Hawaii

Martin hatte angerufen und gesagt, dass es ihm schlecht gehe. Ob wir uns treffen können, war er ohne umschweife zum punkt gekommen.
Klar, hatte ich geantwortet.

Was ist los? fragte ich ihn.
Martin ist mein bester freund, und mein einziger.
In der zeitung las ich, dass ein radioteleskop auf Hawaii die am weitesten entfernte galaxie entdeckt habe.
Dreizehn komma acht milliarden lichtjahre entfernt. Dreizehn komma acht milliarden jahre sei das all alt. Die galaxie liege damit am rand des universums.
Was beunruhigt dich daran, fragte ich.
Wenn sich das all ausdehnt, waren wir vor dreizehn komma acht milliarden jahren eins mit dieser galaxie.
Wie konnte sie uns verlassen und sich derart weit entfernen? Weißt du eine antwort darauf?
Ich schaute ihn nur an.
Stell dir vor, das licht, das sie auf Hawaii von dieser galaxie empfangen haben, ist so lange unterwegs gewesen, wie das all alt ist. Genauso gut könnten wir heute am rand des alls sein.
Was soll ich darauf sagen? Stell dir vor, fuhr ich fort, wir hätten keine radioteleskope erfunden und entwickelt, wir wüssten garnichts von dieser galaxie am rande des universums.
Und stell dir weiter vor, in dieser galaxie hätten sie radioteleskope erfunden und entwickelt, und würden damit uns in einer entfernung von dreizehn komma acht milliarden lichtjahren entdecken. Sie würden annehmen, dass wir am rande des universums lebten. Das ist in der tat höchst beunruhigend. Was mich dabei aber tröstet, ist, dass wir garnicht wüssten, am rande des universums zu leben. Denn wir haben ja kein radioteleskop erfunden und entwickelt.

Was mich aber wirklich beunruhigt, ist, dass die menschen auf Hawaii am rande des todes leben.
Martin schaute mich an.
Ich verstehe, sagte er nach einer weile, ich verstehe.

Vielleicht hast du recht. Und nach einer pause: nicht nur auf Hawaii, auch wir hier in Mitteleuropa, leben am rande des todes.
Du und ich.

 

Dieser Beitrag wurde von Werner Weimar-Mazur am 31. Mai 2015 um 21:06 Uhr geschrieben.

Genre: Erinnerungsbrösel

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