Ziegenbock

Warum, in aller Welt, ich so selten über die Konzepte, die ich entwickelte, sprach - und mich danach nicht bei denen, die sie umsetzten, bedankte, weiß ich nicht. Sprechen fiel mir im Allgemeinen eher schwer. Ich musste also lernen, mich anders bemerkbar zu machen. Ich riss früh morgens das Fenster meines Zimmers auf, das im ersten Stock lag, der erste Stock war der gepflegteste im gesamten Haus, es schimmelte nicht in den Ecken, es gammelte nicht im Bad, man konnte sich die Zähne reinigen, ohne Angst haben zu müssen, dass das Zahnfleisch zurück geht. Onkel Albert musste das. Tante Viola hatte dieses Promenaden-Gebiss, das sie jedem zeigte in ihrer künstlichen Fröhlichkeit, dass auch bei ihr das Zahnfleisch zurück ging, sah nur ich, wenn sie mir Befehle austeilte, geh nicht in der frischen Luft, das bekommt dir nicht, nimm den Schirm mit, geh nicht runter zu den einfachen Gästen und hilf ihnen beim Spülen der Teller, das gehört sich nicht, bleibe höflich und zieh dich zurück, ach, sie sagte das immer so schön mit ihrem Gebiss und sah nicht einmal im Spiegel ihr zurückgehendes Zahnfleisch, Zahnarzt der Familie, Dr. Lauschmann, empfahl Spülungen mit Wasser und Keimfrei, doch in der zweiten Etage stank es schon seit langem nach Schimmel und im Gulli brodelte es vor Keimen, so dass Keinfrei nicht viel bewirken konnte… ich hasste mein altes Elternhaus, in dem nun meine Eltern nicht mehr lebten, die alten Wasserrohre, die Lappen, die senile Gäste hineingleiten ließen, der Rost, der sich unter das frisch genossene Leitungswasser mischte, während ich es abzapfte, und der rostige Schimmer im Augenwinkel, während ich trank.

Ich beeindruckte sie bis zu meinem 16. Geburtstag nicht mit Eloquenz. Ich packte damals langsam die muffigen und schlecht gestalteten Geschenke aus, freute mich ehrlich über den Inhalt, Glaskugeln mit Prinzessinnen darin, Filter für die Kaffeemaschine, Bleistifte der Stärke 3B, von glücklichen Kindern gewebte Teppiche. Schales, milchglasartiges Licht lag über der Stadt und flutete das Land, es war schwül und ich verliebt. In den Klavierlehrer meiner Freundin. Niemand wusste etwas davon. Ich wollte auch nicht Klavier lernen, ich zeichnete bei Tag und bei Nacht bizarre Strukturen auf Seidenpapier, und es war nicht zu vermeiden, dass Onkel Albert mich eines Nachts dabei erwischte, während er wie so oft im Haus herumstreunte und die Leitungen inspizierte, Kurzschlüsse provozierte und Schreiben an die Versicherung produzierte. Er bekam Augen wie ein Molch. Das sind so Viecher, die nicht viel sehen, aber wissen, dass sie viel sehen sollten, um nicht gefressen zu werden. Sehen unter Wasser ist schwammig, und ebenso schwammig wurde auch Onkel Alberts Blick, als er mich um zwei Uhr nachts zeichnen sah.

Ich hatte mir die Haare seit einigen Monaten nicht schneiden lassen, wusch sie aber mit solcher Sorgfalt, dass es schön aussah, nahm Sidolin streifenfrei für die Fensterscheiben und pflegte so ein Ambiente der Durchsichtigkeit. Ich ging wieder regelmäßiger in die Schule, um meine Zieheltern und die Familie nicht zu verärgern. Aber im Grunde tat ich es für meine Schwester, die ich noch nicht erwähnte. Mittlerweile waren wir zu erwachsen, um uns gegenseitig eine runter zu schmieren. Schon lange hatten wir abgelassen von stillosen Kindereien, klebrigem Material, um uns gegenseitig zu ärgern und begannen, einander immer mehr Respekt zu zollen, ich ihr, da ich sah, dass ihre Körperformen runder wurden, sie selbst aber eckig blieb, ihre Kleidung harte Kontraste nicht scheute und sie den Schimmel in unserem Bad eigenständig entfernte, die Etage wienerte, Elektriker kommen ließ und die Rechnungen an Albert schickte, der sie erleichtert bezahlte, da er und seine Frau sich lieber auf hässlichen Partys herumtrieben, als das Haus zu sanieren. Ein Sanierungsplan wäre jedoch für die Denkmalbehörde ein gefundenes Fressen gewesen, und zahlungskräftige Häuslemöchtegernerwerber und Makler waren schon lange scharf auf den alten Kasten und die verwilderten Gärten drum herum. Und allein die Eisenbahn hatte die Wege um die Jahrhundertwende erschlossen, da die Arbeiter ein Zu Hause brauchten. Ansonsten war da nichts. Feld, Wiese, Wald, ein Friedwald, Hügel, Steine, alte Leitungen. Jetzt, so hörte ich von Onkel Albert, sollte Bauland daraus werden. Wir würden bessere Zufahrten bekommen, ein Gewerbegebiet würde errichtet werden, ein Anschluss an das öffentliche Abwassernetz war geplant. Aber ich wusste, Albert würde nicht verkaufen. Meine Schwester war so rücksichtsvoll und klug, in meiner Gegenwart wenig davon zu sprechen, obwohl ich genau wusste, sie würde die erste sein, die auszog, sobald sie volljährig und die Schule beendet haben würde. Sie war intelligent in allen Fächern außer Latein und Chemie, aber da schaffte sie dank Alberts Hilfe wenigstens eine Drei. Außer für mich und ihre verrückten Kleider schien sie sich jedoch seit ihrem zwölften Lebensjahr für nichts mehr besonders gravierend zu interessieren. Sie tanzte, sie flirtete und brachte Ungeziefer heim. Filzläuse, stellte Tante Viola angewidert fest. Die mussten entfernt werden, eine schmerzhafte Prozedur. Tagelang wurde meiner Schwester ein grünliches Pulver aufgetragen – wohin, das möchte ich hier nicht sagen. Doch sie strahlte wie ein Atomkraftwerk, als sie wieder normal gehen konnte und nicht diese seltsamen Verrenkungen machte, die ihr das Einschnüren der Taille erschwert hatten.

Nachdem ich nun 16 geworden war, quetschte ich mich schweigsam in einen Zug und fuhr in die Großstadt. Albert  und Viola brauchten mir das nicht zu erlauben, es war selbstverständlich und sollte anstandshalber gemacht werden. Unangenehm nur war mein längeres Fortbleiben und dass ich bei meinem Wiedererscheinen stank wie ein Ziegenbock. Die Gründe hierfür möchte ich Ihnen später gerne erklären. Doch im Moment würde es zu kompliziert und zu viele Umstände machen, auch fällt es mir schwer, mich hierüber auszudrücken.

Als ich die Schule wieder besuchte, fiel mir der Unterricht leicht. Ich kleidete mich anders, kombinierte alltägliches mit Seltsamem, zog alte Fräcke über Cordhosen, schminkte mich sogar und wurde ab sofort die Transe genannt, was mir schmeichelte, ich ging mit meiner Schwester tanzen und versenkte meine Zunge in die Sämigkeit alkoholischer Getränke die nichts mit Bier und Wein zu tun hatten. Miranda, meine Schwester, half mir dabei, diese Getränke zu verdauen. Sie wusste alle Reihenfolgen, wie man sie am besten vertrug und die besten Zustände daraus gewann, ohne dumm oder langweilig zu werden. Ich verspeiste zu dieser Zeit Unmengen an Oliven, grüne und schwarze, das Lernen fiel mir seltsam leicht und ich benötigte kaum mehr als vier Stunden Schlaf. Doch irgendwann, in der Sommermitte, legte ich mich Mittags zu Bett und schlief ganze drei Tage, was Tante Viola dazu veranlasste, mich beherzt ins städtische Klinikum einzuliefern. Die Untersuchungen ergaben das Übliche, an dem ich schon seit frühen Kindheitstagen litt, ich schlief dort noch zwei Tage unter einer Sauerstoffmaske und wurde anschießend mit dem Auto abgeholt.

Ab diesem Wochenende hütete mich mein Onkel Albert wie seinen Augapfel, denn er wollte nicht, dass „so ein Talent“ frühzeitig verblich. Er mietete für mich ein Atelier am Ortsrand, für so etwas gab er normalerweise nicht gerne viel Geld aus, aber er musste mich auch nicht motivieren, ich ging eines Morgens dorthin und blieb.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 7. Oktober 2018 um 23:53 Uhr geschrieben.

Genre: Gemütstiefe

3 Kommentare »

  1. Was hat Zahnfleischschwund mit Hauszustand zu tun? Genau. Eben nichts. Daher ist der erste Abschnitt zu überrpüfen.
    Insgesamt interessante Versatzstück, die holpern und stolpern jedoch wie ein wackliger Zahn daher, es fehlt das feste Fleisch drumherum und es fällt schwer, einen Zusammenhang zu sehen.
    Der Expertentipp: Ab zum Facharzt!

    Comment by Dentist — 13. Oktober 2018 @ 12:24

  2. Bitte 32 Absätze. Es sein denn, Ihnen fehlen die Weisheitszähne…

    Comment by Dentist — 14. Oktober 2018 @ 16:10

  3. Dieses Stück Prosa war eigentlich gar nicht für das Licht der Öffentlichkeit bestimmt. Es war ein privater Lustwandel, mit dem auch die Lust am Text zurück kehrte. Dass er nun hier steht verdanke ich einer Aufmerksamkeitslücke.

    Comment by crysantheme — 15. Oktober 2018 @ 14:32

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