Archiv der Kategorie ‘Erinnerungsbrösel‘

wir waren atomdichter

Sonntag, den 16. Dezember 2018

wir waren atomdichter und sprachen mit den basalten unsere eltern zogen über die gletscher unseren kindern gaben wir namen wie sonnenschein zukunft oder hoffnung auf ein besseres leben warten wir noch auf den schneefeldern hinter dem fjord landeten drohnen geophysikalische messungen der schwere und des magnetfelds von spalteneruptionen einer paläoerde trieben fremde forscher ins land […]

am Anfang war das Licht

Freitag, den 7. Dezember 2018

Häuserzeilen bewohnter Worte eine Silbe ein Schritt verzaubert die Welt nachts verstummen Laternen Erinnerungen taumeln durch Straßen fragen nach der Reise der Aale nach Meteoriten und Lichtjahren / und aus bist du noch lange lange nicht sag mir erst / wie soll ich leben ohne Licht

Salomenia (Flucht und Wiederkehr XXVIII)

Samstag, den 17. November 2018

Das junge Mädchen wandelte, des ewig brennenden Himmels reich, Welten, verschwebte inmitten halb rauwinkliger, halb erträumter Städte, passierte gelb und blau mit einer Lilaterne, schwamm hungersüß als Morgengrau, hetzte geifernd um die Schluchten. Rückwärtig schwärmwankte die Prozession im Gleichschritt, schrillte verzerrt umspulte Liturgien, eine obsidiannadelnde Klangwolke, die Tiefenwahn umschlang, versank vor fahlem Springgiftlicht. Um keine […]

promenades des faunes

Dienstag, den 13. November 2018

mit hingabe an die nacht zähle ich münzen schlafen im schatten der platanen seidene papillen auf einem see der ruhe treiben schweigend die flügelschläge von nebelfaltern dahin zittern deine lippen in den wogenden bewegungen von wörtern atemberührungen von streulicht für einen schreck eine sekunde tasten fingerkuppen zeile für zeile die blindenschriften der liebe 4 7 […]

medeal

Dienstag, den 13. November 2018

für Bela und ihre Apfelbäume aus dem kaukasus kamen deine vorfahren unbekannte gegenden mit wilden tieren und menschen mit harten bräuchen vom schwarzen meer kamst du folgtest einem elenden verführer halfst ihm stehlen und rauben wurdest durch ihn zur mörderin [wollten uns seine nachfahren mit einer anderen weismachen] fallen ließ er dich du erhieltest keinen […]

gesang dreizehn

Dienstag, den 13. November 2018

die mohntage waren mir die liebsten wenn der schlaf die wunden bedeckte und deine lider taumelten durch die nacht zwei drei kriege lang ging das schon so oder auch mehr deine finger ertasteten die durchlässige zeit und wenn ein hund sie leckte schmeckten sie nach verrat und tod sirenen sangen um zu vernichten die umhertreibenden […]

9. November

Freitag, den 9. November 2018

Wendepunkt in meinem Leben. Sachen gepackt, Stadt verlassen, Heimat gesucht. Und gefunden. Bis heute ein bitteres Gefühl: damals um bald zwei Jahrzehnte betrogen. Einmal im Jahr sehe ich meine alten Eltern, wie sie sich immer enger aneinanderlehnen, um nicht auseinanderzufallen. Vier Jahrzehnte Leben damals. Drei Jahrzehnte nun. Verständnislosigkeit, auf beiden Seiten.

Youth of Today (Flucht und Wiederkehr XXVII)

Samstag, den 27. Oktober 2018

Schweine suhlen sich im Schlammbad, sie grunzen laut, rempeln und beißen, werden mit Abfällen gemästet und schließlich geschlachtet. Der Schweinebraten auf meinem Brötchen schmeckt heute ungewöhlich saftig, was wohl eher der Butter, denn der Qualität des Fleisches zuzuschreiben ist. In der U-Bahn, die aus der Innenstadt kommend Richtung Langenhorn fährt, sitzen zwei Jungen, denen dieser […]

Uporigination (Flucht und Wiederkehr XXVI)

Donnerstag, den 27. September 2018

In der Traumzeit suchte, der Morgen graute fern vom Stamm am großen Fels, der Geist des ersten halbnackten Wesens, euch Jungen gleich, malend nach den Ahnen. Warum, fragte er, seid ihr nicht mehr als bloße Erinnerung, strahlt durch euer Vergehen meine eigene Endlichkeit an und lehrt mich euer Scheitern Demut oder ermahnt es mich, eure […]

Dr. Zsäsegs Mind Machine (Flucht und Wiederkehr XXV)

Mittwoch, den 5. September 2018

Versuchen Sie einen Text zu imaginieren, in der eine Protagonistin handelt, ohne auf einen Mann angewiesen zu sein. Eine Geschichte, die von vorne bis hinten auf jeglichen Anflug reaktionärer Zynik verzichtet, in der keine von Herkunft, Aussehen und Bildung ausgehenden Vorurteile kolportiert werden, keine Reduktion auf Geschlecht, Weltanschauung oder Geschmack vorgenommen wird – eine Geschichte […]

über kommen

Mittwoch, den 5. September 2018

für Arthur Rimbaud wenn die arbeiter (die angestellten) die fabrikhallen (die büros) verlassen geht wieder /unbemerkt ein sonniger tag zu ende lassen sich die männer und frauen nicht an den ufern der seine [se:n] nieder sondern fallen in ihre fernsehsessel (in die balkonstühle) soziale netzwerke säuseln smart aus den phones arbeiterlieder (angestelltenlieder) über die liebe […]

atomdichter und zungenbecken (canto verbano)

Montag, den 25. Juni 2018

zog hallgrím an den gletscher und log gedichte über die geburt der basalte reiste ugla die henne im gepäcknetz vom nordland nach reykjavík kam sie unter die räder eines straßenkreuzers verlor sie ihr leben da weinte das wollgras wir lagen im gletscherbett an seinem grund schlief der see die berge ringsum waren nunatakker wurden geschliffen […]

in aller stille

Montag, den 4. Juni 2018

oft zählte ich deine  lidschläge wenn wir uns gegenüber standen wir zerredeten das alltägliche planten unmögliches schwiegen ohne uns weh zu tun lachten laut zu laut manchmal doch immer liebte ich dich die jahre hindurch in aller stille

Aspergillus fumigatus II

Freitag, den 11. Mai 2018

Auf der Venus wird die Asche durch Winde verstreut. Die Frau an der Bar trug einen leichten Mantel in derselben Farbe des Kostüms, das ich mir aus Wien mitgebracht hatte, darüber einen Schal aus matter Seide. Alles andere an ihr war schwarz: die Augen, die Schminke, ihr Kleid. Das Haar war unter einem Hut versteckt […]

No Quarter (Flucht und Wiederkehr XXIII)

Mittwoch, den 9. Mai 2018

“Entschuldigen ‘Se bitte die Störung!” Eine eingeübt akzentuierte Stimme mit berliner Zungenschlag durchbricht die vorsommergetränkte, spätnachmittagliche Dösigkeit eines halbleeren S-Bahn-Wagons zwischen Hackescher Markt und Alexanderplatz. Jüngere Touristen-Kleingruppen, mittelständische Arbeitnehmer/Innen und zwei 55-65-jährige Golfclubmitgliedsehepaare räkeln sich im warmen Licht. Der Fernsehturm glänzt nah. “Bei meiner Hündin Cora wurde ein Tumor an der Lendenwirbelsäule festgestellt und ick […]