Ein anderes Lied

Dieses Buch ist meine eigentliche Entdeckung auf der Leipziger Frühjahrsmesse des Jahres 2013. Es hat keinen Preis gewonnen, kein Kritiker hat es hochgelobt oder verrissen, das Mainstream-Feuilleton hat es ignoriert. Lediglich auf einer in Eigenregie von linken Verlagen kuratierten „Bühne“ wurde es kurz vorgestellt. Wodurch sticht dieses Buch – trotz seiner unspektakulären Aufmachung – heraus?

Balabanoff

Dieses Buch erklärt das zwanzigste Jahrhundert. Es ist weder eine Biographie noch ein Geschichtsbuch, es erzählt Geschichte nicht im Stil der neueren britischen Historienlegenden à la Montefiore. Es erschlägt den Leser weder mit Anekdoten noch mit einseitigen, parteilichen Ideologien. Dieses Buch ist die Lebensbilanz einer der wohlhabendsten, großbürgerlichen Töchter der Ukraine, die als junge Frau ihre Familie verließ, um für die Freiheit und Gleichheit der Menschen einzutreten. Geboren 1869, aufgewachsen in einem Schweizer Internat, trat Angelica Balabanoff 1900 in die vier Jahre zuvor gegründete sozialistische Partei Italiens ein. Dank ihrer Sprachbegabung vermittelte sie in der Schweiz zwischen Sozialisten unterschiedlicher Länder: Rosa Luxemburg und Leo Jogiches aus Polen, Clara Zetkin und Karl Liebknecht aus Deutschland, Trotzki und Lenin, dem menschewistischen und dem bolschewistischen Emigranten aus Rußland. 1907 nahm sie am Londoner Parteitag der russischen Sozialdemokraten und am Stuttgarter Treffen der II. Internationale teil. Von 1912 an gab sie mit Benito Mussolini, als dieser noch links war, den Avanti! heraus.

Als die Mobilisierung 1914 den Männern das Überschreiten der Staatsgrenzen in Europa unmöglich werden ließ, organisierte sie mit Clara Zetkin ein Antikriegstreffen von Frauen: Wie konnte es sein, daß die sozialdemokratischen Parteien Europas, die sich jahrzehntelang dem Internationalismus verschworen hatten, nun für den Krieg stimmten, auf die nationalistische Schiene umschwenkten, Burgfrieden mit den Bürgerlichen schlossen, die Arbeiter statt gegen die Ausbeuterei gegeneinander ins Feld schickten und in den Parlamenten eine Staatsverschuldung befürworteten, die den Waffenherstellern enorme Gewinne bescherten?

Während den angeblich „vaterlandslosen Gesellen“ der Sozialdemokratie Verrat am Vaterland vorgeworfen wurde, verrieten die Sozialisten das völkerverbindende sozialistische Ideal. Die mitteleuropäische Aristokratie bäumte sich ein letztes Mal auf und ließ den Nationalismus überkochen. Die patriotische Euphorie, die auch die Sozialisten erfaßte, bildete ein Rätsel: Sie widersprach aller bisherigen Theorie und Praxis der Sozialdemokratie und führte zur Abspaltung der linksextremen Gruppierungen, die sich mit dem Lavieren und Taktieren nicht länger zufrieden geben wollten. Mit dem Schweizer Robert Grimm rief Balabanoff die Zimmerwalder Bewegung ins Leben. Sie vereinte Kriegsgegner aus europäischen Ländern und sollte der Internationale neue Geltung verschaffen.

Torpediert wurde dieses Bemühen von Lenin. Bereits lange vor der russischen Revolution entwickelte er Techniken des Verzögerns, Verleumdens und der Haarspalterei, um gemeinsame Resolutionen gegen den Krieg zu verhindern. Lenins – anfänglich noch verstecktes – Ziel bestand darin, die Sozialisten zu entzweien, damit er beweisen konnte, daß er mit seiner Theorie der Revolution recht behalten würde. Dafür war Lenin kein Preis zu hoch und kein Mittel zu schade. Am Ende stellt Balabanoff fest: „Der Bolschewismus wurde erfunden, um den Sozialismus zu vernichten.“ (S. 174)

Während Historiker dazu neigen, Lenin im Kontext der russischen Revolution und als geschichtliches Phänomen zu betrachten, hält Balabanoff an einer psychologischen Sichtweise fest. Lenin ist für sie ein Mann mit speziellen Charaktereigenschaften: Schon im Schweizer Exil zeigte sich sein Hang zur Rechthaberei. Er gab vor, allein zu wissen, wie die proletarische Revolution zu vollziehen sei. Es wäre primitiv, Lenins Beharrlichkeit als Ausdruck der Rache für seinen rebellischen, vom Zarenhof hingerichteten Bruder anzusehen. Vielmehr speist sich Lenins Unerschütterlichkeit aus der mit Argumenten untermauerten Überzeugung, er habe die einzig richtige Theorie der Menschheitsbefreiuung entwickelt.

Aus dieser Überzeugung – die knapp zeitversetzt auftrat zum Unfehlbarkeitsdogma der Päpste von 1870, aber mit diesem nicht zu verwechseln ist, da Lenin, wenn ihn die Umstände zwangen, weiterhin bereit war, sich selbst zu korrigieren – resultierte der revolutionäre Eifer, den andere auch Fanatismus nennen. Erste Kostproben seines Besserwissertums gab Lenin am Rande der Frauenkonferenzen gegen den Krieg, die Clara Zetkin und Balabanoff in der Schweiz zusammenriefen. Lenin entsandte Nadeshda Krupskaja und Sinowjews Frau als Delegierte, doch sie durften weder selbständige Beschlüsse fassen noch frei abstimmen, sondern mußten fortwährend zu Lenin laufen, der nebenan im Café saß und die Linie vorgab. Dies störte die Konferenz gewaltig, doch der Wunsch, Einstimmigkeit im Votum gegen den Krieg zu erzielen, bot Lenin die Steilvorlage, seine extremen Forderungen einzubringen oder die Kriegsgegner zu entzweien. Bei anderen Konferenzteilnehmern flossen Verzweiflungstränen wegen Lenins Starrsinn; er war stolz auf seine Unbeugsamkeit (S. 47 ff.).

Kapitalistische Demokratie produziert Größenwahn: Die Illusion politischer Freiheit verbindet sich mit der Illusion grenzenloser materieller Machbarkeit. Im Verbund spülen sie Zeitgenossen an die Macht, die von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt werden und zu deren Kompensation durch Gewalt und Größenwahn neigen. Hitler, Stalin und Mussolini sind die bekanntesten Vertreter dieser Sorte Emporkömmlinge. Die Linke hat, ohne es zu beabsichtigen, zu ihrem Karrieredreh von links unten nach rechts oben beigetragen. Lenins Strategie der Ab- und Ausgrenzung, die sich die Bolschewiki im Umgang mit Mitstreitern und Personal zu eigen gemacht hat, ließ begeisterte Mitstreiter „für die Sache“ plötzlich in der Gunst fallen, wenn sie nicht mehr gebraucht wurden, anders dachten oder gar ihre abweichende Meinung äußerten. Mit Häme und Härte verfolgt, gesellten sich die Enttäuschten nicht selten voller Haß auf die Linke zum einstigen „Klassenfeind“.

Es gab zwei Anlässe, um bei Lenin in Ungnade zu fallen und zu den Abtrünnigen gezählt zu werden: durch Äußern eigenständiger Gedanken, die Lenins Monopol auf die Wahrheit infrage stellten, und durch einen plötzlichen Interessewandel der Revolutionsführer, durch den die Mitarbeit nicht mehr nützlich, ja sogar überflüssig oder als lästige Konkurrenz erschien. Viele glühende Sozialisten liefen, nachdem die „Avantgarde“ oder „Partei neuen Typs“ sie ausgenutzt und abgehalftert hatte, zu den Nazis und Faschisten über. Ein Beispiel dafür war der französische Sozialist Henri Guilbeaux. Er wurde von Lenin benötigt, um mit einer Stimme Mehrheit einen Beschluß der Kommunistischen Internationale zu fassen und wurde dafür extra mit einem Sonderzug nach Moskau gefahren. „Doch als die Bolschewiki ihn nicht mehr benötigten, überließen sie Guilbeaux seinem Schicksal. Nachdem er ernst genommen hatte, was sie ihm vorher über die Wichtigkeit seiner Person zu verstehen gegeben hatten, war er zutiefst verletzt und verließ Rußland als ein erbitterter Feind. Er starb einige Jahre später in Deutschland als Antisemit und Faschist.“ (S. 71)

Wer nicht zum Faschismus überlief, wurde in Rußland ins Lager gesteckt oder ermordet. So erging es Trotzki, Kamenew, Sinowjew, Karl Radek, Fritz Platten, Willi Münzenberg, Krestinski, Gorbunow, Hugo Eberlein, Bucharin, Bratman-Brodowski, um nur die prominentesten zu nennen. Vernichten oder verleumden – andere Alternativen gab es nicht. Um den aufrichtigen Sozialisten Serrati, der den Bolschewiki mit Hilfsgütern in der Bürgerkriegszeit geholfen hatte, als angeblichen Konterrevolutionär zu denunzieren, wurde ihm ein angeblicher Kommunist als Vertreter der italienischen Linken gegenüber gestellt: Bombacci war ein „oberflächlicher, ehrgeiziger, prinzipienloser Mensch, den die Bolschewiki als Werkzeug für ihre Intrigen gegen Serrati gebrauchten … Als die Bolschwiki ihn nicht mehr brauchten, enthoben sie Bombacci all seiner Ehrenämter und kümmerten sich nicht mehr um ihn. Als er merkte, daß man ihn als Werkzeug benutzt hatte und keine Aussicht mehr für ihn bestand, eine Rolle in der Internationale zu spielen, verließ er Rußland und wurde zum heftigsten Feind der Bolschewiki und der Arbeiterbewegung überhaupt. Er bot Mussolini seine Dienste an und wurde einer seiner begeistertsten Jünger.“ (S. 101 f.) Am Ende wurde er zusammen mit Mussolini und dessen Freundin hingerichtet und an einer Tankstelle zur Abschreckung der Leute mit dem Kopf nach unten aufgehangen.

Noch Gorbatschow ließ als Generalsekretär keine Gelegenheit aus, die Besinnung auf Lenin zu predigen, der ihm dank seines frühen Todes als reiner Verfechter der gerechten Sache erschien. Wer glaubt, die brutale Verfolgung von Linken durch Kommunisten habe erst unter Stalin begonnen, dem singt Balabanoff ein anderes Lied. Im Unterschied zu heutigen Historikern kannte sie Lenin persönlich, als Mitstreiterin; sie war ihm wohlgesonnen und konnte ihm auf Augenhöhe begegnen. Nur im Kontrast zum Massenmörder Stalin erschien der Zynismus Lenins weniger gravierend. Lenin war es, der, um Recht zu behalten, Menschenwürde und Moral geopfert hat. Eine Bewegung, die sich die Verbesserung der menschlichen Verhältnisse auf die Fahne schreibt, aber im Kampf den Menschen nicht Mensch sein läßt, sondern als Mittel zum Zweck benutzt, muß verlieren. Sie wirkt sich um so verheerender aus, je mehr ihre Verfechter das Gute glauben.

Und wodurch wird Balabanoffs Buch zur Entdeckung? Sie schrieb es nach der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956. 1959 wurde es erstmals veröffentlicht: in Italien. Im Alter von 90 Jahren übersetzte es die polyglotte Frau selbst ins Deutsche und es erschien 1961 in einem Hannoveraner Verlag: im Westen nahezu unbeachtet, im Osten wäre es verboten worden. Daß der Dietz-Verlag diesen gesunkenen Schatz erneut geborgen und in überarbeiteter Fassung herausgebracht hat, eröffnet die Chance, ihn erstmals wahrzunehmen.

Angelica Balabanoff: Lenin oder Der Zweck heiligt die Mittel, Berlin: Karl Dietz, 2013

Dieser Beitrag wurde von Alfred Knurr am 2. April 2013 um 21:49 Uhr geschrieben.

Genre: Rezensionen

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