Bertrand et Martine

Bertrand ist ein hauttyp. Jeden morgen geht er nackt in den kleinen park, drei straßenzüge von seiner wohnung entfernt – die leute nennen ihn den Warschauer Platz, weil sich dort abends polen treffen und von zuhause erzählen – und lässt sich von den krähen die haut blutig picken.

Es war nicht leicht, die tiere dazu zu bringen. Es bedurfte viel geduld, monatelanger anstrengungen. Zuerst brachte Bertrand den vögeln futter mit, teile von geschredderten hühnerküken aus der legebatterie am stadtrand. Sorgfältig verteilte er ein paar meter vor sich auf dem splittweg kükenköpfe mit schnäbeln daran, kükenbeine ohne flaum. Stundenlang saß Bertrand dann ganz still und unbeweglich auf der bank. Und wartete.

Nachdem sich die krähen trotz seiner anwesenheit getraut hatten, das bereit gelegte futter zu holen, verkürzte er nach und nach den abstand zwischen sich und den kükenteilen. Schließlich legte er diese auf seine ausgestreckte hand, seinen oberschenkel oder seine schulter. Später wiederholte er die zeremonie nackt. Bis die krähen begannen, das futter vorsichtig von seiner haut zu picken.

Dann ging er dazu über, die toten küken mit paketschnur an seinen nackten armen und beinen festzubinden, so dass die vögel nur mit gewalt an ihr futter kommen konnten und ihn dabei blutig picken mussten. Schließlich verzichtet Bertrand ganz auf die küken. Die krähen wurden wilder und gieriger. Am ende belohnte er sie mit ganzen küken anstatt nur teilen.

Eine alte frau von schräg gegenüber beobachtete Bertrand regelmäßig bei seinen übungen. Seine haut wurde unansehnlich und wund. Immer öfter blutete sie und entzündete sich.

Manchmal rezitiert Bertrand laut oder in gedanken gedichte von Rilke, Verlaine und Cummings.

Eines tages traf Bertrand Martine. Sie war neu in der stadt und sprecherin eines internetforums für junge borderlinerinnen.

Dieser Beitrag wurde von Werner Weimar-Mazur am 25. Oktober 2016 um 19:18 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

9 Kommentare »

  1. aus welcher inspirationsquelle stammt der fettdruck? irgendwie ein fremdkörper

    Comment by fettdruck? — 25. Oktober 2016 @ 20:09

  2. das soll als längerer text angelegt sein, und somit bedeuten die fettdrucke kapitelüberschriften (1. kapitel: bertrand, 2. kapitel: martine – ist übrigends nur der anfang, jetzt kommt ja erst was zu ihr – usw.). die hiesige überschrift ist eine notlösung und der eingabemaske in solchen foren geschuldet

    Comment by werner — 25. Oktober 2016 @ 20:20

  3. Wie ist denn Bertrand (ein schöner Name übrigens) an die geschredderten Küken gekommen?
    Gruselig. Alles. Und noch unstimmig. Bertrand und Martine sind ja nun nicht geläufige Namen unserer Breiten. Der Warschauer Platz indes doch.
    Trotzdem: Wie geht es weiter? Mein Kopfkino sagt: Das nächste Date ist im Schredderhof. Und am nächsten Morgen bekommen all die kleinen Vögelein mal endlich was Ordentliches…

    Comment by Das literarische Forum — 26. Oktober 2016 @ 07:58

  4. Dass ich das noch erleben durfte! Eine Lobpreisung des Masochismus! Aber schon bezeichnend, dass sich der Autor wie so viele andere auf psychische Krankheiten konzentriert. Weil ja sonst nichts passiert. Ich hoffe, dass der Protagonist am Ende des erst noch zu schreibenden Romans von seiner Krähenmacke geheilt wird. Damit es einen amerikanischen Schluss gibt: Happy-End!

    Gruß, Antigone

    Comment by Antigone — 26. Oktober 2016 @ 08:56

  5. Die geshredderten Vögel scheinen ein Symbol für den Text zu sein. Zusammengesetzt aus Elementen, von denen nur spekuliert werden kann: sind sie einander fremd, wurden sie voneinander getrennt, nicht als Ganzes erkennbar? Gibt es einen Zustand davor? Oder ist die Trennung das Eigentliche und sollten wir auf den Rhythmus der Fortschreibung warten? Ein Rätsel.

    Comment by crysantheme — 26. Oktober 2016 @ 09:25

  6. Masochismus? wo bitte steht im text, dass bertrand lust bei seinen schmerzen empfindet, wo? nirgends! also bitte keine falschen behauptungen, noch dazu völlig aus der luft gegriffenen und nicht aus dem text. lesen sollte man schon können, besonders bei literarischen texten. etwas mehr genauigkeit bitte frau schulmeisterin, oder soll ich Ihnen meine brille reichen? nehmen wir den text, oder besser seine motivik doch einfach mal nüchtern und als literarischen text auch bildhaft, symbolisch, ja vielleicht sogar transzendent. was wird hier eigentlich gesagt bzw. beschrieben? ein masochist, ein psychisch kranker? oder doch das innenleben einer gesellschaft, einer kultur, die sich selbst zerstört? fast zwanghaft, und mit system! sich totem bedienend. und mit publikum. dass dies nicht ästhetisch oder schöngeistig, als verzückendes romantisiertes gemälde funktionieren kann, liegt auf der hand. aber bleiben wir zunächst beim text: dieser kann genauigkeit in der betrachtung durch einen leser erwarten! nicht mehr und nicht weniger hat er (sich) verdient.

    Comment by werner — 26. Oktober 2016 @ 21:03

  7. Auf der von Glassplittern übersäten Promenade sitzen noch schläfrig die Tauben. Der Penner, der seit dem Sommer die zweite Parkbank links als Nachtquartier nutzt, hat sich eine Pappe untergelegt. Gegen die Kälte. Vor der Bank Bierflaschen und ein Korn. Ich ziehe meinen Mantel fester um die Schultern. Die Haut schützen.
    Das “Guten Morgen” hinter mir ist zu laut. Martine?

    Comment by Rapunzel — 27. Oktober 2016 @ 07:38

  8. ich sehe schon, das wird noch eine gute gemeinschaftsarbeit …

    Comment by werner — 27. Oktober 2016 @ 19:12

  9. …und genau das hat mich angestachelt! Es träumte mich, die Partitur weiterzuschreiben, siehe: “Bitte bevorraten Sie sich”, demnächst hier im vertrauten Programm!

    Comment by rapunzel — 29. Oktober 2016 @ 21:12

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