Sie, in einem gesunden Körper

Lachfalter. Sie blitzen aus Vorblätterhängen. Klappen ihre Flügel zusammen und wieder auseinander. Nachtgespinste. Ich liege auf dem weißbezogenen Bett. Die Knie angewinkelt, bilden ein verkehrtes V auf der Bettdecke, ziehen Faltenstreifen ins Leinen. Der Kopf auf dem gerollten Kissen ein wenig gehoben. Mein Haar, wie es sich schon wieder wellt. Ziehe Strähnen davon als Lichtfilter vor die Augen. Lachfilter. Licht trifft meine Augenwinkel, die violette Iris, im Schattenkreis wiegt die zweite Augenkugel mit der schwarzblauen schwerer, die auf die mein Kissen drückt, das ich mit gebogener Hand knicke und das gegen mein Nasenbein liegt. Die andere Hand langt nach dem auf dem Boden liegenden Röllchen mit der Medizin. Mein Kopf sinkt nach hinten. Aus der Lichtkugel heraus. Hoffe, das Röllchen greifen zu können. Hoffe, sie sendet dabei einen Gruß an mich, sie, die noch immer in feinen, zu langen Flanellhosen hier herkommt, sich aus Prinzip in die angrenzenden Räume setzt und sie beherrscht. Sie ahmt die Vergänglichkeit nach. Einen halben Meter über mir, drei Meter unterhalb der Decke trifft mich ein dunkler ausgefranster Fleck. Feucht setzt sich etwas auf meinem Gesicht ab. Ich hebe den Arm, in dessen Hand das Röllchen liegt, nur liegt, unumklammert. Sie lebt in einem gesunden Körper. Sie hat die Welt der Worte im Planquadrat geschultert, weiße Platten mit Linien, auf die sie täglich treten kann, ganz selbstverständlich. 

Du hast sie nicht zu dir gebeten. Sie hat dich aufgesucht, gelacht, dir ins Gesicht, sie hat sogleich Tee für dich bestellt. Mit Sahne für sich, mit Zitrone für dich, so wie du es gern magst. Es beherrscht sie kein Zwang, dir Kalorien zuführen zu müssen. Wieviel Gramm Eiweiß du täglich zu dir nimmst, bleibt dir überlassen. Sie lebt in einem gesunden Körper.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 30. September 2007 um 23:54 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

3 Kommentare »

  1. eine lesbische phantasie schön platonisch (wenn es den gibt auf lesbos) nur der diätdiskurs am ende stört ein wenig

    Comment by sappho — 4. Oktober 2007 @ 22:01

  2. Eine ordentliche Neuraltherapie bei Dr. Breuer. Nach vorne denken ist mir nicht vergönnt, ich kucke immer nur hinter mich. Aus Angst vor dem, was ich da hinterlassen haben könnte, das mit dem da was nicht stimmt. Ich. Ich bin frau kleist. Und keine andere. Und schon das ist mein Fehler. “Es ist alles nicht so schlimm, man lässt es eben weiter laufen.” Ich pfeife aus dem Bauch. Leide an Magendrücken. Ich sehe, wie alles nach unten rollt, auch das Ironische, und sehe, ich würde gern glauben, es sei schön gewesen, und so klicke und klicke ich, oder ist es doch ein Wühlen im Schutt? Also grabe ich, passt alles nicht. Und während alles weiter und weiter läuft, stehen da noch diese Worte, er entglitt sich selbst, so, wie eine Straßenbahn entgleist, so, als ob die darin still stehende Zeit hochmütig über allem schwebt und lächelt. Nein, doch nicht laut lacht wie die Möwen. Sie lächelt, sie kichert, nur wenig hörbar. Diese angestaubte, 150 Jahre alte Form der Kulturkritik. Und verschwindet einfach nicht. Nur ich verschwinde in dem was weiter läuft und läuft, ich, frau kleist, und, und und

    Comment by frau kleist — 14. Juli 2017 @ 22:42

  3. frau kleist, das Gespräch mit ihr, die in einem gesunden Körper zu leben scheint, ist die Sicht eines Kranken. Was diese Sicht allerdings von der ihrigen unterscheidet ist, dass sie nicht mit der Mi(e)ne eines Wehleidigen geschrieben wurde.

    Comment by crysantheme — 15. Juli 2017 @ 21:01

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