Namenloses Nest

Wir begriffen es nicht,
dieses Dorf mit dem offenen Himmel,
den verschlossenen Blicken.
Die Nachmittagssonne, die über dem
Anger lag, schien melancholisch,
als erinnerte sie sich
besserer Zeiten.

Wir mit unserem
Städterverstand liefen herum
um die verriegelte Feldsteinkirche,
vergewisserten uns ihrer Unversehrtheit,
pflückten Holzäpfel aus dem Pastorengarten,
bestaunten vermooste Grabsteine
ausgestorbener Adelsgeschlechter.

Es gab nichts zu sagen.
Wir hüteten uns, an verborgene Dinge
zu rühren, wir fanden die Worte nicht, hier
im Dorf der begrabenen Träume,
von dem vorzeiten ein Dichter schrieb,
er habe sogar den Namen vergessen
über so viel Traurigkeit.

Dieser Beitrag wurde von Antigone am 18. April 2016 um 16:02 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

7 Kommentare »

  1. gut komponiert! einzig der satz Es gab nichts zu sagen fällt hier für mich heraus: es gibt, wie der text zeigt, im gegenteil, sehr viel zu sagen. ich würde den satz daher streichen. dann kann das folgende Wir hüteten uns, an verborgene Dinge viel mehr leuchten.

    Comment by frau kleist — 19. April 2016 @ 07:58

  2. Ja, der Hinweis ist gut. Ohne diesen Satz wird auch der Rhythmus stark unterstrichen: wir begriffen, wir liefen, wir hüteten. Eine Frage: Hatten wir die Worte und fanden sie nicht, oder suchten wir sie – ignorant mit unserem Städterverstand – erst gar nicht?

    Comment by Rapunzel — 19. April 2016 @ 13:54

  3. Ich halte den Satz, daß es nichts zu sagen gebe, für absolut treffend. Er muß stehen bleiben.

    Comment by Wittgenstein — 19. April 2016 @ 19:53

  4. Liebe Frau Kleist, liebes Rapunzel, lieber Wittgenstein,

    habt Dank für euer Interesse an meinem Gedicht und dass ihr euch Gedanken gemacht habt. Euren Vorschlag werde ich mir durch den Kopf gehen lassen.

    Liebe Grüße, Antigone

    Comment by Antigone — 20. April 2016 @ 15:34

  5. An Anonymus Wittgenstein:
    ” Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.”
    ” Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt”

    An Antigone:
    Herzlichen Glückwunsch, Ziel erreicht! Das Namenlose Nest wird zum Stolperstein und geht nicht kommentarlos ein in die hier versammelte Gemeinde… So sollte es sein.

    Comment by Rapunzel — 20. April 2016 @ 16:06

  6. Damals, mit dem Modem, irgend so ein 56er, das war in den Neunzigern, da haste immer so ne Nummern vor der eigentlichen Numma vorgewählt, erst waren die Billig, und auf einmal, so ab 21.00 Uhr, da wurden die plötzlich ganz teuer, und da musstest du schnell mal auflegen und ne andere Numma vorwählen, die ab 21.00 Uhr billig war, und das stand auch immer in der Zeitung, und das hast du dann ausgeschnitten, und so warst du immer auf dem neuesten Stand … und wir wollten dann auch in den Ferien mal gemeinsam vor 10.00 Uhr in der Fußgängerzone schoppen, doch dann kamst du zu spät, und ich war auch nicht pünktlich, und so ließen wir das Frühstück aus, damals schon wolltst du immer nen halben Kaffee und ein Glas Orangensaft (gibt’s den heute noch, so ganz ohne Mätzchen und Gedöns, …) und so ein hellen Brötchen, aber am liebsten ein Croissant, und Erdbeeren im Februar … und ich hab’ jahrelang immer nur die Mahnungen bezahlt …

    Comment by Beiträge anderer Anbieter - du hattest es kapiert — 17. Mai 2019 @ 22:15

  7. …. die Mahnungen bezahlt. Deine Mahnungen. Du wolltest nicht zahlen, der Klempner kam nicht und wir badeten in der Sitzwanne aus den 50ern, die schon einen ganz braunen Rand hatte, damals in unserer ZweierWG, du sagtest, ich mach jetzt noch was Tolles, und gingst noch mal um kurz vor Sechs, im Winter, bei Dunkelheit in den Discounter, um vorne, ja ziemlich weit vorne im zweiten Regal unten links zwei Flachen Faber-Sekt zu greifen und die auf meinem Bett zu zerschlagen, aber – und für die Wanne kauftest du dann Mandelliqueur.

    Comment by frau kleist — 9. September 2019 @ 17:06

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