Zwei unsichtbare Wesen [2, 5]

Ich zitterte. Dieser Bahnhof war ein Ort des Jüngsten Gerichts. In meiner Phantasie malte ich mir aus, wie auf der einen Seite, weitab vom Eingang des riesigen Gebäudes, eine Gruppe Reisender, gerade dem Zug entstiegen, versucht, zur Straßenbahn zu gelangen, die doch sonst immer den Schwall der von den Schnellzügen ausgespuckten Gestalten an ein Ziel im weiträumig ausgebreiteten Rund der Häuser dieser Stadt verteilte. Heute aber gab es kein Durchkommen. Die Leute drängten sich dicht an dicht in der großen Halle, während draußen Lautsprecherdurchsagen tönten und mit dem blechernen Klang ihrer Schallverstärkungsmaschinerie jedem Anwesenden klar machten, dass die gewohnte Ordnung der Dinge an diesem Nachmittag Anfang Oktober außer Kraft gesetzt war. Wer aber setzte mit der Kraft seines Willens, und wodurch hatte er überhaupt diese Kraft? Wer wurde hier versetzt, wer geriet ungewollt in Bewegung, in welche Richtung wurde er gedrückt vom Strudel der Ereignisse? War denn dieser Ort tatsächlich zu einem riesigen Schachbrett geworden, an welchem zwei unsichtbare Wesen unerbittlich um die Vorherrschaft in Raum und Zeit kämpften, wissend, dass jeder ihrer Züge unwiderruflich und das Ende nur darin bestehen konnte, entweder die Spielfläche ganz leer zu räumen – so leer wie eine Wüste – oder aber eine der beiden menschlichen Hauptfiguren, zu viel der Ehre für einen Namen wie den des Königs, in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken bis auf den eigenen Atem, der die Fülle neuer Gedanken gebiert?

Dieser Beitrag wurde von Zhenja am 11. November 2008 um 23:22 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

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