Anmerkungen zur Dresdner Rede von Sybille Lewitscharoff

Der Dresdner Rede von Sybille Lewitscharoff vorzuwerfen, die Menschenwürde zu verletzten, ist ein Hohn, denn gerade um deren Rettung geht es ihr ja.

Liest man die Artikel, die in den letzten Tagen erschienen sind, in einem Zuge, so gewinnt man den Eindruck, die beflissenen Exegeten haben die Rede gar nicht gelesen, sondern schlicht voneinander abgeschrieben. Die in undifferenzierter Weise gegen sie ausgelegten Zitate gleichen sich aufs Haar. Jene Vorwürfe, welche direkt ins Herz des derzeit politisch Korrekten zielen, genügen offenbar, um sich gar nicht erst weiter mit ihren Gedanken auseinander setzen zu müssen, sprich, den gesellschaftlichen Sprengstoff, den sie beinhalten, getrost ignorieren zu dürfen.

Abgesehen von den jeweiligen Inhalten einer Polemik ist es stets ein armseliges Schauspiel, wenn jedermann plötzlich laut und vernehmlich in ein und dasselbe Horn stößt. Leider hat diese niederste Mechanik menschlichen Zusammenlebens derzeit Konjunktur. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an die mediale Genüsslichkeit, mit der unlängst die öffentliche Schlachtung des wehrlosen Cornelius Gurlitt zelebriert wurde.
Menschenverachtung ist aus dieser Rede wahrlich nicht herauszulesen – im Gegenteil.

Endlich, so mein unmittelbarer Eindruck, jemand, der den Mut hat, in einer gesellschaftlichen Atmosphäre, die sich der bedingungslosen Huldigung technologischen Fortschritts verschrieben hat, an die Unantastbarkeit des Lebens, seinen geheimnisvollen Ursprung und sein geheimnisvolles Dahinscheiden zu erinnern und so einen Horizont wieder aufscheinen zu lassen, vor dessen nuanciertem Hintergrund der Mensch nicht als allmächtiger homo faber, beziehungsweise munteres Multi-Tasking-Männchen vergegenwärtigt wird, sondern in seiner all seiner unvollkommenen, jederzeit anfechtbaren Geschöpflichkeit.

Eigentliches Anliegen der Rede ist es, zu „warnen und zu wehren“ – ganz im Sinne von Rainer Maria Rilkes Gedicht „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“, in dem dieser bereits vor hundert Jahren den Machbarkeitswahn zukünftiger Generationen hellsichtig antizipierte: „Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern./ Die Dinge singen hör ich so gern./ Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm./ Ihr bringt mir alle die Dinge um.“
Eben diese Fähigkeit zur Einfühlung und zum Einhalten jedoch, zum intuitiven Erkennen der natürlichen Grenzen des Denkens und Handelns ist es, die dem heutigen Menschen weitgehend abhanden gekommen ist. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die Vorstellung, ein menschliches Wesen mittels einer anonymen Samenspende in den Leib einer Frau hinein operieren zu lassen, nicht auf viel größere innere und äußere Widerstände stößt.
Vollkommen zu Recht erinnert Lewitscharoff in diesem Zusammenhang an die psychische Dimension der Menschwerdung, welche ihre Entwicklung vom Augenblick der Zeugung an gewissermaßen „grundiert“.

Welch ein Ursprung, stimuliert durch das Betrachten eines Pornoheftes in die Welt, beziehungsweise einen Plastikbecher „geworfen“ zu werden! Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie man jemandem, dem es hier nicht graut, erklären kann, weshalb es einem hier grauen sollte.

Im Laufe meines Lebens habe ich zwei Menschen kennen gelernt, die aufwuchsen ohne ihre Wurzeln zu kennen. Diese Unkenntnis war in einem Fall eine fatale, im anderen eine höchst problematische Prägung. Das eine Leben zerstörte sich im permanenten Kampf gegen die Schatten selbst, das andere erhielt sich einzig durch das Talent zur Poesie.

Im Grundgesetz heißt es, die Würde des Menschen sei unantastbar. Doch ist sie es wirklich? Oder befinden wir uns bereits auf der Schwelle zu einem neuen Menschenbild, im Rahmen dessen der Begriff der Würde obsolet geworden ist, da man ihn nicht mehr mit Inhalt zu füllen vermag?

Was wird die Mutter ihrem Kind dereinst sagen, wenn dieses sie nach seiner Herkunft fragen wird? Wie wird es damit leben, wenn es erfährt, dass seine Mutter sich professionell „besamen“ ließ?

Leben soll sein auf Erden. Doch die Natur, die allemal klüger ist als der Mensch, der nur ein Teil von ihr ist, weiß genau, wann Leben schlechterdings nicht sein kann, wann es so schutzlos zur Welt kommt, dass es ohne die moderne Medizintechnik nicht überleben kann.

Ich denke in diesem Zusammenhang an das sechzehnjährige Mädchen, dass eine Freundin als Behindertenlehrerin betreut. Chiara ist ein Fünfmonatskind. Bei ihrer Geburt wog sie 500 Gramm. Ehrgeizige Ärzte setzten alles daran, um diese Handvoll Kind zu „retten“. Und sie hatten Erfolg. So auf jeden Fall würde man es gemeinhin formulieren. Im Alter von einem Jahr musste Chiara das linke Bein abgenommen werden. Laufen hat sie deshalb niemals gelernt. Seit sie denken kann sitzt im Rollstuhl. Ihre Finger und Füße sind verkrüppelt. Das Greifen fällt ihr schwer.

Schreiben kann sie nur unter größten Anstrengungen. Ihr Gesicht ist entstellt, und ihr Geist ein großes schreckliches Durcheinander von Gefühlen, Ängsten und der immer wieder einmal aufblitzenden Einsicht in die vollkommene Aussichtslosigkeit ihrer Lage. Unlängst hat sie sich zum ersten Mal verliebt, wohl wissend, dass sie niemals zurück geliebt werden wird. Der Valentinstag, so meine Freundin, war für sie der schlimmste Tag überhaupt.

Die Rede von Sybille Lewitscharoff will eher Fragen aufwerfen als fertige Antworten liefern, denn Gewissheit kann es auf diesem unsicheren Terrain auf keinen Fall geben.
Was angesichts der Polemik erschreckend deutlich wird, ist, welch unschätzbare Größe hier en passant in die Mülldeponie der Geistesgeschichte entsorgt werden soll: Unser vom abendländischen Denken geprägter Begriff nämlich vom Menschen überhaupt.

Ist der Mensch tatsächlich nichts als Materie, die nach Belieben hergestellt und modifiziert werden kann? Ein, wie die modernen Neurowissenschaften es formulieren, „Behältnis für Informationen“, oder ist er nicht doch jenes faszinierend-unberechenbare Wesen, in dem die wunderbarsten und furchtbarsten Möglichkeiten auf engstem Raume widerspruchsvoll beschlossen liegen?

Die Lebenserfahrung eines erwachsenen Menschen genügt, um sich in dieser Frage entschieden auf die Seite der Ungewissheit zu schlagen. Jeder einzelne Mensch reicht so weit über seine äußere Gestalt hinaus, dass nur ein bereits weit fortgeschrittener gesellschaftlicher Desensibilisierungsprozess die Evidenz zu leugnen vermöchte, dass er weit mehr ist als die Summe seines Handelns.

„Ich bin mir selbst zum Rätsel geworden“. Dieser unglaublich moderne, vor geistig-seelischer Unruhe nachgerade zitternde Satz, steht in Augustinus’ „Bekenntnissen“, die dieser im vierten Jahrhundert nach Christus niederschrieb und damit überhaupt erst die Voraussetzungen für das schuf, was viele Jahrhunderte später zur modernen Bewusstseinsphilosophie gerinnen sollte.

Keine Philosophie und keine Wissenschaft haben es indes je vermocht, abschließende Antworten auf die ewigen Fragen nach Geburt und Tod zu formulieren.

Eingedenk jenes Rätsels, das jedermann für sich selbst ist und, getreu seiner ontologischen Bestimmung bleiben soll, können wir diese nur immer wieder aufs Neue gedanklich umkreisen. Verlieren wir bei diesem unendlichen Annäherungsprozess an das Unfassbare jedoch das Gefühl für das grundsätzliche Abhängigkeitsverhältnis, in dem der Mensch als Geschöpf zur Schöpfung steht, so verlieren wir uns selbst in der Überfülle der Pseudo-Möglichkeiten, die ein auf unendliches Wachstum angelegtes System permanent ersinnt, um seine Protagonisten vom Nachdenken über sich selbst, seinen Ursprung und seine Bestimmung, abzulenken.

Dieser Beitrag wurde von Stefanie Golisch am 10. März 2014 um 11:59 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

2 Kommentare »

  1. Sehr geehrte Frau Golisch,
    ein heikles Pflaster, auf das Sie hier balancieren. Auch wenn ich persönlich es gut finde, ein Plädoyer für die Unverstandenen oder vielleicht auch Mißverstandenen zu halten, so sieht der Fall Lewitscharoff doch sehr heikel aus. Was bitteschön unterscheidet eine Samenspende mit Pornoheftbeilage und einem lustlos ausgeübten Geschlechtsakt, der einzig und allein dem Trieb und weniger dem Fortbestand dient? Beides dahingeworfen… Ist es auch im letzteren Falle gut, seine Wurzeln zu kennen? Für einen Baum vielleicht. Es gibt jedoch Menschen, die ihre Wurzeln nur allzugern verleugnen. Gerade dann, wenn sie wissen, dass sie lieblos (im Alkohol- oder Gewaltrausch, aus finanziellen oder “unmoralischen” Gründen) dahingeschleudert worden sind. Oder wenn sie sich – aus vielschichtigen Gründen sehnen – diese Wurzeln zu kappen.
    Hier im Plädoyer, werden Augustinus und Rilke bemüht, um den wörtlichen Ausrutscher Lewitscharoffs zu entschuldigen. Doch da ist nichts zu entschuldigen. Ein Mensch ist ein Mensch vom Samenkorne an. Ob nun im Plastikbecher oder in der Kanüle, ob nun im Samenleiter oder in der Eizelle. Ein “Halbmensch” kommt nie dabei raus. (Frau ist ja auch nicht halbschwanger…) Und – lassen Sie mich ergänzen – ein Untermensch schon gar nicht. Diese Zeiten sind vorbei. Gott sei dank, auch wenn diese unsägliche Denke einst zur Schöpfung zählte…

    Comment by rapunzel — 12. März 2014 @ 12:49

  2. Es gibt viele Versuche, sich durch reaktonäre Formen auch und gerade in der Kunst gegen die Komplexität der Gegenwart abzuschotten. SchriftstellerInnen in der Öffentlich sind jedoch das “Gewissen einer Nation”, von denen wir in ihren Reden einiges mehr an Besonnenheit erwarten dürfen. Mal am Rande bemerkt: Irgendwann in naher oder näherer Zukunft werden wir vor die Frage gestellt sein, ab wann einem Neuronencomputer eine gewissen Menschenwürde zuzubilligen sei.

    Comment by frau kleist — 12. März 2014 @ 14:42

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