Willi warf Fleischstücke in den Schutt

Da das Imperfekt die vollendete Gegenwart ist, fragen wir uns, was in den letzten drei Tagen mit den Fleischstücken geschehen ist, die Willi in den Schutt geworfen hat. Wurden sie gegessen? Waren sie zum Zeitpunkt des Reinwerfens überhaupt noch genießbar? Wessen Fleisch wurde da in Stücke gerissen, zerschnitten, zerteilt, um als Köder für Ratten im Schutt zu landen? Woher wusste Willi so genau, dass es Ratten sein würden, die er anlockte – oder war hier der Wunsch Vater des Gedankens? Nun. Vielleicht ist das irrelevant, vielleicht bin ich ein Korinthenkacker. Willi warf Fleischstücke in den Schutt. Punkt. Wenn mich nur nicht permanent das Zipperlein der Unruhe und Ungeduld mit Willis Tun plagen würde. So eine Empfimpfung, dass es einfach nicht ausreicht, Fleischstücke in den Schutt zu werfen und abzuwarten, bis die Ratten kommen. Dass gleich der kürzeste Weg des Widerstandes gegangen wird, indem angenommen wird, dass die Ratten schon vorher da waren. Hiermit verhält es sich wie mit den Rätselbildern in der Hörzu: “Hier stimmt was nicht!” Und der durchschnittliche Hörzu-Leser verbrachte manchen Freitag Mittag damit, des Rätsels Lösung zu finden. Hier stimmt was nicht. Dieser Satz führt nahezu immer zu einer zwanghaften Beschäftigung mit Dingen, die eigentlich nutzlos sind. Ob sie das Hirn auf Trab bringen, sei dahin gestellt.

Dieser Beitrag wurde von schwaene werden nicht gegessen am 12. Juli 2017 um 20:45 Uhr geschrieben.

Genre: Rezensionen

12 Kommentare »

  1. Traben wir. Traben wir in den Schutt, über den Schutt, nur vorwärts. Versuchen wir den Willi zu verstehen. Schutt, zertrümmerte Steine, zerstrümmerte Bauwerke, Zeit, Erinnerung. Willi, er ist ja Bibliothekar, erinnert sich an Texte, an die er sich nicht mehr wirklich erinnert, die nur noch Texttrümmer, Textschutt in seinem Kopf sind. Er denkt sie so, wie er sie denken würde, aus der Erinnerung. Willi könnte ja in die Bilbliothek gehen, und das Original lesen, aber das will er nicht. Er ist ja der Bibliothekar. Er will den Text noch einmal schreiben, den Schutt wieder neu zusammensetzen, seine eigenen Steinmännchen bauen. Lasst es uns für Willi tun. Gehen wir für ihn in die Bibliothek. Willi erinnert sich hier an den Text “Han Yus Rede an die Krokodile”, den er irgendwann einmal im Buch “Kaskaden” von Eliot Weinberger gelesen hatte, in der Übersetzung von Peter Torberg. Dort schreibt Weinberger: Am 24. Tag … befahl Han Yu … ein Schaf und ein Schwein zu nehmen und sie als Gabe an die Krokodile und in die tiefen Fluten des Flusses Wu zu werfen. Als sich die Krokodile versammelt hatten, hielt ihnen Han Yu die folgende Rede: Han Yus Rede ist jetzt Willis Rede, und Willis Rede ist Han Yus Rede.

    Willi ging in den nächsten Lidl, kaufte dort Speck an der Fleischtheke, zahlte, schnitt den Speck in kleine Würfel und warf ihn dort in den Schutt, wo er in letzter Zeit häufig einen Schatten hatte vorüberhuschen sehen. Besser?

    Und wo wir gerade die Bücher wälzen, lesen wir einmal nach im Buch “Die deutsche Sprache”: Das Präterium ist im Deutschen das eigentliche Erzähltempus, genauer das Tempus der Erinnerung. … Der Zeitablauf in der Vergangenheit reicht nicht bis in die Gegenwart hinein. Der Autor dieses Textes hat sich an das erinnert, was Willi da im Schutt vor dem Poco gemacht hat. Und überhaupt: Das Deutsche ist mit seinen Zeitformen nicht besonders streng. Da kann der Autor Präterium oder Perfekt nehmen, wie es ihm gerade passt. Auch aus rhythmischen Gründen.

    Außerdem, dass sei hier kurz erwähnt, klemmt die Tastatur von Willi etwas.

    Comment by Wassili Busskläff — 12. Juli 2017 @ 21:48

  2. “Willi ging in den nächsten Lidl, kaufte dort Speck an der Fleischtheke, zahlte, schnitt den Speck in kleine Würfel und warf ihn dort in den Schutt, wo er in letzter Zeit häufig einen Schatten hatte vorüberhuschen sehen.”

    Großartig. Jedes Wort ein Genuss. Bitte gut durchkauen.

    Comment by schwaene werden nicht gegessen — 12. Juli 2017 @ 21:56

  3. Willi war in den nächsten Lidl gegangen, hatte dort Speck an der Fleischtheke gekauft und gezahlt. Den Speck schnitt er anschließend in kleine Würfel. Wahrscheinlich wird er sie dort in den Schutt werfen, wo er in der letzten Zeit häufiger hat Schatten vorbeihuschen sehen.

    Comment by Bruder Lustig — 12. Juli 2017 @ 22:01

  4. Also mir wäre das zu viel psychologischer Realismus. Naturalismus. Wie auch immer. Davon gibt es mir schon genug. Ich glaube, der Willi will hier nicht als Person erinnert werden, die in den Lidl geht. Er will zum Helden einer Legende werden. Hier, mitten im Märchenwald. Er will ein Ideal sein. Ein reiner Denker.

    Comment by Das andere literarische Forum — 12. Juli 2017 @ 22:18

  5. Es wurde schon von ihm berichtet, dass er nach langen Jahren des Übens an der Bucherausgabe und im Magazin einer großen deutschen Bibliothek schließlich als reiner Denker in den Lidl einging.

    Comment by Willi, der Denker — 12. Juli 2017 @ 22:25

  6. … wo er versteckt zwischen den 3-lagigen Klopapierollen (10 Rollen für 2,19 Euro) und den Sternquell-Kisten (SuperSommerSonderangebot) das Rätselbild in einer Hörzu las. Da fiel ihm auf, dass die haargenau das selbe Rätselbild schon in der Aprilausgabe 2014 gedruckt hatten. Schweinerei! Wütend zerknüllte er die Zeitschrift. Er hasste dieses Lidl. Er hasste sich. Wieso war er überhaupt hier hereingekommen? Genügte ihm die Kantine in der Bibliothek nicht mehr? Gab es da nicht alles, was er brauchte? Hatte Sonntags nicht die Mensa offen? Was sollte diese nutzlose Verschwendung von Zeit? Selbst wenn er beim Friseur oder Zahnarzt warten musste, griff er doch nie zum Lesekreis. Notfalls rezitierte er die Maobibel aus dem Kopf. Hatte er als Student gelernt, in Marburg. Aber meistens hatte er ein paar Gedichte dabei. Überhaupt, diese furchtbare Legasthenie. Diese durch und durch legasthenische Gesellschaft. Dieses furchbare Rittersport, dieses furchtbare Nougat, entsetzlich, dachte er, wieso habe ich mir jetzt dieses Nougat gekauft.

    Comment by ein Gerücht — 12. Juli 2017 @ 22:39

  7. Jetzt konnte ich wieder die ganze Nacht nicht schlafen. Danke. Schön. Hier wird man mit Zwischenräumen ja ganz schön in die Zwinge genommen. Das Gehirn ausgewrungen wie ein nasses Handtuch. Jetzt ist es leer. Wie das so ist, berechtigte Kritik macht einen zunächst ziemlich sauer. Mich zumindest. Weil sie berechtigt ist. Weil man von falschem Stolz verseucht ist. Weil man seine Kinder zu sehr liebt. Warum auch immer. Irgendwelche Gründe eben.

    Das ist mir dann heute früh eingefallen, im Bad:

    Willi hatte Speck gewürfelt, ein paar Kilo. Dann legte er Speckspuren. Von Leutzsch zum Schutt, von Meusdorf zum Schutt, von Thekla zum Schutt, von Schleußig zum Schutt, von Plagwitz zum Schutt. Er stellte sich unter eine Peitschenlampe und wartete. Sie kamen. Als sie sich um ihn versammelt hatten, hielt er ihnen folgende Rede:

    Comment by Wassili Busskläff — 13. Juli 2017 @ 09:30

  8. Da zwei der vorgehenden (die sind nicht von mir) Kommentare in der Spam-Tonne gelandet sind, soll hier das fast genau fünf Jahre alte Gedicht aus dem Archiv geholte werden:

    Ein Blatt, dreilagig

    ein schwaches stück für den an konstipation leidenden dukaten-esel

    Wenn Hirsch und Kuh sich trennen

    und alle Leute rennen

    dann schau auf dieses Käseblatt:

    wer (diesen) Mist geschrieben (und eingestellt) hat.

    setzen!

    (Dieser Beitrag wurde von frau kleist am 24. Juli 2012 um 13:13 Uhr geschrieben.)

    Comment by Eleadora Stein — 13. Juli 2017 @ 09:34

  9. Auf so ein Stichwort hatte Breuer gewartet.

    Comment by Stimmungen & Schwankungen — 13. Juli 2017 @ 09:52

  10. Gulaschkrieg.

    Comment by Thea Horn — 14. Juli 2017 @ 09:03

  11. Wo krieg ich hier mein Gulasch?

    Comment by Kanone — 14. Juli 2017 @ 09:03

  12. Den ganzen Tag saß Willi an der Theke, und grübelte über den ersten Satz seines heutigen Tagebucheintrages nach. Irgendwann kam er auf: “Willi warf Fleischstücke in den Schutt”. Diesen Satz wurde er nicht los. Er hatte sich festgesetzt, egal ob Willi ein Buch einarbeitete oder eine Gebühr wegen verspäteter Rücknahme kassierte. Dann kam er auf: “Dann legte er Speckspuren”. Das war genauso blöd. Er stellte sich vor, was die anderen wohl zu seinem ersten Satz sagen würden. Vielleicht sollte er jeden einzelnen Eintrag mit mehreren ersten Sätzen beginnen. Jeder einzelne Satz sollte der erste Satz sein. Ein Text, nur aus ersten Sätzen. Außerdem fragte er sich, ob er dieses eigentlich verlegte Buch einmal wiederfinden würde, das Lexikon der Anfänge.

    Comment by Willi,Bibliothekar — 14. Juli 2017 @ 19:04

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