Die Perle

Am Anfang gab es nur den Himmel und das Paradies. Im Himmel wohnte Gott mit seinen Engelscharen und im Paradies lebten Tiere und Pflanzen. Gott saß auf seinem Thron oder ging mit seinem Gefolge spazieren, und immer spielte er mit seinem Rosenkranz und ließ die Perlen der Weisheit durch die Finger gleiten.
Da geschah es eines Tages, dass dem Herrn des Himmels eine seiner schönsten Perlen, die Perle der Erkenntnis, in einem Moment der Unachtsamkeit aus den Fingern glitt und sie versehentlich auf den Boden fallen ließ. Aber sie blieb nicht vor seinen Füßen liegen, sondern durchschlug mit ihrer ganzen Schwere den Wolkenboden und fiel und fiel und landete schließlich im Paradies bei den Tieren, wo sie eine Weile über die Hügel und Täler durchs grüne Gras rollte bis sie endlich am tiefsten Punkt liegen blieb. Da lag sie nun im grünen Paradies und leuchtete zum Himmel hinauf heller als die roten und blauen Beeren, von denen sich die Tiere ernährten. Gott und seine Engel begannen zu fürchteten, dass sich eins der Tiere beim Grasen die Perle versehentlich verschluckte und sich an der schweren Perle der Erkenntnis den Magen verdarb.
Aber keins der Tiere des Paradieses interessierte sich für die weiße Perle und sie ließen sich beim Fressen und Verdauen nicht weiter stören. Vorsorglich ließ Gott an der Stelle, an der die Perle der Erkenntnis ausgerollt war, das Gras rasch wachsen und bald war sie im dichten Gras verschwunden, sodass keins der Tiere sie bemerkte. Aber auch vom Himmel aus war sie nun nicht mehr zu sehen und bald hatten auch Gott und seine Engel die Stelle vergessen, an der die Perle nun für alle Ewigkeit liegen würde. Da war nun guter Rat teuer.
Seine Engel schauten sich ratlos an. Noch nie war es vorgekommen, dass einer aus dem Himmel ins Paradies zu den Tieren hatte hinuntersteigen müssen. Es wurde lange und ergebnislos debattiert, wie man die verlorene Perle aus dem Paradies entfernen und sie wieder heraufholen könnte, damit Gott seine Perlen der Weisheit wieder vollzählig in den Händen hätte. Es machte auch sie traurig, wenn sie ihn so niedergeschlagen sahen, wie er seine Perlen betrachtete, die ihm geblieben waren, die Perle der Gnade, die Perle der Barmherzigkeit, die Perle des gerechten Zorns – über sich selbst einmal zornig, und das göttliche Vergnügen, das ihm das Spiel mit den Perlen der Weisheit seit Ewigkeit bereitet hatte, war dahin. Die Perlen der göttlichen Allmacht und Liebe glänzten zwar kaum weniger als die Perle der Erkenntnis geglänzt hatte, aber das Bewusstsein, dass er sie aus eigener Leichtfertigkeit verloren hatte, umwölkte alle seine helle Freude und die restlichen Perlen der Weisheit, mit denen er in seinen Fingern weiterhin, wenn auch etwas vorsichtiger spielte, erschienen ihm auf einmal matt und stumpf. Auch hatte seine göttliche Vollkommenheit durch den Verlust der Perle der Erkenntnis Schaden genommen. Von all seinen guten Geistern verlassen, überlegte er hin und her und schließlich fand er ganz allein eine göttliche Lösung.
Er musste ein neues Tier schaffen! Es musste ein Tier sein, das seine Perle suchen würde. Und um die verlorene Perle zu finden, musste es intelligent sein. Er würde also dem neuen Tier ein Stück seiner göttlichen Weisheit abtreten müssen, gerade genug, damit es nach der Perle der Erkenntnis suchen, aber nicht nach mehr verlangen würde. Er gab dem neuen Geschöpf deshalb ein bisschen Verstand als erstes Hilfsmittel und etwas Neugierde. Es musste gerade neugierig genug sein, dass es nach der Perle der Erkenntnis suchen würde. So schuf Gott also den Menschen und rüstete ihn mit ein wenig Hunger nach Erkenntnis aus. So machte sich das neue Tier unverzüglich auf die Suche nach der Perle der Erkenntnis, um seinen Erkenntnishunger zu stillen. Und es bemüht sich noch immer, die Perle der Erkenntnis zu finden, ohne das Warum und Wozu und die näheren und weiteren Umstände seiner Suche zu kennen.

Dieser Beitrag wurde von Herbert Kollenz am 20. Oktober 2010 um 10:22 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

3 Kommentare »

  1. Wenn schon der Allmächtige so ohnmächtig ist und die weiße Perle aus dem Kranz seiner heilig heilen Perlenkette verschusselt, Wunder über Wunder, dann brauchen wir uns doch gar nicht wundern, wenn der schmächtige Unmächtige sich nicht weiter danach bückt, sonder lieber sich doch schmückt, mit dem was grad so da ist. Ob nun Quetschperle oder Glasschliff, das Verhältnis zu Gott ist immer etwas ganz Persönliches. Und wer’s farbenfroher mag…

    Comment by fryxell — 21. Oktober 2010 @ 20:24

  2. 2. am anfang waren da viele viele kalorien. und ein großes stück zucker, das sprach zum gebieter: bitte bitte iss mich, bitte bitte iss mich”. doch du antwortetst nur, nein ich iss das nicht, nein, nein nein! so kam es, dass auch nach vielen vielen jahren kein stück zucker auf die erde fällt, denn das könnte ja dick machen, aber auch dieser kommentar wird leider nicht erscheinen, schade.

    Comment by 1 zucker — 24. Oktober 2010 @ 21:52

  3. eine Geschichte, die sehr berührt und nachdenklich stimmt.
    Zum Schlusssatz ein Gedanke von Frankl:
    Das Leben selbst ist es, das den Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr vom Leben her der Befragte.

    Comment by gileih — 22. November 2010 @ 20:39

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