Fossilien

Eine Enthüllung

Das Tier stammte aus dem Erdaltertum. Als es sich auf dem Teppich zu wälzen begann und seinen Rüssel ausfuhr, der dem Rohr eines Staubsaugers glich, erkannte er, dass dies ein Geschenk von ihr sein musste. Sie wollte ihm die Arbeit erleichtern. Er beruhigte sein Gewissen und nahm eine Zigarette aus dem versilberten Etui. Das Etui hatte er von einer anderen. Warum hab ich nur so viele Freundinnen, überlegte er und schritt dabei leise grübelnd die Wohnung ab. Das Tier auf seinem Teppich, das aus dem Saugen gar nicht mehr herauskam, denn es war ihm wesensimmanent, wurde langsam schlaff und seine Haut schien matt und dünn in der Kerzenbeleuchtung. Es besaß anscheinend außer Saugen keine Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen und zu zeigen, dass es ins Wasser musste. Er rannte ins Bad und begann, hektisch die Wanne voll zu lassen. Wenn das Tier einging und ein fischiger Geruch sich breit zu machen begann, dann wäre es aus zwischen ihm und ihr. Nie mehr würde sie ihn sanft bei der Hand nehmen und in die eigene Wohnung zurück führen, wenn er in der prallen Mittagssonne stundenlang am Briefkasten stand, weil er die Existenz von Gluonen nachweisen wollte. Was sollte dann aus ihm werden? Das Tier durfte nicht sterben. Das Wasser prasselte in die Wanne, die war schon dreiviertel voll. Jetzt mal nach dem Tier sehen. Das saugte in unglaublichem Tempo die Wand ab und wurde dabei immer dünner und blasser. Wie er es in die Wanne befördern sollte, wusste er nicht. Es würde zappeln und sich wehren, ihm vielleicht die Hand abbeißen. Niemand wusste, wie so ein Fossil sich verhielt, wenn es sich bedroht fühlte. Er läutete Sturm bei ihr. Nein, nein, mit mir ist nichts. Sie kam gähnend heraus. Es ist halb drei, mein Lieber. Sind die Gluonen wieder da?

Dieser Beitrag wurde von frau kleist am 24. September 2013 um 23:04 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

6 Kommentare »

  1. ‘tschuldigung? Schlafen Sie immer so unruhig? Legen Sie Brehms Tierleben einfach mal zur Seite. Ich empfehle vor dem Zu-Bett-Gehen eine leichte Lektüre.

    Comment by Dr. Rath — 25. September 2013 @ 11:48

  2. habe ich vom schlafen geschrieben? dies hier ist ein zustand höchster munterkeit und zugleich tiefster traumvergessenheit. es lebt sich hervorragend darin.

    Comment by crysantheme — 25. September 2013 @ 14:19

  3. Was also hat der Plattwurm gelernt? Sobald er an einer Weggabelung ankommt, gibt es für ihn 2 Möglichkeiten: den hellen oder den dunklen Weg. Am Ende des dunklen Weges wartet ein elektrischer Schlag auf ihn, während er, wählt er den hellen Weg, Futter bekommt. Also wird er sich nach einiger Zeit nur noch für den hellen Weg entscheiden. Er hat was gelernt. Es ist nun mal jeder Kreatur wesensimmanent, Schmerzen zu vermeiden und günstige Bedingungen zu bevorzugen. Es ist sinnvoller.

    Comment by frau kleist — 30. September 2013 @ 11:06

  4. schmerz hingegen ist die günstige bedingung für so manchen masochisten. (soll auch -innen geben.)

    Comment by martin jankowski — 30. September 2013 @ 17:39

  5. gibt es masochistische plattwürmer?

    Comment by eisenhans — 30. September 2013 @ 17:44

  6. ja!
    ausgangshypothese: der dunkle weg lockt mit futter, bei berührung des fressnapfes wird ein elektrischer schlag ausgelöst. der helle weg dagegen verpricht nichts, außer sonne.
    was meinen sie: wird der plattwurm in der sonne austrocknen oder sich fürs essen mit (nach)schlag entscheiden?
    konklusion: der plattwurm wird leben wollen, den schmerz nimmt er hin – als bedingung sozusagen.

    Comment by rapunzel — 1. Oktober 2013 @ 11:06

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