Terzett

Im Oktober wurden wir gezeugt, ich und mein Bruder. Mein Bruder ist bei der Geburt gestorben, hat noch ein oder zwei Seufzer getan (das berichtete die Amme, die uns aus dem Leib unserer Mutter hervorholte) und sich nicht mehr gemuckst, während ich kräftig und etliche Male in Stakkato-Rhythmen schrie. Offenbar hat er das bisschen männliche Lebenskraft, das ihm noch blieb, an mich abgetreten. Daran denke ich jedes Mal, wenn ich mir die Beine rasiere oder auf der Bühne den Mephisto spiele, weil Gustav erkrankt ist und nicht auftreten kann. Und ich glaube, das langsame Versiegen von Gustavs Lebenskraft macht aus mir schon jetzt den besseren Mephisto. Gustav hatte zwanzig Jahre Zeit für seine Karriere. Mein Bruder hingegen hat nicht einmal die Nottaufe erhalten. Einen Namen hatten sie nicht für ihn. Meine Eltern waren sich nicht einig, hatten Namensbücher gewälzt, und so hätte er zehn Namen haben müssen, vereint aus den Vorfahren, deren Erbgut er in sich trug und durch seine Biographie veredeln sollte.

„Tritt dein Kleid nicht schmutzig, Nathalie. Gustav ekelt sich vor festgetretenem Schlamm, du weißt, er ist so pingelig, wenn mal ein Knopf an seinem Jackett lose ist, muss ich den festnähen, bevor er etwas merkt.“ Sie ist unausstehlich. Eifersüchtig wahrscheinlich, weil ich die einzige bin, die Gustav noch an sich heran lässt. Immer wieder gebe ich Gustav vor seinen Auftritten von meinen Tabletten, damit er weniger schwitzt und sich nicht ständig die Stirn wischen muss. Sämtliche Theaterbesucher sind mittlerweile überzeugt, dass diese Geste im dritten Akt vorkommt und verlangen eine Herausgabe des Ur-Manuskriptes. Gustav steht vor dem Spiegel und drückt seine Pomade an. Ach Brüderchen! Wenn ich dich noch hätte, wäre mir Gustav erspart geblieben. Du hättest nicht geschwitzt, dein Humor wäre ebenso köstlich wie meiner, du wärst nicht so ein Miesepeter wie Gustav. Mama sagt, du hättest Lucien heißen sollen, das klingt französisch, und einen weiß gepuderten Kopf wie die Menschen vor der französischen Revolution hättest du gehabt. Durch deinen Tod kann Mama wenigstens das männliche Geschlecht weiterhin idealisieren. Ein Idealismus, der vor das Jahr 1800 zu datieren ist.

Gut, dass sie Gustav nicht kennt und nur Vater, so kann sie wenigstens Teile ihres Idealismus retten. Vater näht uns Kleider. Ich bin euer Nähmeister, sagt er. Luciens Sachen hängen bei Mutter im Schrank, ihr lieber Junge. Niemand darf sie berühren. Ich gieße mir Wasser ins Glas, das vertreibt die Fliegen.

Bald habe ich Geburtstag. Ich werde mir von Vater ein Pompadourkleid nähen lassen. Hoffentlich schüttet es nicht wie aus Eimern. Sonst müssen wir den Garten mit einer Kunststofffolie überziehen. Und ich vergräme wie jedes Jahr die Gäste, weil ich dem verstorbenen Lucien auch ein Sträußchen Löwenmäuler reserviere.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 5. September 2011 um 22:00 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

1 Kommentar »

  1. Crysantheme – ein zauberhafter Name für einen zauberhaften Geist dahinter! Ihr Name sollte Dornröschen sein, denn Ihre Texte warten seit Jahrhunderten auf ihre Erweckung. Doch warum? Es lebt sich besser komatös, das beweisen Sie immer wieder aufs Neue. Bleiben Sie mir gewogen!

    Comment by rapunzel — 8. September 2011 @ 18:08

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