Mauern

Als ich in deinem Schatten saß,
lag noch Schnee auf den Bergen.
Von den Grashalmen zitterte der Tau
auf deine Hand.
Du flochtest Geduldsfäden
in dein Haar,
und aus deinem Mund sprangen Grillen.
Keine streifte mich
in jener Vormärzsonne,
als ich meine Finger zwischen Halmen verbarg.

Unsere Lippen hielten einander
nicht Wort.
Am Abend schlich das Schweigen
als Raubtier aus den Büschen.
Zwischen zwei Genickbissen
liebten wir uns manchmal
oder wir stiegen
unter rauchigem Himmel
auf Mauern,
die von innen
an die Schädeldecke stießen.

Dieser Beitrag wurde von Sigune am 21. Oktober 2016 um 19:07 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

1 Kommentar »

  1. Sigune, bevor es hier umgeblättert wird: Es bewegt mich jeden Morgen aufs Neue und schmerzt. Man sagt so beiläufig, ein altes Ehepaar würde sich irgendwann angleichen und nur noch aus Gewohnheit zusammenbleiben. Doch wann genau setzt die Gewohnheit ein und wie sieht sie aus? In diesen Zeilen steckt für mich die Antwort: die Geduldsfäden, das Raubtier, die Genickbisse, die inneren Mauern…
    Es ist eine andere Sigune, die hier schreibt. Eine verstörende. Das gefällt mir.

    Comment by Das literarische Forum — 26. Oktober 2016 @ 08:08

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