Entropie [3, 1]

Der Minister saß in seinem Arbeitszimmer und spürte noch den Krampf, der vor fünf Minuten seinen Bauch heimgesucht hatte und nun seinen Körper mitsamt der Gliedmaßen in eine elastische Starre versetzte, als sei das harte Parkett unter seinen Füßen eine Tierhaut, über den Hohlraum dieser Welt gespannt, um den stummen unendlichen Weiten des Raums, den sie anderswo Himmel nennen, wenigstens die Andeutung einer wirbelnden Reaktion zu entlocken, von Trompeten oder Fanfaren ganz zu schweigen. Der Minister war bereits ein ziemlich alter Mann, doch wenn er sich aufregte, konnte es gut und gerne geschehen, dass er auf die anderen Anwesenden einen Eindruck hinterließ wie ein dreijähriger Junge in der Blüte seines Willens. Der Minister galt als jähzornig, und wenn sich einer der Gegenstände auf seinem Schreibtisch wirklich einmal seinen Zorn zugezogen hatte, war es sehr schwer, den Status quo der Dinge dieser kleinen Nische innerhalb des Gebäudes, das die Ordnung der Welt begründete wie ein Skelett die Stabilität der Haltung eines Wirbeltiers, auch nur im Entferntesten aufrecht zu erhalten. Genauer gesagt, in solchen Augenblicken pflegte sich alle Raumstruktur aufzulösen, und der Mensch, welcher da inmitten der kreisenden Mühlräder seiner Arme stand und ein tüchtiges Stück Arbeit in der Zerkleinerung diverser Materiebrocken leistete, glich einem Dämon, der als Werkzeug der Entropie seine Daseinsberechtigung zumindest darin haben musste, dass er half, den gesetzmäßig herankommenden Zustand des Wärmetodes, in dem sich dereinst alle Teilchen unseres physikalischen Universums wiederfinden werden, bereits hier und jetzt mit der Ahnung seiner Realität zu versehen, getreu der menschlichen Einsicht: Aufräumen können wir hinterher – jetzt aber gilt es, den fernen Blaumann hoch oben, falls es ihn immer noch geben sollte, endlich einmal zum Erzittern zu bringen.

Dieser Beitrag wurde von Zhenja am 22. November 2008 um 01:07 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

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