Pipi, Papa, Pupu, Popo… ja was denn nun?

„Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.“ (Georg Büchner)

Für manche Menschen ist der Donnerstag gelb. Oder hellblau. Vielleicht Violett. Wie Viola, das Veilchen. V wie Violett war der erste Buchstabe im Vornamen meines Geliebten. Er hieß nach Oscar Wildes zweitem Sohn. Seine Mutter mochte den irischen Schriftsteller. Schon nach unserem ersten Treffen wusste ich, dass er seinen Namen hasste. Es war der Tag, an dem wir begannen, uns oft zu treffen, als er mir

Ich riß die Finger aus dem Mund und suchte nach einem Gummiband. In meinem Nähkasten lag eines, rot und fleischig. Ich wickelte es mir um, bis die Fingerspitzen blau zu werden begannen.

Staub fiel in feinen Körnchen von einer Packung, während ich sie aus dem Regal nahm. Aus dem blau gewürfelten Pappkarton zog ich ein eckig geformtes Flakon heraus, eher unscheinbar, mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt.

Melisand hockte im Schneidersitz auf dem Sopha. Sie rauchte eine lange, schwarze Zigarette, als ich ihr Zimmer betrat, und sie las gedankenverloren in Oscar Wildes De Profundis. Sie blickte erst von dem Buch auf, als mein Parfum ihre Geruchsnerven streifte.

Was soll ich dir sagen, willst du es überhaupt wissen. Langweilt es dich nicht? Ach, ich sage dir was: manchmal langweilst du mich auch. Dein Geist ist nicht immer scharf oder kommt üppig zu wachsen, dein Körper ist oft müde und schlaff.

Meine Gedanken waren immer noch bei dem Gespräch, das ich am Freitag mit Virginia geführt hatte. Sie hatte zwar ein wenig durch die Blume gesprochen, wie sie es häufiger tat. Dennoch kam ich nicht davon los, was sie gemeint hatte, während sie es aussprach. Es hatte viel mit meinem Verhältnis zu Konrad Schmetteling zu tun. Genau genommen verband mich nichts mit Konrad Schmetteling. Es war ein Verhältnis, das sich abspielte, ohne daß etwas Nennenswertes geschah.

Melisand hatte begonnen, sich auszuziehen. Unter ihren Rüschen war sie nackt. Ihre Haut roch nach Nocturne de Caron und ich erinnerte mich vage an einen merkwürdigen Tagtraum.

Dieser Beitrag wurde von frau kleist am 24. Februar 2016 um 23:40 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

1 Kommentar »

  1. Sehe den Glanz, den längst vergessenen
    Und unterscheide für Sekunden
    Im Geigerbackground – jene wunde
    Aus tiefster Brust gepresste Stimme,

    Womit erwiderte die Freundin
    Auf erste Liebe mein.
    Noch heute kann es sein,
    Wenn Schneesturm wirbelt,

    Weil all das ohne Spur
    Verging, dass ich durch
    Fremde Leidenschaften mich
    Erinnert fühl – - ans Glück.

    12/12/1913

    Comment by Aleksandr Blok — 26. Februar 2016 @ 22:29

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