Zielsicher

Die Großküche atmete Ungewissheit – ein herzzerreissender Aufschrei und von einer auf die andere Sekunde stand alles still. Zwanzig Augen starrten auf die Neue.
“Pippilotta”, hatte die ältliche Küchenchefin ihr eingebläut, “dies wird zähes Fleisch, klopfst du es zuvor nicht windelweich!” “Jawohl, Frau O.”, hatte sie artig geantwortet und war ein wenig enttäuscht gewesen, als ihr freundlichstes Lächeln von Frau O. nur mit einem teilnahmslosen, ja fast abwertenden Blick zur Kenntnis genommen worden war.
Jetzt sah sie das weiche Fleisch unter ihrem halb herunterhängenden Nagel hervorquellen.
Es schmerzte sehr – und doch atmete dieses sensible Fleisch nun Luft. Geschwängert mit Kartoffelwasserdampf und Zwiebelkuchenduft, um genau zu sein.

Pippilotta war hin- und hergerissen: dieser Schmerz, wie sollte sie damit umgehen?
Manchmal kam ihr das Pochen wie eine Befreiung vor, ein anderes Mal war sie wütend auf sich, ihn (wenn auch unabsichtlich, wie ihre innere Stimme stets betonte) gerufen zu haben.
Pippilotta war fünfzehn Jahre alt, fast sechzehn (wie ihre äußere Stimme stets betonte) und arbeitete zur Probe in der Großküche. Sie lebte mit ihrer Mutter, eine Kriegerwitwe, in einer Nissenhütte am Rande der Stadt. Ihr Leben drehte sich um Kartoffeln, Zwiebeln und zähes Fleisch.
Doch war sie – verglichen mit ihrer Situation vor einigen Jahren – nicht unzufrieden. Das ewige Heulen der Siren war verklungen, der Feuerregen weitergezogen und auch das tausendfache Knurren leerer Mägen hallte nicht mehr von kahlen Bunkerwänden wider.

Nun träumte sie davon, dass ihr einer der wenigen verbliebenen Männer den Hof machen würde und sie ihn in zwei Jahren heiraten könnte. Sie wollte einen Kinderwagen schieben, eine Küchenmaschine bedienen, das Bett machen und ihren Mann glücklich einschlafen sehen – nach gierigen Küssen und ach so süßem Schmerz.
Am Nachmittag traf sie in der überlaufenen Arztpraxis Nils. Seine Ohren standen etwas ab und sein Lächeln war leicht schief, sie wusste, dass ihre Mutter seinen Gesichtsausdruck als verschlagen bezeichnen würde, doch für sie war er einfach nur wild. Der Schmerz in ihrem Finger pochte nun in Einklang mit ihrem Herzen. Sie glaubte an das Gute im Menschen, an den Unterschied, den ein jeder zu bewirken vermochte. Nach dem erfolgreichen Verbinden ihres Fingers durch einen Arzt durfte Nils sie, aufgeplustert wie ein galanter Retter, nach Hause bringen.

Fünfzehn, fast sechzehn Jahre später verurteilte sie der Bundesgerichtshof dazu, ihre Beiwohnung nicht teilnahmslos geschehen zu lassen. Auf die Aussprache von Gefühlen, die Nils verletzen könnten, müsse sie, um der Erhaltung der seelischen Gemeinschaft willen verzichten, auch wenn sie das Opfer der Beiwohnung nicht bejahe.
Viktualia, ihre burschikose, viel zu freizügige Tochter übte sich derweil mit den Schmuddelkindern in freier Liebe. Blowing in the wind.
Wo war der süße Schmerz nur geblieben?, klagte Pippilottas innere, ergraute Stimme, als sie, zähes Fleisch weichklopfend, das Abendessen vorbereitete. Plötzlich drehte sie sich auf ihrem Stuhl halb um und ließ den Hammer auf ihre nackten Zehen fallen.

Dieser Beitrag wurde von Faron Bebt am 25. Oktober 2014 um 11:43 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

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