Auf den Grund

Heute tritt Anna nicht vor die Tür. Stattdessen geht sie ihren Gedanken auf den Grund, streift umher und setzt sich auf den lehmigen Boden. Dort hängen Weidenäste tief herab, und im Laub raschelt es von Zeit zu Zeit.
Eine Stunde sitzt sie manchmal so da; dann steht sie auf und sucht das Wasser. Sie mag das Geräusch hineinfallender Steine, die Wirbel, die sich im Kreis um den Punkt des Aufpralls bilden. Nur selten hüpft etwas an der Oberfläche. Die Tannenspitzen wachsen so tief in den Teich, dass Anna am liebsten hinterherspringen würde. Ganz unten schläft der Himmel, seine geschlossenen Augen hinter Bäumen verborgen.

Sie hat schon immer gern Rätsel gelöst, aber jetzt scheint sie selbst Teil des Rätsels zu sein, wie sie so herumwandert und mit den Füßen Abdrücke hinterlässt. Manchmal gefällt ihr das. Dann kann sie stundenlang Spuren schreiben, am Grund ihrer Gedanken, Äste von hier nach dort tragen oder Grashalme aus der Erde zupfen. Sie weiß nicht, was sie davon hat, diese Landschaft zu verändern, aber es fühlt sich gut an, mitzugestalten, ein Teil zu sein, lebendig und doch: Sie ist nicht da. Das sagen jedenfalls die andern. Aber die andern erzählen immer merkwürdige Sachen. Zum Beispiel, dass Nudeln nicht auf Brötchen passen oder dass Puppen keine Gefühle haben.

Heute will Anna hinausklettern. Oben, da fehlt etwas. Unten, da fehlt auch etwas. Sie greift nach einem Stamm und zieht sich ein Stück den Hang empor. Langsam gleitet sie zurück. Schlammig liegt ihr die Kleidung am Leib. Wenn sich oben zwei Schuhe bewegen, färbt sich alles grün. Nicht so, dass Menschen es sehen. Anna spürt es nur; eine Farbe, die sich so anfühlt wie eine Frühlingswiese oder: wie er. Nur wenn sie das Grün wahrnimmt, will sie hinauf. Jedenfalls meistens. Aber sie weiß, dass das Grün nie lange bleibt, auch dann nicht, wenn es sich mit der Sonne unter glitzernden Wellen bewegt. Das Grün geht nur selten ihren Gedanken auf den Grund.

Dieser Beitrag wurde von Sigune am 18. Mai 2019 um 12:37 Uhr geschrieben.

Genre: Gemütstiefe, Realitätsschatten

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