Wo bist du? (***[2]**)

Ich hatte dich seit drei Wochen nicht mehr gesehen. Die Frage, ob das vektorielle Zucken der Sonne am Himmel Ausdruck einer kosmischen Körperstruktur ist oder aber so erruptiv vonstatten geht wie die Geburt eines Weltuntergangs, hatte mich nicht wieder losgelassen. In der Erinnerung an deine Stimme kamen meine Gedanken immer neu auf die sonderbare Gestalt jenes Zitterns zurück, aus welchem der Satz über die längst vollzogene Zukunft der Menschheit, Apotheose der Selbstbegegnung von Arm und Reich im abgedunkelten Raum eines Baukastens über sich hinaus verweisender Dinge, an jenem Abend erstanden war. Plötzlich war die Sonne untergegangen, deine Fingerspitzen hatten sich zurückgezogen in ein schwarzes Licht, das seitdem den Beginn einer jeden Nacht mit einer Schwerkraft umhüllte, die der unsichtbaren Sonne ebenbürtig war. Seitdem standen deine Augen jeden Abend am Horizont und schauten mich mit einem Zittern an, in welches hinein der Akkord aus dem Innern benachbarter Weinflaschen gefallen war, abstrahierte Form eines Universums, das noch von keinem Auge eines Körpers je angeschaut worden ist. Auge eines Körpers, ja, so war es – das erruptive Zittern deiner Stimme hatte meinem Ohr ein Gesicht offenbart. Die Augen hatten an dir vorbei die Bewegungslosigkeit deines Körpers wahrgenommen, selbst das kleinste Zucken wäre als kurzzeitige Verdunkelung der Sonne dem fragenden Blick zu Bewusstsein gekommen – allein: das fragende Zittern blieb.

Dieser Beitrag wurde von Zhenja am 20. Mai 2008 um 21:23 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

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