So hätte es sein können: Ein erfülltes Liebesleben

its only raining because of you.

Bis mein Liebesleben sie hinwegfegte. Die Wand des Hauses war weit entfernt, aber ich erkannte die Gestalt, die mir mit einem Arm zuzuwinken schien. Dann verschwand der Arm wieder. Die Fassade zeigte ihre Arabesken und ich ließ mich willig auf das Spiel ein. Ein Mann stand dort. Was tat er an diesem Abend auf dem weiten Platz? Wusste er, daß ich oft hierherkam, war er hier um mich zu treffen? Ich ging schwungvoller und streckte die Arme über dem Kopf. Ich fühlte mich schlank und groß. Wie leicht ging ich in den schwarzen langen Stiefeln, sie klangen, aber nicht hart, ich ging sicher und leicht. Der weite Platz war zu einem Karussell geworden und die Häuser waren Kunstwerke. Die Gestalt rückte näher, sie war es, dunkelhaarig, bleich und schlankwüchsig. Ich taumelte darauf zu und küsste die kühle Wand.

Ich traf Melisand in der Cafeteria. Sie trug eine dunkle Brille, wahrscheinlich um ihre Augen zu schonen. Die Sonne schien mäßig an dem Tag. Ich erkannte Melisand nicht gleich, doch dann umarmte sie mich. Ich nahm ihre Hand. „Was hast du da in deiner Tasche?“ Melisand lächelte geheimnisvoll. „Zeig’ ich dir später. Ich habe einen Hunger nach dem Vormittag. Tierisch. Ich könnte mit dir zwei Wildschweine verspeisen.“ Melisands schlanke Beine steuerten auf einen kleinen Tisch am Fenster zu. Wir setzten uns. Melisand bestellte Erdbeerkuchen, ich holte mir einen Salat vom Buffet. In meiner Tasche hatte ich einen lilienroten Lippenstift. Ich nahm ihn heraus und begann, Melisandes scharfkonturierte Lippen nachzuzeichnen, sie auszumalen, die jetzt von der Sonne ausgeblichen waren. Dann küsste ich sie (auf den Mund). Sie setzte ihre Brille endlich ab und wir sahen uns lange schweigend in die Augen.  Eine Frau im weißen Kittel nickte uns zu und stellte ein großes Stück Erdbeertorte mit Schlagsahne vor Melisand hin. Melisand aß davon, langsam und bedächtig, wie sie es immer tat. Sie pulte mit ihrem Löffel eine Erdbeere aus der Geléemasse und schob sie mir in den Mund. Sie lächelte wieder, öffnete ihre Tasche und zog ein unscheinbares, aber noch fast druckfrisches Taschenbuch heraus. Es waren Gedichte und Theaterstücke eines französischen oder belgischen Autors, im Original. Das Lächeln stand beständig auf Melisands Gesicht. “Melisand, gib mir noch eine Erdbeere, bitte.” Melisand zog die letzte Erdbeere von ihrem Kuchen und wir zerteilten sie zärtlich von Mund zu Mund. Dann … klappte sie das Buch auf. Und las Gedichte in französisch, die überschrieben waren mit Titeln wie Langeweile oder AquariumErwartung oder Nachmittag.

Wie die Menschen gingen, wenn sie sich in den Straßen, den Gassen, den Alleen bewegten! Sie gingen unsinnig langsam, eigentlich gingen sie gar nicht. Sie betraten ein Geschäftshaus, ein Büro, die Bahn, die sogleich nahezu lautlos von der Stelle glitt. Sie sprachen untereinander in ihren Konventionen. Doch ich hatte Melisand nur noch einen flüchtigen Kuss geben können, bevor sie hinter den sich schließenden Türen der Bahn verschwand. Einen Moment stand ich gedankenlos an der Haltestelle, fand dann die Straße, in der ich wohnte. Ich war schon an der Haustür angelangt, als mir einfiel, daß Melisand mir die Adresse von dem Krankenhaus gegeben hatte, in dem Vivian lag. Ich zog die Notiz aus meiner Jackentasche und starrte eine Weile blind darauf. Dann warf ich sie weg. Wie Melisand mich angesehen hatte, als sie mir das zerknitterte Zettelchen reichte.

Der Zeitreisende (denn so wollen wir ihn der Bequemlichkeit halber nennen) war im Begriff, uns eine geheimnisvolle Sache darzulegen.

(H.G. Wells, Die Zeitmaschine)

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 1. Juni 2016 um 23:27 Uhr geschrieben.

Genre: Erinnerungsbrösel, Wortmysterien

2 Kommentare »

  1. Meinen Sie wirklich?

    Comment by Trasher — 8. Juni 2016 @ 09:18

  2. Sonne??

    Comment by Pust vsegda — 24. Juni 2016 @ 10:36

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar