Frau Kleist bleibt (Ende einer Erzählung.)

Vyvyan stand im Türrahmen mit seinem fernen distanzierten Blick, eine dünne Säulenfigur aus japanischem Porzellan. Scheue Wildtiere wollen gezähmt sein. Wir musterten einander eine Weile. Es wurde lustvoller, das Mustern, es war diese typische “komm, gehst du mit mir spielen”-Stimmung, eine Sommerlaune, die Schulkinder in der dritten Woche der grossen Ferien überfällt, wenn die Langeweile übermächtig wird. Eine fremde, eine Traumstimmung, lastend, drückend, ohne Anfang, Mitte und Ende.

Schließlich bat ich ihn herein. In jenem Moment, als das Gemisch aus Hitze, Monotonie und Traumestrunkenheit endete. Es reichte, nur einen Rotwein zu trinken, schlecht und mit Fehlern zu lesen, den ganzen Abend schweigend in der Ecke zu sitzen. Ich war soweit, mir dies erlauben zu dürfen.

Als Eduard gegen Abend mit den Einkäufen aus der Stadt kam und die Wohnung betrat, es hinter den halb zugezogenen Scheiben zu dämmern begann, lagen Vyvyan und ich auf dem Sofa. Eduards anfänglicher Neugierde, seinem angestrengten Starren auf unsere Leiber wich bald die Alltäglichkeit dieses Eindrucks. Er schlenderte auf Korksandalen ins Badezimmer, pfiff My funny Valentine und begann sich zu rasieren.

Als es kälter zu werden begann, packten Vyvyan und ich die Koffer, ließen den verblüfften und apathischen Eduard in der Wohnung allein mit den zwergenhaften Dattelpalmen, die ständige Wärme, Tageslicht und Kannen von Wasser zum Überleben brauchten. Der Abschied war lau, und Vyvyan sah Eduard nicht einmal richtig an, als ich ihn schließlich über die Türschwelle zog. Vyvyan hustete seit drei Wochen und merkte an, daß es nun  an der Zeit sei, nach Davos zu gehen. Eduard schien froh zu sein, dass der malende Bazillenträger endlich aus seiner Wohnung verschwand, und auch mich schien er nicht zu vermissen.

[...]

Vyvyan begann mich zu langweilen, sein Husten, sein Schnauben, die pfeifende Lunge – all das wurde mir zu einem lästigen Dauerlärm. Ich drückte meine Wangen in das kühle Kissen. Wir tun was für Ihre Gesundheit! Vyvyan schlich auf langen Beinen, die immer in schwarzen Jeanshosen steckten, um mich herum, machte die Atemübungen, die der Arzt ihm verordnet hatte, hielt sich ein noch unbenutzes Taschentuch vor den Mund, nahm Tussipec und berührte flüchtig mein Haar. Dann ging er wie immer leise – allerdings erst, nachdem wie uns eineinhalb Stunden auf Eduards neuem Sofa geliebt hatten. Ich zog das Sofa danach nicht ab, ließ Eduard in der feuchten Kuhle sitzen, die sich bildete, nachdem ich nackt in Keats lesend auf dem Sofa sitzen geblieben war.

[...]

Eduard war eine Pfeife. Die Untersuchung beim Arzt bestätigte seinen Verdacht auf Inkontinenz nicht, er war als Hypochonder abgestempelt. Meine Leidenschaft für kranke Männer hingegen hatte einen empfindlichen Knacks bekommen. Mir fiel nichts, absolut nichts mehr ein zu Ärzten, Fieberthermometern, Sex bei erhöhter Temperatur und zu Sanatorien.

Dieser Beitrag wurde von frau kleist am 23. März 2009 um 14:11 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar