Königsgambit

Ich hieß damals Paul und war mit Capablanca auf Zigarren. Sie nannten mich Morphy. Wir waren jung und schon ziemlich kaputt. Unser Gedächtnis war ein ewiger Worksong – keine Weltgegend, in der die singenden klingenden Hammerschläge nicht in irgend jemandes Traum widerhallten. Oh Amigo, weißt du noch, diese Partie im “Ambassador” – und der Onkel von Bobby Fischer schmuhlte vom Nebentisch wie ein wildgewordner Berserker.

Wir trafen uns rechts in der Mitte. Ich machte dir ein Angebot, wie es damals in aller Munde war: nur ein halbes Pfund, bei der rechten Herzkammer. Es würde auch heute noch unsittlich sein! Tja, und du nahmst an. Heute, heut wissen wir alle: ich begab mich damit in deine Hand. Nicht mit Haut und Knochen, noch nichtmal bis hinter die Lauchfelder, aber der Vorteil einer reichen Geburt wäre heuer mit diesem Zug endgültig dahin. Wir machten eine starke Partie – ich bestürmte dich, du mauertest par elegance. Bobbys Pate bestellte einen Whisky nach dem anderen.

Dann trat die Tänzerin hinter dir durch den unsichtbaren Vorhang, eine Pferdedecke, wie es sie hier nicht gibt in den warmen Gefilden. Ich blickte sie aus den Augenwinkeln heraus an. Sie war geschmückt wie ein König für das Ritual. Ich war am Zuge. Ah – Malinche, marry Cortez – engarde! Ich schloss kurz die Augen und rechnete. Nebenan der Onkel goss drei Volle weg in der Zeit. Sechs Züge, und der nächste wäre die Gabelung. Ich zog in jenem Moment, da sie an unseren Tisch herantrat und ihr gefiedertes Augenlicht im Saal verströmen ließ. Du hattest keine Chance mehr auf Erden.

Ich gewann die Partie und starb einige Jahre später, während des nächsten Krieges. Ich hatte alles erreicht in unserem Spiel. Du aber wurdest ewiger Zweiter und warst zur Lohnarbeit verdammt. Kortschnoi oder Lafontaine … immer das gleiche fortan. Deine Konten dampften auf der Grenze – doch wo das Gras wächst hattest du keinen Zutritt. Im Niemandsland feierten wir die Kunst der Freiheit, Fliederfittiche zu improvisierten Bratpfannenkonzerten – später wohltemperierte Telefonkonferenzen zwischen Aldi und Hinterhof, dich aber machten sie einige Jahrzehnte später zum stellvertretenden Dramaturgen an der Royal Metropolitan. Oh Ami-Ami-Go, Jewgeni Schwaniachwili, musste es denn wirklich, wirklich so sein?

Dieser Beitrag wurde von Go Tan am 20. August 2008 um 09:44 Uhr geschrieben.

Genre: Gemütstiefe

4 Kommentare »

  1. vergiss die 25 years! Die Flucht aus dem Klassenzimmer, vergiss die Überflieger mit den gepolsterten Schultern. Als die eckigen Brillengestelle aufkamen, sophisticated models, galt deine Panik den Hausarbeiten. Doch der Langstangen-Wedel vertreibt sogar Spinnennester. “We’re in the Year 25 since I first craved 4″ — now xuccexxfully 4gotten4ever.

    Comment by www.hausarbeiten.de — 21. August 2008 @ 23:49

  2. hallo nachTbar, willkomm’n inne wirKlichheit – you’re welcome!

    Comment by SatyrIckeR — 22. August 2008 @ 10:53

  3. Dubrovnik

    (…)

    Der Berg ein Spiegelbild im Meer, dem glatten
    Und übernah, wie mitten in uns da.
    O welch ein Leuchten im Bereich der Schatten!
    Welch eine Lebensnähe, todesnah!

    Comment by Johannes Becher — 23. August 2008 @ 13:12

  4. Der Papiertiger

    Der Papiertiger besteht aus 10 Personen. Er kann sich 3 Meter nach vorn, 3 Meter nach hinten und 4,50 Meter nach jeder Seite bewegen, in einer Landschaft aus Maschinenteilen, Plakaten, Fernsehapparaten, Büchern, Gipsbüsten, Mikrofonen und Tonbandgeräten.

    [nicht zu vergessen die Gesetze & No-]moi

    (…)

    [WIEGENLIED:]xyz____________________future

    13

    Annas Tante ist tot.
    Sie ist vor drei Tagen gestorben.
    Jetzt liegt eine Leiche im Krankenhaus,
    die nichts aussagt.
    Anna liegt auf dem Sofa
    und versteht für eine Woche
    das Leben.

    Comment by Thomas Brasch, Montage — 26. August 2008 @ 11:14

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