Auge und Engel [6]

Was mochte unter deinen Lidern vor sich gehen? Du lehntest in der Ecke des Abteils, der rote Lederbezug der Sitze war ein ziemlich schäbiger Himmel, und die Gestalt, die mir da gegenübersaß, war durchaus kein Engel, es war ein menschliches Wesen, Fleisch und Blut mit engelsgleichem Antlitz. Die roten Ledersitze waren abwaschbar, und nachdem auch die Mutter mit ihrem Sohn ausgestiegen war, hätten wir bedenkenlos die Armstützen hochklappen und uns im Abteil bequem ausstrecken können. Der Raum war ganz in Schlaf gehüllt. Ich versuchte den Rhythmus deiner Atemzüge zu ergründen, irgendeinen Reim musste es auf das stille Vibrieren dieser Augenlider doch geben – allein, ich war mit meinem Blick und und meinen Gedanken ganz und gar außerhalb deiner, und du warst eingekapselt in den Raum dieser Ecke dort wie ein Ungeborenes in die Flüssigkeit seiner Fruchtblase. Ja, mir war tatsächlich mulmig zumute. Zwischen Kopf und Bauch wanderten wunderliche Gestalten hin und her. Und du, du saßest mir gegenüber wie in einer anderen Welt. Ich war das Auge, welches dich zum allerersten Mal erblickte. Du aber hieltest deine Augenlider hartnäckig gesenkt.

Dieser Beitrag wurde von Zhenja am 12. Juni 2008 um 21:43 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

1 Kommentar »

  1. Flüchtigen Gedanken zu halten, Dein Bild zu erleben, den Körper als Instrument zu reinigen für die erdachte, trachtende und trostlose Liebe. Kostet alle Kraft der Welt, saugt alle Episoden der realen Welt auf in sich, ist das schwarze Loch Anitmaterie in sich selbst. Diese Bezauberung, es wagen, sie in den leeren, den hellen, den kalten Raum entfliehen zu sehen, sie zu entleeren aus dem Hartschalenkoffer Schädeldecke. Ist des Bösen Erlösung. Erlösung jedoch ist nicht willkommen im Paradise lost.

    Comment by crysantheme — 20. Juni 2008 @ 14:48

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