Letzte Zeugnisse – Brüssel 1873

Mein Freund ist eine trotzige Maske,
die der Welt vor die Füße spuckt.
Er hat mir nie ein Lächeln geschenkt,
nur Provinzküsse und rissige Lippen, -
mein Adonis unter den Bauern.


Mein Freund trägt die Künstlermaske
wie eine Trophäe durch die Gassen,
den Absinthlachen folgend.
Er liebt es, sich darin zu spiegeln, -
der Salonschreiber seiner Tage.

Er ist ein Kind der Ufer;
ruhelos die Wellen bestaunend,
tragen ihn doch nur seine Verse
über den Horizont hinaus.
Er fürchtet die nassen Füße,

Unter seinen braven Bourgeois-
Lumpen ist es heiß
wie in einem Viehstall.
Wenn er mich begehrt,
stinken sogar seine Metaphern.

doch liebt er den Aufbruch,
der große Schattenwanderer.
Unzählige Visionen und jede unbezahlbar
wie ein feuchter Traum. -
Eine Odyssee mit heruntergelassenen Hosen.

Immer ein Versprechen in der hohlen Hand,
immer ein warmer Ort im Rücken.


Immer ein Protestlied auf den Lippen,
immer diese leeren Augen.

Dieser Beitrag wurde von Flo am 6. November 2008 um 10:09 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

5 Kommentare »

  1. Was für ein Text, was für ein Schwein! Selbst die Worte “stinken”, der Text als Sumpf sondergleichen … ein Lied auf die Reue des Mörders, seiner selbst. Wenn es das Gewissen wirklich gibt, so nimmt es hier seinen Ausgang.

    Comment by Lorenz Vogel — 6. November 2008 @ 15:15

  2. Lorenz Vogel? Zwar Zeitgenosse der Protagonisten, aber hier vollkommen unschuldig.

    Comment by Flo — 6. November 2008 @ 15:48

  3. kein ausgang, alles endet wie immer alles endet was beginnt wie irres feuer leuchtet wärmt entzündet und verbrennt, un saison en enfer, verletzt nicht nur die hand, erstickt an eigner glut

    Comment by Beke — 6. November 2008 @ 19:39

  4. Langeweile ist blau. Man kann sie in der Mitte tranchieren, gleich einem Backhähnchen, am besten mit einem spitzen, frisch geschliffenen Messer. Je nach Jahreszeit und Witterung haben die Eingeweide der blauen Langeweile eine andere Beschaffenheit. Im Winter kriechen die Würmer etwas weiter unter die Erde, in ein zwei Metern Tiefe überwintern sie. Für jede Frau, die er in seinen kalten Betten liebte, entzündet Didier eine Kerze, die läßt er solange brennen, bis sie von selbst erlischt.

    Comment by crysantheme — 7. November 2008 @ 00:35

  5. Hinab glitt ich die Flüsse … bis ins Herz der Finsternis. Wovon man nicht reden kann … das erklärt zumindest die leeren Augen. Aber den warmen Ort, warum im Rücken? Warm ist als Gegenteil von kalt eher lau, eine Reise in die Tropen allerdings im Sinne von Winterflucht kaum nachzuvollziehen. Wer spricht?
    Freund, enttäuschter Geliebter? Anklage gegen Traumfeuchte und Protestlied, die 68_Markenzeichen_der_Pornoindustrie gleichermaßen … Wer ist es, der hier seinen Freund in der dritten Person anspricht? Ist das nicht die gleiche Geste wie am kritisierten vorgefunden wird? Voila, der Text ist ein Dialog – eine Art dialektischer Maschine im Namen der Poesie

    Comment by ein kritiker, der vermeidet, sich selbst als wohlmeinend zu bezeichnen — 13. November 2008 @ 01:07

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar