Fische

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Eins

Vielleicht kann ich heute froh darüber sein, mich bei bestimmten Dingen zurückgehalten zu haben. Der Abstand zu dem, was wir gemeinhin die Realität nennen, hat in mir eine Art des Wirklichkeitssinnes geschärft, die in der heutigen Zeit rar geworden ist. So bin ich nicht den Sinnestäuschungen der Technik erlegen, halte ein Lederfauteuil bis heute für ein solches, sobald es in meinen Besitz gelangt und ich das feste und doch angenehm nachgiebige Material mit meinem Körper forme. Viele Dinge jenseits des Horizontes lassen sich erforschen, doch Meinungen und Messergebnisse gehen zuweilen unkeusche Verbindungen ein.

Glauben Sie an Astrologie? Ich finde es durchaus sympathisch, den Charakter hiernach ein wenig zu prüfen. Ich zum Beispiel bin Ende Februar geboren. Mein Sternzeichen ist somit Fische und es hat für mich nichts Verwerfliches, dass ich Nachmittagsessen mit Sushi unter blassblauen Himmeln in Lokalen bevorzuge, deren Tische glatt und abwaschbar sind. Zudem sagen meine weiblichen Bekannten seit Jahren ähnliche Sätze, sobald sie mich bei irgendeiner Gelegenheit ihren Freundinnen vorstellen. Sie sagen: “Das ist Bryan, ein typischer Engländer, nicht nur im Winter blass und – ja, es stimmt - Sternzeichen Fische.“ Viel mehr ist nicht nötig. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass wenige Worte zur Unterhaltung ausreichen. Wo es bedeutsam für mich werden kann, informiere ich mich - notgedrungen, so über die Bewässerungssysteme in Gewächshäusern oder über die Intelligenz von Kraftfahrern. Denn wenn man nachts mit ausgestrecktem Daumen an einer Autobahnausfahrt steht, hängt von ihrer Fahrweise das Überleben ab.

Zwei

Mein Gott, Bryan. Glatt und bleich wie ein Sandfisch ist seine Haut – Sandfische, Echsen, die durch den Wüstensand gleiten können wie Fische durchs Wasser. Im Vorgarten hat Bryan Tulpen angepflanzt, zu seinem Geburtstag, wie er sagt. Auch aus Einsamkeit, vermute ich. Rote Tulpen mit einer gelben Innenseite und einem schwarzlila Stempel. Aber Bryan ist eigen. In seiner Wohnung vermeide er künstliches Licht, meinte er mittags in der Suppenbar im Kreis der Kollegen. Weil die Künstlichkeit ihn störe. Das Dunkel gebe dem Ganzen Heiligkeit. Ob er kirchlich sei, fragte der Barbesitzer. „Das zeigt sich“, entgegnete Bryan. Jedes Gotteshaus habe etwas Gravitätisches und Erhabenes, da es über spitze Türme, ovale Fenster oder die entsprechende Höhe verfüge.

Ich habe nach diesen Sätzen meine Suppe sehr langsam zu Ende gelöffelt. Sie schmeckte anders als ich erwartet hatte. Bryan las die Morgenpost, die zerknittert war wie immer. Ich vermute, er las gar nicht. Alle warteten nur auf mich, und als ich den Teller von mir schob und die Rechnung beglich, sagte ich der Bedienung, die Suppen seien nicht ausreichend beleuchtet. Erst im Tageslicht, am Fenster sitzend, hätte ich die roten Beete erkannt. Nur Bryan grinste, die anderen verstanden oder hörten es nicht. Das Suppenbuffet lag hinter ihnen im Dunkeln.

Drei

Constanze mag mich nicht. Da bin ich mir sicher. Ihre Art, in der sie Sätze zu mir sagt. Sie rührt sich nicht beim Essen, sie isst wie eine Schnecke, ich meine in solch einem Tempo. Die Kollegen sagen, mach dich nicht verrückt. Constanze selbst lächelt nur. Pflückt sich die Tulpen in meinem Vorgarten, streicht mit ihnen über das schwarzlackierte Eisen des Gartentors und ich lasse sie ihr. Das übrige Grün decke ich mit Erde zu. Vielleicht stellt sie irgendwann eine von ihnen in eine Vase, die sie in meiner Spüle findet oder in einem meiner vielen Schränke. Jetzt sitzt sie mir gegenüber und schreibt reihenweise nichtige Meldungen, während ich nur lese und analysiere. Im Schreiben ist sie aktionistisch wie sonst nie. Sie streift nicht meine Beine mit ihrem Hosenrock beim Gehen, sie hält diskreten Abstand zu meinem Körper, wenn unsere Füße sich treffen unter den Tischen. Sie trägt Kopfhörer und schreibt, schützt ihre Ohren und macht mich zu einem stummen Fisch. Nur die Spitzen meiner Schuhe berühren ihre Winterstiefel. Sie hat noch nicht bemerkt, dass die Außentemperatur über Nacht um zehn Grad angestiegen ist.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 25. Februar 2010 um 17:59 Uhr geschrieben.

Genre: Prosastücke

2 Kommentare »

  1. Irgendwie will die Intelligenz der Kraftfahrer nicht in meinen Kopf: es scheint mir ein leeres Bild zu sein, vergleichbar dem Raumanspruch einer Flasche oder der Selbstbeschreibung eines Schriftstellers, der nicht mehr zu erzählen hat als “wie ich einmal versuchte, den Führerschein zu machen”. Falsches Deutsch, hässliches Denken. Entschuldigung

    Kommentar von Neal — 4. März 2010 @ 08:57

  2. Was für ein bescheuerter Kommentar … arrogant, aus dem Affekt heraus - da scheint ja jemand ein echtes Problem zu haben.

    Kommentar von Kai Flasche — 4. März 2010 @ 20:43

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