Die subtile Abschließung der Hermetik

Gegenwartslyrik hat hermetisch zu sein. Man muß nicht Hermine heißen, um als zeitgenössische Lyrikerin zu gelten, aber ein niedlicher Dr. phil. in osteuropäischen Sprachen oder pietistischer Astronomie kann nicht schaden. Hauptsache, unverständlich. Klare Konturen, aber bitte nicht sichtbar. Dabei waren – man erlaube mir den zeitgeschichtlichen Rückblick – hermetische Gedichte stets in Perioden politischer Unterdrückung angesiedelt: Als es galt, den Protest in der Metapher zu verstecken, zwischen den Zeilen den Widerstand anzuheizen. Wer diese Texte las, konnte sie dechiffrieren – und verstand. Die moderne Lyrik überbietet die hermetische Subversion vergangener Diktaturen: Sie läßt sich nicht dechiffrieren, sie will nicht verstanden werden, sie will zeigen, daß der Dichter etwas drauf hat, der sie verfaßt. Und wenn es doch gelingt, sie zu entschlüsseln, so enthüllen sich rein ästhetische Sprachgebilde – welche Desensibilisierung unserer Gegenwartsdichter & -dichterinnen, vor allem der jungen, gegenüber den gegenwärtigen Bestrebungen zur Diktatur. Keine sozialen Avancen, aus Angst vor dem Sozialismus, der ja gescheitert ist (bloß nicht assoziiert werden!). Nicht einmal zwischenmenschliche Töne finden sich in der Gegenwartslyrik, geschweige ein Liebesgedicht.

Dieser Beitrag wurde von Viktor am 1. Mai 2007 um 20:55 Uhr geschrieben.

Genre: Erinnerungsbrösel

4 Kommentare »

  1. Hermes oder Hermine – wäre das ein Unterschied? Ich überlege gerade, wie der neueste Lover von Zeus heißt: Ganymed?
    Vielleicht ist es mit der Bedeutung im Gedicht noch komplizierter. Zwischen Klobürste und Pfeilspitzen öffnet sich der mannigfaltige Raum der Dinge, aber was heißt schon Mannigfaltigkeit! Wie wär’s zunächst mit kritischen Texten – nur solange die Menschen so sind wie sie sind – wie wär’s mit Ästhetischer Theorie…

    Comment by Zhenja — 25. Mai 2007 @ 08:58

  2. Die Aussage ist ein bisschen sehr allgemein. Und, würden Sie sie heute, zehn Jahre Später, weiter gelten lassen?

    Comment by Die literarische Inquisition — 22. Juli 2017 @ 13:07

  3. Ich staune: zehn Jahre ist dieser Textsplitter alt, aber gerade jetzt fängt er so richtig an zu stechen – da ringsum die Diktaturen wieder aufblühen…

    Comment by horus hermeticus — 23. Juli 2017 @ 00:36

  4. Meine Augen
    müde
    vom Wählen
    der fehlenden
    Alternative.

    Comment by ein Versuch — 23. Juli 2017 @ 19:39

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