“Das ist doch alles verrückt”

Manchmal fragt sie sich, wer sie ist. Gibt es das überhaupt, dieses „Ich“, oder ist es eine Illusion? Zu oft hat sie sich in diesen Rätseln verlaufen, eine Mischung aus Wut und Empörung empfunden, dass sie so unmündig ist und nicht einmal sich selbst be-greifen kann. Währenddessen wird der Alltag immer oberflächlicher, rieseln Informationen auf sie ein, die sie nicht ausreichend in Wissen umwandeln, geschweige denn zu Erkenntnis verarbeiten kann. Sie ist nicht mehr in der Lage, sich zu fokussieren und verliert sich in der Gleichgültigkeit, im Zuviel. Überall herrscht Konkurrenz zu ihr selber, sodass sie sich entgleitet.
Das Erleben wird mit dem Alter immer schwächer. Der Abstand zwischen außen und innen steigt an; so kann auch die Natur nicht mehr in sie eindringen wie einst, als sie noch ein Kind war. Das nimmt bisweilen absurde Züge an: Sie befindet sich auf einer Bank in den Dünen und blickt auf das Meer. Auf einmal überkommt sie das Gefühl, sie säße in ihrem eigenen Foto. Die Erinnerung, das künftige Andenken ist realer als der Augenblick und stülpt sich über ihn. Die Wahrnehmung von Wirklichkeit wird unklar; alles ist nur noch Bild, und ihr ist, als hätte sie einen großen Schritt in ein Blatt Papier gemacht.

Ich schwebe über der Wiese meines Elternhauses. Ich bewege mich ein paar Zentimeter über dem Boden, damit mich keine Wespen in den Fuß stechen, denn ich bin barfuß. Es ist ein warmer Sommertag und die Johannisbeeren hängen reif an den Sträuchern. Eine Liege steht in der Nähe, hinter dem früheren Schaukelgestell, ein Stück abseits vom Apfelbaum.
Mein Vater und seine Frau fahren mit dem Rad hinter der Hecke um die Kurve, nehmen mich wahr; dann bin ich wieder allein.
Ich weiß, dass alle Gegenstände eine gewisse Unschärfe in ihrer Position haben, zugleich mehrere Zentimeter versetzt existieren. Ich frage zweimal auf Englisch, warum das so sei.
Auf einmal ist alles dunkel und ich werde in einen Tunnel gezogen. Das Ende erreiche ich nicht mehr. Auch die Antwort bleibt aus.

Noch einmal versucht sie, sich in diese Wahrnehmung hineinzubegeben; doch schon jetzt kann sie sie nicht mehr nachfühlen. „Was für ein Unsinn“, denkt sie. Gleichzeitig kommen ihr Schlagworte wie „Unschärferelation“ in den Sinn. Warum die Figuren nie kooperieren, fragt sie sich.

Ich schwebe durch Gänge. Das Licht ist wunderschön, blau und weiß. Ich habe Mühe, meine Höhe zu kontrollieren. Ich befinde mich in einem Gebäude mit mehreren Stockwerken, und man kann sie mit etwas Auftrieb wechseln. Auf einmal hört das blaue Licht auf. Es wird dunkler. Das weiße Licht bewegt sich jedoch mit mir, und ich merke, dass ich es ausströme.
Ein Paar kommt die Treppe herunter. Ich frage etwas. Der Mann sagt: „Musst mal mit den Henningen reden.“ Ich verstehe ihn nicht und will Genaueres wissen. Er fährt fort: „Erster deutscher Trinker, übrigens nach der Akademie ‚Die Liebe‘“.

Wieder will sie sagen: „Das ist doch alles verrückt“.

Ich schwebe über einer Landschaft, werde immer schneller, bis ich nichts mehr erkenne und sich plötzlich alles zu einem Tunnel verdichtet. Ich bin bei klarem Bewusstsein. Über der Landschaft empfinde ich Freude und überlege, was ich machen soll; dann Enttäuschung, dass ich die Vorwärtsbewegung nicht bremsen kann. Plötzlich halte ich an, und zwar vor einer kaum erkennbaren, statuenartigen Gestalt, die reglos nach oben ragt und den Ausgang zu blockieren scheint. Ich bin nicht einmal sicher, ob es sich tatsächlich um ein lebendiges Wesen handelt oder ob meine Phantasie der Dunkelheit eine Form gibt.
Dann schwebe ich rückwärts. Der Tunnel hat jetzt Wände aus Brettern, zwischen denen ich Lücken wahrnehme, aber von draußen dringt nur Nacht herein. Am Rand befindet sich eine Frau. „Wie heißt du?“, frage ich. „Jens.“

Sie ist überrascht. Was soll das Ganze hier überhaupt?

„Bist du tot?“, will ich wissen. Ich lächele über mein eigenes Spiel, das ich damit scheinbar beginne, fühle mich für einen kurzen Moment überlegen.
„Ja, wir sind eine andere Zeitbindung. Eine Zeitbindung Gottes.“ Die Stimme hat jenen typischen Klang, an dem man sofort einen Film erkennt.

Wenn sie aus dem Zugfenster in die Landschaft schaut, einen Augenblick durchatmet und das Leben dort draußen spürt, merkt sie, wie nichtig das ist, was als wichtig gilt, hier und jetzt.
Einen Moment lang ahnt sie: Menschen sind Fragmente, in die Welt geworfen, von ihr gemacht – und doch können sie nicht einmal sich selbst erfassen, weder im Traum noch im Wachzustand. Teile von ihnen formen sich beim Aufprall, ändern ihre Gestalt – und dann ist es der Verstand, der sie wieder zusammensetzt, sie aneinanderlegt wie Puzzlestücke, in der Hoffnung, dass sie passen, ein Ganzes ergeben. Manche lassen sich nicht einfügen, erscheinen fremd neben größeren Flächen. Wieder andere werden aus dem Inneren herausgerissen, dass eine Lücke bleibt – bis die Teile wieder in die Welt fallen, von ihr neu geformt werden. Vielleicht passen sie eines Tages aneinander. Wie oft sind sie unsortiert, nur Bruchstücke, die auf und ab rutschen und anstoßen. Das Leben macht sie härter, weniger formbar. Ob sie so je ein Ganzes ergeben?

Noch immer weiß sie, dass sie nichts weiß.

Dieser Beitrag wurde von Sigune am 29. April 2018 um 13:59 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

1 Kommentar »

  1. ja, das liest sich sehr gut jetzt, es wird fiktionaler und dadurch aber auch wirklicher, echter, authentischer … dieses auf-distanz-gehen schärft den blick auf das wesentliche, sehr schön

    Comment by werner — 29. April 2018 @ 17:00

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