Um hier unreifes Panschen in der Literatur als Antwort zu erhalten?

Wir waren zu einer Weihnachtsfeier eingeladen. Der Gastgeber saß, schon betrunken vom gepanschten Wein, am Tisch und redete nicht mit uns. Das Essen stand bereit, jeder hatte etwas Leckeres zum Verkosten mitgebracht: als Vorspeise eine Rote-Linsen-Suppe nebst Kokos und Rote Beete, dazu herzhaftes Getreide mit Gemüseeinlage. Grüner Salat stand bereits geschnitten und zum Verzehr bereit. Doch was dann geschah, nahm uns den Atem. Unser Gastgeber stand mit seinem Glas gepanschtem Wein in der Hand auf, öffnete die Balkontür und goss sich den Wein vor die Füße! Tagsüber schüchtern, abends auf Krawall gebürstet. Als sei nichts geschehen, trat er ins Zimmer zurück, schloss die Balkontür und schlug den Untertan auf. Er hatte auf dem letzten Fest die ganze Zeit davon geredet, dass er ein Seminar zu Heinrich Mann vorbereiten müsse. Jetzt waren wir reif genug, einen Auszug daraus zu hören. Hanne neben mir knackte eine Nuss, Lisette humpelte mit ihrem gebrochenen Fuß in Gips zur Küchentür, als ob sie horchen wollte, wer da noch käme. Konrad, unser Ältester, schwadronierte von schwarzen Löchern und verfiel gleich darauf in ein Jammern, er hätte die Eiswürfel aus dem Supermarkt besorgt und wieder würde keiner Vodka trinken. Das sei nicht in Ordnung. Hanne meinte, nun läute die Stunde des Zorns. Unser Gastgeber war gerade bei der Stelle mit dem engen Garten angekommen. Wutentbrannt sprang er auf und ein Becher Glühwein landete auf Hannes frischer Hose. “Was glaubt ihr, warum ich euch eingeladen habe? Um hier unreifes Panschen in der Literatur als Antwort zu erhalten?”

Dieser Beitrag wurde von frau kleist am 17. Dezember 2016 um 20:16 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

5 Kommentare »

  1. https://www.youtube.com/watch?v=Yh2DfwLIoFo

    Silentium! Geben Sie Satisfation!

    Comment by frau kleist — 17. Dezember 2016 @ 20:39

  2. Fazit, falls du es immer noch nicht glauben willst: Das ist der geistige Horizont der Frau Kleist und Co. Jeder Kommentar erübrigt sich.

    Comment by Antigone — 18. Dezember 2016 @ 05:23

  3. Fängt die absurde Komik, ja Tragik der Situation sehr originell ein. Und auf einen literarischen Drink aus schwarzen Löchern und Wodka muss man erst einmal kommen! Man sieht: nicht nur im Glühwein, auch im Wodka liegt manchmal Wahrheit, gerade wenn er ungetrunken bleibt. Und: Wer Literatur nicht als Fühl- und Denkanstoß, sondern als Knute begreift, verkehrt sie in ihr Gegenteil.

    Comment by Jens Rudolph — 19. Dezember 2016 @ 21:53

  4. Ach, in dieser illustren Runde wäre ich gern Gast gewesen! Schön, das Original mit Stil und Klasse hier lesen zu können. Dass es leider auch anders gehen kann, wurde ja gleich zweimal fleißig bewiesen. Doch da erübrigt sich jeder weitere Kommentar. Nichts sagen auf Nichtssagendes ist vielsagend…

    Comment by Rapunzel — 19. Dezember 2016 @ 22:14

  5. Heute hab ich gepanschten Likör getrunken: Quitte mit Apfelspalten an Wacholderbeere. Und überlegt, ob ich ein Buch oder ein neues Werk beginne. Zwischen den Jahren überlegt man. Die Gedanken sind oftmals trübe und ihre Auswirkungen auf mich wie die einer Operation am offenen Herzen. Ich schenk mir noch einen ein.

    Comment by Kreon — 26. Dezember 2016 @ 19:52

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