OHNE MICH!

Ich fange nie an zu schreiben, bevor ich nicht eine Kanne Kaffee getrunken habe. Wenn ich genug Kaffee getrunken habe, tanzen meine Worte auf dem Bildschirm und die Bilder kommen mir zugeflogen. Ich setze mich an den Küchentisch und fahre meinen Laptop hoch. Das Schnurren und Klicken, das mein Laptop veranstaltet, mischt sich mit meinem Schlucken des Kaffees. Mein Laptop und ich – wir haben uns gut aufeinander eingespielt. Die letzte Tasse Kaffee ist leer, der Laptop öffnet ein leeres, blankes und frisches Dokument. Ich habe das Telefonkabel herausgezogen, die Klingel ausgestellt und alle Fenster verschlossen. Was soll – was kann jetzt noch passieren? Ich werde versuchen es zu beschreiben: Ich lege meine Finger auf die Tasten, sodass sie das Wort Womöglich schreiben würden. Mit diesem Wort will ich anfangen und habe auch schon ein Bild dazu. Noch bevor ich die Tasten drücken kann, höre ich hinter meinem Rücken ein Zischen. Ich halte inne, warte, das Zischen verstummt, ich konzentriere mich wieder auf mein erstes Wort Womöglich und das Zischen ist wieder da. Ich löse vorsichtig meine Finger von den Tasten – die das Wort Womöglich geschrieben hätten und drehe mich um. Neben der Spüle steht eine Flasche Wasser und zischt. Jetzt wo ich weiß, wo das Zischen herkommt, versuche ich mich wieder auf das Wort Womöglich zu konzentrieren. Die Flasche zischt sofort wieder. Es klingt immer gefährlicher. Ich kann ihre Zähne in meinem Nacken spüren, die sich sofort in mein Fleisch vergraben würden, wenn ich das Wort Womöglich schreiben würde. Ich will ihr zeigen wer hier der Boss ist und konzentriere mich wieder auf Womöglich -. Das Zischen wird sofort noch lauter. So als wäre die Wasserflasche eifersüchtig auf mich und den Laptop. Ich überlege, wie ich sie einbeziehen könnte, bei dem was mein Laptop und ich vorhaben, aber mir fällt nichts ein.

Ich sehe die Flasche an und sie nimmt ihr Zischen ein klein wenig zurück. „Bitte. Lass uns doch eine Weile schreiben und danach will ich sehen, was wir – du und ich unternehmen können!“ Ich widme mich wieder meinem Laptop und das Zischen schwillt zu einem wilden Knurren und Zähnefletschen an. Ich springe auf und schreie sie beide an. Den Laptop und die Wasserflasche. „Schluss jetzt! Ich werde jetzt einen Spaziergang machen. Tragt es untereinander aus. So geht das nicht!“ Ich knalle die Tür hinter mir zu und während ich die Stufen nach unten renne, höre ich das Zischen und Knurren der Wasserflasche und das Klicken und Klappern des Laptops. Sollen sie es unter sich austragen! Ohne mich! Womöglich werde ich ab morgen immer in Cafés schreiben müssen.

 

Dieser Beitrag wurde von ralphstieber am 26. Mai 2008 um 18:31 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

1 Kommentar »

  1. Womöglich … Womöglich hatte selbst eine mathematische Gleichung weder Fug noch Kraft, sie dauerhaft in Überzeugung zu setzten, dass diese ausgedachte Liäson, die sie seit nunmehr 25 Jahren beschwerte gleich einem plattgedrückten und nie abgeschickten Brief unter Omas unbeschliffenem Rosenquarzbomber—- dass diese beschwerliche und unerhörte Liäson sie irgendwann mit Trance besetzten würde, und solcherlei Trancen führen unweigerlich dazu, dass ein menschliches Hirn mathematische Gleichungen von nun ab nimmermehr bewältigt, Nimmermehr, wie es schon E.A. Poe vor mehr als 150 Jahren so treffend ausgedrückt hatte.

    Comment by crysantheme — 26. Mai 2008 @ 20:36

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