Featuring Tsoi : X Quadrat : Stern mit Namen Sonne

Schnee weiß, graues Eis
Auf rissigem, geborstenem Grund.
Warme Flickendecke liegt auf ihm:
Die Wege der Verkehrsknotenstadt.

Und über ihr schwimmen die Wolken,
Decken das Himmelslicht zu.
Und über ihr hängt gelber Dunst,
Zweitausend Jahre ist sie alt,
Durchlebt unterm Scheinen des Sterns mit Namen Sonne…

Und zweitausend Jahre lang Krieg
Ohne besonderen Grund,
Dieser Krieg bleibt ewig jung -
Dauerpille gegen die Falten.

Auf der Erde schwimmt rot das Blut,
Die nächste Stunde saugt alles fort,
Die nächsten zwei zeigen Blumen und Gras,
Die nächsten drei töten allen Schmerz
Und erwärmen uns durch Licht des Sterns mit Namen Sonne…

Und wir kennen das alles sehr gut,
Kennen sie, die das Schicksal liebt,
Die da leben nach anderem Gesetz,
Die da sterben, ewig jung.

Sie kennen nicht die Worte ja und nein,
Alle Namen und Ränge ein Nichts,
Recken sich bis ans Himmelszelt,
Nicht im Traum und nicht für Geld -
Fallen brennend aus dem Himmel des Sterns mit Namen Sonne

Dieser Beitrag wurde von J. W. Rosch am 23. April 2016 um 10:29 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

26 Kommentare »

  1. Hallo,

    ich erkenne die Sonne nicht wieder. Und wie sieht es aus mit dem Alter – hast du dich da nicht etwas verrechnet? Ich überlege, ob in dem Wörterwust vielleicht die Erde gemeint sein könnte – aber deine zweitausend Jahre hauen da auch nicht hin. Nun gut, buch ich ab unter dichterischer Freiheit.

    Ciao, Antigone

    Comment by Antigone — 24. April 2016 @ 07:17

  2. Hier wird ein fünfundzwanig Jahre alter Text gefeatured, der von einem damals Siebenundzwanzigjährigen stammt, welcher ein Jahr später bei einem Autounfall starb. Wo ist das Problem? Es geht um Ausdruck, Eigenschaft eines Texts. Auch Shakespeare ist lange tot – was heißt das schon. Aber natürlich kann man fragen, ob die Ausdrucksgestalt zur Zeit ihrer Entstehung überhaupt verstanden wurde… Eine andere Frage betrifft den Begriff von Geschichte, der hier aufgeworfen wurde. Nun, ich meine spontan, es sei nicht der Begriff der Ackerbauern mit ihren Tempelbezirken, die jährlich von Prozessionen durchzogen werden.

    Comment by J. W. Rosch — 24. April 2016 @ 09:57

  3. Verstehe ich das richtig: Du bist so eine Art Zombie? Bist schon lange tot, aber vermachst der Nachwelt dein poetisches Vermächtnis? Finde ich spannend, ich wollte schon immer mal mit einem Zombie in Kontakt treten.

    Comment by Antigone — 25. April 2016 @ 17:10

  4. … falsch verstanden. Er meint doch nicht sich selbst, sondern nutzt den Tempelbezirk eines Verstorbenen.

    Comment by Ein Ackerbürger — 25. April 2016 @ 18:08

  5. wenn ich mich kurz einmischen darf in die diskussion hier: abgesehen von der lesart einzelner textsequenzen und der oftmals zögerlichen herangehensweise beim deuten derselben (eine herangehensweise, die in der form begründet liegt), so ist es doch ein faktum, dass das gesamt seiner texte einen das gruseln lehren kann, wenn auch auf leise art. über die sicher notwendige begründung hierfür musste ich lange nachdenken, nun kommt es mir, nach längerer krankheit, endlich zu bewusstsein: seine textstrukturen, und damit meine ich das hier präsentierte gesamtkonvolut, führt die leserschaft vom vermeintlich gesunden und als normal aktzeptierten zustand allmählich in die befindlichkeiten von demenz und psychose. wie hier schonmal jemand salopp anmerkte, da wird man doch konfus im koppe. es sind reisen ins altersheim, die uns hier verbal vorgeführt werden.

    Comment by nach adersheim — 26. April 2016 @ 09:24

  6. Nun mal langsam mit den Pferden und nicht zu grob! Abgesehen davon, dass unsere Gesesllschaft einem demografischen Wandel unterliegt, dem sich selbst Künstler bzw. zur Kunst berufende Mitmenschen nicht entziehen können, so sollte vorrangig die Kritik etwas sanfter angebracht werden. Auch im Altersheim sind wir noch feinfühlig, feinfühliger sogar, denn mit den Jahren wird die harte Kruste um uns herum brösliger wie Knochen und Geist. Die Struktur löst sich auf, auch die der Sprache, des Textes, des Denkens etc. pp…..

    Comment by tempelritter — 26. April 2016 @ 10:54

  7. und das gemüt: sonniger. trotz dieser erfahrung. sehr guter kommentar.

    Comment by altherrenriege — 26. April 2016 @ 11:09

  8. ach wenn ich doch auch so schreiben könnte wie der da. das weckt doch tote auf! und papa hat sich ganz schön rumgetrieben…

    Comment by bauernwunsch — 26. April 2016 @ 11:31

  9. “Textstrukturen”: Immer gut wenn jemand sich auskennt… “Befindlichkeiten von Demenz und Psychose” – Letzteres dürfte der Schreibende erlebt haben, Ersteres wohl kaum, es sei denn es handelte sich bei ihm um den Erfinder des heute einzigen Medikaments zur Therapie (www.jungbrunnen.de / Sponsor “AphaSI AG”…) womit der ganze graue Humor zögerlicher Deutung wirksam wird. Vielen Dank!

    Lustig wird’s lustig wird’s
    immer dann, immer dann
    wenn im Walde so im Felde
    die Metametaphern schrei’n

    “verstanden”-”verstehe”-”verstanden”: Was mich selbst an der obigen Version tagelang irritiert hat, betrifft ihren offensichtlichen, verkürzt allegorischen Bedeutungskern – das Ikaros-Dädalos-Motiv. Alles deutet hier auf Selbstmord, am geschlossenen Fenster stürzen – lautlautlos – brennende Gestalten vorbei? Von einstmals selbst gefallenen Engeln aktiv in die Tiefe gezerrt??
    Die heuer siebenundzwanzigjährige russische Originalversion ist da wesentlich vorsichtiger. Ich muss zugeben, das Cliché im Kopf schreibt offenbar – gerade beim Übersetzen – immer mit. So ist sie, die Schwäche des Denkenden zu Zeiten permanent schneller Bewegung. Mit Abstand gesehen ist das Entscheidende doch die Modalisierung, die im dritten Vers der letzten (Halb-)Strophe beginnt und sich syntaktisch bis ans Textende erstreckt:

    er/sie kennt (kennen) nicht die Worte ja und nein
    erinnert (sich nicht an) nicht Ränge noch Namen
    UND IST FÄHIG sich zu recken bis zu den Sternen
    ohne zu glauben das sei (nur!) Traum
    und zu fallen [entflammt vom] Stern mit Namen Sonne…

    “Der Clou”: die Fähigkeit, von der im Original die Rede ist, ist gar nicht auf die – offenbar sinnlose – Realisierung der analogischen, weil Bildsprache angewiesen!! Dieses Fallen ist bei aller Konkretheit des In-sich-Zusammenfallens nach dem Akt (von Konzentration, Ausschüttung oder was weiß ich…) als Beschreibung von Intensität (innerer Zustand) gerade kein (kein!) “Fallen vom Himmel”; und als “Fallen aus dem Himmel” krankte es – so wie obige Version – an der Illusion der Dauerhaftigkeit solcher Zustände. {Der gleiche Denkfehler liegt vor, wenn “Glück als Bankkonto” mit dem Glücksmoment verwechselt wird, da die Frohe Botschaft eintrifft.}

    Vielleicht noch ein Wort zu “Tempelbezirk eines Verstorbenen”: Ja, so ist die Popkultur, in der wir leben. Alles Zombies?! Glücklich, wer sich da noch im Wald vor seiner realen Kindheit oder im virtuellen Restraum einer – zukunftsfixierten? – Problemfokussierungsmaschine aufzuhalten in der Lage ist

    Comment by J. W. Rosch — 26. April 2016 @ 20:57

  10. ist der “graue humor” eine erfindung ihrerseits? an was denken sie dabei? grau ist doch die farbe der unauffälligkeit, des diffusen, sie atmet, richtig angewendet, mitunter vornehmheit und ist mit der umschreibung “die graue maus” eindeutig zu kurz gegriffen.

    Comment by crysantheme — 27. April 2016 @ 08:05

  11. “womit der ganze graue Humor zögerlicher Deutung wirksam wird” – der Fokus des propositionalen Aktes liegt auf dem Wirksamwerden eines Ganzen, wohl in Opposition zum Unwirksambleiben eines Halben. Hier spricht sich eine Art Quantentheorie des Humors aus: Witze sind Ausdrucksgestalten, Humor dagegen Regungen. These: Jeder Regung liegt (die passive Synthese einer) Gestalt zugrunde.

    “der ganze graue Humor” – Aliterationen könnten als “nicht von dieser Welt” gelten; die Frage an den Wirkungsforscher wäre die nach dem (Er-)REgungspotenzial zu verschiedenen Zeiten, in differenten Situationen.

    “grauer Humor” – tja, hat es sich für Hugo Friedrich wirklich gelohnt, Arthur Rimbaud “die kühne Metapher” zuzuschreiben/anzudichten? Was würde der Post-Romanist zu Grodek-Trakls blauen und braunen Wesenheiten zu sagen haben? Aus der Distanz beurteilt erscheint das alles als grauer Raum, wenn auch – mittlerweile durchsichtig.

    Und: ewig grau ist die Maus, so wie alles Internet, so auch wir – stäbchenfrei…zäpfchenträume “gegen die Falten”

    Comment by J. W. Rosch — 27. April 2016 @ 08:35

  12. Das “erwärmen” ist eine reine Erfindung des Übersetzers. Im Original ist mit (Krov’) “pokryta” (Lucami zvezdy) lediglich von einem Verdecken die Rede, wobei der verstorbene Sänger in manchen Versionen an dieser Stelle auch “zakryta” artikuliert zu haben scheint: also noch mehr – - der Stern deckt mit seinem Licht nicht nur die “blutende Erde” zu (wie Schnee) [Relationsmodell eines genitivus objectivus], was als Metapher erkennbar wäre, sondern verdeckt sie [intentional] geradezu – - – eine klare Beschreibung unserer Gedächtnisfunktion

    Comment by Russe — 7. Januar 2017 @ 11:03

  13. Also doch! Putin hat was mit Trump. Haben sich auf der Datenautobahn gekuschelt. Melanie war sauer, die Rolle der Prinzessin Leila wurde ihr weggeschnappt. Putin trägt ukrainische Schnecken an den Ohren. Schönstes Flachsgold. Sind die Schamhaare von Trump eigentlich schwarz?

    Comment by Kreon — 7. Januar 2017 @ 12:02

  14. Gedichte sind keine Behältnisse.

    Sehr geehrte/r KommentatorIn Kreon,
    bitte erklären Sie mir den Bezug Ihres Kommentars zu obenstehendem Text.

    Zum Prinzip: Putin, Trump & Kreon sind die eine Seite, Tsoi hat damit nun gerade nichts zu tun.

    Comment by J. W. Rosch — 9. Januar 2017 @ 22:04

  15. nein, gedichte sind in der tat keine behältnisse und es muss auch nicht gleich die tupperparty mit dem passenden gefäß für jede verslänge sein. aber finden sie nicht auch, dass die gedichte mittlerweile das format von einbauschränken erlangt haben? der technologische fortschritt macht auch hier nicht halt.

    Comment by shränk-culture — 10. Januar 2017 @ 00:29

  16. Zwischen der Aussage : Die Kunst ist ein Schrank , und der : Manche Gedichte haben mittlerweile das Format von Einbauschränken erlangt , liegen Welten. Wenn letztere Aussage so gemeint wäre , wie sie da steht , müsste ich meinen , dort schriebe jemand nicht über Dichtung

    IRONIE IST EINE ATOMBOMBE wie umgekehrt LOGIK AUSSERIRDISCH IST aber

    gedichte sind nur gedichte weil gedichtet sind nur gedichte weil

    Comment by J. W. Rosch — 12. Januar 2017 @ 09:09

  17. Wieder mal typisch: mich ignorieren hier alle. Aber das ist nur der altbekannte Humano/a zentris muss

    Comment by Ixquadrat — 22. Januar 2017 @ 09:59

  18. Packung Zigaretten

    Ich sitze und gucke in einen fremden Himmel, aus einem fremden Fenster
    Und sehe keinen einzigen mir bekannten Stern.
    Ich ging über alle Straßen, hier und dahin
    Drehte mich um- und konnte nicht mehr die Spuren erkennen.

    Aber wenn in der Hosentasche eine Packung Zigaretten ist,
    (heißt das) ist alles ist gar nicht so schlecht, am heutigen Tag.
    Und das Flugticket für das Flugzeug mit dem silbrigen Flügel,
    das abfliegt, und der Erde nur den Schatten hinterlässt.

    Und Niemand wollte schuldig sein, ohne Schuld (auch Wein)
    Und Niemand wollte (Sprichwort) sich mit den Händen Anderer einen Vorteil verschaffen,
    Aber ohne Musik ist der Tod der Welt nicht rot,
    Aber ohne Musik will man nicht verbleiben (sich verirren).

    Aber wenn in der Hosentasche eine Packung Zigaretten ist,
    (heißt das) ist alles ist gar nicht so schlecht, am heutigen Tag.
    Und das Flugticket für das Flugzeug mit dem silbrigen Flügel,
    das abfliegt, und der Erde nur den Schatten hinterlässt.

    Comment by Viktor — 12. August 2017 @ 10:37

  19. Ein Chanson, lieber Viktor? Von Dir übersetzt?

    Comment by Eleadora Stein — 12. August 2017 @ 10:48

  20. Eine Wohnung kann nie
    zu groß sein.
    Du kannst
    in Kathedralen wohnen.
    Ein leeres Zimmer,
    nie zu klein

    Comment by Allegorie — 12. August 2017 @ 10:59

  21. Wer wird an meine Haustür klopfen?
    Tur auf: gegrüßt seist du.
    Tür zu: laß mich in Ruh.
    Die Welt pulst jenseits meiner Tür.

    Comment by Pierre-Albert Birot — 12. August 2017 @ 11:03

  22. Also das ist jetzt bestimmt nicht der echte Viktor. Der echte der nimmt so Doppelpunkte und so.

    Comment by Willi, Bibliothekar — 12. August 2017 @ 14:41

  23. Da oben sind doch Doppelpunkte.

    Comment by Dachschaden wegen Kupfermangel — 12. August 2017 @ 14:58

  24. Nein. Das ist der Viktor Robertowitsch Zoi. Das Lied heißt “Patschka Zigarett”. Und die Zigerattensorte: “Lieblingsmarke”.

    Comment by Kino — 12. August 2017 @ 15:09

  25. Lieber Dachschaden: ein Kupferdach schützt gegen Blitze. Und wenn man mit Hybris infiziert ist, da sollte man eben bestimmte Dinge nur in Hütten mit Kupferdach denken. Zum Schutz.

    Comment by Erklärung — 12. August 2017 @ 15:12

  26. Eine Packung Zigaretten

    Ich sitz’ hier, trinke Bier und seh’ den fremden Himmel an, auch der Fensterrahmen ist fremd,
    Sehe dort nicht einen einzigen mir bekannten Stern.
    Ich lief alle Wege ab, ging im Shirt, ging im Anzug oder Hemd,
    und ich drehte mich um – alle Spuren ganz fern.

    Aber wenn du Zigaretten in der Tasche hast,
    heißt das – dieses ganze Leben ist doch gar nicht so schlecht,
    und ein Ticket für den Silberflügelflieger da noch mit hinein passt,
    der beim Abheben nur seinen Schatten hier lässt.

    Aber niemand sollte schuldig sein ohne Grund.
    Aber niemand sollte satt sein mit fremdem Bauch.
    Und Musik ist, was dem Tod auf dieser Erde fehlt.
    Und Musik ist, wie der Tod, in der Luft ein Hauch.

    Aber wenn du Zigaretten in der Tasche hast,
    heißt das – dieses ganze Leben ist doch gar nicht so schlecht,
    und ein Ticket für den Silberflügelflieger da noch mit hinein passt,
    der beim Abheben nur seinen Schatten hier lässt.

    Comment by Tsoi — 19. August 2017 @ 15:17

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