Wie nützlich ist Kunst?

(…) Wenn Kunst nützlich sein soll oder kann, müssen wir dafür zunächst überlegen, welchen Nutzen sie haben könnte und wem sie nützt. In der Wissenschaft sprechen wir von Neugier und Nutzen – curiositas und utilitas. In der Wissenschaftsgeschichte kann man übrigens sehr schön verfolgen, wie das Erkenntnisstreben zunächst mit etwas ganz Elementarem – das Wort „Wissenstrieb“ klingt sehr elementar – zu tun hatte, nämlich menschliche Neugier zu befriedigen. Alsbald kam die Idee dazu, die Welt nicht nur zu verstehen, sondern sie auch zu verändern, also einen Nutzen aus erworbenem Wissen zu schlagen. Curiositas und utilitas sind die Universalien einer jeden wissenschaftlichen Weltbetrachtung. Wie verhält es sich aber mit der Kunst?

Wäre Kunst von Nutzen, dann könnte sie auch von Schaden sein. Kann denn Kunst tatsächlich schädlich sein? Das erinnert mich an meine Kinder, die mich immer gefragt haben, als sie zur Schule gingen, wieso es Nützlinge und Schädlinge gibt, Schädlinge seien doch eigentlich nur für Menschen schädlich. Bei der Gelegenheit habe ich gelernt, dass es eine ganz eigene, kindliche Ethik gibt, die die Welt erstaunlich unverstellt bewertet.

Wem könnte Kunst schaden? Besteht der Schaden vielleicht schon darin, dass sie allenfalls nutzlos oder überflüssig sein kann? Vielleicht ist es ja gerade ihr Nutzen, überflüssig zu sein. Aber bleiben wir noch einen Moment beim Schaden. Es gibt ja tatsächlich Kunst, die verführt, die verletzt, die beleidigt, die aufwiegelt – ja, es gibt sogar Kunst, die verblödet. Aber muss das dann immer auch schlechte Kunst sein? Oder handelt es sich in diesem Fall überhaupt um Kunst? Was also wäre schädliche Kunst? Denken wir z. B. einmal sehr ernsthaft an die kunstvollen Filmdokumentationen Leni Riefenstahls zur Berliner Olympiade 1936. Das ist großartige Ästhetik und zugleich höchst ambivalente Kunst, Kunst der Verführung. Dasselbe gilt für die Architektur Albert Speers.

Kunst gilt manchen Machthabern wiederum als gefährlich – als Gefahr für ihren Machterhalt. Kunst kann durchaus „aufwiegeln“; dann wird sie verboten, verfemt, als „entartet“ gebrandmarkt oder ins Feuer geworfen, wie Zehntausende Bücher am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz, eine Barbarei, die nun 80 Jahre zurückliegt. Bis heute werden an vielen Orten der Welt Künstler angegriffen, verboten, eingesperrt – denken wir nur an den chinesischen Aktionskünstler Ai Weiwei. Kunst wird  ernst genommen. Wäre sie unnütz oder nur um ihrer selbst willen da – so groß die Versuchung ist, das so zu sehen – hätten diese historischen Ereignisse nie stattgefunden.

(…)

Wozu kann man Kunst gebrauchen? Es kann ganz schlicht zunächst der Wiederverkaufswert eines Kunstwerkes sein, wenn ich es als Kapitalanlage sehe. Der Wert ärztlicher Kunst dagegen wird am Behandlungserfolg gemessen, der mit der richtigen Diagnose beginnt. Die Schönen Künste wiederum erfüllen ihren Nutzen, indem sie gefallen. Das ist sogar ein hoher Nutzen. Es gibt aber, wie gesagt, auch Künstler, die gerade im Sinne der Freiheit der Kunst sagen, Kunst solle und müsse völlig zweckfrei und nutzlos sein. Das sind aber vor allem Metaphern, um den Freiheitsanspruch der Kunst wie der Künstler zu unterstreichen. Ich kenne Künstler, denen es völlig egal ist, ob Ihre Werke gefallen; sie arbeiten allein um der Kunst willen.

Ich denke, keine Höhlenmalerei wäre je entstanden, wenn Kunst wirklich völlig nutzlos, sozusagen ganz frei von Zwecken wäre. Mindestens das Vergnügen der Menschen, das beim Entstehen wie beim Betrachten der Kunst eintritt, wäre ja ein Nutzen. Die Botschaft, die in solchen Höhlenzeichnungen verbreitet wird, war zudem ein wichtiges Medium des Wissenstransfers.

Also ist auch die Frage wichtig, wer eigentlich den Nutzen von Kunst bestimmt. Ist er fremdbestimmt, so tun sich sicher Probleme auf, andererseits aber gibt es Auftragskunst, politische Kunst, Plakatkunst oder Werbung. In der Humboldt-Universität gibt es noch viele Gebäude, die mit architektonischen Beigaben des „sozialistischen Realismus“ versehen sind. Das ist die DDR-Kunst der 60er und 70er Jahre, eine durchaus bisweilen qualitätsvolle Botschaftskunst, die gewissermaßen Indoktrination mit ästhetischem Anspruch verband.

Wie wollen wir das bewerten? Den Nutzen von Kunst kann man nicht verneinen. Aber bestimmt wird er von niemandem anders als vom Künstler selbst und vom Kunstbetrachter. Dann wird der Nutzen noch immer höchst unterschiedlich sein. Ein und dasselbe Kunstwerk kann gefallen – so träte der „Nutzen“ ein – oder missfallen, dann bliebe er aus, was man beim besten Willen nicht als Nutzen der Kunst bezeichnen kann (es sei denn, man hätte Freude am Missfallen). Einen objektiven Nutzen aber hat die Kunst letztlich nicht, einen subjektiven umso mehr. Erst darüber wird ihr Nutzen objektivierbar.

Allein die Frage, ob etwas Kunst ist oder nicht, hat schon viele Gemüter erhitzt. Dabei lässt sie sich einfach beantworten: Kunst setzt voraus, dass jemand da ist, der sie als solche betrachtet. Worum es sich dann im Einzelnen handelt, auch im materiellen Sinn, ist ziemlich egal. Und wer will schon bestimmen, dass Kunst als solche betrachtet werden darf oder nicht?

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Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz

13. Juni 2013

Dieser Beitrag wurde von rapunzel am 11. Januar 2017 um 20:00 Uhr geschrieben.

Genre: Rezensionen

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