Chorin (5)

Geschichte

Neun zu elf wie elf zu dreizehn,
annähernd? Woher
die Gewissheit, dass es morgen
genauso werden könnte
wie es heute
ist?

Aber wie
ist es denn?

Ruinen wachsen & wachsen
wieder empor,
verschollen
ihre einstige
Grazie.

Wieder wachsen
die Illusionen, annähernd
alles wird gut -

dem Besseren feind
bleibt es, was es
ist … ewig
unwirklich; bleibt

nichts als Schattenland
aufgeplusterten
Trümmergefühls:

Verglichen mit der Zeit
ihrer Entstehung ist
jede Renaissance
bereits eine Lüge.

Schaffet das Neue! Was
hat es mit dem
Alten zu tun?

Romantik ist Lüge
im Quadrat.

Barock war die Er
findung des Falschen,
der Fälschung.

An der granitenen Pforte
aber
entscheidet sich das
Schicksal, Klima für
hundert Jahre.

Dieser Beitrag wurde von J. W. Rosch am 18. September 2016 um 20:49 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten, Rezensionen

4 Kommentare »

  1. Ich fühl mich heut so leer, ich fühl mich Chorin…

    Comment by Brandenburger — 18. September 2016 @ 21:22

  2. Lieber Autor Rosch,

    ich kenne Chorin, dieses Mal der Macht der Kirche zu einem bestimmten Abschnitt deutscher Geschichte. Aber was schreibst du dazu?
    Das Gedicht täuscht eine Tiefe vor, die es nicht hat. Sicher, es braucht bei manch einem Überwindung, über wirkliche Geschichte eines Klosters schreiben zu können, zumal in der heutigen Zeit, wenn sogar die angeblich säkulare Regierung ihren Eid auf die Bibel schwört. Chorin hat also vor allem eine Kirchengeschichte. Kein Wort dazu im Gedicht. Stattdessen ergehst du dich laienhaft in der Architektur, die du besser den Architekten überlassen solltest. Du stellst Behauptungen auf, die jeder Begründung bar sind. Nein, Romantik ist nicht die Lüge im Quadrat, sie ist das erbärmliche Muckertum vor der Macht, und Barock ist nicht die Erfindung des Falschen, sondern baulicher Ausdruck der Macht des Feudaladels. Und was “jede Renaissance” geht, da erweist du dich als Vertreter des reaktionären Spießertums. Zum Schluss noch das Schicksal, das hatte ja noch gefehlt in dem ganzen Brei. Nun fehlt nur noch, dass Literarisches Forum auch hier von einem “Hochkaräter” spricht. Mit “Hochkarätern” sind wir hier ja ausreichend bedient.

    Gruß, Antigone

    Comment by Antigone — 19. September 2016 @ 06:37

  3. Da es Ihnen, liebe Antigone, scheinbar fehlt bzw. Sie es spöttisch herbeisehnen: auch Chorin 5 ist ein Hochkaräter! Sperrig, kopflastig, unbequem. Weiter so, lieber Rosch und Co.: “Schaffet das Neue!”, entlarvt die Lüge der Sozialromantik und bringt Licht in das “Schattenland”! Das hier sind Zeilen, die eines guten Kommentars auch wert sind. Der Rest ist Schweigen…
    Nebenbei sei zum einen angemerkt, dass Rosch im wahrsten Sinne barocco ist, eine “schiefgerundete Perle” eben, das ist der Reiz, der sich nicht jedem entschließt. Und das ist auch gut so! Zum anderen möchte ich solche “Lyrik” ganz weit oben im Buchladen sehen: hier ist Freiheit, hier ist Luft. In der Mitte der Regale langweilen sich die weichgespülten Buchstaben in gesetzter Form. Kopf hoch und Augen auf, wer was Gutes lesen will!

    Comment by Das Literarische Forum — 19. September 2016 @ 08:39

  4. Antigone!

    Nehmen Sie bitte die folgenden Zeilen als aufrichtigen Ausdruck meines Mitgefühls beim Beobachten Ihres Versuchs, den blinden weisen Vater so zu beerdigen, wie es sich für einen Mitbürger und Handelspartner gehört. C’est café. Noir.
    Sie schreiben: “ich kenne Chorin” – wussten Sie, dass Oedipe ein Wahlchoriner war? Meine Frage also, was kennen Sie, und was n i c h t ? Als Fremdschuster mit Eigenleisten kann ich mich durchaus in die Höllenqualen hineinversetzen, die das enttäuschte Vertrauen des Titelanwärters beim jährlichen Preisskat der guten Seele bereiten muss, wenn der sonst verlässliche Dorfschulze sich beim Reizen (Anbieten der Initiative) vorzeitig zurückzieht, mit dem Ergebnis, dass man allein auf den ganzen Versprechen und verkündeten Vorhaben sitzenbleibt, wie manche Legastheniker am Ende der vierten Klasse. Alles für das Wohl des Volkes! Es lebe. Immer die Sonne.
    Weiter: “Behauptungen, (…) die jeder Begründung bar sind” – ja das ist doch hier gerade Ausdrucksprinzip! Und folgerichtig reagieren Sie genauso, wie die profane Logik von Denken und Handeln es erwarten lassen. Sie bauen eine Mauer durch den Blogg. Bravo, muss ich es endlich nicht mehr tun und kann meine Themen langfristig dennoch gut platzieren. O-ton Oedipe: ‘Die List der Vernunft ist so listig, dass sie ausschließlich im Schlaf zuschlägt. Dieser aber ist Traum und gebiert Ungeheuer. Neutral gesprochen: Ungeheueres.’
    Fast: “Zum Schluss noch das Schicksal” – Der Preisskat wurde ausgerechnet in jenem Jahr vom vor vierhundert Jahren zugereisten Eigendörfer gewonnen. Die Ironie dabei, es war im Frühjahr neunzig. Zwei Monate später begegnete des Wahlchoriners Lieblingsnichte unter der Eiche am Ufer hinter dem Klostergarten dem geschickten Gebahren des Salburgers von Salmünster. Oedipe: ‘Nennen wir es Literatur. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.’

    Gruß,
    Micha

    Comment by Rosch — 22. September 2016 @ 08:54

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