Fasten in der Vorweihnachtszeit

Mc Geiz war die Avantgarde der Saison. Zwischen Bügelstärke, Kochwäsche, Scheibengardinchen, Plastikrosen, Chefhasser-Kaffeetassen, Persipan mit extra viel Süßstoff, Barbiepuppen und Frauenarzt Dr. Mühsal entdeckte ich eine Paperbackausgabe mit der Photographie echter, malvefarbener Tulpen auf einem grünem Umschlag. Der darin enthaltene Text, so verhieß die Titelaufschrift, war das Meisterwerk der literarischen Décadence, Joris Karl Huysmans Roman Gegen den Strich, gut und gerne zu erlesen bei germanistisch bedingter, durch nachhaltige Inferioritätskomplexe chronisch am Gedeihen gehaltener Antriebslosigkeit in abrissreifer Jugendstilvilla im über 30 Quadratmeter großen Salon ohne Zentralheizung – aber mit Wanne und fließend Wasser… Allen dumpfen und weltfremden Träumern, die Fragen um ihrer selbst willen stellen, zum Trotz: Bei Mc Geiz liegen mögliche Antworten.

Dieser Beitrag wurde von Gesche Blume am 4. November 2017 um 18:34 Uhr geschrieben.

Genre: Gemütstiefe, Rezensionen

18 Kommentare »

  1. So ist das immer. Die Studenten hier tragen keine Bücher unter ihren Armen. Bloß Einkaufstüten vom Kaufland gegenüber. Seltsam, fast alle haben eine Packung Eier in der Hand. Der ganze Korridor riecht nach Tütensuppe. Für den knorrenden Magen. Unten, im Studentenclub, gibt es Kaffee für 70 Cent. Heute Abend Heroinparty. Quatscht, wieder mal verhört. Du hörst wieder nicht richtig zu. Wie immer. Heute ist Halloween. Also eigentlich erst übermorgen, aber da ist Sonntag und am nächsten Tag jagen sie wieder Credits. Das Leben ist kein Pudding. Wirklich nicht. Auch nicht mit Erdbeergeschmack. Das Leben ist ein Sechserpack Eier vom Kaufland. Die kann man dann ans Buchregal nageln. Die Packung, nicht die Eier. Hat aber trotzdem mal einer versucht. Kommt alles vor. Er hätte sie auch vergolden können. Die Packung. Und die Eier. Ach.

    Comment by Studentenwohnheim Borsbergstraße — 5. November 2017 @ 19:57

  2. Baukunst oder Revolution? Die Revolution lässt sich vermeiden. Das beginnt beim Studentenwohnheim. Das muss schön sein. Nicht bloß Quader mit Dusche und Küche auf dem Gang.

    Comment by The Radiant City — 6. November 2017 @ 12:12

  3. “Allen dumpfen und weltfremden Träumern, die Fragen um ihrer selbst willen stellen, zum Trotz”

    Fragen haben etwas Vulgäres, etwas Verlogenes an sich. Den Drang nach Erkenntnis. Auch nur ein Drang, auf den man gut und gern verzichtete. Viellleichtt kommmt dass aless vonn derrr Schule,

    immer5 fragt6 sie7 was8 sie9 schon10 weiß000

    Comment by Pfeilmuster — 7. November 2017 @ 08:24

  4. Warum sollte der Drang nach Erkenntnis verlogen sein?

    Comment by Ich frage, also bin ich (vulgär)? — 7. November 2017 @ 12:19

  5. Der konnte sich vergolden gar nicht leisten. Bloß nageln.

    Comment by La cite radieuse — 7. November 2017 @ 19:19

  6. Just because something is golden, it does not mean, that it is beautiful. It is form, that is it that is beautiful. Proportion constitutes beautiness. That’s not evil. By the way: I would like to tell you this wonderful joke, an old joke from the defunct German Democratic Republic. It’s beautiful: A German worker gets a job in Siberia; aware of how all mail will be read by censors, he tells his friends: “Let’s establish a code: if a letter you will get from me is written in ordinary blue ink, it is true; if it is written in red ink, it is false.” After a month, his friends get the first letter, written in blue ink: “Everything is wonderful here: stores are full, food is abundant, apartments are large and properly heated, movie theaters show films from the West, there are many beautiful girls ready for an affair—the only thing unavailable is red ink.” And is this not our situation till now? We have all the freedoms one wants—the only thing missing is the “red ink”: we “feel free” because we lack the very language to articulate our unfreedom. What this lack of red ink means is that, today, all the main terms we use to designate the present conflict —“war on terror,” “democracy and freedom,” “human rights,” etc.—are false terms, mystifying our perception of the situation instead of allowing us to think it. The task today is to give the protesters red ink.

    Comment by Slavoj — 7. November 2017 @ 19:30

  7. Nur die wilden Malven sind malvenfarben. Die im Vorgarten, die haben viele andere Farben. Aber die sind angezüchtet. Zivilisiert.

    Comment by Farbenlehre — 7. November 2017 @ 21:54

  8. Brennt die Mülltonne an!
    Die neben den wilden
    Malven, damit

    Der Souverän
    endlich
    die aus den Vorgärten
    unter seinen Schutz stellt.

    Comment by Gedicht, nicht poetisch — 15. November 2017 @ 11:52

  9. Immerhin friert das Lyrische Ich stilvoll.

    Comment by Kunstwissenschaftler — 15. November 2017 @ 21:49

  10. In diesem Blogg kann man wirklich nur schwarze Buchstaben schreiben. Alles, der Text, die Kommentare, alles in Schwarz. Schwarz auf Mintgrün. Nur die Überschriften sind rot. Und der Nachsatz: Dieser Beitrag wurde von Gesche Blume am 4. November 2017 um 18:34 Uhr geschrieben.” Und das Genre: Gemütstiefe, Rezensionen. Alibirot. VOm Algorithmus zugeteilt.

    Comment by Blaumeier — 15. November 2017 @ 21:51

  11. Malvenfarbene Tulpe. Das klingt wie tulpennfarbene Malve. Molekulargarten eben.

    Comment by Dreisternegärtner — 15. November 2017 @ 21:53

  12. Was wäre wohl Jugendstil heute? Überall Smartphones als Deko? Als Gardine, als Teppich, als Nachthemd, also Tür?

    Comment by Rotkäppchen — 15. November 2017 @ 21:55

  13. Tür wohin?

    Comment by Petersilie — 15. November 2017 @ 21:56

  14. Die Tür zum verlogenen Drang nach Erkenntnis. Das Smartphone hat ja nichts mit Erkenntnis zu tun. Sondern zum Drang daran vorbei. Gleich regnet es. Gegen den Strich gibt es als Kindleausgabe für 0,49 Euro. Die Tür ist aber keine Tür. Sondern eine Erinnerung. Das Smartphone ist dein Jugendwerkhof. Damit du nicht aus deiner Rolle fällst. Das klingt jetzt krass. Echt kress. Aber denk mal nach, was das mit deiner Birne macht.

    Comment by Pädagogik — 15. November 2017 @ 22:00

  15. Ey, Admin, deine Autorechtschreibkontrolle, schalte die mal ein, das kann ja keiner ertragen, diese Fehler hier.

    Comment by Korrektor und Lektor — 15. November 2017 @ 22:03

  16. Vor der Tür: Verschreiben macht verloren, so wie Erkenntnis (manchmal) verlogen macht. Gehen Sie auch so gerne verloren (wie ich)? Gegen den Strich: Können Sie sich Des Esseintes mit Smartphone vorstellen? (Oder auf? Einem S.)

    Comment by Gesche Blume — 15. November 2017 @ 22:26

  17. Ihre Zigarren qualmten und stanken wie Rauchkohle. Während Cyprien seine Hose, die aufgegangen war, zuknöpfte, rief er: »Zwei Stunden lang in einer Ecke herumsitzen, zappelnden Hampelmännern zusehen, Handschuhe beschmutzen und Gläser verschmieren, ständig auf der Hut sein, sich wegstehlen, sobald die Hausherrin auf der Suche nach einem Tanzopfer wie ein Wilderer durch die Räume streicht, wenn du das angenehm nennst, obwohl du dich, seit man dich verheiratet hat, daran gewöhnt haben magst, nun, dann bist du nicht wählerisch.« André zuckte die Achseln, spuckte Tabaksaft aus, der ihm wie Pfeffer im Mund brannte, und sagte nur: »Pah, man gewöhnt sich daran!«

    Comment by Joris-Karl Huysmans: Trugbilder — 15. November 2017 @ 22:57

  18. Das wird uns als Angebot neuer Freiheiten verkauft. Der McGeiz. Aber es ist ja doch nur eine Reduzierung unserer Freiheiten. Verlorensein heißt frei sein.

    Comment by Zombiekonzept — 18. November 2017 @ 08:53

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