Insas Zimmer

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Unter langen Gardinen verweilt der Mief aus der Kaiserzeit. Verblichene Riegel aus Edelmetall sind in die Fensterrahmen geschraubt worden, vor mehr als zehn Jahrzehnten. Georg geht zum Fenster, schiebt die Vorhänge zur Seite und öffnet es. Er sieht Kinder ihre Schlitten scharfkantig durch den Schnee ziehen. Im Zimmer wird es kalt. Insa ist mit dem Zug aus der Stadt gefahren. Draußen auf dem Flur spricht jemand am Telefon, lacht, wie gefällt dir mein neuer Hut, die Mieterin, die hier unterkommt, wenn Insa die Stadt verlässt, mit dem Zug und unbestimmt lange. Insa sagt “gleich werde ich gehen”, das Lavendelwasser auf der Haut und im fusselig grauen Schal scheint es zu wiederholen. Und heimlich, Sekunden, bevor sie sich herumdreht und die Treppe endgültig hinunterläuft, haucht sie ihre flüchtigen Gedanken auf eines der türkisblauen Blätter im Fensterglas. Wer geht mit mir spazieren, wer traut sich, ruft sie noch, dann ist sie fort. Sie macht es wie die Kinder da draußen im Schnee, die sich sprühende Schlachten liefern. 

Georg hält ein vom Atem bereits angelaufenes Trinkglas in der Hand. Die Uhr des Kirchturms vor dem Fenster zeigt auf die Zwölf. Immer ist er oben, egal ob die Zeit steht, flieht oder fällt. “Ein Zeiger, der sich weigert, mit unseren Körpern zu gehen.” Georg will diesen Satz notieren. Er klappt das Notebook auf und klickt Buchstaben ins Helle. Im Flur, auf der Anrichte, liegt sein Skript. Er blättert, schiebt zur Seite, markiert. Spürt einen beißenden Schmerz im Handrücken. Vor ihm surrt ein Schatten in eine Ritze im Putz. Er gehört der gemeinen Stechmücke, sie überwintert im Warmen, oder fällt vom Fenster totenstarr herein, um langsam wieder aufzutauen. Georg geht in das schmale Bad und hält die Hand unter den Wasserstrahl. Kehrt wieder in den Flur zurück,  lässt die Blicke zur Decke gleiten, über die Kabel hinweg. Das Licht nackter Glühbirnen müht sich, in all die Weite und Höhe zu leuchten – und in seine Augen. Insas Zimmer müssen schon beim Erstbezug mit Elektrizität versorgt gewesen sein. Ein Stucktorso klebt in einer Ecke. Jedes Ornament ist ein Verbrechen! Georg fühlt seine immer noch feuchten Hände.

Das Glas der Fenster ist trüb. Insa putzt es nicht. Insa hat keine Freude daran, Glasreiniger auf der Scheibe zu verspritzen und so Wassersterne zu erzeugen. In weniger als einer Stunde wird die Dunkelheit die Fenster langsam und von den Rändern her umschließen, es scheint ihm, als saugten sie selbst das Dunkel in ihre Verglasung.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 19. Januar 2010 um 22:38 Uhr geschrieben.

Genre: Prosastücke

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