Herr Klopsig und Frau Edelsüß (4)

Künstler und Angestellte

Eine Gruppe wartete auf Herrn Klopsig, zwei oder drei Frauen und drei oder vier schwule Jünglinge. Herr Klopsig wußte nicht, woher sie wußten, daß er genau an dieser Stelle vorbeikommen würde. Sie warteten beim Zwischenhändler, wo er zwei neue Sorten Märkischen Weines bestellt hatte. Offenbar handelte es sich um eine Vorkostertruppe. Seitdem Berlin von Exilanten aus Niedersachsen und Hessen überflutet wurde, bildeten sich jeden Tag neue Berufsstände heraus. Die meisten konnten sogar ein Diplom oder einen Meister vorweisen. Sie gaben sich als freischaffende Künstler aus. Insgeheim aber strebten sie in ein Angestelltenverhältnis mit festgelegten Urlaubstagen und Weihnachtsgeld. Letzteres gab es schon lange vor der Sintflut nicht mehr. Cyrano Tyranno, der sich erinnern konnte, daß seinerzeit derartige Zuschüsse gezahlt wurden, außerdem Urlaubsgeld, hatte Herrn Klopsig einmal davon erzählt.

Herr Klopsig lebte nicht schlecht von seinen Märkischen Weinen, doch Angestellte konnte er sich nicht leisten. Er war froh, wenn er Frau Edelsüß nicht zu sehr auf der Tasche lag. Ab und zu kam es vor, daß er einmal klamm war. Materielle Abhängigkeit festigt die Beziehung. Davon wußte man vor der Sintflut nichts, oder man wollte es nicht mehr wissen. Bis zu einem gewissen Grade. Herr Klopsig wandte sich den freischaffenden Künstlern zu, die sich ihm als Vorkoster in fester Anstellung anboten. Unabhängig von Geschlecht und sexueller Ausrichtung teilten sie ihm ihre Ideen und Eindrücke von den sagenhaften Märkischen Weinen mit. In Wirklichkeit schmeckten sie leicht säuerlich, ein bißchen nach halbvergorenem Apfelwein.

Um sich von dem schmeichelhaften Geschwätz zu erholen, trabte Herr Klopsig aufs Klo. Dort hatten die Jünglinge eine neumodische Installation aus Plastik angebracht. Die Brille war hochgestellt und vollgepißt. Ein Klebestreifen sollte verhindern, daß man runterrutschte. Herr Klopsig benötigte eine Weile, ehe er mit der Installation zurecht kam.

“Wie lange braucht der denn?” fragte einer der Jünglinge.

“Laßt uns irgendwo auf einer Sandbank in der Stadt treffen”, schlug Herr Klopsig vor.

“Sie wollen also von uns nichts wissen?” erwiderte eine der Frauen.

Die Gruppe trollte sich, und Herr Klopsig hatte seine Ruhe, mit einem Gefühl von Verlassenheit im Magen.

Dieser Beitrag wurde von Viktor am 11. November 2008 um 13:32 Uhr geschrieben.

Genre: Gemütstiefe

1 Kommentar »

  1. lass uns treffen, ich ungeduldig, meine bank nich mehr leben

    Comment by ali wallra — 29. November 2008 @ 01:23

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar