Reflexe

Lustvoll pulsierte es in den Nervenzellen. Professor Ruccola hatte das vierte Holzscheit in den Kamin geworfen. Sein Fuß, mit einem weißen SV-Socken überzogen, tat merkwürdig weh. Ein eingewachsener Zehennagel.

Frau Braut hatte ihm heute früh drei Hühneraugenpflaster aufgeklebt, die Rollos heruntergezogen, und Ruccola blieb für einen Moment im Sprechzimmer der Arztpraxis Bröderhals allein, während durch die Spalte der Jalousien ein Sonnenstrahl sein Auge traf, sobald er seinem Körper etwas Gewichtsverlagerung verschaffte und dabei den Kopf bewegte. Dr. Bröderhals hatte nur wenig Zeit für seinen Patienten, der mit nacktem und von Pflastern überklebtem Fuß in der Praxis saß. Kurz zog Luft durch die sich öffnende Sprechzimmertür. Sie wurde zugeklappt, und schon hatte der Arzt Ruccolas Fuß in die Höhe gerissen und darauf herumgetastet. Ruccola wollte einen Schmerzenslaut ausstoßen, beherrschte sich mühsam. “Ja, Herr Professor, ein Altersleiden. Tragen Sie bequemes Schuhwerk, schämen Sie sich nicht. Auch der große Philosoph Gartenbaum hatte Fußleiden. Zu seinen Vorlesungen hat er immer gekochte Kartoffeln in Scheiben geschnitten und in die Schuhe gelegt. Angeblich sorgen die für ein gesundes Fußmilieu. Heute haben wir zum Glück fortgeschrittene und weniger taktlose Behandlungsmethoden.” Damit ließ Dr. Bröderhals Ruccolas Fuß fahren und rollte zu seinem Schreibtisch herüber, um ein Rezept auszustellen. Frau Braut war wieder hereingekommen und hatte den Lichtschalter betätigt. Das Licht ergoss sich brummend und einschläfernd über die weißen Gerätschaften im Raum und das gewienerte Linoleum.

Ruccola erinnerte sich nicht an diese Szene, während sein Zehennagel schmerzte. Es ist ein Irrtum vieler Leser, wenn sie glauben, jede Überleitung in ein neues erzählerisches Fahrwasser habe etwas mit dem Denkhorizont der erfundenen Figur zu tun. Ruccolas Denkverhalten war über viele Jahrzehnte so einjustiert, dass sentimentale und momenthafte Erinnerungen keinerlei Macht über ihn gewannen. Die Fußsalbe wurde ordnungsgemäß von Frau Braut aufgetragen. Danach sortierte Ruccola, wie gewohnt, seine Unterlagen, setzte sich an den Schreibtisch und arbeitete. Aber er kam nur langsam voran, während die Sonne am Horizont weiter aufstieg und es geboten schien, die Vorhänge auseinanderzuziehen. Pflichtschuldig wie jeden Mittag erschien Frau Braut wieder auf der Schwelle, um dieser Vorschrift zu folgen. Die Uhr auf dem Kaminsims stand auf drei viertel zwölf.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 30. März 2012 um 21:18 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

2 Kommentare »

  1. 6.00 uhr früh in der küche, schalter an: “das licht ergoß sich brummend…”.
    9.00 uhr früh im büro, schalter an: “das licht ergoß sich … einschäfernd”
    pflichtschuldig bleibe ich am gründonnerstag bis dreiviertel zwölf. dann gibt’s petersiliensuppe. mit gurkensalat. es grünt. FROHE OSTERN, crysantheme!

    Comment by rapunzel — 5. April 2012 @ 08:07

  2. ordnungsgemäß schalte ich das licht wieder aus. denn die lyrik kommt. ostern ist anders.

    Comment by crysantheme — 5. April 2012 @ 12:36

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