H&rzbl&t (4)

Es ist Sommer. Eigentlich ein schlechter Sommer, bisher. Nur Regen und mäßige Kälte. Seit zwei Jahren studiere ich nun, und es sieht nicht danach aus, dass ich das Grundstudium bald geschafft haben werde. Nun, dass es nicht leicht werden würde, wusste ich, von Sandmann, von Thomas Feindt und all den anderen. Ich dachte nur, mein Herzblut für die Sache und mein Labor im Keller würden mich rascher voran bringen. Ich lerne regelmäßig und probiere es heimlich im Keller aus. Ich muss erfahren, dass man auch mit kleinen Schritten vorwärts kommt. Hier im Wohnzimmer? Ich habe Turnschuhe mit Klettverschluss an. Sauber sehen sie nicht aus. Die Schuhe von Sandmann sehen auch nicht sauber aus, aber der macht viel Sport. Rennt durch das Stadion, sprintet im Bürgerpark. Lacht, wenn ich am Institut mein Auto schief einparke. Dein Wagen braucht keine neue Karosserie mehr, schüttelt er den Kopf, der braucht eine Tonne Sprengstoff.

Gestern hat es in unserem Keller gebrannt. Das glaubt keiner, wenn er es von mir persönlich hört! Doch der Wolfenbütteler Zeitung, in der heute unser Haus auf Seite eins von „Lokales“ abgebildet ist, glaubt jeder. Unser Haus ist keine Schönheit, ein graues, tristes Mietshaus im Stil der sechziger Jahre. Heute vormittag füllte ich Natriumphosphat in eine Flasche. Ein kleines Streichholz. Dann fuhr ich ins Institut. Auf dem Rückweg kam mir schon die Feuerwehr entgegen. Ich lächelte in mich hinein, nur ich allein wusste, warum jetzt, am Donnerstag, den 21. August 1985, die Feuerwehr mit Vollgas durch Wolfenbüttel bretterte.

Datenübertragung. Stop. Studierte ich nicht einst Chemie? Meine Fingernägel glitzern grünlich und erhellen manche Nebenstraße, wenn ich das Auto wegen einer Panne in den Schrebergärten stehen lassen muss und zu Fuß nach Hause gehe. Ich setze Fuß vor Fuß, und der dunkle Boden der Braunschweiger Börde leuchtet smaragden.

Die Erde dreht sich noch immer, ein rundes Gebilde, pur und mit wenig Kalorien. Im Tiefdruckgebiet herrscht kein Zwang zu höflicher Distanz. Mutter, rufe ich, Mutter, da draußen, hörst du mich, wenn da jemand ist, bitte antworten. Ich bin H7, der König von zehn Quadratmetern Chaos, auf geschnittenem und wiederverlegtem Teppich breite ich meine Habseligkeiten aus. Mutters Dampfbügeleisen gehört nun mir.

Dieser Beitrag wurde von frau kleist am 8. November 2011 um 18:16 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

5 Kommentare »

  1. In der Ökologie bezeichnet man Lebewesen wie zum Beispiel Blattläuse, die möglichst viele Eier legen, damit zumindest einige wenige überleben, als „r-Strategen”.

    Comment by B — 20. Januar 2017 @ 17:41

  2. Für uns klingt das alles irgendwie nach „Rassenlehre”.

    Comment by 4 — 20. Januar 2017 @ 17:42

  3. „Die Schülerinnen waren begeistert, wenn er im Sommer während der Mittagspause auf dem Sportplatz oberkörperfrei zu sehen war”, erzählt Liedtke.

    Comment by B — 20. Januar 2017 @ 17:44

  4. Er sei kein schlechter Lehrer gewesen, betont Liedtke. Den Unterricht habe Höcke oft spannender gestaltet als viele seiner Kollegen.

    Comment by 4 — 20. Januar 2017 @ 17:45

  5. Rückblickend erscheinen Liedtke einige Erinnerungen an Höcke „zwielichtig”, wie er sagt. So habe der Oberstudienrat im Geschichtsunterricht in der neunten Klasse wiederholt auf Gustave Le Bons Abhandlung über die „Psychologie der Massen” verwiesen, er sei „regelrecht fasziniert” davon gewesen. Das Hauptwerk des französischen Sozialpsychologen gilt als Begründungsschrift der Massenpsychologie. In der Masse, so Le Bon, seien die Individuen triebhaft, beeinflussbar, leichtgläubig. Sie bedürfe daher eines Führers: „Die Masse ist eine Herde, die sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß.” Ein erfolgreicher Führer müsse durch die „Macht der Bezauberung” punkten. Bei Le Bon heißt diese Eigenschaft „Nimbus” oder „le prestige”, heute würde man Charisma dazu sagen.

    Comment by FR 2016 — 20. Januar 2017 @ 17:47

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