En passant

Es waren Nervenerschütterungen, die Frau von Morast bereits beim Gang in den Frühstücksraum zu schaffen machten. Roulettekugeln rollten für diejenigen, die sich vor dem Leben und seinen Sonderformen ekelten. Walzerklänge lullten auch die zähesten Paralytiker ein. Ihr Kopf, so schien es Frau von Morast, musste mit Vichywasser gefüllt sein. Der Baron würde sich abermals über das Schweigen bei Tisch bekümmern und die Zeitung zur Seite legen, weil seine statuenstille Gattin ihm langsam unheimlich wurde. Dabei leuchtete die Sonne heute doppelt hell, wo er doch gestern ein paar Mark beim Pferdelotto gewonnen hatte. Diese paar Mark waren nicht nur symbolisch bedeutsam. Frau von Morast hatte eine Schwäche für Kaugummiautomaten, in die man 10-Pfennigstücke einwerfen musste, um schließlich eine farbige Kugel zwischen die geweißten Zähne schieben zu dürfen. Sie hatte ihrem Mann vor dem Frühstückstee einen nervenberuhigenden Strandspaziergang vorgeschlagen, der nun von dem Sprudelwasser in ihrem Kopf unterminiert zu werden drohte – ein baroneskes Leiden, wie Dr. Kellermann am gegenüberliegenden Tisch erheitert konstatierte und die Faltmappe zuklappte, in der er allerlei Kuriositäten des urläublichen Lebens mit einem braunen Filzstift notierte.

Herr und Frau von Morast hatten den stets in der Scheintätigkeit von Geistesarbeitern sich Bereithaltenden schon länger registriert und mit Unbill festgestellt, dass seine Aufmerksamkeit sich verstärkt auf sie zu richten begann. Das war eine narrative Indigestion, jawohl. Sicher kaute Frau von Morast bereits beim 1. Frühstück farbenfrohe Kaugummikugeln, die sie in einem Silberetui beherrbergte, und dessen Knipsen in den Ohren des Barons jedesmal ein Vibrieren (die Synapsen arbeiteten eilfertig) auslöste. Sicher trocknete sich Herr von Morast beim Essen in regelmäßigen Abständen die Hände, die etwas Feuchtes auszudünsten schienen. Das Handtuch, überzuckert von bunten Aufdrucken wie je pisse en passant oder never figure inside my brain, hing über der Stuhllehne, und die Baronin reichte es ihrem Mann, sobald er ihr etwas ins Ohr flüsterte, mit dem er offenbar nach dem Handtuch verlangte. Rituale, die bei den Gästen auf Spott oder Mitleid stießen. Zudem waren die Beiden vollständig overdressed. Unter ihrer schillernden Garderobe trug Frau von Morast drei Korsagen mit lila Spitzen. Die Baronin war feige, und ihr Mann schiss keine Dukaten, flüsterte sie erregt, die Schlaffheit seines Rückens betrachtend. Doch die Neugier von Kellermann war eine geistige Indigestion.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 19. Mai 2008 um 01:01 Uhr geschrieben.

Genre: Gemütstiefe, Trauersymmetrie

1 Kommentar »

  1. Der Kellner musterte den Hintern von Herrn von Morast. Herr von Morast blickte über die Rialtobrücke. Niemand merkte ihm an, daß er den Blick erwiderte. Er schritt mit seiner Frau zum Strand und schickte dem Kellner, während sie mit geschlossenen Augen in der Sonne badete, eine SMS.

    Comment by Thomas M. — 26. Mai 2008 @ 14:04

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