Gesternmorgen

Heute morgen, als ich auf den Balkon trat, erinnerte ich mich schlagartig an einige jener wunderbaren Tage meiner Jugend, die sich so mit sensorischen Erinnerungen aufgeladen haben, dass sie scheinbar unvergeßlich, ja geradezu unsterblich geworden sind.

Im Frühsommer, Ende Juni, kurz vor Beginn der Sommerferien, die im Norden stets recht früh einsetzen, zeichnete sich bereits in den frühen Morgenstunden ab, dass das Wetter es in den kommenden Stunden gut mit den Menschen meinen würde.

Die Luft war mild, Vögel zwitscherten fröhlich und es roch aus allen Winkeln nach Sommer. Ich zog mir dann, voller Vorfreude, eine kurze Hose sowie Sandalen an und radelte, oft mit einem Lied im Ohr und summend, zur Schule. Auf dem Weg genoß ich den anschmiegsamen Fahrtwind, schnupperte den verschiedenen Gerüchen von zarten Blumen, erwachenden Wiesen und brünftigen Bäumen nach und dachte sehnsüchtig an die hübschen Mädchen in meiner Klasse. Manchmal war ich auch ein wenig traurig, würde ich die gerade heimlich Angebetete doch bald sechs Wochen lang nicht mehr sehen.

Diese Viertelstunden, diese Frühsommermorgen sind mir heute, ein knappes Vierteljahrhundert später noch so nah, dass ich das Gefühl habe, es sei erst gestern geschehen, als ob der zehnjährige Junge in mir, mit einem Lied auf dem Lippen, voller Hoffnung und zugleich süßer Melancholie, nie verschüttet worden sei von den folgenden, dahinrasenden Jahren. Wie relativ die Zeit doch zu wirken vermag.

Und so fremdelte ich heute Morgen auch nicht mit dem Gedanke an das Alter, denn ich war mir sicher, dass mir diese so tief eingebrannten Erinnerungen an magische Stunden niemals vergehen, dass Jugend nie fern sein würde, wenn es mir stets aufs Neue gelänge, den Duft von jenen warmen Frühsommermorgen zu erhaschen.

Dieser Beitrag wurde von Faron Bebt am 13. Juni 2015 um 08:03 Uhr geschrieben.

Genre: Gemütstiefe

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