Fremdheit : Familie

Nie hat mein Vater um seinen Vater
getrauert. Fröhlich erschien dem Kind
die Besatzung in Polen : was für ein guter
Job (sagt man heute). Gefolgt

vom schnellen Tod auf der Krim. Fünf
war mein Vater. Als sein Vater starb.
Vermißt gemeldet. Hat mein Vater seinen Vater
nie vermißt (sagt er). Drüberweg

gehen & weiter. War die Maxime.
Für Gefühle zuständig : der kleine Bruder
durfte weinen. Mein Vater : der große Bruder
die große Hoffnung. Ein Musterschüler

der’s allen gezeigt hat. Seine Begabung
Nachhilfe zu erteilen. Auch seine Frau
gewann er mit Beharrlichkeit (was man heute
leichthin stalking nennt) : er liebt

den schnellen Schritt. Beherrscht
vom Gedanken : vorwärts & rasch
vergessen. Liebt er sich selbst (wie wir alle).
Mein Vater. Mein trauriger Vater.

Er ist ein großer Zerredner & flieht
lebenslang vor der Trauer.

Dieser Beitrag wurde von Alberto Cahier am 17. Januar 2009 um 18:31 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

4 Kommentare »

  1. Wir kleben an der Vergangenheit, am Elternhaus. Wie Fliegen am Fliegenpapier: Losreißen geht nicht, man will ja leben bleiben, festkleben, nicht abheben – so isses eben.

    Comment by fliegenpapier — 19. Januar 2009 @ 20:14

  2. Die Schneedecke hatte sich über dem Balkon geschlossen. Ich schaufelte eine Bucht und ließ die Finger über das verzinkte Geländer gleiten. Blass löste sich der Schnee auf den Fingerspitzen auf und tropfte zu Boden. Ich sehne mich zurück nach Westen, nach Hause, Flashback, über zwanzig Jahre zurück, ein schneebedecktes Feld, zu Abiturszeiten. Du sprichst von einer Beharrlichkeit, die man heute leichthin “stalking” nennt. Der Schnee wird glasig unter meinen Füßen. Die Junge, sie war so beharrlich. Unter ihr gefror der Boden oder die Schneedecke blieb, festgetreten von ihren Spuren. Sie hatte so viel Platz, Raum, Zeit. Nun sind einige Quadratmeter Balkonfläche oder eine 17 Zoll Bildschirm der Raum, der übrigblieb. Eine Lawine kommt herab, während ich den Hof betrete und das verbrauchte Papier entsorgen will.

    Comment by femme dandy — 19. Januar 2009 @ 20:28

  3. Die Mutter schien mit Flügeln umherzugehn. Überhaupt, die ganze Sippe schien aus Engeln zu bestehn. Und die Erde war nicht Erde, denn die war schmutzig, voller Pfützen und schlechter Menschen, die sich laut stritten und mit aufgestütztem Ellenbogen bei Tisch saßen. Es musste der Himmel sein, in dem wir lebten. Der fleißige Vater, der morgens um 7.00 Uhr entschwand, von einer glänzenden Limousine davongetragen, der abends um 8.00 Uhr wieder zur Tür hereinschwebte, wie eine Erscheinung, Gute Nacht Papaa. Die stille Mamaa, die nicht wußte, wie furchtbar es war, wenn sie ihr endloses, bleiernes Schweigen über uns verhängte. Die nichts ahnte davon, daß der Scheuerlappen, den uns die alte Minna um die Ohren schlug, die erträglichere Lektion war, die zwar rote Streifen hinterließ – aber die Seele nicht ritzte.

    Comment by Beke — 19. Januar 2009 @ 20:47

  4. da ich gerade überlege, ob ich nich doch nochmal werden soll und der text ja offensichtlich den regeln der alten rechtschreibung folgt, würde mich interessieren (so der autor den konjunktiv ebenso achtet wie ich, als programm dieses algorithmus): würde das vorletzte wort des vorletzten verses nach der rechtschreibreform noch genauso geschrieben werden wie vorher? Also mit zwei err??

    Comment by stefan ban ach, kontrahierender operator — 14. Februar 2009 @ 10:51

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