Intensivstation

 Ich sehe meinen Atem als beschrifteten Luftballon davoneilen, über den Gang hasten, hin- und herrollen, zur Ruhe kommen mit dem Nabel am Boden.

 

Ein unruhiger Wind geht auf Reisen. Geisterklang mit Licht.

 

Der Wind ist eifrig; bläst durch die Flure des Krankenhauses und rüttelt an allem, was er zu fassen bekommt. Heult und rauscht. Er kommt durch das Fenster am Anfang des Flures herein, dort, wo ich mir ein Zimmer eingerichtet habe. Eine Dichterstube, ein Studierzimmer.

Der Wind berührt meine Haut, streicht durch meine Haare, fährt über das Heft, in das ich schreibe; umhüllt Finger, Stift und Papier.

Rascheln, mein Luftballon ist verschwunden, mein Stift geht auf Reisen. Vor oder zurück?

 

Zurück… zurück…

 

Krankenhaus: Lila Wolken ziehen über mich hinweg. Halluzinationen, Infusionen; das Leben schliddert wie ein glitschiger Fisch unter mein Krankenbettgestell.

 

Ich traue den Ärzten und Schwestern nicht, die mal nett, mal nicht so nett versuchen, mich festzubinden. Nadeln in mich zu stecken, Schläuche an mir festzukleben. Ich aber bin auf der Flucht vor ihnen, im Krieg mit ihnen. Ich muss den glitschigen Fisch fangen.

 

Ungeduld. Vibrierende Unruhe. Unerträgliche Unruhe. Ich scheine in einer gallertartigen Masse verschwunden zu sein. Niemand kann mich sehen. Ich durchreise mich selbst. Violette Menschenkörper durchwandern mich. Ich spüre mich als Hülle, als Kathedrale. Angst kommt mit dunklem TAMTAM. Sie erreicht mich, sie erreicht mich nicht, sie erreicht mich doch, TAMTAM. Es ist Krieg. Ein Abenteuerfilm, ein Drama, Splatter, Klamauk, TAMTAM. Im Krankenhaus ist ein Fisch auf der Flucht und versucht, sich fangen zu lassen.

 

TAMTAM, meine Mutter sagt: „Ich habe den Krieg erlebt“, und sie meint sich, nur sich, nicht mich. Sie erinnert sich nicht an mich in sich, und so schließt sie mich aus vom Krieg und liefert mich gleichzeitig aus. Lässt mich alleine in rußenden Krankenhaustunneln, alleine mit den Schergen mit Schläuchen, Nadeln, Seilen, Gurten und Äxten, TAMTAM, und später fragt sie: „Wo warst Du, mein Kind?“

 

Kein Wunder, dass ich nicht antworten kann; mein Mund ist voller Fische und Scherben, und wenn ich sprechen will, werden es immer mehr Fische und Scherben. Erstaunlich: das alles ohne Blut. Ein ganzer Horror ohne einen einzigen Tropfen Blut. Es bleibt drinnen; eingesperrt, eingepfercht, brodelnd, hitzig, kalt.

 

Der Vater sagt: „Schön, dass Du da bist“, und mich überkommt eine Lähmung, als sei sein Satz ein Schlangenbiss.

 

Name und Adresse: Die Ärzte und Schwestern und Pfleger reden freundlich und dringlich und auch nicht mehr so freundlich auf mich ein. Ärger, Ungeduld und Frustration mischen sich in ihre Stimmen. Ich durchschaue sie, und sie durchschauen mich.

 

Sie haben mich festgehalten, als ich rennen wollte, nicht um wegzurennen, wohin denn auch, sondern vor Angst, Atemnot und Unruhe. Glitschige Fische in mir schlugen um sich in ungeheurer Aufregung.

 

Das Befreien aus Zwangslagen habe ich von früh auf hart trainiert. Ich weiß: dieses Wissen liegt jenseits meiner greifbaren Erinnerung. Fische, Fische… ein wildes Unterwasserleben, TAMTAM, Licht am Ende des Tunnels. Lila Wolken ziehen über mich hinweg.

 

 „Intensivstation“, lese ich, als es mir wieder einmal gelungen ist, die Nadeln aus mir herauszureißen und die Schläuche abzuziehen. Ich irre durch die Flure. Wohin führen sie nur? Es gibt keinen Ausweg, denn das hieße, dass es einen Ort gäbe, zu dem diese Gänge, Flure und Tunnel in diesem Labyrinth überhaupt führen könnten. Ein Licht am Ende des Tunnels; lodernd, flackernd, fahl.

 

Ich fange den glitschigen Fisch, aber er lässt sich nicht fangen, haut gleich wieder ab. Ich beschwere mich beim Chefarzt, der mir sehr ruhig zuhört; er hat schon vieles gehört und erlebt. Irgendwann lässt man mich gehen, man entlässt mich, lässt mich frei. Vogel mit Fisch entkomme ich, entfliehe ich, fliege, flattere davon. Alles unterschrieben und nichts gesagt.

Ich gehe auf eigenes Risiko, mein Leben an mich gepresst wie ein wärmendes Kleidungsstück.

 

Der Tod tut nicht weh, aber ich habe ihn gespürt, als er seine Knochenfüße in meine Tür stellte; in diesen Spalt, der aus Versehen aufging. Die Bilder jagten sich wie wahnsinnig, und da kam auch der Tod, angelockt von diesem surrenden Bilderstrudel und neugierig.

„Willst Du wirklich schon gehen, junges Leben?“, fragte er. Und er ergriff einen dieser wild um sich schlagenden Fische; mit knöcherner Hand riss er ihn aus meinem Leib und schleuderte ihn unter dieses Krankenhausbett, auf dem man mich festgebunden hatte, und er gab mir eine Aufgabe und eine Chance.

„Gib Dich nicht auf!“, raunte er fürsorglich und arrogant zur selben Zeit.

 

Ich kann mein Leben von jeder Stelle aus aufrollen und dann in jede Richtung gehen. Mein Leben ist ein Lehrstück über das Leben im Tod und den Tod in einem noch jungen Leben.

 

Dieser Beitrag wurde von evawal am 24. Dezember 2012 um 16:24 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar