BEMBELHERZ

Tesa ist den Mädchen vorgesetzt. Die Mädchen kennen keine Verwöhnung. Sie bleiben guter Dinge im Dreck. Der Molkereidirektor bringt seine Milch persönlich, allerdings mehr Tesa als sonst einer. Tesa schmeichelt so gut sie kann, aber klar, das können andere besser. Die Mädchen sind im Bahnhofsdienst, sie haben keinen größeren Wunsch, als vom Militär mitgenommen zu werden, in einem Zug nach dem Westen.

In der Volksschule ist ein Lazarett. Das Leiden macht Lärm. Die Mädchen stopfen Strümpfe auch von den Gesunden, die zur Fuhrparkmannschaft auf dem Gelände des Gemeindehauses an der Ucker gehören. Tesa nimmt Unterhosen zum Flicken mit nach Hause. Die Soldaten erachten die Handarbeiten als Liebesdienste.

Tesa beobachtet, dass Verletzte zum Transport fertiggemacht werden. Da lässt nichts mehr an eine Armee denken, es gibt einen Feldwebel, bei dem Tesa Radio auf der Stube hören soll und duschen könnte sie sich auch in seinem Quartier. Tesa möchte nur wissen, ob der Zug Zivilisten mitnimmt. Versprechen kann der Feldwebel gar nichts. Er bestellt Tesa und ihre Schutzbefohlenen für den Abend an den Bahnhof.

Die Mutter kann nicht mit, sie gibt Tesa und ihrer Schwester jeder eine Flasche Rum zum Eintauschen. Tesas Flasche kriegt gleich der Feldwebel, im Waggon liegt Stroh aufgeschüttet in der Verdunklung, Tesa hält ihren Teil der Menschheit klammernd zusammen. Sie hat auch ein Fahrrad und ihren Geigenkasten und den Kinderwagen für Wolf in Verwaltung.

Es wird bombardiert, doch der Bahnhof kriegt nichts ab. Kurz nach zwölf fährt der Zug an, Tesa will sich erst einmal keinen Reim auf ihre Empfindungen machen.

Fünf Tage steht und fährt der Zug und doch nur bis Lübeck. Die Flüchtlinge werden in einer Schule untergebracht, so schlecht hat Tesa es noch nicht getroffen. Sie und ihre Bagage teilen ein Klassenzimmer mit Leuten zum Fürchten.

Ein Mann eitert aus dem Mund, er stirbt fast unbemerkt in der Gleichgültigkeit. Tesa und die Schwester lassen Wolf mit den Mädchen allein, sie fragen von Haus zu Haus nach einer Unterkunft. Sie haben Glück bei einem Tischler und seiner Frau. Die Leute heißen Schulz, sie geben ihre Mansarde her, zum Schmuckstück ausgebaut und mit einem richtigen Bett für den frisch verheirateten Sohn. Der Sohn ist im Krieg, seine Frau bei ihren Eltern. Tesa holt Wolf und die Mädchen, während die Schwester ihre Bleibe bewacht.

Der Krieg ist aus, Tesa ist jeden Tag auf dem Wohnungsamt. Die Schwester steht immer woanders an. Nachrichten von der Familie bleiben aus. Die Mädchen ziehen zügig weiter, sie haben alle noch ein Zuhause oder wenigstens eine bessere Gelegenheit. Ein Cousin findet die versprengten Angehörigen, unter Beschuss ist er vor den Russen auf einem Motorrad abgehauen, das er als Gefangener für sie zum Laufen bringen sollte. Er schickt Tesa als Anhalterin zur Witwe eines Kameraden nach Schwerin. Weitläufig ist Tesa mit der Witwe auch verwandt, trotzdem siezt sie die Hausherrin. Sie kriegt Sachen zum Anziehen, in einer regelrechten Villa. Auf dem Parkett: ein Turm aus Teppichen. Wieder in Lübeck, erfährt Tesa, dass nun die Russen in Schwerin sind. Die veränderten Verhältnisse kosten einem anderen Cousin noch schnell das Leben.

Tesa verschafft der Schrumpffamilie ein akkurates Untermietverhältnis, schließlich könnte Sohn Schulz jeden Tag heimkehren. Das neue Zimmer erscheint als Wunder der Autonomie, endlich sind die Schwestern aus der Duldung und müssen auch so elendig leisetreterisch nicht mehr sein. Von Haus aus nichts Kniefälliges gewohnt als Töchter guter Leute, hat der Stolz schwer gelitten.

Tesa kriegt eine Anstellung in einem Kinderheim des Roten Kreuz, plötzlich heißt es, Mama und Großmama sind in Frankfurt am Main und sonst hat keiner überlebt. Nun sollen die Übriggebliebenen zusammenkommen. Die Schwestern kehren zurück zu Hausarbeit – in einer fremden Stadt. Ihre Mutter verhehlt den Töchtern die Verstörung nach Kräften, Großmutter sichert ihr Seelenheil in mildem Wahnsinn.

Die Wohnung ist ein Gigant, ein Sir der Herrschaftlichkeit. Der Hausherr erscheint fidel bis zur Kindlichkeit und in Wolf zumal verschossen. Er hatte nicht mehr mit einer Familie gerechnet.

Wolf ist viel zu jung für eine legale Abstammung. Der Schwester Gatte geriet bereits 1940 in englische Gefangenschaft, im Frühjahr 1946 droht seine Entlassung. Er könnte gleich als Dolmetscher anfangen, vierzehn Tage will man ihm die Stelle freihalten, doch noch steckt er mit fünftausend Mann in einem Entlassungslager. Er trägt seine Chance als Bitte vor, der Kommandant lacht sich einen Stiefel vom Bein. „Five thousand fellows are waiting here for being shifted to Germany and you …“; zwei Tage später ist er frei in Deutschland, versorgt mit zehn Kilo Verpflegung. Dem klärenden Gespräch sieht die Familie geschlossen, angespannt und parteiisch entgegen. Ein Kriegsrat empfängt den kaum zum Schuss gelangten Kriegsheimkehrer. Die Nachricht von seiner Beförderung zum Oberleutnant hat ihn in der Gefangenschaft erreicht. Der Offizier erkennt die Lage, sie verdrießt ihn sichtlich. Sichtlich ist es ihm besser ergangen als den meisten Deutschen. Zweifelnd betrachtet er seine Frau, das Kind, die Familie. Er erwägt seine Aussichten, kühl bis ans Herz. Das erkennt Tesa. Sein Vorrat wird von den Frauen beschlagnahmt, der Offizier kriegt ein Zimmer erst einmal für sich allein. An sich ist das Luxus. Auch wegen der Dolmetscherstelle muss er bohren, dann gibt man sie ihm aber. Im Augenblick hat das großen Wert. Der Offizier verwaltet die Verpflegungslisten für ein Lager der United Nation Rehabilitation Agency, er sitzt an einer Quelle. Die Schwester arrangiert sich mit ihm, ein Schritt in die Entfremdung zu Tesa folgt der nächste. Praktisch sollen die Dinge liegen, wenigstens das. Der Offizier gibt heimlich eine Annonce auf, eine Bekannte verständigt Tesa: „Oberleutnant a.D. der Luftwaffe sucht möbliertes Zimmer, gern mit Familienanschluss“.

Das ist doch aussichtslos, denkt Tesa. Die Frankfurter Plage heißt Wohnungsnot. Dann stellt sich aber heraus, dass Offizierswitwen auf die Anzeige reagieren. Bald hat der Offizier einen Raum, von dem die Familie vorgeblich nichts weiß – und Tesa fragt sich, ob die Schwester nicht doch eingeweiht ist.

Tesa und die Schwester sind in verschiedenen Jahrgängen durch die Schule der Nationalsozialistischen Volkspflege gegangen. Zur Ausbildung war Tesa in Radawnitz, in Landsberg an der Warthe und in Neuenhagen. Sie hat sich Selbständigkeit beigebracht und jede Verantwortung übernommen. In Frankfurt steht die Familie wieder an erster Stelle, Tesa versteht, dass die Schwester den Bestand ihrer Ehe mit einem legitimen Nachkommen sichern will. Der Offizier erwartet in einer neuen Armee größere Aufgaben zu finden. Er zweifelt daran nicht, dass Deutschland bald wieder Streitkräfte haben wird. Seine Ansichten sind die größte Belastung im Verhältnis der Schwestern. Die Älteren schweigen dazu, die Mutter sehnt sich zuversichtlich nach ihrem Erlöser.

Dieser Beitrag wurde von Grete am 27. Dezember 2012 um 10:16 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

1 Kommentar »

  1. bitte mal die schrift kleiner machen – “code”

    Comment by rapunzel — 27. Dezember 2012 @ 13:14

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