gletscherbett an seinem grund schlief der see die berge ringsum waren nunatakker wurden geschliffen […]

in aller stille

Montag, den 4. Juni 2018

oft zählte ich deine  lidschläge wenn wir uns gegenüber standen wir zerredeten das alltägliche planten unmögliches schwiegen ohne uns weh zu tun lachten laut zu laut manchmal doch immer liebte ich dich die jahre hindurch in aller stille

Aspergillus fumigatus II

Freitag, den 11. Mai 2018

Auf der Venus wird die Asche durch Winde verstreut. Die Frau an der Bar trug einen leichten Mantel in derselben Farbe des Kostüms, das ich mir aus Wien mitgebracht hatte, darüber einen Schal aus matter Seide. Alles andere an ihr war schwarz: die Augen, die Schminke, ihr Kleid. Das Haar war unter einem Hut versteckt […]

No Quarter (Flucht und Wiederkehr XXIII)

Mittwoch, den 9. Mai 2018

“Entschuldigen ‘Se bitte die Störung!” Eine eingeübt akzentuierte Stimme mit berliner Zungenschlag durchbricht die vorsommergetränkte, spätnachmittagliche Dösigkeit eines halbleeren S-Bahn-Wagons zwischen Hackescher Markt und Alexanderplatz. Jüngere Touristen-Kleingruppen, mittelständische Arbeitnehmer/Innen und zwei 55-65-jährige Golfclubmitgliedsehepaare räkeln sich im warmen Licht. Der Fernsehturm glänzt nah. “Bei meiner Hündin Cora wurde ein Tumor an der Lendenwirbelsäule festgestellt und ick […]

Solidaritätskippa oder die Reise zum toten Mehr (Flucht und Wiederkehr XXII)

Mittwoch, den 25. April 2018

Dieses eine, seltene Gefühl, das einen beispielsweise überkommt, wenn im Frühling der Himmel grau, windig und regnerisch, aber die Blätter der Straßenbäume jung und grün sind, wenn beschmierte Klinker-Häuserwände sich mit kleinen, bunten Altbauladengeschäften abwechseln – die eine Hälfte des Gesichtes traurig sein und die andere lächeln will. Kurz vor Beginn der ersten Intifada steht […]

Der Idiot in der Sandkiste

Samstag, den 14. April 2018

Man sagt, der junge Mensch lerne durch nachahmen.  Übernehme Gewohnheiten. Gibt somit Traditiertes weiter. Häufig ungefragt, unreflektiert. Nur ab und zu wird weiterentwickelt. Was, so frage ich, was, wenn in eurer Sandkiste auch nur ein einziger Idiot unter euch euch war?  

A Day In The Life (Flucht und Wiederkehr XXI)

Donnerstag, den 22. März 2018

“Elle est de Livron-sur-Drôme”, flüsterte ein Geist. “Liesville-sur-Douve!” ein anderer, “Les Sables-d’Olonne!” der Dritte. Oh, das kenne ich, da war ich schon, erinnerte  sich der Zeitreisende mit großen Augen und ein Sommer streichelte seine Neuronen. Die Sonne schien hell, ein Wesen – mir zutiefst ähnlich und doch fremd, eines lebendigen Spiegelbildes gleich – saß in […]