Es beginnt sich zu drehen [2, 10]

Doch die Gegenstände blieben still. Es war nicht jene Stille, deren Flüstern das Verrinnen der Zeit mit einer grellen Kontur versieht, ohnmächtiges Zittern im Innenraum mühseligen Atems. Und jene Stille nicht, welche das Meer hinterlässt im Nachlassen des Sturms. Es war so still, dass die im Zimmer versammelten Dinge nicht anders konnten als zu schweigen, nichtssagendes Dahinvegetieren der Atome in ihren elektromagnetischen Bindungen. Die Schriftzeichen blieben stumm, jede Stimme, die ihnen eine und sei es noch so ferne Verbundenheit hätte geben können, blieb unartikuliert. Mir war, als ob die Luft versteinerte.

Du kramtest in meiner Plattensammlung. Ich folgte dir mit verzweifelten Blicken. Alles, was mein Herz beim Schlagen bis zum Überschlag erregte, glitt unter deinen Fingern hindurch, ich war in einem Zustand, der dem rotierender Vinylscheiben unter dem Diamanten einer Abtastnadel bis auf jenes Haar glich, welches den plötzlichen Sprung mitten in der Musik verursachte, ohne auch nur etwas vom Wirken der eigenen Existenz in der schwingenden Parallelwelt dieses Zimmers zu ahnen. Etwas blieb an dir kleben. Ich sah es in dir zucken, ein kurzer Impuls, wie wenn einen steilen Berg hinabrollende Steine plötzlich auf ein Hindernis treffen. Mit den ersten Akkorden legten sich zwei Arme um meinen Hals, und alles um mich herum begann zu kreisen, sich zu drehen und sich um ein unsichtbaren Zentrum herum zu bewegen.

Dieser Beitrag wurde von Zhenja am 8. Januar 2009 um 02:08 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

3 Kommentare »

  1. als ich aus der tür trat, stolperte ich über einen schneehaufen. er barg etwas hartes in seinem inneren, einen eisigen eisernen kern, ich brach mir den fuß. als die sanitäter mich auf der bahre vorbeitrugen, erkannte ich in dem schneehaufen mein zugeschneites auto.

    Comment by moros — 9. Januar 2009 @ 15:42

  2. Wenn die Batterie leer ist. Meine Plattensammlung war verkauft. Das restliche Hab und Gut konnte ich lässig in einer Jutetasche mit mir führen. Meine Kleidung war reif für die Biotonne. Ich streifte mir den Jutesack über. Rauh scheuerte das Material auf meiner ach so empfindlichen Haut. Das Ekzem am Ohr begann zu jucken. Ich dachte an Thomas Mann, der in seinen Tagebüchern von ähnlichen Leiden berichtete und gab es auf. Ich riss mir den Jutesack vom Leib, lief nackt bis zu meiner Villa, sagte dem Boten adieu und glitt unter die Daunendecke. Ich zündete mir eine Cartier light an und bestellte ein Orangensoufflee. Dann bat ich die Comtesse, eine Scheibe meiner Lieblingsband auf den Plattenteller zu legen. Das glatte Vinyl war blickdicht wie die 80er tights an meinen Beinen, deren straffende Wirkung effektvoller ist als die einer Anti-Cellulite-Krem. Ich leckte genüsslich meine Orangenfinger ab und badete meine Gehörgänge in exquisiten Rhythmen.

    Comment by crysantheme — 23. Januar 2009 @ 18:29

  3. Vor der Tür trat ich in einen Hundehaufen. Hart war er nicht und mein Auto fand ich auch nicht darin. Der Duft von frischem Hundekot zog windig zu mir herauf.

    Comment by femme dandy — 23. Januar 2009 @ 19:17

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