Gefährliche Prozession

“Man muss die Welt nicht verstehen, um sich darin zurechtfinden, Marlene. Nur weil du in den Zug kotzt, bist du noch lange nicht bahnbrechend. Albert Einstein.”

Marlene hatte ihre Freundin Gisela immer für die Klügere gehalten. Nun war Gisela neunundzwanzig, ein halbes Jahr jünger als Marlene, sie hatte einen schlappen, korrekten Studienabschluss abgelegt. Und geheiratet. Den Stoff für die Prüfungen hatte sie sich einverleibt, ohne Zeit damit zu verschwenden, ihn mit Empfindungen und Analysen aufzuwerten. Sie war bereits mit den Zwillingen schwanger.

Gisela fand Arbeit, noch während sie die Zwillinge ausbrütete, ein Brotjob, unter dem sich Marlene wenig vorstellen konnte. Die Arbeit verlangte, dass man wenig an sich zweifelte. Ein kontaktfreudiges Wesen war erwünscht. Gisela war mit beidem gesegnet.

Marlene und Gisela hatten zusammen im Sandkasten gesessen, und während sich Gisela über ihre kleine und klobige, aber fertige Sandburg freute, war Marlene damit beschäftigt, dem Element Sand, das sich ihren Formversuchen widersetzte, etwas Eigenes zu geben. Gisela hatte sich den anderen Kindern zugewandt, um ihnen die Burg, manchmal waren es auch zwei, eine kleine und eine klobige, von allen Seiten zu präsentieren.

“Das ist ein Fertighaus. Da kommt das Brautpaar rein, und da ist der Schrank für die Schuhe, eine Treppe.”

Marlenes Architekturen beanspruchten Wochen. Tag für Tag forderte sie ihre Mutter auf, wieder nach der Burg sehen zu dürfen, und wenn sie fand, dass diese zusammengefallen, eingerieselt oder schlicht überschwämmt war, begann sie mit dem Wiederaufbau.

“Das machen wir”, sagte Giselas Mann, nachdem Gisela Marlene einen Besuch in Leipzig vorgeschlagen hatte. Das machen wir, mit deutlichem Leipziger Akzent. “Und zur Adventszeit gehen wir auf den Weihnachtsmarkt und essen prima Würstchen.” Giselas Mann war Tester für Betriebssysteme. Sie hatte ihn durch eine Kontaktanzeige kennengelernt. Er machte viel von dem, was Gisela vorschlug.  Im Kaffee griff sich Marlene einen Keks vom Teller ihrer Freundin, während Gisela von ihrer Ehe berichtete. “Ist sicher nicht leicht mit ihm, aber du schaffst das mühelos.” Gisela nahm gleich zwei Kekse, legte einen auf ihre Untertasse. “Er braucht was zum Festhalten. Wenn wir Freunde da haben, ist er für normale Gespräche nur schwer zu begeistern, und dann plötzlich, hört er eine Sirene oder sieht die Wasserwelle in seinem Glas, und dann geht es wieder los mit der Physik.” Sie lachte gequirlt und steckte den Löffel in ihre Schaumkaffeetasse. “Ich hab’ schon was gelernt: Null breit, null lang, null hoch, was ist das? Ein Punkt.”

Energie war Masse mal Beschleunigung. Gisela erhob sich von ihrem Stuhl, wickelte sich den Schal fest um den Hals und fragte die Kellnerin, ob sie nicht eine andere Musik auflegen könne. Marlene blieb am Tisch sitzen.

“Energie ist Masse mal Beschleunigung”, dachte Marlene, in dem Moment, als der leger gekleidete Herr hereinkam. Gisela sah ihren Mann sofort und machte einen Schritt nach hinten. Dann kam einer nach dem anderen durch die Tür. “Wie bei einer Prozession”, kam es Marlene von den Lippen. Prozession, wiederholte Gisela, stolz auf ihre verstaubten Lateinkenntnisse. “Prozession kommt von procedere, das heißt vorankommen. Weißt du, Marlene, wenn ich damals nicht drei Nachhilfelehrer gehabt hätte, dann wäre ich aufgrund solcher Fächer wie Mathematik, Physik und Chemie selbst am Abitur gescheitert. Aber ich habe bisher jede träge oder schwere Masse zum Tanzen gebracht.”

Marlene hätte Giselas Mann gern auf Eisresten oder im Sommer auf einer Bananenschale ausrutschen sehen, etwas, das seine  Prima, prima Welt, in der nichts Bahnbrechendes geschah, und in der er sich zurecht fand, ins Wanken gebracht hätte.

Dieser Beitrag wurde von frau kleist am 21. Juni 2018 um 20:03 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

6 Kommentare »

  1. Ist Marlene ein besserer Mensch? Ein anderer, ja. Einer, der glücklicher ist? Sympathischer? Auf jeden Fall neidischer. Auf Gisela. Neid macht gelb. Gelb ist in diesem Sommer die Trendfarbe…

    Comment by Trendfarben — 22. Juni 2018 @ 09:39

  2. …die Trendfarbe für Schuhe. Längst überholt. Wie immer. Ich war 14, als ich mir meine ersten Schuhe kaufte: in Gelb. Was habe ich die geliebt! Danach kamen rote Schnürstiefelchen dran. Und Mama meinte, ich sehe aus wie ein gefallenes Mädchen.

    Comment by ...und weiter — 22. Juni 2018 @ 09:41

  3. Der letzte Absatz hängt wie ein Appendix dran.

    Comment by Bitte abschneiden - — 22. Juni 2018 @ 10:06

  4. Marlene wirkt als Mensch so konturlos wie die Burgen, die sie baut. Als Kontrast hierzu ist der Name Programm. Eine Marlene sieht immer auch aus wie Marlene.

    Comment by Dekorativer Stein — 22. Juni 2018 @ 10:16

  5. Die Diedrich konturlos?

    Comment by Fesche Lola — 22. Juni 2018 @ 10:39

  6. Eichen-Prozessions-Spinner, die Raupen, die machen ja auch hinereinander weg. Die sind gefährlich, mit Nesseln gespickt, hässliche Raupen, die die Baume

    Comment by frau kleist — 2. Juli 2018 @ 18:18

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