Helianthus annuus

Willi hatte Recht. Was war das doch für ein selbstverliebter Käse!

Wie in Trance drehte ich mich um und lief über den Flur ins Schlafzimmer. Die lange männliche Gestalt stand vor dem Glas der Balkontür. Sie trug ein lächerlich durchscheinendes Regencape, mit dem sie den winterlichen Temperaturen trotzte. Ich zog  die Tür auf, eine Handlung, die im vollständigen Gegensatz zu meiner inneren Zerstreutheit stand. Schon hatte ich den Türgriff in der Hand – aber die Tür war offen und die Gestalt stand im Zimmer, faßte mich ohne zu fragen an den Schultern und zog mich an sich.

Ich befreite mich mit der kühlen Bemerkung, daß er es trotz seiner Somnambulance vielleicht geschafft hätte, zum Telefon zu greifen, um sich anzukündigen. Aber mein seltsamer Freund hatte den Raum einfach so betreten, seine nasse Regenjacke auf das frisch bezogene Sofa gelegt und sich ohne zu fragen eine Lucky Strike angezündet, die er nun in tiefen Lungenzügen inhalierte. Um den Rauch schließlich gegen den verkupferten Kronleuchter auszustoßen, den eine einzelne Glühbirne zierte. Ich sah ihn an. Dass jemand so selbstverständlich dastand und tat, was ihm sein Wollen eingab, begegnete mir nicht oft. Er schaute zurück, nahm die Zigarette aus dem Mund, als wolle er sich entschuldigen und endlich etwas sagen.

„Schön. Deine Wohnung, du hast Geschmack. Immerhin.“ Er sah erst an die Decke, dann seitwärts zu Boden auf die graublau lackierte Blumenvase mit drei oder vier Sonnenblumen darin, die bis vor einigen Tagen noch hellgelb leuchteten, jetzt aber langsam schon ein trockenes Braun annahmen. Unverwandt fiel sein Blick auf mein Gesicht. Das gefiel mir, aber noch war es zu früh, ich durfte mir nichts anmerken lassen. Zeigte ich gewöhnliche Emotionen, wäre die Balance zerstört, die Chance vertan. Die Augen, nur sie müssen hell sein, alles andere ist bald in der Winterdämmerung verschluckt. Ich machte nie Licht, wenn wir uns begegneten. „Geschmack … vielleicht auch, was die Wahl meiner Freunde betrifft, oder bin ich da eher – zu kritisch?“ In seinen kühlen Augen begann es zu leuchten. „Vielleicht eher zu zügellos. Deine klugen Kollegen werden dir auf die Schliche kommen. Dann mußt du das sein, worüber sie nur denken, schreiben – was sie nur beschreiben. Dann sitzt du in der Falle. Ich bin drin, mir ist es gleich. Aber du  – wie willst du in ihrer Welt leben und zugleich ihr Objekt sein? Mit einem Fuß auf einem anderen Grund zu stehen als mit dem zweiten führt zu leicht ins Bodenlose.“ Mechanisch trat ich einen Schritt zurück, ich mußte Abstand gewinnen. „Du meinst ich muß mich – entscheiden? Du weißt, daß ich es nicht will. Ich bin schon wie du …“ Seine wegwerfende Geste nahm mir jede Illusion. „Du – wie ich? Du bist nicht mal wie Ullrich oder der Rest deiner Kollegen, wie willst du dann mir gleichen? Du ruderst an ein Ufer, das es gar nicht gibt – nicht für dich. Der Horizont, den du dort erreichen willst, ist leer, unbeschrieben, und kein noch so extravagantes Erlebnis wird sich dauerhaft darauf malen. Sei doch nicht lächerlich.“ “Ich – lächerlich? Ich bin keine – ich schluckte – keine Donne Quichote.” Meine Stimme fiel mir herunter und ich mußte ins Dunkle sehen. Auf die Sonnenblumen. Warum werden Blüten abgeworfen.

Dieser Beitrag wurde von samtmilbe am 29. Juli 2019 um 21:23 Uhr geschrieben.

Genre: Rezensionen

7 Kommentare »

  1. Bravo!

    Comment by ich gehe, rauche — 30. Juli 2019 @ 11:03

  2. Bitte schau doch mal in den Kommentare-Spamordner. Handelt es sich um eine These?

    Comment by Geh und sieh! — 30. Juli 2019 @ 11:21

  3. Käse muss gegendert werden!

    Comment by Käse lebt! — 5. August 2019 @ 16:04

  4. Ich habe diesen Text nicht eingestellt, weil ich denke, dass Willi Recht hatte. Ich habe ihn eingestellt, weil er auf etwas hinweist. Ein Zeigertext, ähnlich einer Pflanze, die Sumpfgebiet oder Wüste anzeigt. Zeigerpflanzen sind Pflanzenarten mit einer geringen ökologischen Potenz, das heißt mit einer geringen Toleranz gegenüber Veränderungen ihrer Lebensbedingungen. Dieser Text zeigt, dass ich es kann. Und dass Urteile, von welchem Willi auch immer, völlig nutzlos sind.

    Comment by samtmilbe — 16. August 2019 @ 21:00

  5. Beispiele

    Stickstoffreicher Boden (Nitrophyten): Große Brennnessel, Kletten-Labkraut, Melde, Vogelmiere, Scharfer Hahnenfuß, Schwarzer Holunder, Gewöhnlicher Löwenzahn
    Stickstoffarmer Boden: Scharfer Mauerpfeffer
    Saurer Boden: Besenheide, Weiches Honiggras, Kleiner Sauerampfer, Heidelbeere
    Basischer (oder alkalischer) Boden: Gewöhnliche Pechnelke, Echter Wundklee
    Kalkhaltiger Boden: Kuhschelle, Acker-Rittersporn
    Feuchter Boden: Kohldistel, Trollblume
    Staunässe: Acker-Schachtelhalm, Ackerminze, Huflattich
    Salzboden (Salzpflanzen): Queller
    Sandboden: Sand-Segge
    Verdichteter Boden: Breitwegerich, Kriechender Hahnenfuß, Gemeine Quecke, Gänsefingerkraut
    Schwermetallhaltiger Boden (Metallophyten): Galmeiflora, Schwermetallrasen
    Lichtzeiger: Gelbes Sonnenröschen
    Schattenzeiger: Sauerklee

    Comment by Beispiele — 16. August 2019 @ 21:00

  6. Es ist doch seltsam. Oft erhalte ich Lob für meine “kleinen Häppchen”. Gaumenkitzler, so ein blödes Wort. Dabei liegt es doch wahrscheinlich nur daran, dass ich Romane einfach nicht kann.

    Comment by samtmilbe — 18. August 2019 @ 12:58

  7. Rückfrage nur der Form halber: “Auf welches [erkenntnistheoretische] Problem antwortet der Begriff der Zeigerpflanze?”

    Comment by Käse muss gegendert werden! — 18. August 2019 @ 16:56

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar