Denken ohne Gewalt

Chap. IV

Eduards Putenwelt

Zum Dekadenten muss man talentiert sein, man muss
seidene Nerven besitzen, die beim geringsten Luftzug
ein verwirrendes Stimmungs-Tremolo tanzen. Endlich
in den Handgriffen und Kunstpfiffen der Selbstpeinigung
Routine haben. Kommt zu dem allen noch eine
rationelle oder auch unrationelle Dosis von eleganter
Pose, ein Kursus in der Akademie für höhere Schminkkunst
- so ist der Dekadent fix und fertig.

Ottokar Stauf von der March in Die Gesellschaft 10, 1894/5

„Wie lange war Venus bewohnbar?“ Eduard stellte die Frage wie ein Lehrer. „Fast zwei Milliarden Jahre. Genug Zeit für eine Zivilisation. Heute sagen wir, sie war von Anbeginn zu nah an der Sonne. Wir haben einen Mond, wir sind das Gleichgewicht, Venus der Borderline-Case, die galoppierende Schwindsucht. Um sie herum ein heißes, bernsteinfarbenes Licht. Die Venus ist ein Symbol für uns geworden, für etwas…“

Eduard unterbrach sich, als Esther den Saal betrat, „fast nur russische Sonden sind dort gelandet, das Auge mit der Sicherheit längst geschmolzener Sonden machte sie für uns zu einem Kunstwerk. So wie die Venus von Botticelli eines ist, und so, wie das Modell unseres Zykluses es für uns getan hat. Esther hat etwas davon verstanden.“

Die Idee sei Denken ohne Gewalt gewesen. „Eduard, ich weiß jetzt auch, warum du uns vor dem Kochen klar gemacht hast, dass gewisse Dinge einfach nicht in Frage kommen. Ich pflichte dir bei, Puten werden nicht gegessen. Ich bin dafür, dass sie ihre Augen weiter ganz lebendig offen halten und uns beobachten, damit wir Teile der wahren Putenwelt werden können.“


Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 28. Dezember 2017 um 22:05 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

10 Kommentare »

  1. Was meinen Sie mit dekadent?

    Comment by SGB II — 30. Dezember 2017 @ 11:50

  2. Er meint sich selbst und seine Zeitgenossen.

    Comment by crysantheme — 30. Dezember 2017 @ 12:04

  3. Der Horror dieser Soße lässt sich nicht beschreiben. Ketchup und Mayo. Typischer deutscher Einheitsfraß. Der Hummer schwimmt in Butter. Der Bordeaux ist wärmer als die Kartoffeln. Das Dessert stammt wahrscheinlich aus einer Tube sowjetischer Kosmonautennahrung.

    Comment by Dinner zu zweit — 30. Dezember 2017 @ 13:46

  4. Da hat sich der Aufwand ja gelohnt. Die ganze Raumfahrt für die Kunst.

    Comment by Juri gagarin — 30. Dezember 2017 @ 13:50

  5. Sie haben Recht. Nach fetten Weihnachtsgänsen, Enten und Schwänen liegt mein Text Ihnen schwer im Magen. Aber das liegt nicht (nur) an der Soße.

    Comment by crysantheme — 30. Dezember 2017 @ 16:24

  6. Aber die Sauce. Die Sauce!

    Comment by Alfred Biolek — 30. Dezember 2017 @ 21:11

  7. Auf den Fotos der ersten Sonde sahen sie: eine Statue von Amenhotep III., einen Schwan, und, zu ihrer großen Überraschung, die Sonde selbst.

    Comment by Wostok — 30. Dezember 2017 @ 21:56

  8. Dieser Planet ist, in kontemplativer Absicht betrachtet, eine unglaubliche Zumutung. Bitte niemals anfassen…

    Comment by crysantheme — 30. Dezember 2017 @ 22:41

  9. This is a suicide world.

    Comment by Slavoj — 1. Januar 2018 @ 14:02

  10. Eduard, Eduard – du bist ein Schwernöter.

    Comment by Kreon — 2. Januar 2018 @ 21:04

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar