Sommerfrische

Gegen Abend bereitete Vyvyan ein üppiges Menü zu. Er durfte nur wenig davon zu sich nehmen, denn das meiste, was da auf Tellern lag und in Schüsseln schwamm, löste bei ihm Atemnot aus. Eduard hatte ihn, als wir noch in der Stadt lebten, rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht. Jetzt waren wir isoliert von solchen Einrichtungen. Vyvyan gab uns ein Zeichen zuzugreifen und verließ das Zimmer.

An diesem Abend hatte ich keinen Appetit. Ich spürte eine feuchte Hand auf der Schulter und hörte dicht vor mir die Worte: „du solltest das Versmaß anders setzen, du mußt im Takt … die Monotonie …“ Ohne sich weiter zu rühren, rutschte die Hand in meinen Ausschnitt und verweilte dort. Direkt vor mir stand eine Platte mit Shrimps, die mit einer weißlich-grünen Sauce übergossen waren. Ein fischiger Geruch stieg daraus auf. Als ich mich nach links wandte, zog sich die Hand fast automatisch zurück.

“Weißt du eigentlich alles über Vyvyan, was du wissen solltest?“ Es war Eduard. Er besaß die Fähigkeit, mathematische Logik mit einem Gespür für lyrische Ströme zu verknüpfen . Obwohl er unfähig war, auch nur eine literarisch originelle Zeile zu produzieren. Alles, was er schrieb, roch nach Plagiat. Das allerdings beherrschte er so hervorragend, dass wir manchmal Schwierigkeiten hatten, Original von Kopie zu unterscheiden.

“Mein lieber Eduard, was sollte ich wissen?” Im Nebenzimmer hustete Vyvyan. Warum setzte er sich nicht wenigstens zu uns? Fast eine Stunde hatte ich nun seine Bekannten bei Laune gehalten, deren Münder verarbeiteten, was sie zwischen die Zähne bekamen. Eduard griff nach einem Hühnerbein und tauchte es in die Fischsauce. „Eine Besonderheit, die nur wenige erlebt haben, die ihm nahe standen. Ich durfte sie genießen.”  Nun meldete sich der weißblonde Junge an Eduards anderer Seite zu Wort. „Ah, es geht wieder um das Altbekannte … meine Güte, wenn man bedenkt, was da die Hirnforschung in den letzten Jahren … habt ihr Vyvyans letztes Stück gelesen, mit dem dahinter…“ Der Junge kaute eingelegte Oliven und kleckerte dabei auf seinen Anzug. Eduard zog mit den Fingern die zähe Hühnerhaut vom Fleisch und strich sie an Vyvyans leerem Teller ab. Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich zwang mich, von dem Pilzragout zu kosten, das der Junge mir von der gegenüberliegenden Seite des Tisches entgegenschob. Sein Gesicht war verschlossen, er sprach nicht gern über Vyvyan und seine Vorlieben. Sicher war es ihm nicht recht, dass ich hier saß. Das Tischgespräch behagte mir nicht. Der Weißblonde ging zu den Fenstern und schloss sie. Kein Luftzug regte sich in dem großen Eßzimmer. Mir schien, als würde es heute früher dunkel.

Ich nahm eine Kerze vom Buffet, steckte sie auf einen der gerundeten Messingständer. Dann bat ich den Jungen, sie anzuzünden. Er tat es gelangweilt, dumm und ungeschickt. Für einen Moment glaubte ich, zu ersticken. „Was soll denn das hier alles bedeuten?“, hörte ich mich, zu Eduard gewandt, fragen. „Ihr esst wie die Schweine, pudert und parfümiert euch wie die Weiber im achtzehnten Jahrhundert und verbreitet solch einen Mief, daß ein Lungenkranker umfällt.“

„Du hast zuviel im Zauberberg gelesen.“ Eduard lächelte ironisch. Ich hörte keine Geräusche aus dem Nebenzimmer mehr. „Rieche ich etwa nicht gut? Das wäre doch schade für unsere Verbindung.“ Im Freundeskreis hieß Eduard die Brüsseler Spitze, sein Wohnort kombiniert mit der Beschaffenheit seiner Zunge. Nein, er roch angenehm nach Vetiver, das musste ich zugeben.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 31. Oktober 2010 um 11:31 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

2 Kommentare »

  1. Das erinnert mich doch sehr an unser letztes gemeinsames Weihnachtsessen. Und wieder einmal müssen wir uns eingestehen: Echte Weihnachtsbäume sind einfach schöner.

    Comment by Tannenbäume — 15. Dezember 2017 @ 21:37

  2. Ich bin kein Ehepaar.

    Comment by frau kleist — 20. März 2019 @ 17:00

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