Am Abhang hinterm Stadion (Bildungsroman: [1])

“…dem Bewußtsein ist der Gegenstand aus dem Verhältnisse zu einem anderen in sich zurückgegangen und hiermit an sich Begriff geworden; aber das Bewußtsein ist noch nicht für sich selbst der Begriff, und deswegen erkennt es in jedem reflektierten Gegenstande nicht sich.”

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Frankfurt/M. 1986, S. 108

Wir saßen auf den Steinen aus weißem Granit und spürten durch die Blicke, Worte und Satzfetzen hindurch die Wärme des sich abkühlenden Tages. Es roch nach verbrennendem Gras. Du hattest mir gerade die Hand auf den himmelwärts gerichteten Knorpel des dir zugewandten Schultergelenks gelegt, ein leichtes Antippen, und hinter der stehenden Wand eines eigenwilligen Geruchs  warst du steif und fest in deiner Behauptung eingesponnen, der Begriff des Vektorraums sei durch die mit ihm gesetzte Einheit zweier Gruppenstrukturen in der Verschmelzung eines algebraischen Körpers mit der als stets reversibel zu denkenden Bewegung einer Wolke aus Pfeilelementen nichs weniger als die vorweggenommene Zukunft der Menschheit. Ich hörte das Zittern in deiner Stimme. Nebenan perlte ein Akkord aus der um ihn herum versammelten Gruppe jugendlicher Trinker, noch war nichts gestimmt, und die zuckenden Schatten des bereits einsetzenden Geschwirrs insektenjagender Luftwesen zeugten von einer Gefahr, in die wir beide nun mit Leib und Seele eingelassen waren: zwei sitzende Gestalten in einem großstädtischen Amphitheater. Ich antwortete, die Idealität eines Vektorraums sei zu schwach für die Bildung eines Kerns aus Idealteilern – die notwendige Ringstruktur würde vom Körper vor dem Entstehen eines Binsenraums einfach aufgehoben. Da warst du es, der abwinkte. Das Licht sagte zum Abend: “Komm!”, und der Abend kam; doch er blieb nicht.

Dieser Beitrag wurde von Zhenja am 2. Mai 2008 um 18:35 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

6 Kommentare »

  1. Ciocarlia hob die Bleche und ein Schrei gähnte zum Himmel. Kein Tropfen Schweiß tropfte von den Schläfen. Zehn Jahre früher waren auch sie jünger.

    Comment by Zece Prajini — 7. Mai 2008 @ 23:56

  2. Folklore,Folklore! Bachtin,tin_ Zex Ax (ach…)

    Comment by och — 16. September 2008 @ 09:34

  3. Das hier wird keine Literaturverfilmung, eher

    https://www.youtube.com/watch?v=1YhPEhPNOI0

    Comment by Zhenja — 27. Oktober 2017 @ 08:58

  4. Zuerst, lässt er die Cafémaschine drin. Dann, entkalkta die Zeitung und brennt die Tablette, an.

    Comment by frau kleist — 27. Oktober 2017 @ 16:56

  5. Schon das Wort Bildungsroman erscheint rückblickend auf bessere Zeiten zumindest als Durchschauen der Lügen, die wir alle noch vor uns hatten. Das bessere an den Zeiten ist dergestalt, Paradies, der kindliche Glaube oder

    Comment by Ein Leser — 7. November 2017 @ 08:37

  6. “und deshalb erkennt es (im reflektierten Gegenstande…) Nichts-ich”, das Nichtige schlechthin.

    Wie kann es dahin gelangen, darin nicht sich, sondern ein anderes zu(zuerkennen?

    Irgendwann wird es “sein” (unser) Nichtich erkennen, den Grund dafür, dass das world-press-RECHTSCHREIBPROGRAMM in meinem gerade entstehenden Kommentar genau dieses Wort “rotschtreicht”.

    Übrigens: The word is on fire, rotschtreich ein Morsekod-schtreich-tigel

    Comment by Hegel-Leser — 21. November 2017 @ 09:55

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