Herr Klopsig und Frau Edelsüß (2)

Die aristokratische Prüfung

Bereits in der bürgerlichen Gesellschaft gehörten Herr Klopsig und Frau Edelsüß einer Minderheit an: dem ehemaligen Adel. Doch während Herr Klopsig – mütterlicherseits – dem verarmten Landadel zugerechnet wurde (die Herkunft väterlicherseits war eine andere Geschichte), wurde Frau Edelsüß in ein Geschlecht hineingeboren, dem die europäische Hochkultur einige ihrer schönsten Blüten verdankte. Nach Ausrufung der liberalen Diktatur gelangte der Adel wieder zu alten Würden, doch dies geschah nicht automatisch. Die Vertreter, die behaupteten, der Aristokratie anzugehören, mußten sich einer Prüfung unterziehen. Herr Klopsig verzichtete freiwillig auf diese unnötige Strapaze. Frau Edelsüß war an ihrer Reputation dagegen einiges gelegen.

Sie lief zum Prüfungssaal in der Akademie der Künste (Ost – denn die Akademie der Künste West stand unter Wasser) einen endlos scheinenden Galeriegang entlang. Es war ein Gründerzeitgebäude, dessen Dach von verspielt wirkenden Atlasfiguren statt Säulen getragen wurde. Von Nahem sahen die Gesichter der Atlasfiguren martialisch aus wie antike Sklavenmasken, mit grob gekräuselten Bärten. Eine junge Studentin, die ihr Haar züchtig hochgesteckt und zu einem Zopfkranz gewunden hatte, geleitete Frau Edelsüß zum Tribunal. Auch sie war einst Prüfungskandidatin, bevor sie ihre Frisur änderte und es ihr auf Anhieb gelang, in literarische Kreise aufzusteigen.

“Wozu ist diese Prüfung nötig?”, fragte Frau Edelsüß, “wir haben längst unser Abitur.” Die Studentin schwieg beflissen. Ihrem Gesicht war abzulesen, für wie naiv sie Frau Edelsüß hielt. ‘Arme Kleine, hat es noch nicht begriffen, worauf es in der literarischen Klassengesellschaft ankommt’, erwiderte die Studentin Frau Edelsüß im Stillen. Die obere Kaste der liberalen Diktatur schrumpfte. Sie dachte weder an Nachwuchs noch an Demokratisierung. Die Literatur war ihre letzte aristokratische Bastion und sie war die erste Adresse, wenn es galt, feine Unterschiede hervorzukehren.

Die säuberlich bezopfte Studentin warf überlegen den Kopf nach hinten und ließ Frau Edelsüß den Duft ihres seidig glänzenden Haares spüren. Frau Edelsüß erriet die Marke ihrer Spülung. Mit einem Mal fühlte sie sich selbstbewußt und sicher. ‘Mein Instinkt hat mich nicht verlassen’, dachte sie beruhigt.

Während des Gangs durch die Arkaden fiel der Blick von Frau Edelsüß nach unten ins Kellergeschoß: ein fensterloser Raum, wo zwei junge Männer in blauen Jacken mit Spitzhacke und Säge bewaffnet am Fundament des Gebäudes werkelten. Die literarische Klassengesellschaft.

“Wir haben gleich den Prüfungssaal erreicht”, erläuterte die Studentin. Sie hatte Frau Edelsüß’ neugierigen Blick ins Kellergeschoß bemerkt.

“Das sind die Versager”, klärte sie Frau Edelsüß auf, “wer durchfällt, bekommt einen Blaumann und darf sofort die Treppe nach unten nehmen.”

Frau Edelsüß warf einen letzten Blick in den Keller und identifizierte in den dunklen Ecken weitere ausgemergelte Gestalten, die vor sich hin schufteten. ‘Es sind ausschließlich Männer’, dachte Frau Edelsüß und schritt erhobenen Hauptes in den Prüfungssaal.

Dieser Beitrag wurde von Viktor am 28. August 2008 um 00:10 Uhr geschrieben.

Genre: Gemütstiefe

4 Kommentare »

  1. Eine gelblederne Krokotasche lag im Handschuhfach. Louise fuhr brachialen Stil, wie immer, wenn wir auf der Autobahn gegen sechs Uhr morgens nahezu allein unterwegs waren. “Ich fahre dich nur zum Flughafen”, begann sie nach einer langen halben Stunde, die wir schweigend, ich ein Zigarillo paffend, nebeneinander gesessen hatten, “weil ich deine beste Freundin bin und du deinen Willen haben sollst. Wir haben zwar nicht mehr 1985, aber vielleicht hast du Glück und Nicolas lebt noch in London. Betonung auf ‘lebt noch’, du weißt.” Verschämt zog ich eine Nagelfeile aus dem Etui hervor und betrachtete die rotlackierten Fingernägel. “Das Grün habe ich ab gemacht. Nicolas soll nicht denken, ich sei noch pubertär.” Louise seufzte. “Darling, solange du hinter ihm her bist, wirst du nie aus deiner Pubertät herauskommen. Welcome to the real world, please.” Ich blickte auf und blinzelte Louise verschlagen an. Die drosselte das Tempo überraschend. Sogleich zog ich die Mundwinkel hoch. “Es ist Zeit, den Sekt zu öffnen. Du fährst doch in jedem Zustand Auto.” Schon hatte ich ein handwarmes Fläschchen aus der Krokotasche hervorgezogen. Ich zündete mir ein neues Zigarillo an. “Kotztausend, Louise, ich werde ihn sehen, ihn! Komm, sei lieb und leg wenigstens eine CD von ihm auf.” Ich nahm einen flachen Gegenstand, der in parfümiertem Geschenkpapier eingeschlagen war, aus der Tasche und reichte ihn der Freundin.

    Comment by eine verehrerin — 28. August 2008 @ 01:22

  2. Was für eine Frückstückslektüre! Die blauen Männer nähern sich nun endlich den Abwasseranlagen…Der nächste BSR-Streik in BundesBerlin steht unmittelbar bevor, was bleibt aber – sind gewisse Texte.

    Comment by Der Sultan der Kloaken — 28. August 2008 @ 08:48

  3. “etwas absolut Neues einschließlich des Neuen als Produkt eines Zufalls wäre ein Mysterium. [FN: Selbst dort, wo jemand, wie etwa bei einem selbstgewählten Spielsystem, nach von einem Zufallsgenerator vorgegebenen Zahlen, bereit wäre, sich dem Zufall unterzuordnen, läge eine rekonstruierbare nicht-zufällige Entscheidung vor. Nicht die Entscheidung selbst wäre zufällig, sondern der Inhalt der Entscheidung bestände wegen einer nicht-zufälligen Entscheidung für den Zufall in einem Zufallssystem. Die Entscheidung wäre deshalb aber auch widersprüchlich und irrational.]Das Neue ist also immer motiviert”

    Comment by u-oe — 29. August 2008 @ 13:45

  4. das neue wäre motiviert = gott würfelt nicht. und es heißt bestünde. rollen sie sich ein oder kräuseln sie sich.

    Comment by samtmilbe — 11. Mai 2013 @ 19:24

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